Weltdorf LXXXIX

Tagesmail - Montag, den 03. April 2017

Hello, Freunde des Weltdorfs LXXXIX,

der Kampf um die Philosophie beginnt. Er muss beginnen, wenn die Verhältnisse sich verändern sollen. Die Parteien ersticken an ihrer Gedankenarmut und Sprachverkümmerung. Die Kanzlerin hat keine philosophischen Worte und Gedanken, sie kennt nur Zahlen und den lutherischen Katechismus. Ihre Gegner tun nichts anderes, als die Wiederholungstaste ihrer Nullformeln zu drücken.

Woran erkennen wir, dass wir in einer Epoche leben, in der nur das Neue zählt? Daran, dass das Alte bis zum Erbrechen wiederholt wird. Im Reich der Gedanken gibt es weder Neues noch Altes, nur Wahres und Unwahres. Eine Gerechtigkeit von gestern gibt es so wenig wie eine neue, die die alte ersetzen müsste. Nur, was sich im Lernprozess der Menschheit als Irrtum erweist, muss aufgegeben werden.

Die lässige Verdammungsformel der Gegenwart: wirf weg, es ist von gestern, ist eine Selbstamputation der Menschheit. Außer neuen Maschinen – die genau genommen auch nicht neu sind, sondern nur monströse Variationen der alten – haben die Neuerungsanbeter nichts zu bieten. Computer, die Abendmahlsmaschinen der Gegenwart, die Leib und Geist der Menschen in mechanische 0/1-Entscheidungen verwandeln, sind mindestens 500 Jahre alt. Sie basieren auf der cartesischen Theorie von Tieren als Automaten und Menschen als Halbautomaten, die durch Anschluss an Maschinen zu vollständigen Automaten werden.

Apparate sollen konstruiert werden, deren „Sinnes- und Nervenorgane“ einem Elektrogehirn berichten, das einem angeschlossenen Apparat Befehle erteilt. „Diese krude Analogie, die schon N. Wiener, den Begründer der Kybernetik, zum Trugschluss verführte, diese Steuerungsautomaten als „vollständige Lebewesen“ zu beschreiben, trieb Steuerungstechniker auf den Weg einer technischen Utopie, die schließlich in ...

... die Vision einer Roboterwelt mündete.“

Wie alt ist Demokratie? Wie alt sind Menschenrechte? Weg damit, sie sind von gestern? Kaum jemand wagt es, diese Folgerungen klar zu formulieren, obgleich viele sie für überfällig halten. Dennoch wundern sich viele Zeitgenossen, wenn der Überdruss am Alten die heutigen Demokratien zum Einsturz bringt. Auch die Gesetze des folgerichtigen Denkens sind von gestern. Hinweg mit ihnen, sie behindern den freien Wahnverkehr.

Seitdem die Moderne mit Bacons Leitsatz: „Wissen ist Macht“ die Welt eroberte, zählt nur, was zählbar und berechenbar ist. Alles andere ist Gedöns. Also muss der Kampf um das Gedöns beginnen. Denn Denken ist weder Zählen noch Rechnen.

Leider wurde die Aufklärung zu einer der wichtigsten Propagandistinnen einer perfekten Welt durch Technik. Alle Probleme der Menschheit sollten durch Quantifizierung und Mechanisierung gelöst werden. Das Reich der Vollkommenheit wäre eine Wundermaschine, in der alles Menschliche durch Logarithmen ersetzt wäre. Moralisches Lernen sollte überflüssig werden durch stellvertretende Heilsapparate. Der technische Alptraum begann im Westen Europas diesseits und jenseits des Kanals, während Deutschland im Tiefschlaf der ewigen Nachzügler lag.

Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren
Sind Schlüssel aller Kreaturen
Wenn die, so singen oder küssen,
Mehr als die Tiefgelehrten wissen,
Wenn sich die Welt ins freye Leben
Und in die Welt wird zurück begeben,
Wenn dann sich wieder Licht und Schatten
Zu ächter Klarheit werden gatten,
Und man in Mährchen und Gedichten
Erkennt die wahren Weltgeschichten,
Dann fliegt vor Einem geheimen Wort
Das ganze verkehrte Wesen fort.

