Weltdorf XCIV

Tagesmail - Samstag, den 15. April 2017

Hello, Freunde des Weltdorfs XCIV,

„Ich bin voll fähig", doziert Trump, "mich in alles zu verwandeln, was ich will“.

Interessante Zeiten: wir erleben die Gottwerdung eines Immobilienhändlers – im Nebenberuf Präsident von Amerika und mächtigster Mann der Welt. Wer sich in alles verwandeln kann, wem nichts unmöglich ist – der muss Gott sein. Welt, knie nieder. Ist Gott für Donald, wer kann wider ihn sein?

„Und wenn ihr Glauben habt, werdet ihr zu diesem Berge sprechen: Hebe dich weg von hier dorthin! Und er wird sich hinwegheben und nichts wird euch unmöglich sein. Alles, was ihr im Gebet gläubig erbittet, werdet ihr empfangen. Und wenn ihr Glauben hättet, auch nur so groß wie ein Senfkorn, so würdet ihr zu diesem Maulbeerbaum sagen: Entwurzle dich und pflanze dich ins Meer, und er würde euch gehorchen.“

Berge versetzen und Natur entwurzeln: solche Kleinigkeiten sind nicht symbolisch, sondern wortwörtlich gemeint. Gottebenbildlichkeit ist Allmacht über alles, was da kreucht und fleucht.

Gottwerdung ist Sinn des Glaubens. Christus verheißt seinen Gläubigen, ihren ursprünglichen Rang als Götter – den sie im Sündenfall verloren hatten – zurückzugewinnen. Wer an den christlichen Erlöser glaubt, kann dessen göttliche Würde nicht nur erreichen. Den Sohn Gottes kann er in den Schatten stellen:

„Ich sage euch: wer an mich glaubt, der wird die Werke tun, die ich auch tue und wird Größeres als dies tun.“ Die Frommen haben sogar die Chance, die Wirkungen des Heiligen Geistes zu übertreffen.

„Nun aber spiegelt sich in uns die Herrlichkeit des Herrn mit aufgedecktem Angesicht.“

Im Glauben werden die Kinder Gottes zu Wesen, in denen das Angesicht Gottes wieder sichtbar geworden ist. Gott verbirgt sich nicht länger vor ...

... den Seinen. Das Verbot: macht euch kein Bildnis noch Gleichnis, ist wesenlos geworden. Gott zeigt sich. Er zeigt sich in jedem Gesicht eines Erleuchteten. Gott gibt sich im Glauben und Schauen zu erkennen.

„Meine Lieben, wir sind nun Gottes Kinder, und es ist noch nicht erschienen, was wir sein werden. Wir wissen aber, wenn es erscheinen wird, dass wir ihm gleich sein werden, denn wir werden ihn sehen, wie er ist.“

Paulus war vorsichtiger: „Denn wir sehen jetzt nur wie mittels eines Spiegels in rätselhafter Gestalt, dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt ist mein Erkennen Stückwerk, dann aber werde ich völlig erkennen, wie ich auch völlig erkannt worden bin.“

Wann ist jetzt, wann ist dann? Hier gibt es Unterschiede zwischen demütigen deutschen Christen, die im vorläufigen „Jetzt“, und „narzisstischen“ Amerikanern, die das „Dann“ vorweggenommen haben und mitten in Gottes eigenem Land leben.

Die idiotische Psychodiagnose, Trump sei ein Narzisst, verleugnet die christogene Gottähnlichkeit der Frommen. Jeder Christ müsste so selbstherrlich auftrumpfen können wie der Mann mit den goldenen Haaren, der sich nach Belieben in alle Rollen dieser Welt verwandeln kann.

„Ich sage euch aber ein Geheimnis: wir werden nicht alle entschlafen, wir werden aber alle verwandelt werden im Nu in einem Augenblick bei der letzten Posaune, denn die Posaune wird erschallen und die Toten werden auferweckt werden unverweslich, und wir werden verwandelt werden. Denn dieses Verwesliche muss anziehen Unverweslichkeit und dieses Sterbliche anziehen Unsterblichkeit.“

Womit wir das „narzisstische“ Programm Silicon Valleys umschrieben hätten. Der Traum von der Unsterblichkeit ist Dogma aller Erlösungsreligionen. Die Deutschen werden später verwandelt, die Amerikaner sind es bereits jetzt. Die Verwandlung von ordinärem Brot und Wein in den Leib und das Blut Christi ist ein Wunder, das bei Katholiken nur Priester beherrschen, bei den Protestanten jeder Getaufte. Die finale Verwandlung ist die Vernichtung der alten Welt, um eine neue aus dem Ärmel zu ziehen. Technischer Fortschritt ist die Transsubstantiation der schnöden und sündigen Erde in das unvorstellbare Reich Gottes.

