Weltdorf XCI

Tagesmail - Freitag, den 07. April 2017

Hello, Freunde des Weltdorfs XCI,

ihre Angst nennen sie schaudernd-bewundernd „german angst“. Wenn eine Weltmacht ein deutsches Wort adoptiert, klingt das gleich ungemein beeindruckender.

Die aktuelle Botschaft der Politik&Medien-KG an ihre emotional unzuverlässigen Deutschen ist: euch Untertanen hat‘s gefälligst gut zu gehen. Wir wühlen und rödeln ständig im Überkomplexen, auf dass es euch gut gehe – und ihr jammert und heult den ganzen Tag ummanant. Wenn ihr so weiter macht, lösen wir euch auf und suchen uns ein anderes, ein dankbares Publikum. Die Griechen wären froh, wenn sie uns als Obrigkeit hätten. Dann wäre Schäuble ein Grieche und würde Merkel die Leviten lesen.

Auf leicht veränderter Ebene wiederholt sich, was sich in den Zeiten der 68er-Revolution ereignete. Undankbare Langhaar-Rebellen wüteten gegen die ganze Welt, obgleich ihre Trümmereltern schwer geschuftet hatten, die familiäre Urlaubsreise an das italienische Mittelmeer zu ermöglichen. Die Autoritäten verstanden nicht, wie man so unzufrieden sein konnte, wenn man keinen Hunger mehr leiden musste und der nagelneue VW vor dem Einfamilienhäuschen stand. Heute wundern sich die Eliten, wie man so pessimistisch in die Zukunft blicken kann, wenn man zu den reichsten Nationen gehört und in allen Winkeln der Welt herumvagabundiert.

Früher wollten die Rebellen die ganze Welt auf den Kopf stellen. Heute haben sie sich längst der Wirtschaftsreligion untergeordnet, machen Karriere mit korrektem Haarschnitt und wollen alles belassen, wie es ist – wenn auch unter dem Dauergeräusch schiefmäuligen Bedenkentragens. Sind sie schizophren geworden, die Nachkommen der Weltherren? Wie kann man nur Angst haben in einer der sichersten Epochen der Geschichte – wie ein Experte in der gestrigen 3-Sat-Sendung ...

... „German Angst“ behauptete.

Die Beantwortung solcher Existenzfragen geht nicht ohne Mitwirkung von Angst-Koryphäen, die stets besser wissen, was den homo consumens bewegt, als dieser selbst. Das Volk direkt befragen, wäre vergebliche Liebesmüh: Dumpfbacken wissen nichts über sich.

Für Maischberger war es eine Mutprobe als Dompteuse, alle Jubeljahre einmal den Mann von der Straße einzuladen, um ihn zur Ader zu lassen. Die Frau von der Straße dient zumeist als herzrührendes Din-A-4-Opfer, um die Beiträge der Machos emotional zu garnieren. Von Gespräch konnte noch weniger die Rede sein als sonst, wenn die Illustren zusammensitzen. Fast keine Rückmeldung in den Gazetten. Das Volk ist etwas, was man in Elitokratien ignorieren kann. Es muss ein folgenloses Spektakel sein, wenn die Doofen einmal im Jahr zur Beobachtung frei gegeben werden.

In der Volksherrschaft ist der Souverän zur ignorierbaren Marginalie geworden. Wer hingegen in hochfahrendem Elitismus gegen die Meute polemisiert, um die Demokratie abzuschaffen, dem rollen Edelschreiber den roten Teppich aus. Demokratie-Abdecker Jason Brennan teilt die westliche Menschheit in zwei Gruppen: in die Ignoranten – und die ewigen Rechthaber. Niemand fragte, in welche Kategorie er gehört. Gehässige Vermutung: in die Kategorie derer, die über allen Kategorien stehen: in die selige Schar der Wissenden. Viele sind berufen, nur IQ-Bestien und Akademiker sind auserwählt.