Die Aversion des Bergwerkingenieurs Novalis und seiner romantischen Brüder gegen die kalte Rechenvernunft ihrer Nachbarn stellte die Ratio des Westens auf den Kopf und verendete in Märchen, Gedichten, geheimnisvollen Magievorstellungen und religiösen Regressionsphantasien. Das eine geheime Wunderwort, das alles Verkehrte mit einem Schlag verbannen sollte.

Eine wortlose Magie zur Beherrschung der Welt war auch der Traum des Goethe‘schen Faust:

Drum hab ich mich der Magie ergeben,
Ob mir durch Geistes Kraft und Mund
Nicht manch Geheimnis würde kund;

Daß ich erkenne, was die Welt
Im Innersten zusammenhält,
Schau alle Wirkenskraft und Samen,
Und tu nicht mehr in Worten kramen.

Ich fühle junges, heil'ges Lebensglück
Neuglühend mir durch Nerv' und Adern rinnen.
War es ein Gott, der diese Zeichen schrieb,
Die mir das innre Toben stillen,
Das arme Herz mit Freude füllen,
Und mit geheimnisvollem Trieb
Die Kräfte der Natur rings um mich her enthüllen
?
Bin ich ein Gott? Mir wird so licht!

Nun wissen wir, warum eine deutsche Physikerin nicht gerne in Worten kramt. Edelschreiber, die sie bewundern, wissen es nicht. Eine Naturwissenschaftlerin halten sie für besonders qualifiziert, eine gute Politikerin zu sein. Echte Naturwissenschaftler werden sich hüten, mit magischen Methoden die Welt im Innersten zu erkunden. Über die Welt im Großen und Ganzen haben sie keine Vorstellung, auch nicht über deren Innerstes. Philosophische Weltformeln sind seit Heisenbergs Scheitern außer Mode gekommen.

Heute wollen sie mit empirischen Erkenntnissen nichts anderes, als die Natur immer effizienter zu beherrschen. Nur fromme Wissenschaftler wollen dem Schöpfer dabei zusehen, wie er kurz vor dem Urknall Zeit und Raum erschafft. Goethes emotionale Farbenlehre war eine Kampfansage gegen die rechnende Gefühllosigkeit Newtons. Hegels Naturphilosophie war die Krönung der deutschen Allwissenheit durch bloße Spekulation. In seiner Dissertation bewies er allein durch begriffliche Künste, dass es den Planetoiden Ceres nicht geben könne – während ein dänischer Astronom dessen Existenz gerade bewiesen hatte.

Marx hingegen hatte den Anspruch, die kausalen Gesetze der Geschichte zu erkennen wie Newton die Gesetze der Natur – aber mit bloßen Spekulationen, die er mit ökonomischen Einzelerkenntnissen anreicherte. Marx, ein ökonomischer Faust, wollte das geheime Gesetz der Geschichte mit naturwissenschaftlichen Methoden entdecken – und blieb doch ein romantischer Wesensbeschauer mit theologischem Unterbau.

In der nachhegelschen Zeit gelang es den Deutschen, das naturspekulative Erbe ihres Weltphilosophen abzustreifen und sich die empirischen Methoden der westlichen Naturwissenschaft anzueignen. Doch ohne neue Kippbewegung ins Irrationale ging die Chose nicht. Zuerst forderten sie die Gleichstellung der spezifischen Eigenheiten der Geisteswissenschaften, die keine Naturwissenschaften sein könnten. Hier hätte es der Geist mit sich selbst zu tun und nicht mit einer „geistlosen“, mechanisch-berechenbaren Natur. Die Selbsterkenntnis des Subjekts sei mit der Fremderkenntnis einer objektiven Außenwelt nicht zu vergleichen. Der subjektive Geist würde selbst hervorbringen, was er zugleich erkennen wolle.

