Weltdorf LXXXVII

Tagesmail - Mittwoch, den 29. März 2017

Hello, Freunde des Weltdorfs LXXXVII,

„Ich bin sicher, dass in der Steinzeit fabelhafte Umweltbedingungen herrschten, trotzdem möchte ich nicht dahin zurück.“ Schreibt Jan Fleischhauer im SPIEGEL.

a) Nehmen wir an, der Menschheit gelänge es nicht, die Umwelt-Verschmutzung zu stoppen, die Klimaverschärfungen würden eskalieren und zum Ende der Gattung führen: würde Fleischhauer lieber untergehen – als in „primitiver“ Naturverträglichkeit weiterzuexistieren?

b) Nehmen wir an, die Zustände in den größten Teilen der Erde würden so katastrophal werden, dass nur ausgewählte Minderheiten mit Hilfe von Waffen und technischer Macht in den letzten, streng abgeschirmten Ökonischen existieren könnten: hätte Fleischhauer die Hoffnung, zu den Auserwählten zu gehören – und der Rest der Menschheit wäre ihm gleichgültig?

c) Nehmen wir an, das jetzige Wohlleben auf Kosten der Natur ginge nur noch wenige Jahre: würde Fleischhauer das Leben seiner Kinder und Kindeskinder kaltblütig riskieren und das Motto der Marquise de Pompadour ausgeben: nach mir die Sintflut? Das wäre die Entscheidung – nein, die feige Nichtentscheidung durch Verharmlosen, Verdrängen und Verleugnen – für den Suizid der Gattung. Die längst eingetretene Kinder- und Frauenfeindlichkeit würde zusammenfallen mit der Selbstausrottung der Männer – begleitet vom Sirenengesang einer illusionären Erfindung der Unsterblichkeit. Selbst wenn die Erfindung Realität würde, wären nur winzige Minderheiten die Profiteure der Entwicklung, nein, die Opfer ihrer Hybris. Wer möchte unsterblich leben, wenn schon das sterbliche Leben für die meisten ein immerfort beklagenswertes Dasein im irdischen Lazarett bedeutet?

d) Nehmen wir an, der gegenwärtige Stand der Wohlfahrts-Wirtschaft wäre nur durch weitere Naturzerstörung möglich: würde Fleischhauer lieber eine ...

... kurze Weile noch die jetzige Überflussproduktion bevorzugen – als auf ganzer Ebene den Luxus zu reduzieren und ein schlichtes Leben in Solidarität zu führen?

„Im grünen Milieu träumt man von einer Welt, in der nichts mehr raucht und lärmt, und in der die Industrie auf die Größe freier Manufakturen geschrumpft ist. Das Einzige, was man noch hört, ist das Quietschen der Kinderwagen. Dass diese Regression in die schwäbische Quäkeridylle ausgerechnet von Menschen empfohlen wird, die sich ansonsten auf ihre Weltläufigkeit viel einbilden, gehört zu den überraschenden Volten der Moderne.“

Wie fast immer, wissen die Tagesbeobachter nichts von den vielen, vielen Tagen des Vergangenen. Mitten im Zeitgeist schwimmen sie mit starrer Blickrichtung vorwärts in die Zukunft. Ein kurzer Blick in Max Webers Buch „Die protestantische Ethik“ hätte den Hasardeur davon überzeugen können, dass es die Frommen waren, die die wirtschaftliche und technische Grenzenlosigkeit mit Furor betrieben. Die unüberbrückbare Kluft zwischen Reichen und Armen – weit entfernt, eine Idylle zu sein – entsprach dem Willen Gottes, dessen Gerechtigkeit mit der Gerechtigkeit der Menschen nicht das Geringste zu tun hat.

Die Religion „gab ihm die beruhigende Versicherung, dass die ungleiche Verteilung der Güter dieser Welt das ganz spezielle Werk von Gottes Vorsehung sei, der mit diesen Unterschieden seine geheimen, uns unbekannten Ziele verfolge. Schon Calvin hatte den Ausspruch getan, dass nur, wenn das „Volk“ – die Masse der Arbeiter und Handwerker – arm erhalten werde, es Gott gehorsam bliebe. Die Niederländer hatten dies dahin „säkularisiert“, dass die Masse der Menschen nur arbeite, wenn die Not sie dazu treibe und diese Formulierung eines Leitmotivs mündete dann in den Strom der Theorie von der „Produktivität“ niederer Löhne.“

Wo findest du die wahren Begründungen hochmoderner ökonomischer „Naturgesetze“? In alten theologischen Schwarten. Die mathematischen Girlanden der Weltwirtschaftler sind nichts als Umschreibungen christlicher Dogmen mit Hilfe endloser Zahlen und Formeln.

Woran erkennt man – nach Meinung des ach so seelenvoll gläubigen Pietisten Zinzendorf – einen berufstreuen Arbeiter? Daran, dass er „nicht nach Erwerb trachtet, sondern nach dem Vorbild der Apostel lebt und also mit dem Charisma der Jüngerschaft begabt ist.“ Die Täufer setzten noch eins drauf: „Treue Arbeit bei niederen Löhnen seitens dessen, dem das Leben sonst keine Chancen zugeteilt hat, ist etwas Gott höchst Wohlgefälliges.“ Arbeit als göttliche Berufung sei das „vorzüglichste, ja oft das einzige Mittel, seines Gnadenstandes sicher zu werden“. Das gilt, mit konträrem Effekt, auch für den Arbeitgeber, der „den Gelderwerb als „Beruf“ deutete.