First of all: Gene. Ohne angeborene Angst hätten uns längst die Giftschlangen gefressen, sagte der fröhliche Neuro-Gen-Bio-Paläo-Professor. Die Freud‘sche Unterscheidung zwischen objektbezogener Furcht und frei schwebender Angst scheint bei Naturwissenschaftlern noch nicht angekommen. Freuds Spekulationen haben es schließlich nie geschafft, den Raum nichtempirischer Ahnungen und Vermutungen hinter sich zu lassen.

Da unsere Genausstattung zu 99,9% identisch ist mit der unserer tierischen Verwandten (ob die Verwandten sich freuen würden, wenn sie davon hörten?), müsste nach Adam Riese auch der Urwaldschimpanse von diffusen Urängsten beherrscht werden. Vermutlich vor der Nullzinspolitik der Zentralbank der Gorillas. Die Natur ist das Reich infernalischer Ängste und grausamer Killerbestien – so die Rede christlicher Missionare, die in den letzten Jahrhunderten nichts unterließen, das Reich der gefallenen Natur mit Hilfe ihrer wissenschaftlichen und technischen Assistenten zur Unkenntlichkeit zu stutzen.

Wunder gibt es immer wieder. Vor allem im Bereich exakter Wissenschaften. Wenn Millionen Jahre alte Gene den modernen Menschen – inzwischen auf dem Sprung zum homo Deus – bestimmen können: weshalb können uns historische Ereignisse von „gestern“ nicht bestimmen? Denken wir an 2000 Jahre Abendland, an 10 000 Jahre männlicher Hochkultur!

Geschichte wiederholt sich nicht, sagen alle, die die Prägung des Menschen durch Vergangenheit für absurd halten, aber gegen die Dominanz uralter Gene nichts einzuwenden haben. Schon wer die Romantik bemüht, gilt als Holzkopf. Geschweige, wer an jene religiösen Grundsätze erinnert, von denen geprägt zu sein, die Abendländer geradezu stolz sind. Abendländische Grundwerte unbedingt – was nicht bedeutet, dass wir von ihnen geprägt wären. Ein Zeitgenosse, der auf sich hält, ist von Zukunft imprägniert und sonst von nichts. Die Vergangenheit hat er in der Taufe abgestreift. Jeden Tag, den Gott ihm gibt, beginnt er von vorne.

Wie kann man von einer Zukunft geformt sein, die es noch gar nicht gibt? Solche Fragen können nur Ewiggestrige stellen. Alles gibt es, woran man glaubt. Schließlich will jeder seinen Glauben bestätigt sehen, also muss er seine Zukunft in Glauben, seinen Glauben in Zukunft verwandeln. Woher wohl die Inbrunst der Fortschrittsreligion, das Dogma der alleinseligmachenden Zukunft?

Ist deutsche Angst überhaupt eine Angst? Ist sie nur ein harmloses Etikett, hinter dem sich ganz andere Emotionen tummeln? Schauen wir in den Spiegel empfindsamer Beobachter aus der Ferne. Als der amerikanische Schriftsteller Thomas Wolfe im Jahre 1936 zum wiederholten Male Deutschland besuchte, schrieb er über die Herrenmenschen, die sich bereits im eschatologischen Rausch befanden:

„Ihm wurde klar, dass diese ganze Nation von der Seuche einer ständigen Furcht infiziert war: gleichsam von einer schleichenden Paralyse, die alle menschlichen Beziehungen verzerrte und zugrunde richtete. Der Druck eines ununterbrochenen schändlichen Zwanges hatte dieses ganze Volk in angstvoll-bösartiger Heimlichtuerei verstummen lassen, bis es durch Selbstvergiftung in eine seelische Fäulnis übergegangen war, von der es nicht zu heilen und nicht zu befreien war. […] Im Lauf dieser Sommerwochen und -monate bemerkte George überall ringsum die Merkmale der Zersetzung und des Schiffbruchs eines großen Geistes. Die giftigen Ausstrahlungen von Unterdrückung, Verfolgung und Angst verpesteten die Luft wie ansteckende Miasmen und besudelten, verseuchten und vernichteten das Leben aller Menschen, die George kannte.“

Die Exaltationen der arischen Übermenschen – nichts als aufgepeitschte Maskeraden und Selbstverblendungen seelisch verfaulter Größenphantasien. Angst, die man aus Gründen imposanter Abschreckung nicht zeigen darf, wird in Menschenhass und Vernichtungsphantasien transformiert.