Doch was bringt der Geist hervor? Hier versanken die Geisteswissenschaften wieder im Morast der Theologie. Fichtes Ich war nicht viel geringer als ein gottähnliches Ich, das nichts anerkannte, was nicht von ihm „gesetzt“ wurde. Die Gottähnlichkeit der deutschen Subjekte in allen geisteswissenschaftlichen Disziplinen – von der Philosophie bis zur Politik – steigerte sich in eschatologische Heilsvorstellungen, die im Dritten oder 1000-jährigen Reich kulminieren sollten.

Was war deutscher Geist? „Das Leben, das den Tod erträgt und in ihm sich erhält, ist das Leben des Geistes.“ (Hegel)

Der Geist der Deutschen bestand in der Verschmelzung mit ihrem christlichen Erlöser, der am Kreuze starb und dennoch nicht tot war, sondern im Triumph auferstand. Weder Tod noch Teufel konnten den arischen Herrenmenschen etwas anhaben, sie fühlten sich unüberwindbar und immun gegen alle Mächte dieser Welt. Im Geist – den sie früher Glauben nannten – hatten sie den Tod überwunden, weshalb sie sich autorisiert fühlten, anderen Völkern den Tod zu bringen. Wer durch ihre Hand gerichtet wurde, hatte durch verachtenswerte Schwäche seine Minderwertigkeit bewiesen.

Größer konnte die Gespaltenheit der Deutschen nicht sein: hier ihre weltmeisterliche Kompetenz in Naturwissenschaften – bis in die Anfänge des Dritten Reiches –, dort die infernalische Besessenheit ihrer Geisteswissenschaften von Weltende, Endsieg und der ultimativen Vernichtung aller Lebensunwerten und Bösen.

Ihre Niederlage war für sie das sichere Zeichen, dass sie sich geirrt haben mussten. Deshalb die überraschend schnelle Anpassung unter die neuen Paradigmen ihrer Besieger. In Amerika gab es einen scharfen Unterschied zwischen einem theokratischen Biblizismus und einer vernunftgesteuerten Demokratie, aber keinen Dualismus zwischen technischer und glaubensmäßiger ecclesia triumphans. In Gottes eigenem Land blieb den Naturwissenschaften nichts anderes übrig, als den Glauben an das siegreiche Ende der Geschichte in eine technische Fortschrittsreligion zu transformieren.

In den Regenationsjahren der unmittelbaren Nachkriegszeit dauerte es bis zur Präsidentschaft Kennedys, dass die Eroberung des Weltraums durch den sowjetrussischen Erzfeind (Gagarin) die führende Weltmacht animierte, ihren militärisch-technischen Komplex aufs Äußerste anzuheizen. Der neoliberale Gigantismus unter Ronald Reagan steigerte den Wettlauf um den Sieg der Geschichte ins Grenzenlose. Der Wettlauf um den eschatologischen Endsieg ist auch der Grund für die heftige Feindschaft der Fundamentalisten gegen alle Formen der ökologischen Naturrettung. In einem „BILANZ“-Interview bestätigt Noam Chomsky diese These:

BILANZ: Trump hat im Wahlkampf angekündigt, das Klimaschutzabkommen aufzukündigen. Die Klimaerwärmung sei ein „Scherz“. Wie erklären Sie sich, dass diese Einstellung im öffentlichen Diskurs kaum eine Rolle spielt?

Chomsky: Gute Frage. Vier von zehn Amerikanern halten den Klimawandel nicht für ein Problem, weil in ein paar Jahren Jesus zurückkommen werde. 40 Prozent!

BILANZ: Solche Zahlen werden immer genannt, aber ich glaube sie nicht.“ (WELT.de)

Hier zeigt sich die Blindheit der Europäer gegen das apokalyptische Denken der Amerikaner aufs heftigste. Da sie sich als aufgeklärte Abendländer empfinden, wollen sie nicht wahrhaben, dass die vorbildlichste Demokratie und technisch führende Macht der Welt von einem biblizistischen Buchstabenglauben geprägt sein könnte. Auch die Deutschen wissen, dass Amerikaner fromme Bibelleser sind. Doch sie wollen nicht glauben, dass jene buchstäblich an die mythische Wiederkunft des Herrn glauben. Sie fühlen sich durch Bultmann – den sie nicht kennen – ausreichend entmythologisiert und auf das Eigentliche des Glaubens zurückgeworfen.