Der Kirchenvater Athanasius hat aus all dem seine Theologie gezimmert: „Gott ist Mensch geworden, auf dass wir vergottet würden.“ Das ergibt einen Vierpunkteplan:

„Durch die Taufe werden wir erleuchtet. Durch die Erleuchtung erhalten wir die Sohnschaft. Durch die Sohnschaft werden wir vollendet. Durch die Vollendung erhalten wir die Unsterblichkeit.“

Sohnschaft wohlgemerkt, von Tochterschaft ist keine Rede. Söhne sind es, die durch inspirierte Algorithmen die Unsterblichkeit erringen werden.

Dass Gott sich zu einem Menschen erniedrigte, den er als Sohn anerkannte und töten ließ, ist Voraussetzung für die Auferstehung des Sohnes – und die Gottwerdung der Gläubigen. Das Ertragen von Schmerz und Tod ist nur äußerlich ein Trauerakt. In Wirklichkeit werden Tod und Teufel überwunden und der menschgewordene Gott erlebt seinen ultimativen Triumph.

Leiden ist eine Siegerstrategie. Als die Amerikaner ihren neuen Kontinent betraten, hatten sie ihre Epoche des Leids im tyrannischen Alteuropa bereits hinter sich gebracht. Nun stand ihnen die Auferstehung zum mächtigsten Land der Welt bevor. Auch die Deutschen hatten eine lange Zeit nationalen Jammers überstanden, als sie begannen, sich zu Herren der Welt aufzuschwingen.

Die Zeit der Nachkriegs-Demut nähert sich dem Ende. Allmählich bewegen sich die Deutschen in Richtung des amerikanischen Triumphalismus. Es geht ihnen gut, besser, noch besser könnte es ihnen gar nicht gehen. Wer jetzt noch mault, ist ein Widersacher der göttlichen Vorherbestimmung der Deutschen zu finalen Siegern.

Um das Treppchen zusammen mit ihren amerikanischen Brüdern zu ersteigen, wird es nicht genügen, nur wirtschaftlich ein Weltmeister zu sein. Militärische Macht muss die Macht des Mammons komplettieren. Doch gottlob sind Panzer, Made in Germany, in aller Welt gefragt. Der steigende Wehretat wird den Mittelstandbetrieben den nötigen charakterlichen Rückhalt geben.

Die paulinische Verheißung der rätselhaften Gestalt hat Deutschland schon wieder erreicht. Thomas Schmid lobt das dicke Buch des Germanisten Borchmeyer „Was ist deutsch?“ Hat der Autor das Rätsel gelöst? Mitnichten. Das Rätsel ist unlösbar. Die Deutschen bleiben ein Geheimnis. Noch geben sie sich nicht zu erkennen.

„Das Buch wäre nicht so dick geworden, gäbe es eine Antwort auf die Frage „Was ist deutsch?“. Borchmeyer ist so umsichtig, nur Wege anzudeuten. Die Selbst- und Traditionszerstörung, die sich Deutschland mit dem Holocaust zugefügt hat, erscheint nach der Lektüre dieses Buches, das so viele gute deutsche Wege aufzeigt, die möglich gewesen wären, noch viel rätselhafter als zuvor. Deutschland bleibt ein fremdes Land.“ (WELT.de)

Warum muss alles unergründlich komplex und unübersichtlich sein? Weil die Deutschen so sind. Genie ist unergründlich. Nur Flachgeister sind simpel, verständlich und berechenbar. Trump ist der Unberechenbarste, also der Genialste. Deutschland wird die Nachbarn überwinden, schon jetzt haben jene keine Chancen mehr. Geheimnisvoll wie der Orient: so muss Deutschland sein.