Mit psychischen Gründen völkischer Grandiosität geben sich Fakten-Fakten-Historiker nicht ab. Sie lesen Dokumente der Eliten und erzählen von sichtbaren Machtspielen und Gewalttaten der Kontrahenten. Die genaue Schilderung der vergifteten Kollektiv-Seele überlassen sie literarischen Spezialisten der Innerlichkeit – die niemand ernst nimmt, weil man sie für ästhetische Übertreiber hält.

Und nun das Verblüffende. Die german angst war keine nationale Besonderheit der Deutschen. Thomas Wolfe saß nicht auf dem hohen Ross nationaler Impertinenz, die mit Verachtung auf andere Völker herab schaute. Indem Thomas Wolfe aus der Distanz des Fremden die deutschen Charakterverkrümmungen notierte, bemerkte er zugleich die ähnlichen Defekte seiner amerikanischen Landsleute.

Im Spiegel des verwerflichen Anderen erkenne ich mich selbst. Es ist die Fähigkeit eines Menschenbeschreibers, im erschreckenden Bild des Fremden die eigene Desolatheit zu erkennen. Keine Spur von Überheblichkeit über den, dessen Verhalten ich verabscheue – und den ich dennoch verstehen will.

Verstehen heißt nicht kritiklos absegnen. Wer Mensch sein will, hat zu versuchen, jeden Menschen auf dieser gottverdammten Erde zu verstehen. Nur wer das Misslungene versteht, kann für Zustände sorgen, die das Misslingen schon in den Anfängen verhindern. Verstehen ist die Grundlage aller humanen Politik.

Wer Begriffe wie Putinversteher als Giftspritzen benutzt, hat von Demokratie nichts verstanden. Nur wer diagnostisch verstanden hat, kann das notwendige therapeutische Brennen und Schneiden einsetzen. Kritik ohne Verstehen ist Hass,Verstehen ohne Kritik sentimentales Abducken. Thomas Wolfe entdeckt im verwerflichen deutschen Wesen – das Wesen seiner eigenen Nation, ja der ganzen Welt:

„So wurde mir in der Fremde, unter diesen tief bewegenden, Besorgnis und Abscheu erregenden Umständen zum erstenmal richtig klar, wie schlecht es um Amerika stand; ich erkannte auch, dass es an einer ähnlichen Krankheit wie Deutschland litt und dass diese Krankheit als eine furchtbare seelische Seuche die ganze Welt beherrschte.“

Die Deutschen sind stolz auf die „Bewältigung“ ihrer Vergangenheit. Vom Verstehen dieser Vergangenheit ist fast nirgendwo die Rede. Man begnügt sich, die Oberverbrecher als Täter, das Volk als unschuldiges, verführtes und erpresstes Opfer darzustellen. Wie ein Hitler Hitler werden konnte, diese Frage findet man nirgendwo. Die führenden NS-Bonzen sind kein Gegenstand psychologischer Neugierde. Man glaubt, etwas gesagt zu haben, wenn man einen jugendlichen Wirrkopf zum Loser erklärt, der den Makel des Versagens mit der Karriere eines Menschheitsverbrechers kaschieren muss. Tief liegen die Wurzeln deutschen Verhaltens und lassen sich mit dem hasserfüllten, törichten Versailler Vertrag allein nicht erklären.

Aber woher die deutsche Angst, die man einstmals Weltangst nannte? Liegt es an der allgemeinen Situation jedes Menschseins?

Erste Antwort: „In diesem entscheidenden Moment, wo der Mensch erst zum Menschen wird und seine ungeheure Einsamkeit im All kennen lernt, enthüllt sich die Weltangst als die menschliche Angst vor dem Tod, der Grenze in der Welt des Lichts, dem starren Raum. Hier liegt der Ursprung des höheren Denkens, das zuerst ein Nachdenken über den Tod ist." (Oswalt Spengler, Der Untergang des Abendlandes)

Ist das Dasein zum Tod die Ursache der menschlichen Angst?