Der Glaube an einen Gott, an eine höhere Macht, an ein Numinosum, ist für sie das ganze Evangelium. Alles andere ist für sie sektiererhafter Spuk. Ein tiefer marianischer Graben trennt die christlichen Ideologien der Amerikaner und der Europäer. Justament die neucalvinistischen Amerikaner sind lutherischer als die deutschen Lutheraner. Für die ersteren gilt: den Buchstaben, sie sollen lassen stahn und kein Dank dafür haben. Die zweiten entschieden sich gegen den Buchstaben und für den Geist:

„Denn der Buchstabe tötet, der Geist aber macht lebendig. Jetzt aber sind wir von dem Gesetz frei geworden, da wir dem, worin wir festgehalten wurden, abgestorben sind, sodass wir nun dienen im neuen Wesen des Geistes und nicht im alten des Buchstabens.“

Der Buchstabe bedeutet zweierlei: a) das alttestamentarische Gesetz der Juden, von dem die Christen durch Jesus befreit wurden. b) die logische Qualität und begriffliche Genauigkeit der griechischen Weisheit, die für Gott eine Torheit ist.

Christus selbst widerspricht sich. Einerseits sagt er seinen Frommen: euch wurde gesagt, ich aber sage euch. Damit waren alle Gesetze des Alten Testaments abgetan. Nicht Gehorsam durch peinliche Einhaltung der Gesetze, um Gottes Heilsversprechungen zu „erzwingen“, sondern werkloser Glaube an die unverdiente Gnade Gottes war die Haltung der Christen – in scharfem Gegensatz zu den gesetzestreuen Juden. Andererseits aber sagte der Herr: ich bin nicht gekommen, das Gesetz aufzulösen, sondern zu erfüllen.

Ja, was denn nun? Müssen die alten Gesetze des Talmud auch von Christen erfüllt werden, oder gilt für sie, dass sie von ihnen befreit waren? Paulus, Jude aus Tarsus, will seine früheren Glaubensgenossen nicht en bloc in die Hölle schicken und macht einen Vermittlungsvorschlag. Man solle sich allen Leuten dieser Welt anpassen, um alle zu gewinnen:

„Denn wiewohl ich frei bin von jedermann, habe ich doch mich selbst jedermann zum Knechte gemacht, auf daß ich ihrer viele gewinne. Den Juden bin ich geworden wie ein Jude, auf daß ich die Juden gewinne. Denen, die unter dem Gesetz sind, bin ich geworden wie unter dem Gesetz, auf daß ich die, so unter dem Gesetz sind, gewinne.“

Das paulinische Werbeverhalten „Als-Ob“ ist der Freifahrtschein für die christliche Antinomie. Alles ist erlaubt, wenn‘s dem Glauben dient, alles verboten, wenn‘s aus sündigem Antrieb geschieht.

Der Geist, der sich an keinen Buchstaben gebunden fühlt und den Urtext nach Belieben verfälschen – pardon, deuten – kann, trennt nicht nur Christen unwiderruflich von den Juden. Das wäre ein belangloser interreligiöser Streit. Die Absage an die Rationalität scharfer und unveränderlicher Begriffe ist ein Angriff auf die gesamte aufklärerische Tradition des abendländischen Denkens. Die beliebige Deutung von Texten ist eine Lizenz zum endlosen Faseln – im Namen einer nimmer endenden Offenbarung.

Die Unterminierung der verlässlichen, allen Menschen gemeinsam gegebenen Sprache ist keine innerkirchliche Bagatelle geblieben. Sie unterminiert seit 100en von Jahren die gesamte Rationalität des christlichen Westens. Niemand definiert, was er meint, jeder benutzt die Begriffe nach Belieben, täglich werden neue Begriffe eingeführt, die niemand versteht. Das Ergebnis dieser Sprachverwirrung liegt auf der Hand. Die Eliten haben sich eine interne Cliquensprache zugelegt, die nur von Insidern verstanden wird.