„Von Novalis stammt die Bezeichnung Deutschlands als des Orients von Europa und die fromme Zuversicht, dass die stille, geistige Bildung dieses Landes seinen Bewohnern im Laufe der Zeit notwendig ein Übergewicht über die anderen Nationen geben müsse.“ (Haym)

Die stille geistige Bildung ist längst passé. Deutschland ist genau so ökonomisch und konkurrenzbestimmt geworden wie alle Demokratien. Doch die geliebte german angst soll bedeuten, dass der Deutsche mit bloßen Zahlen nicht ergründet werden kann. Da lauert etwas, das eines Tages in die Gänge kommen will. „Mit großer Umsicht arbeitet Borchmeyer heraus, dass noch nach der antifranzösischen Wende in vielen Schriften der Nationalbefreier das Feuer des Universalismus mehr als nur glomm. Etwa in Fichtes „Reden an die deutsche Nation“.“

Fichte war, wie die meisten deutschen Junggenies, anfänglich ein glühender Franzosenverehrer und Universalist. Spätestens seit Napoleon verwandelte er sich konträr in einen deutschen Chauvinisten und totalitären Weltbeglücker. Luther wurde bei ihm zu einem großen Helden im Kampf um die Identität von Freiheit und Vernunft – ein heller Wahnsinn. Jetzt wäre die deutsche Nation an der Reihe, die Menschheit zu vereinen unter dem Joch einer deutschen Theokratie. Das war das genaue Gegenteil zum Universalismus der Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit.

Josef Joffe, Herausgeber der ZEIT, wurde zum glühendsten Lobredner auf Trumps theokratische Attitüden. Nach kurzem Schwanken habe Trump das Wunder der Verwandlung oder der dreifachen Häutung vollbracht. „Gerade hat er sich dreifach gehäutet, dass er Außen-und Militärpolitik doch kann.“

Von der Dreieinigkeit bis zu den drei Tagen zwischen Kreuzigung und Auferstehung ist Drei eine heilige Zahl. Dreimal gehäutet ist dreimal wiedergeboren zum amerikanischen Exzeptionalismus, der mit Geld und Waffen den Globus beherrschen kann.

Dass die Europäer den internationalen Frieden gewaltlos mit Gesprächen zu retten versuchen, ist für Joffe lächerlich. Töricht sei der Glaubenssatz, dass Gewalt keine politischen Probleme löse. „Eine echte Großmacht kann sich hinter solchen Sprüchen nicht verschanzen“. Obamas feiges Nichtstun und Zurückweichen habe die Sinnlosigkeit pazifistischer Versuche hinlänglich erwiesen. Gottlob hätten die Raketen rechtzeitig das unrühmliche Techtelmechtel mit Putin beendet. Gewaltpolitik ist ein „Handwerk“, das man als Auserwählter beherrschen müsse. Joffe scheint richtig erleichtert, dass der amerikanische Präsident – unter der behutsamen Führung seiner Tochter und ihres Mannes – die Logik der Gewalt begriffen habe.

Kaum hatte er die Raketen abgefeuert, ließ er – diesmal bei der Vorspeise? – auch schon die schrecklichste Bombe unterhalb der Atombomben in Afghanistan zünden. Es war eine phantastische Premiere. Noch nie war die „Mutter aller Bomben“ zum Einsatz gekommen. Die erste Hiroshima-Bombe hieß „Little Boy“. Kleinkinder und Mütter sind bekanntlich die grausamsten Wesen der Welt.

Es gibt nicht Schwarz oder Weiß, es gibt nur Grautöne: so klang jahrzehntelang die Hymne der Medien. Trumps Blitzerleuchtung zur prima ratio der Gewalt hat diese Lauheit abrupt beendet. Die Lauen wird der Herr aus dem Munde spucken. Auch aus dem Munde des Herrn Trump.

„Neutralität ist keine Option. Wer zwischen den Stühlen sitzt, landet auf dem Hintern“, schreibt Bild, die sich an Bewunderung für die lutherische Charakterpolitik Trumps – hier futtere ich Kuchen, ich kann nicht anders als unsere wunderschönen Raketen ihrer gottgewollten Verwendung zuzuführen – von niemandem übertreffen lassen will. (BILD.de)

Was die Deutschen nie verstehen werden, ist der Unterschied zwischen dem Entweder-Oder einer logischen Wahrheit – und einer unversöhnlichen Freund-Feind-Verhärtung, die man gerne „manichäisch“ nennt, damit man die christlich-jüdische Herkunft des Gott-Teufel-Konflikts vertuschen kann.