Zweite Antwort: „Aber ich verfluche den Tod. Ich kann nicht anders. Und wenn ich darüber blind werden sollte, ich kann nicht anders, ich stoße den Tod zurück. Würde ich ihn anerkennen, ich wäre ein Mörder. Mein Haß gegen den Tod setzt ein unaufhörliches Bewußtsein von ihm voraus; es wundert mich, wie ich so leben kann.“ (Elias Canetti)

Wäre die Angst vor dem Tod die Urangst des Menschen, wäre die Sucht nach der Unsterblichkeit das einzige Mittel, der Angst zu entgehen. Mit Hilfe der Technik den Tod zu überwinden: die angstgetriebene Vision Silicon Valleys wäre die unvermeidliche Folge der Todesangst. Silicon Valley wäre das einzige Therapeutikum, um der Furcht und Pein aller Menschen zu entkommen.

Da regt sich Widerspruch: wie kommt es, dass es viele Kulturen – jenseits des christlich-jüdischen Abendlandes – gibt, denen die Angst vor dem Tode unbekannt ist? Vor allem jene Kulturen, die nicht an einen persönlichen Gott glauben, der Furcht und Schrecken verbreitet, sondern sich im Kosmos zuhause fühlen. Die wahre Heimat des Menschen ist Mutter Natur, die niemanden ausschließt, kein isoliertes Vater-Land.

Dritte Antwort: „Von allen großen Religionen ist das Christentum die ängstlichste und diejenige, die den Schrecken des Todes am stärksten betont.“

Die Angst vor dem Tod ist Angst vor der Unsterblichkeit, die im absoluten Desaster enden könnte.

„Kein Glaube hat soviel dazu beigetragen, den sozialen Fortschritt der Menschheit aufzuhalten, wie der Glaube an die Unsterblichkeit der Seele. Denn dieser Glaube verführte Geschlecht auf Geschlecht, Generation auf Generation dazu, die wirklichen Bedürfnisse der Lebenden den imaginären Bedürfnissen der Toten zu opfern. Die Verschwendung und Zerstörung des Lebens, die dieser Glaube zur Folge hatte, sind unermesslich.“ (James George Frazer)

Es ist nicht so, dass die Angst vor dem Tod zum Menschsein gehört. Es gab Kulturen – und es gibt sie immer noch –, in denen die Angst vor dem Tod unbekannt war.

„Die matriarchalischen Religionen waren in der Akzeptanz des Todes realistischer. Sie erhoben es zur Pflicht des Weisen, neben der Schönheit der Natur auch ihre Hässlichkeit, Verderbtheit und den Zerfall wahrzunehmen. Dem Tod wurde die gleiche Bedeutung beigemessen wie der Geburt. Beide waren Durchgänge durch dasselbe Tor.“

Einmal war Natur die wunderschöne Jungfrau im heiratsfähigen Alter, die zärtlich sorgende Mutter, ein andermal die hässliche Ghul in Gestalt einer Leiche. Missionare hassten diese Todesgöttin. Wo immer es eine Vorstellung von Mutter Natur gab, verband sie sich mit dem Gedanken, dass der Tod etwas Natürliches sei. (nach Walker)

„Oh Tod, Göttliche, auf deinen Ruf kehren wir alle zu dir zurück und vergehen in deiner Umarmung. Nimm deine Kinder auf in deinen gestirnten Schoß. Gib uns wider, woran es unserem Leben mangelt.“ (Alfred de Vigny)

Deutsche Technik-Anbeter halten sich für nüchterne Rechner und Beherrscher der Natur. Dann müssten sie erklären, warum die Deutschen – auf dem Höhepunkt ihrer naturwissenschaftlichen und technischen Kompetenz vor dem Ersten Weltkrieg – geradezu in den Tod vernarrt waren. Georges Clemenceau hielt die Deutschen für ein Volk, das von „krankhafter und satanischer Todessehnsucht erfüllt sei“.

