Neubeginn I

Tagesmail - Freitag, den 05. Mai 2017

Hello, Freunde des Neubeginns I,

als ob wir von vorne begönnen. Das Neue ist nicht das Unbekannte, Unerhörte und Zukünftige, das Alte nicht das Überholte und Vergangene. Neu und Alt sind keine Variablen der Zeit, sondern überdauernde Qualitätsmerkmale.

Das Neue kennt kein zeitliches Verfallsdatum. Es ist nicht Feind des Alten, sondern Rehabilitierung des Totgesagten, das zu Unrecht verscharrt wurde. Das Neue ist das Alte, das wir wieder zu entdecken haben – als sei es unbekannt. Wir glaubten es zu kennen und hielten uns für berechtigt, es zu entsorgen.

In den Abfallgebirgen der Vergangenheit das Unersetzbare zu entdecken, ist die Goldgräberstimmung, die uns antreibt, die verdrängten Weisheiten der Menschheit wieder ins Bewusstsein zu rücken. Neu ist, was in längst vergessenen Zeiten wahr hieß. Wahr ist das Menschen- und Naturfreundliche.

Nicht alles Faktische ist wahr. Auch Unwahres kann faktisch sein. Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf: der Satz ist faktisch, aber nicht wahr. Wer sich nur auf Fakten verlässt, hat sich der Wahrheitsfrage entledigt. Wenn schreckliche Fakten gut sein sollen, ist Unwahres wahr, das Schlechte gut geworden.

Die Moderne hat das Neue entstellt. Das zeit-unabhängige Gültige und Wertvolle wurde zur schnell verfallenden Neuheit. Die Moderne fragt nicht: ist es faktisch – ist es wahr? Stattdessen fragt sie: ist es von gestern? Dann muss es falsch sein. Vergrabt es in euren Archiven, degradiert es zur Bildung, denn es geht uns nichts mehr an.

Qualitäten wurden von der Moderne in schnell verfließende Zeitangaben verfälscht. Dem Entweder-Oder wollte die Neu-Zeit entfliehen und verendete im ...

... Schwarz-Weiß-Denken des Vergangenen und Zukünftigen. Was einst war, ist abgetan, was dereinst kommen wird, ist Mode-Philosophie des Augenblicks, die am nächsten Tag zur Chimäre verfallen wird.

Die Modernen fiebern nach Neuheiten, das Wahre und Neue ist ihnen gleichgültig geworden. Ist aber das Wahre die Bedingung ihres Überlebens, ist das Finale ihres irdischen Daseins absehbar.

Die Moderne will Neuzeit sein. Sie bildet sich ein, sich täglich neu zu erfinden. Was heute gilt, ist morgen Schall und Rauch. Das Vergangene ist für sie das Reich des Toten. Jetzt, Jetzt und Jetzt ist für sie die Grenze zwischen Sein und Nichtsein.

Was jetzt nicht ist, ist im Dunkel der Vergessenheit entschwunden. Was noch nicht ist, ist solange das Gültige – bis das Jetzt des Augenblicks es in Nichtsein verwandelt. Schau nicht zurück, du Kreatur des Augenblicks. Wer ins Nichts des Vergangenen blickt, wird selbst zum Nichts.

In Wirklichkeit hat die Moderne keinen einzigen neuen Gedanken hervorgebracht. Sie ist ein ewiger Aufguss des Vergangenen, den sie mit technischen Neuheiten übermalt und beschönigt. Quantitative Neuheiten sind das Reich ihrer expandierenden Macht. Je mehr ihre Herrschaft über Mensch und Natur wächst, je mehr schrumpft der Einfluss des Wahren, welches das Schicksal der Gattung ins Verheißungsvolle wenden könnte.

Ein Neubeginn schaut nicht zurück, denn das Wahre kennt weder Vorwärts noch Zurück. Es schaut in die Gegenwart des Vergangenen, das nie vergangen ist. Das Vergangene beherrscht das Gegenwärtige durch

a) die losgelassenen dunklen Mächte des Verdrängten und

b) die Verdrängung der hellen Macht des Begriffenen.

Wer nicht weiß, welche Mächte ihn prägten, bleibt ihnen ausgeliefert. Unbegriffene Vergangenheit besitzt einen ungehinderten Zugriff auf Gegenwart und Zukunft.

Wer Vergangenheit begriffen hat, öffnet sich dem Einfluss ihrer lernenden Vernunft. Er besiegt das Unvernünftige und ebnet den Weg der Selbstbestimmung. Verstehen des Vergangenen vermindert die Mächte des Irrationalen und entbindet die Stimme des autonomen Denkens, das fähig ist, sein Schicksal selbst zu gestalten.