Wer hat den ersten Kalten Krieg beendet? War es nicht Gorbis Jahrhunderttat der einseitigen Auflösung Sowjetrusslands und einer beispielhaften Friedenspolitik?

Nein, nicht für BILD, die rein zufällig ein Interview mit Gorbi abdruckte. Das ist mediale Hinterfotzigkeit. Mit Gorbi alibimäßig sprechen – aber alles tun, um dessen Friedensgedanken nicht ins Publikum dringen zu lassen:

„Doch gerade wir Deutschen sollten nicht vergessen: Es waren die militärische Stärke der USA und die Einigkeit des Westens, die vor mehr als 25 Jahren das unmenschliche Regime des Kommunismus in die Knie zwangen und Deutschland und Europa die Freiheit brachten.“

BILD und Joffe Hand in Hand am Zünder der Kanonen. Wozu hat man einen teuren militärisch-technischen Komplex, wenn man dessen wunderbaren Produkte nicht zum Einsatz bringen darf? Der Begriff Frieden ist bereits so geächtet, dass er kaum noch genannt wird.

Nicht die Leistung der UNO, nicht die Friedenssehnsucht der Völker, nicht die vertrauensbildenden Maßnahmen Gorbis: es waren die schreckenerregenden Wirkungen der Superwaffen, die die lange Friedensepoche der Nachkriegszeit garantierten. Dies eine historische Fälschung ersten Grades zu nennen, wäre eine Untertreibung.

Gorbi erinnerte daran, dass seine vertrauensbildenden Maßnahmen nicht von entsprechenden Maßnahmen des Westens erwidert wurden. Der Westen sei so überheblich gewesen, den Zerfall des östlichen Sozialismus nicht Gorbis Leistung zuzuschreiben, sondern dem Druck seiner eigenen wirtschaftlichen Überlegenheit. Man habe Gorbi zugesagt, die NATO um keinen Millimeter nach Osten zu rücken. Das Gegenteil geschah. Obama, der allerchristlichste Messias, machte den Bock fett und degradierte Russland zu einem regionalen Nichts. Der „Grundsatz der Gleichberechtigung in den internationalen Beziehungen geriet in Vergessenheit.“

Es war der Westen und nur der Westen, der alle Zusagen verriet und die Kälte des neuen Kalten Krieges systematisch produzierte. Wenn man hierzulande den Westen beschuldigt, ist man ein Verschwörungstheoretiker – wie Ex-Botschafter John Kornblum die These Michael Lüders von der Alleinschuld des Westens bezeichnete.

Erst nach dem Wortbruch des Westens begann die Regression Russlands unter Putin zum orthodoxen Zarismus, der bei den Zündelspielen um die Vorherrschaft in der Welt nicht zu kurz kommen wollte. Wozu brauchten wir eine NATO, wenn eine Bedrohung durch den Osten nicht mehr besteht? Innerhalb kürzester Zeit hat sich die internationale Wetterlage grundsätzlich verändert. Trumps fahrlässiges Spiel mit dem Weltfrieden wird fast von all jenen gutgeheißen, die ihn noch kurz zuvor als Trunkenbold im Vollrausch beschrieben.

Auch Merkel opponierte nicht und signalisierte unter dem Tisch grünes Licht – ohne sich aber an den Kreuzzügen beteiligen zu wollen. Geduckte Grauheit wird hier zum Grauen.

Hat Trump sich wirklich verändert? „Ganz der Alte“, antwortet Bernd Pickert in der TAZ:

„Trumps Vision von der Umsetzung westlicher Werte ist ein waffenstarrender, sich abschottender, rassistischer und den Wohlstand seines eigenen reichsten 1 Prozent verteidigender Norden gegen den Rest der Welt. Nachhaltige Politik ist nichts, kurzfristiger Profit alles. Die Welt vor Donald Trump war da noch nicht sehr viel weiter. Aber ein bisschen schon.“

Schon im Wahlkampf hatte Trump die Erhöhung des Wehretats angemahnt. Nur zum folgenlosen Vergnügen? Isolationismus ist nicht identisch mit Pazifismus. Die Parole „Amerika first“ ist ein ökonomisch-militaristisches Kriegsgeschrei. Sollte Trump demnächst – beim Kuscheln mit Melania? – einen Präventiv-Schlag gegen Nord-Korea anordnen, darf er sich seines historischen Ruhmes sicher sein.