Der Tod war für die lebensunfähigen Romantiker das herbeigesehnte Ziel des Lebens. Nicht als Erfüllung eines vitalen Lebens, sondern als Flucht aus dem irdischen Leben, das nur Pein bedeutete. Über Novalis hieß es:

„Immer wieder die Begeisterung für den Tod, die ihn sagen lässt, dass Leben eine „Krankheit des Geistes, ein leidenschaftliches Tun“. (Haym, Die romantische Schule)

Es ist kein psychologischer Widerspruch: wer den Tod fürchtet, fühlt sich magisch von ihm angezogen. Der Masochist sucht den Sadisten, der ihm Schmerzen als Liebesakt zufügt. Wer das irdische Jammertal nicht mehr erträgt, will nur noch das Ende, wie immer es sei. Der Tod führt die meisten ins ewige Verderben. Dennoch hofft jeder Fromme, er werde zu den Wenigen gehören, die ins Reich der Wonnen einziehen.

Im „Geheimen Buch des Jakobus“, einer nicht kanonischen Schrift, empfahl Jesus den Selbstmord. Das Königreich des Todes könne nur jenen gehören, die sich selbst töten und niemand, der dieser Pflicht ausweiche, könne errettet werden.

Muslimische Selbstmordattentäter tun ein zweifach gutes Werk: sie töten Ungläubige und sich selbst aus heiliger Pflicht. Dass solche schrecklichen Verzweiflungstaten hierzulande nicht verstanden werden, kann niemanden verwundern. Experten veranstalten Konferenzen und Tagungen, um der „unbegreiflichen Irrationalität“ der fremden Religion vergeblich auf die Spur zu kommen. Wenn man identische Probleme der eigenen Kultur verdrängt, kann man andere Kulturen nur noch als unverständliche dämonisieren.

Der Franzose Fourier war der erste, der die politisch-wirtschaftlichen Probleme der Moderne mit der Psychologie der Religion erklären wollte. Marx verwarf solche „subjektiven“ Erklärungen; sie dünkten ihm nicht wissenschaftlich genug. Lieber sprach er vom Sein, das er als Naturgesetz betrachtete.  

Der Fluch inhuman-abendländischer Verhältnisse gründete für Fourier darin, dass der Mensch alle Triebe und Leidenschaften, die ihm von Gott gegeben wurden, für sündig erklären musste, die Strafe und Unterdrückung forderten. Ein ganzes Religionssystem wurde ersonnen, damit die Menschen sich als unrettbar und schuldig verachten sollten. Das Ergebnis war jene universelle Heuchelei, die alle sittlichen Vorstellungen zersetzte.

Diese „doppelte Buchführung“ trennte Vergnügen von der Pflicht, die Moral vom schändlichen wirtschaftlichen Verhalten. Der Mensch wurde zu einem Geschöpf unersättlicher Begierden. Wäre ihm gelungen, seine Triebe und Bedürfnisse frei von Schuld und Scham zu erfüllen, wäre er ein ausgeglichener und zufriedener Mensch geworden. So aber wurde er gezwungen, in unstillbarem Hunger nach Macht, Geltung und Besitz zu jagen.

Die Angst vor dem Tod wurde zur Angst vor einem erfüllten Leben. Wer nicht leben kann, ohne sich zu verabscheuen, wenn er nicht ununterbrochen nach Grenzenlosem trachtet, der muss – aus Angst vor der jenseitigen Hölle – schon hienieden die Hölle etablieren. Die Angst vor dem Tod kann nur gedämpft werden durch die Hatz auf Macht über andere. Wer die ohnmächtige Angst im Auge der Nebenbuhler sieht, fühlt sich stark und bedeutend.

Sokrates nicht vergessen. Dem Tod ging er nicht aus dem Wege und erlitt lieber Unrecht, als anderen Unrecht zuzufügen. Lieber den Tod erleiden als seine Liebe zur Wahrheit verraten, die darin bestand, die Menschen zu einem menschlichen Leben zu ermahnen. Die Richter, die ihn zum Tode verurteilten, konnten ihm nicht schaden. Er war überzeugt, dass der Tod kein Übel, sondern etwas Gutes war: entweder ein traumloser Schlaf oder der Zugang zu einem besseren Leben.

Wovor haben die Deutschen Angst? Haben sie überhaupt Angst?