Die Moderne definiert sich als Magd übermenschlicher Mächte, sei es der Geschichte, der Heilsgeschichte, der Evolution, eines allmächtigen Wirtschaftsgeschehens oder einer grenzenlosen Fortschrittsreligion. Die Moderne unterstellt sich diesen omnipotenten Mächten, weil sie ihre Vergangenheit verdrängt und sich deren dunklen Schicksalselementen unterwirft.

Ein Neubeginn verzichtet auf systembildende Genialität – die stets die unbewusste Imitation einer allwissenden theologischen Dogmatik ist. Sie bedient sich jenes Eklektizismus, der in deutschen Geniekreisen verachtet wird: sie wählt aus. Ihr Motto lautet: Alles prüfet, das Beste behaltet.

Sie konzentriert sich auf das Lösen jener Probleme, die das Leben der Menschen belasten. „Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts“: solche Fragen bemitleidet sie, denn sie demonstrieren Gottähnlichkeit, um ihrer empfundenen Jämmerlichkeit zu entfliehen. Philosophie ist Problemlösen – oder sie ist nichts.

Die Moderne hat das Problemlösen aufgegeben. Sie kennt nur das Lösen technischer Probleme, das sich anmaßt, unlösbar scheinende Konflikte menschlichen Überlebens beiläufig und indirekt in den Griff zu kriegen. Technik und Naturwissenschaften propagieren die Nutzlosigkeit alles Denkens, das auf Machtwissen verzichtet.

Perfektionsfähige Maschinen sollen Menschen perfektionieren – ohne dass diese ihre Unvollkommenheit verändern müssten. Habe eine Maschine, die die Intelligenz deiner natürlichen Organe übersteigt – und du erlangst die Perfektion deiner überlegenen Erfindung. Wie der göttliche Sohn dem schwächelnden Vater half, die menschlichen Bastarde zu erlösen, so sollen technische Erfindungen die Schwächen des Menschen ausgleichen und die Missgeburt der Evolution in einen homo Deus verwandeln.

Die Modernen empören sich, als Marionetten höherer Mächte deklariert zu werden. Dabei definieren sie sich selbst als Diener himmlischer Mächte oder als Untertanen einer Geschichte, deren eisernem Willen niemand widerstehen kann. Widersinnig, sich dagegen aufzulehnen, was auf die Menschen mit unwiderstehlicher Macht zukommen wird.

Winzige Minderheiten mit technischer Kompetenz, demokratischer Inkompetenz und humaner Unreife bestimmen das Geschick der Menschheit. Das übertrifft selbst die platonische Politeia, in der die philosophischen Weisen erst mit 50 Jahren reif wurden, den vollkommenen Staat zu regieren. Heute ist jeder Pubertierende fähig, die Welt zu regieren, der es schafft, menschliche Bedürfnisse und Machtinteressen in Maschinen zu transformieren.

Ein Neubeginn stellt schlichte Fragen: Was hat die Menschheit in früheren Zeiten gelernt, wovon wir heute profitieren können? Wo sind ihre Bemühungen gescheitert? Wo wurden ihre guten Vorsätze ins Gegenteil verkehrt?

Der lernende Mensch übernimmt, was ihm einleuchtet und verwirft, was er für verhängnisvoll hält. Der kluge Mensch geht nicht davon aus, dass die Moderne der Gipfel menschlicher Intelligenz sein muss. Er schließt nicht aus, dass frühere Epochen weiser waren als die technischen Supergehirne der Gegenwart, die es an demokratischer Kompetenz und nüchternem Menschenverstand fehlen lassen. Technische Gewitztheit steht oft in umgekehrter Proportionalität zu ihrer Humanität.

Schlichtheit und Einfachheit – oder das Vertrauen in die problemlösenden Fähigkeiten des Menschen – zeichnen den reifen Menschen aus. Selbständiges Denken lässt sich nicht von aufgebauschter Komplexität in die Irre führen. Es durchschaut die untergründige List, sich selbst so radikal zu misstrauen, bis es unfähig geworden ist, elitäre Gewalten unter die Lupe zu nehmen.

Der Mensch ist weder moralisch noch erkenntnismäßig ein Sündenkrüppel. Die Mär vom irreparablen Bösen verweist er in die Rumpelkammer der Popen und Menschenfeinde. Der verständige Mensch hält es für Idiotie, sich für Gott auszugeben. Zumal er sieht, dass alle Götter daran scheiterten, die Welt in einen Garten Eden zu verwandeln. Er sieht seine Gebrechlichkeit und Verwundbarkeit – und lässt sich dennoch von keiner Macht davon abbringen, seine Meinung in den Ring zu werfen.