Und der Westen schaut gebannt zu, wie ein Hasardeur einen weltzerstörenden Feldzug beginnt. Sollten Russland oder China sich dadurch provoziert fühlen, darf Trump sich rühmen, den Dritten Weltkrieg angezettelt zu haben.

Ostern steht vor der Tür. Alle Medien berichten über das Fest, als seien Jesu Kreuzigung und Auferstehung gesicherte historische Fakten. Rechtzeitig zum altgermanischen Frühlingsfest, das die Kirchen in ein naturfeindliches Spektakel verwandelten, ließ BILD ermitteln, dass mehr Deutsche an die Auferstehung glauben, als man glauben möchte. Damit die Blindgläubigen aber auch wissen, woran sie glauben, fragt Bild in einem Quiz, was denn Auferstehung sei.

Alle medialen Tricks werden benutzt, um die abendländischen Werte unters Volk zu bringen. Der Papst küsst die Füße bußfertiger Ex-Mafiosi, um von der Pracht seines Ambientes abzulenken. Demut erst macht Reichtum und Macht über Menschen zum koboldhaften Vergnügen.

Auch die NZZ vergisst nicht, an das „Wagnis der Torheit“ zu erinnern.

«Zunichtemachen werde ich die Weisheit der Weisen, und den Verstand der Verständigen werde ich verwerfen. Denn das Törichte Gottes ist weiser als die Menschen, und das Schwache Gottes ist stärker als die Menschen“. (NZZ.ch)

Das war die bedingungslose Vernichtungsansage des jungen Christentums gegen die überlegene Weisheit der Griechen oder die weltliche Vernunft. Weisheit, ein Begriff, den man heute kaum noch findet, war die Kompetenz der Vernunft, das Glück des Gemeinwesens zum Glück des Individuums zu konkretisieren und das Glück des Individuums zum Glück des Gemeinwesens zu generalisieren.

Weisheit war die demokratische Fähigkeit, unter Gleichen in Frieden und Freiheit zu leben. In der Blütezeit der athenischen Polis war der Mensch ein politisches Wesen. Nur in Betätigung seiner demokratischen Freiheiten hatte der Einzelne die Chance, die Freiheit seines Stadtstaates zu garantieren. Erst als die Polis zugrunde ging, reduzierte sich die politische Vernunft zur weltabgeschiedenen Ataraxie (Unerschütterlichkeit) zurückgezogener Weiser. Weise war der, der sich von Turbulenzen der Welt in seiner Seelenruhe nicht erschüttern ließ. Epikur war einer der ersten nachpolitischen Philosophen, die dazu aufriefen: Lebe im Verborgenen.

Nun beginnt eine zwiespältige Entwicklung der denkerischen Weisheit. Die Zurückgezogenheit war notwendiger Schutz vor einer denkfeindlichen Welt, gleichzeitig aber auch die Unmöglichkeit, mit Vernunft die Geschehnisse des Alltags zu durchdringen. Der Schutz war so wirksam, dass die Philosophie vernunftfeindliche Epochen überstehen – und in der Renaissance neu entdeckt werden konnte.

Die Kirchen machten ein perfides Spiel mit der Weltweisheit. Deren logische Qualitäten benutzten sie, um ihre Dogmen einigermaßen logisch erscheinen zu lassen. Den Sprengstoff des autonomen Denkens aber ließen sie über die Klinge springen. Die Kernpunkte des Glaubens blieben der Vernunft verschlossen. Vernunft wurde zur Magd des Glaubens.

Fast alle Philosophien der Neuzeit sprachen mit der Stimme der Vernunft – um Dogmen der Heilsgeschichte als Gesetze der Natur zu verkaufen.

Die Erlösungsreligion hatte nur eine Chance, die Massen zu gewinnen, wenn sie die Glanzpunkte der Welt bedingungslos verfluchte und die Haupttugenden der Philosophie ohne Wenn und Aber zu Blasphemien erklärte. „Vernichten werde ich die Weisheit der Weisen und die Einsicht der Einsichtigen werde ich verwerfen.“ Hier gab es keine Kompromisse.