In ihrer Geschichte erlebten sie fast keine freien und glücklichen Zeiten. Ständig wurden sie aufgerieben zwischen Fürsten, Königen und Popen, wurden jahrhundertelang geplündert und gegängelt. Erst nach dem zweiten Weltkrieg erlebten sie wirtschaftlichen Wohlstand, den sie aber innerlich nie als verdient empfanden. Glück muss man akzeptieren können. Wer Glück nie lernen konnte, bleibt an sein Unglück fixiert.

Heute müssen die Deutschen erneut alle Zufriedenheit als teuflische Versuchung verabscheuen – und sollen dennoch nicht unzufrieden sein. Diese paradoxe Intervention der Eliten zerreißt sie im Innern. Untergründig weiß der ganze Westen sehr wohl, dass seine Macht und sein Wohlstand auf der Eroberung und Beraubung anderer Völker beruhen. Diese nagenden Gefühle lassen sich durch Konsum und Arroganz dämpfen, ausrotten lassen sie sich nicht.

Umfragen, die von den Deutschen wissen wollen, ob es ihnen gut geht, sind an verlogener Stupidität nicht zu überbieten. Ja, es ginge ihnen durchwachsen, antworten die meisten – weil sie es für undankbar hielten, ihre Lage schlecht zu beurteilen, wenn es anderen Völkern noch viel schlechter geht. In ihrer Naivität antworten sie im Sinne der Fragenden. Zudem soll es nur um wirtschaftliche Fragen gehen. Das Seelenleben wird nicht mal angekratzt. Der Begriff Zufriedenheit darf nicht fallen. Wer sich zufrieden gibt, wird im Lande der Hochkonjunktur zum Landesverräter. Die Interviewer fragen nicht nach lebendigen Menschen, sondern nach Wirtschaftsmaschinen.

Die Deutschen haben den christlichen Glauben seit vielen Jahrhunderten verinnerlicht. Von den mittelalterlichen Kreuzzügen über Luthers Reformation, die verheerenden Religionskriege, die Orthodoxie, den Pietismus, eine christlich missverstandene Aufklärung, die Romantik, Nietzsches gottähnliches Übermenschentum bis zur apokalytischen Apotheose des Nationalsozialismus haben sie keine Erweckungsbewegung ausgelassen. Immer den Blick ins Jenseits gerichtet, das irdische Leben als vorweggenommene Strafe empfunden: wann und wo hätten sie fröhliche und unbeschwerte Zeiten erleben können, die sie ermutigt hätten, den Blick ins Jenseits endlich einzustellen und – ihren eigenen Garten zu kultivieren?

Noch heute gilt Demut als höchste Tugend, stets ignorierend, dass Demut Überheblichkeit in Gott bedeutet. Sie ducken sich, weil sie sich allen anderen heimlich überlegen fühlen. Wie oft waren sie die Letzten, die vergeblich hofften, endlich die Ersten zu sein. Als sie einmal die Ersten in Europa waren, verurteilten sie Millionen zu Lebensunwerten und Letzten.

Die deutsche Angst ist das unbearbeitete psychische Erbe vieler Jahrhunderte. Von außen hören sie das Kommando, sie sollten stolz auf ihre wirtschaftlichen Leistungen sein. Innerlich ahnen sie die Verlogenheit dieser Ideologie, mit der die Eliten dieser Republik ihre Macht stabilisieren.

Warum ist Merkel unschlagbar? Weil die Deutschen jemanden brauchen, der ihre ungesagten Seelennöte mit mütterlicher Stimme zu kurieren scheint. Der gewieften christlichen Seelenkennerin sind sie dankbar, dass sie ihre Nöte nicht offenbaren müssen – und dennoch von ihr getröstet werden. Die Deutschen vernehmen die unhörbare Stimme der Pastorentochter: In der Welt habt ihr Angst, seid getrost, den Sozialismus habe ich bereits besiegt: auch eure Probleme werde ich überwinden.

Dass die Handauflegung ein trügerischer Akt ist, werden die Deutschen spätestens bemerken, wenn die wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse kollabieren.

 

Fortsetzung folgt.