Beispiele: die Kryptosprache der betrieblichen Bewertungen. Die sinnentstellende Sprache des Herrschaftswissens. Freistellen heißt rauswerfen; sozial betreuen heißt gängeln; flexible Solidarität heißt Vertragsbruch und Unberechenbarkeit; Freiheit heißt ungezügelte Macht der Reichen.

Eine amerikanische Denkschule aber übernahmen die Deutschen widerstandslos: die Identität von heilsgeschichtlichem und technischem Fortschritt. Der Mensch ist böse und ändert sich nicht. Nur Fortschritte der Technik können die Mängel der Menschheit kurieren. Technik wird zum Erlösungsmittel, Fortschritt zur Religion.

Philosophische Aufklärung und demokratisches Streiten um den besten Weg – sinnlos und überflüssig. Alles Geschwätz, alles Gedöns. Die Geisteswissenschaften müssen rasiert werden, sie kosten nur Geld und bringen nichts. Das ist eine Forderung des Trumpismus – und von BILD, jener Gazette, die vom Ehrgeiz gepackt ist, den Trumpismus in unauffälligen Dosierungen in Merkels Konjunkturlokomotive zu übertragen:

„Ein Land, das genug Energie hat, sich jahrelang über eine überflüssige Maut zu streiten, wird doch wohl in der Lage sein, Lösungen zu finden, wie man Studenten den Lehrerberuf in Fächern wie Mathe, Informatik und Physik schmackhaft machen könnte. Am schnellsten geht das sicher, wenn Lehrer in solchen Fächern deutlich besser bezahlt würden als zum Beispiel Geschichtslehrer. Die gibt es wie Sand am Meer. Marktwirtschaft hilft.“ (BILD.de)

Leben wir in einer Marktwirtschaft – oder in einem neoliberalen Wettbewerbs-Exzess-Staat? Wirtschaft gehört zu den „exakten Naturwissenschaften“, die alle Probleme sachlich und objektiv lösen. Geschwätz überflüssig. Das logische und begrifflich genaue Streiten auf dem Marktplatz im Dienst der Demokratie wird durch eine technisch unfehlbare Disziplin ersetzt. Die Agora als Platz der lebendigen und streitbaren Begegnung können wir einpacken. Was wir brauchen, sind Experten mit mathematischen Maschinen, die per Einmaleins die Lösungen unserer Probleme ausrechnen.

Die Wissenschaftler der „talking sciences“ haben den Eindruck, dass ihre Meinungen nicht mehr gefragt sind. Zudem sind sie feige und halten freiwillig den Schnabel. Da wird selbst die Bildungsexpertin der FAZ nervös:

„Professoren, mischt euch endlich wieder ein. Das hohe Gut der Wissenschaftsfreiheit treten Universitäten viel zu oft mit Füßen. Es bräuchte sie als starke Stimmen gegen Populisten und einfache Wahrheiten, aber sie schweigen. Damit muss Schluss sein.“ (FAZ.NET)

Bedenkenlos wie der brasilianische Urwald wird die Rationalität in unserem Lande abgeholzt. Der Papst ist ein Vorbild aller Geistbegabten, die sich in einem Satz widersprechen dürfen: „Die Erfahrung der Synode hat uns auch besser begreifen lassen, dass die wahren Verteidiger der Lehre nicht jene sind, die den Buchstaben verteidigen, sondern die, welche den Geist verteidigen; die nicht die Ideen, sondern den Menschen verteidigen; nicht die Formeln, sondern die Unentgeltlichkeit der Liebe Gottes und seiner Vergebung. Das bedeutet keineswegs, die Bedeutung der Formeln – sie sind notwendig! – , der Gesetze und der göttlichen Gebote zu schmälern.“ (Radio Vaticana)

Zur Ungenauigkeit gehört die fehlende Auseinandersetzung mit konträren Begriffen. Poschardt wirft den Grünen „naturreligiöse Schwärmereien“ vor – ohne zu bemerken, dass er „technik-religiösen und wirtschafts-calvinistischen“ Gegensatzbegriffen verfallen ist. Hat er inzwischen die Ökologie im Ganzen abgeschrieben? Der WELT-Chef gefällt sich darin, Begriffe wahllos in die Gegend zu pfeffern, ohne ein Minimum an Rechenschaft über sie abzulegen. Seit Erfindung der deutschen Geniereligion bevorzugen die Genialen die wahllos wechselnde Parfümierung ihrer Wortkaskaden:

„Naturreligiöse Schwärmer, die den Irrsinn des Linksradikalismus in schöpfungserhaltende Maßnahmen umdeuteten und dem waldverliebten Land damit einen Nachhaltigkeitsglanz verschafften, der zur nationalen Identität ideal passte: ideal als Opposition und Kontrastmittel zum Optimismus der Wirtschaftswunderjahre und zum stalinistischen Quatsch an den Universitäten“. (WELT.de)

Sein Kollege Thomas Schmid greift die Grünen mit dem Vorwurf an, sie hielten sich für Auserwählte:

„Auch dürfen sie nicht – wie die FDP und insbesondere die Grünen es oft taten – aus der Tatsache, dass sie nicht groß sind und also eine spezielle Klientel vertreten, den Schluss ziehen, sie seien auserwählt und besäßen eine ganz besondere politische oder moralische Autorität.“ (WELT.de)

Behauptet ein Auserwählter unter den Edelschreibern? Wer nicht fähig ist, Taten zu verstehen, schiebt Motivspekulationen in den Vordergrund, um treffende Gegenargumente einzusparen. Das ist die Methode von Erlösern, normalen Menschen direkt ins Gehirn zu schauen. Ehebrecherische Gedanken sind schlimmer als ehebrecherische Taten. Was Menschen tun, ist unerheblich geworden. Normale Menschen sehen, was vor Augen ist, Gehirn-Christologen sehen das Herz an.

Der Geist der vernunftfeindlichen Gegenaufklärung ist mittlerweilen so stark geworden, dass vornehme Zeitbeobachter vor demokratischem Aktivismus warnen. Eine demokratische Erziehung der Kinder wird mit dem Argument abgelehnt, Pädagogik sei Gängelung. Warum Erziehung demokratisch zu sein habe, sei eine Anmaßung:

„Dass "gute" Erziehung demokratisch zu sein habe, ist allerdings eine politisierte Wendung des pädagogischen Denkens, die alles andere als selbstverständlich ist. Warum sollte das Attribut "volksherrschaftlich" auch als Qualitätsmerkmal von Erziehungsprozessen fungieren?“ (ZEIT.de)

Erziehung von Kindern wird gleichgesetzt mit der Erziehung von Erwachsenen. Demokratisches Engagement wird mit gedankenloser Hektik assoziiert. Auch die Hitlerjugend habe partizipiert und mitgemacht. Mitmachen bei faschistischen Horden sei auch nichts anderes als demokratische Leidenschaft. Politische Bildung sei ohnehin nur von kleinen Eliten zu erwarten. Inaktive Zuschauer müssten sich nicht die Finger schmutzig machen und wüssten besser, was gut und recht ist.

Ein Hoch auf die Gebildeten, die sich ihre moralische Reinheit bewahren, wenn sie passiv das Geschehen in der Manege beobachten. Das ist die Beschreibung jener deutschen Intellektuellen, die das Heraufkommen der Nationalsozialisten passiv und ungerührt beobachteten, ohne den geringsten Widerstand zu leisten. Aktivitäten der Hitlerjugend mit dem Einsatz demokratischer Jugendlicher in eins zu setzen, ist eine Frechheit, die sich kaum die AfD leisten dürfte.

„Im Unterschied dazu ist politische Bildung ebenso wie etwa ästhetische Bildung oder naturwissenschaftliche Bildung in entwickelter Form und Ausprägung nicht von der Mehrheit zu erwarten. Politisches Interesse lebt durchaus häufig und gut mit politischer Inaktivität zusammen. Gemeinsam ist diesen Zuschauern, dass sie sich – dies im Unterschied zu den Gladiatoren – die Hände nicht schmutzig machen (müssen) und meist besser wissen, was gut und recht ist.“

Kritik überhaupt werde maßlos überschätzt, so ein anderer ZEIT-Artikel. Genau genommen nerve sie nur und bringe nichts:

„Besonders Kritik von links leidet online darunter, dass sie nichts bewirkt – oder dass sie sogar die Dämonen erst heraufbeschwört, die man doch eigentlich vertreiben wollte. Ermüdungsbruch durch Dauerkritik lautet dann die Diagnose.“ (ZEIT.de)

Anstatt so viel zu kritisieren, sollte man sich die Gruppen der Rechten zum Vorbild nehmen, die sich gegenseitig nicht behelligen würden beim Einschlagen auf einen gemeinsamen Feind. „Dabei ließe sich mit Kritik doch auch haushalten, man könnte sie gelegentlich taktierend einsetzen. Die neuen Rechten schaffen genau das: Sie richten ihre Kanonen der Kritik auf ein gemeinsames Ziel. Und trotzdem zerfleischen sich die Rechtspopulisten nicht in Eigenkritik, wie es unter Linken sorgfältig gepflegtes Brauchtum ist.“

Absagen an die Ratio der Begriffe beziehen sich immer auf eine dahin fließende Zeit des Heils, die alles Stehende und Stabile in wachsweichen Gedankenbrei auflöst. Nicht, dass Begriffe sich nicht ändern könnten. Dennoch bleiben sie so fassslich, dass Veränderungen präzis erfasst werden können. Nehmt alles im allen, so bleiben die Begriffe der Menschheit stabil und erkennbar.

Wir sind in der Lage, die ältesten Dokumente der Weltgeschichte zu entziffern. Noch heute können wir Texte altchinesischer Weiser und griechischer Denker entschlüsseln und verstehen. Selbst die Texte heiliger Schriften. Wer sie dem jeweiligen Zeitgeist anpasst, muss immer auf den Urtext rekurrieren mit der Erklärung: dieser Text ist anders zu verstehen, als er geschrieben wurde. Also muss er verstanden worden sein.

Auch unsere Kanzlerin weiß, dass Begriffe sich ständig ändern. Ihrem Herausforderer wirft sie einen veralteten Gerechtigkeitsbegriff vor. Der zeitgemäße Sinn der Gerechtigkeit habe sich verändert. Gerechtigkeit und Innovation müssten zusammengedacht werden.

Seltsam, dass dieser nagelneue Begriff auch schon uralt ist. Schon immer begründeten die oberen Klassen ihre Ausbeutung mit dem Argument, sie bräuchten das nötige Kleingeld, um Arbeitsplätze zu schaffen. Merke: Arbeitsplätze kosten nur, sie bringen nichts. Wer wird den Profit der nächsten Innovationswelle kassieren? Diejenigen, die schon den Profit der letzten Welle kassierten. Da capo al fine. Oder: immer weiter so mit der grenzenlosen Kluft zwischen Erwählten und Verworfenen.

Das will auch das Gesetz der biblischen Innovation, zu deutsch: der Erneuerung. Hier ist die Pastorentochter Expertin. Hat ihr Erlöser doch in einer uralten Schrift behauptet: das Alte ist vergangen, siehe, ich mache alles neu.

Die Politiker der westlichen Welt haben ihre Wörter zerschlissen. Wer Begriffe klären will, muss auf die Potentiale der Philosophien zurückgreifen. Dialogisches Streiten muss wieder auf Straßen und Plätzen zu hören sein. Begriffe müssen scharf umrissen werden, damit sie widerlegbar sind. Menschen wollen wissen, wovon die Rede ist.

Wer heute hü und morgen hott sagt, ist ein Wirrkopf und sollte die Edelfeder an der Garderobe abgeben. Ist Naturschwärmerei eine ökologische Notwendigkeit? Ist Technikschwärmerei die ultimative Antwort auf grenzenlose Naturzerstörung? Weiß Merkel, was der Begriff Gerechtigkeit in der Vergangenheit bedeutete? Ist sie ein einziges Mal auf die wachsende Kluft zwischen Reich und Arm eingegangen?

Gerechtigkeit war, ist und wird immer sein: die Schließung dieser Kluft, um die Gleichwertigkeit der Menschen zu garantieren. Unabhängig von Geschlecht, Macht und Moneten, IQ, Rassen und Religionen.

 

Fortsetzung folgt.