Die spätere Melange aus Aristoteles und Bibel war ein Verfall des Denkens – der sich mit päpstlichem Segen schmückte. Luther hasste die Vernunft als Hure, doch sein Chefdenker Melanchton wollte auf die instrumentellen Vorteile der Hure nicht verzichten.

Die graecomanen Deutschen verehrten vor allem die griechische Kunst. Die Politik der Polis nahmen sie so wenig zur Kenntnis wie die Vernunft-Aufklärung griechischer Denker. Selbst Nietzsche, der große Kritiker des Christentums, konnte sich vom Glauben seines lutherischen Vaters nicht vollständig lösen. Sein Zarathustra war ein „Weiser geworden, der sich seiner Torheit freut“. „Nicht ein Ideal des Weisen, sondern hundert Ideale des Toren will ich aufstellen.“ Das war gegen die „bärbeißige, schauspielerische, stoische Herrlichkeit des Weisen“ gerichtet. Im Gegensatz zur Vernunft der Aufklärung sieht er in Zukunft die „Würde der Torheit“ aufdämmern – wenn „Klugheit gewöhnlich und gemein geworden ist.“

An diesem Punkte Nietzsches stehen wir heute. Vernunft gilt als geheimnislos und ausgelaugt. Alles Komplexe will sie zur Verständlichkeit reduzieren und verliert sich in ordinären Simplizitäten. Vor allem das Volk soll sich nicht der Vernunft bedienen, um den Machenschaften der Mächtigen nicht auf die Schliche zu kommen. Also muss das Wirken der Eliten unbegreiflich und geheimnisvoll bleiben.

Seit jeher schützten die Kirchen die Obrigkeiten mit der Lehre von der heiligen Torheit und der Warnung vor der rebellischen Kraft der Selbstdenker. Die Ausbildung des Pöbels soll Fachkenntnisse vermitteln, aber nicht die Fähigkeit zum sapere aude. Gleichberechtigte Chancen zum Aufstieg durch Bildung ist die dreisteste Lüge seit Erfindung der Fama, die Hochkultur des Mannes sei der Gipfel der menschlichen Entwicklung.

Die Verhunzung der Vernunft führte zur Verhunzung der Begriffe. Kein Begriff der Gegenwart, der scharf und unmissverständlich definiert wäre. Die Torheit Gottes verurteilt alle Weisheit der Welt zur Torheit. Dabei wird die radikalste aller Fragen: „Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts?“ in ihrer Hybris entlarvt. „Es sind Fragen, auf die keine Weisheit der Welt eine «letzte» Antwort zu geben vermag; Fragen, an denen alle Weisheit der Welt zunichte – zur Torheit – wird.“

Was der Schreiber übersieht: seine radikalen Fragen sind keine philosophischen, sondern theologische Fragen.

Unbeantwortbare Fragen waren für Sokrates kein Gegenstand des Nachdenkens. Er begnügte sich mit der Beantwortung der Frage: Wie muss ich leben, damit ich ein humanes Mitglied der Polis sein kann? Das war die Frage nach der demokratischen Kompetenz.

Bei deutschen Dichtern und Denkern gilt nur der als Philosoph, der ein „Originalsystem“ anzubieten hat. Profilneurotische, manierierte Verstiegenheiten gelten hierzulande als Zeichen der Genialität. Schaut man genauer hin, entpuppen sich die Genialitäten als Plagiate theologischer Glaubenssätze.

Wenn Vernunft nicht dem Leben, der Moralität, der demokratischen Autonomie dient, bleibt sie eine Aftervernunft. Die unerträgliche Mischung aus theologischem Vernunfthass und einem alles überprüfenden Denken muss beendet werden. Die Gegnerschaft zwischen Mensch und Gott muss kompromisslos durchfochten werden. Hier gibt es kein Sowohl–Als-auch. Wer hier das Graue liebt, macht seine Denkfaulheit zur Tugend.

Weisheit ist Vernunft der Natur, die durch den Menschen zur Sprache kommt. Wer sie als Torheit vernichten will, zerstört Mensch und Natur.

Unabsichtlich sprach jener Kirchenvater die Wahrheit, als er seinen Satz formulierte: Credo, quia absurdum. Warum glaubte er? Weil es der Vernunft des Menschen ins Gesicht schlug. Die Entmündigung des Menschen ist das entlarvte Geheimnis der Religion.

 

Fortsetzung folgt.