Wo beginnt der Neubeginn? Am Anfang. Im Anfang war kein göttliches Wort, sondern die Natur. Naturnahe Stammeskulturen sind männlichen Hochkulturen in Naturverbundenheit und Glücksfähigkeit um Welten überlegen. Es spricht alles dafür, dass es vor den Hochkulturen weiblich dominierte Formen des Zusammenlebens gab, deren machtfreie Gleichheit und Geschwisterlichkeit man heute nur bewundern kann.

Der moderne Feminismus traut sich nicht, die gesamte Biografie der Menschheit zu überblicken, um die Fama der männlichen Überlegenheit in Gänze zurückzuweisen.

„Am Anfang war die Mutter. Die matriarchale Ordnung war locker gefügt: die Familien gruppierten sich um eine oder mehrere Mütter. Die Mütter hatten eine enge, vermutlich lebenslange Beziehung zu ihren Kindern. Die Männer hatten in der weiblichen Ordnung nur eine Randstellung inne. Es gab keine männliche Dominanz. Männer herrschen nicht von Natur aus. Das Patriarchat ist der Versuch, die Vorherrschaft des Mannes zu einem Naturgesetz zu erklären. Die Frauen haben nie aufgehört, freundschaftlich zusammen zu halten, einander zu helfen und zu kooperieren. Was sie jedoch nicht schafften, war, sich in einer Weise zusammenzuschließen, die es ihnen ermöglicht hätte, selbst Macht zu erringen, um die Macht der Männer in Frage zu stellen. Motive für die Entstehung des Patriarchats waren, der Drang zur Beherrschung der Natur und zur Zerstörung der innigen Mutter-Kind-Beziehung. (Marilyn French, Jenseits der Macht)

Die Erinnerung an das Reich der Mütter wird von Herrenmenschen mit Häme bedacht. Ihre Erinnerung reicht nur zurück in jene Zeiten, als die Hochkulturen gegründet wurden. Nicht ohne Einbettung der maskulinen Überlegenheit in Priesterreligionen, die die weiblichen Epochen aus dem Gedächtnis der Menschen tilgten und sich eine rein männlich dominierte Heils- und Unheilsgeschichte aus den Fingern saugten.

Hochkulturen wurden identisch mit Religionen, in denen ein Männergott unfähige Menschen erlöst. Statt von Erlösen kann man von totaler Unterwerfung sprechen. Denn Erlösung setzt die absolute Problemlösungsunfähigkeit des Menschen voraus.

Die Moderne wiederholt nur die Unterwerfung des Menschen, wenn sie den kapitalistischen Pöbel vor der Überheblichkeit warnt, einfache Antworten auf seine Fragen zu suchen. Als ob nicht der Großteil der Geschichte vor der männlichen Hochkultur die Glücksfähigkeiten des Menschen längst bewiesen hätte.

Probleme lösen ist die Fähigkeit, sein Leben in Freundschaft mit gleichwertigen Wesen zu verbringen. Matriarchate und ähnliche Naturstämme existieren noch immer, obgleich hochkulturelle Maschinen alles daran setzen, ihre natürliche Basis auszurotten. Das Selbstvertrauen des Menschen in seine lernenden Lebensqualitäten soll zerstört werden zugunsten des Glaubens an einen Gott, der umso mächtiger wird, je ohnmächtiger der Mensch seinen Bankrott erklären muss.

Die gesamte Hochkultur des Mannes ist nichts anderes als eine außerordentliche Waffe der Männer im Geschlechterkampf gegen die Frauen. Frauen wären gut beraten, ihren Kampf um gleiche Rechte nicht durch Anpassung an die Männerkultur für überholt zu erklären. Solange nicht alle Menschen ihre matriarchale Gleichwertigkeit errungen haben, kann der Geschlechterkampf nicht beendet sein.

Die Probleme der Gerechtigkeit, der Gleichberechtigung der Menschen und der Verbundenheit mit der Natur, sind nur Fragmente des umfassenden Kampfes der Frauen gegen die Gottähnlichkeit der Männer.

Die männliche Hochkultur war die Erfindung einer Megamaschine – der menschlichen Gesellschaft als hierarchisches Machtgebilde:

„Die Erfindung der archetypischen Maschine war das Urmodell aller späteren technischen Maschinen. Die einzigartige Leistung der ersten Gesellschaftsmaschine bestand darin, das Menschenpotential zu konzentrieren und die Organisation zu disziplinieren, was die Ausführung gigantischer Bauwerke in nie dagewesenem Ausmaß ermöglichte. Die neue Megamaschine bestand vor allem aus der Arbeitsmaschine und der Militärmaschine. Nur absolute Herrscher, unterstützt von Geboten der Religion und der beginnenden astronomischen Wissenschaft waren imstande, die Megamaschine zusammenzufügen und zu lenken. Dies war ein unsichtbares Gebilde, zusammengesetzt aus lebenden menschlichen Teilchen, jedes für eine spezielle Funktion, Rolle oder Aufgabe bestimmt, um immense Arbeitsleistungen und gigantische Pläne dieser Organisationen zu ermöglichen. Die Urmaschine verwies von Anfang an auf die extravaganten Hoffnungen und Wünsche der Männer, die in unserem Zeitalter überreichlich in Erfüllung gegangen sind. Doch alle scheinbaren Vorteile der mechanisierten Gesellschaft wurden durch den Prozess der Massenzerstörung unterminiert, den die Megamaschine ermöglichte.“ (Lewis Mumford, Mythos der Maschine)

Marx, angeblicher Scharfrichter der Bourgeoisie – einem anderen Begriff für männliche Hochkultur – bewunderte in Wahrheit die phänomenalen Fähigkeiten des Kapitalismus. Seine revolutionäre Idee des befreiten Menschen war keine Veränderung des Systems, sondern nur die Umkehrung der elenden Klasse in die dereinst führende. Die Natur sollte ebenso unterjocht werden wie im Kapitalismus. Die Heilsgeschichte sollte dieselbe Allmacht über Menschen ausüben wie in der Erlöserreligion oder in Hayeks Neoliberalismus. Wer es wagen sollte, sich den Direktiven der großen Erlösermaschine zu widersetzen, musste gnadenlos ausgelöscht werden.

Das betraf nicht nur die Ausbeuterklassen, sondern auch das ehrlose Lumpenproletariat – und all jene Völker der Gegenwart, die wie die afrikanischen, von Schäuble als „größte geopolitische Risiken“ der Weltwirtschaft eingestuft werden. Mit Versagerstaaten hatte Marx nicht das geringste Mitleid. Er hoffte auf einen Weltkrieg, der all diese „kleinen stierköpfigen Nationen“ bis auf ihre Namen beseitigen, darüber hinaus ganze reaktionäre Völker vom Erdboden vertilgen würde.“ Alle Völker, deren „ländliche Einfachheit“ den erbarmungslosen Wettkampf der Nationen nicht bestehen könnten, sollten „ohne Mitleid und Anteilnahme“ überrollt werden. „Die Dynamik und Tüchtigkeit der fortgeschrittenen erobernden Industriestaaten wie der Deutschen sollten als wichtiger Beitrag für die Herbeiführung der universalen Revolution betrachtet werden.“ (Talmon)

Was bedeutet schon der Satz, Merkel sei nach links gerückt, wenn die Linken demselben Vernichtungsdarwinismus huldigen wie ihre bürgerlichen Gegner? Wie die Bourgeoisie kennt auch Marx die übermenschliche Macht einer Heilsgeschichte und die Spaltung der Menschen in Sieger und Besiegte. Nur mit dem winzigen Unterschied, dass seine Gesamtsieger die Proleten waren, die das Reich der Herrlichkeit nach einer retardierenden Leidensphase erringen würden.

Das totalitäre Schema ist identisch, Sieger und Besiegte sind austauschbar. Marx war ebenso stolz auf die Überlegenheit der Deutschen wie Merkel und alle konservativen Anhänger der deutschen Leitkultur – einem Abklatsch der gesamten männlichen Hochkultur.

Am Anfang war die Vertreibung des Weibes aus dem friedfertigen Matriarchat. Dann kamen die Megamaschinen der Patriarchate, gefördert und unterstützt von heiligen Priesterklassen. Die Mehrheiten der Völker wurden in Hierarchien zusammengepresst, um in arbeitsteiliger Disziplin für Ruhm und Reichtum der Führungsklassen zu sorgen.

Das war das politische Schema der abendländischen Geschichte bis zum heutigen Tag. Natürlich gab es Varianten der Megamaschine. Darunter die demokratischen, in denen die Menschen den anfänglichen Eindruck hatten, sie selbst könnten den Kurs des Staates mitbestimmen. In Kleinigkeiten gelang es auch. In Grundlinien der Macht aber bestimmten weiterhin die göttliche Heilsgeschichte und deren männliche Stellvertreter auf Erden, nenne man sie erwählte Priester, Milliardäre oder Algorithmen-Genies. Dieselbe Prozedur männlicher Allmacht seit Tausenden von Jahren.

Doch ein Ende ist abzusehen. Die Verwilderung der Demokratien unter Trump und europäischen Nachahmern ist das Zeichen an der Wand: die Männer, sie können es nicht. Die gnadenlos demütigen Frauen, die sie imitieren, auch nicht.

Sic transit gloria hominis: Männer, packt ein. Die Frauen scharren schon mit den Hufen.

 

Fortsetzung folgt.