Reich werden auf Kosten der Verdammten und Überflüssigen war für Kapitalisten die Bestätigung ihrer Berufung. Die calvinistischen Auffassung von Arbeit, die arm werden lässt und Reichwerden als Berufung definiert, bestimmt „unser Leben mit überwältigendem Zwang, bis der letzte Zentner fossilen Brennstoffs verglüht ist.“ Diese Zwänge wurden längst zu einem „stahlharten Gehäuse“, dem der Mensch nicht mehr entrinnen könne. Die äußeren Güter dieser Welt würden zu einer unentrinnbaren Macht über den Menschen, wie niemals zuvor in der Geschichte.

Das Gebiet der höchsten Entfesselung des Kapitalismus „liege in den Vereinigten Staaten.“ Am Ende dieser verhängnisvollen Entwicklung könnte das Wort zur Wahrheit werden: “Fachmenschen ohne Geist, Genussmenschen ohne Herz: dies Nichts bildet sich ein, eine nie vorher erreichte Stufe des Menschentums erstiegen zu haben.“

Man höre und staune: obgleich Weber vom Ausmaß der heutigen Naturverwüstung nichts wissen konnte, ahnte er bereits, dass das Ende der Menschheit mit dem Verglühen des letzten Zentners fossilen Brennstoffs kommen könnte. Seine Beschreibung des damaligen Kapitalismus war bereits mit dem heutigen Zustand identisch – wenn auch noch nicht in gleicher Quantität.

Es gibt keine Säkularisation als Abfall der Moderne vom Glauben. Säkularisation ist nichts als die Konkretisierung theologischer Verheißungen und Verfluchungen in wirtschaftliche, technische und politische Vorgänge. Die religiösen Grundlagen des puritanischen Kapitalismus, die bis heute gelten, gaben dem maßlosen Gelderwerb „das pharisäisch gute Gewissen“. Jeder Rest des Satzes: „Gott zu gefallen ist unmöglich“, war verschwunden.

Die Siegestrunkenheit des heutigen Neoliberalismus ist die Fortsetzung der Glaubensgewissheit der Vorherbestimmten, die anhand ihres weltlichen Erfolges ihren Gnadenstand überprüfen. Wenn heutige Milliardäre noch immer den Groschen umdrehen, bevor sie ihn freventlich ausgeben, verharren sie in jener innerweltlichen Askese, die den Reichen auferlegt war. Reich sollten sie werden, mit ihrem Reichtum aber nicht prunken oder heidnische Lust aus ihm schöpfen.

Dies gilt in vollem Umfang auch für Quäker. Die „Entzauberung der Welt“ galt, nach Auffassung der Quäker, auch für jene Menschen, die „niemals die biblische Form der Offenbarung kennengelernt hatten“. Ob Menschen der Gegenwart bewusst glauben oder nicht: für alle gilt das Credo, dass die wahren Frommen am Ende von Gott bevorzugt werden.

Was für die Ökonomie gilt, gilt auch für Wissenschaft und Technik. Paulus sah das Nahen der Zeit in der Herrschaft der Christen über die Welt. Der Fromme sei identisch mit Christus, dem „Herrn aller Dinge“. Das Alte ist vergangen, es ist alles neu geworden: „Denn alles ist euer, es sei Welt oder Leben und Tod, es sei Gegenwärtiges oder Zukünftiges.“ Am Tage der Wiederkunft werden die Elemente in Feuer zerschmelzen, so dass „die Himmel mit gewaltigem Getöse vergehen, die Elemente aber in der Gluthitze sich auflösen und die Erde und ihre Werke gänzlich verbrannt werden.“

Selbst in der Epoche äußerlicher Ablösung von der Kirche, hielten die Abendländer an ihrem Glauben an eine bessere Welt der Wohlfahrt, der Macht und der Fülle fest. „Diese Doppelsicht der Verheißung und des Gerichts, der Rückkehr zum Paradies und der Untergangsapokalypse war wirksam bis in die Denkformen des Sozialismus, der Fortschrittsbewegungen und der Wissenschaftsreligion – bis in die Apokalyptik der Kernwissenschaft.“ (Friedrich Wagner)

Warum sind die Grünen unglaubwürdig? Weil sie sich der kirchlichen Heuchelei der „Schöpfungsbewahrung“ unterworfen haben, ohne zu realisieren, dass Gott selbst seine Schöpfung einschmelzen wird – um eine neue aus Nichts zu erschaffen. Die Schaffung des Nichts ist die Voraussetzung des Neuen.

Warum ist Trump ein Feind der Ökologie, der das Schicksal der Gattung bedenkenlos aufs Spiel setzt? Nicht nur um des schnöden Profits willen. Er hat noch den fundamentalistischen Glauben seiner Kindheit, wonach alles schlimm werden muss, bevor sich die Tore des Goldenen Jerusalem öffnen. Die Grünen ignorieren den Hass des Bible Belt auf die gottlosen Naturbewahrer, die den finalen Plan Gottes über den Haufen werfen wollen. Für Biblizisten ist Naturschutz Gotteslästerung.

In Washington feiert die Apokalypse ihren doppelten Triumph. Die Wirtschaft hat vor aller Welt die Ruder der westlichen Supermacht übernommen und zerstört damit die Grundlagen der Demokratie.

„Die Regierung sollte geführt werden wie eine große amerikanische Firma" das sagt Donald Trumps Schwiegersohn Jared Kushner. Nun soll er das neu geschaffene Amt für amerikanische Innovationen leiten.“ (SPIEGEL.de)

Kushners Schwiegervater widerruft Obamas Erklärungen zum Klimaschutz. Man solle nicht immer an Hitler denken, sagte der Freiburger Historiker Herbert. Doch, man soll – wenn man die Wiederkunft der europäischen Apokalypse in terrestrischem Umfang verhindern will. Nicht jeder Vergleich ist eine Identitätsaussage. Es kommt auf die Struktur des Verglichenen an – auch wenn das Ausmaß der Ähnlichkeiten verschieden sein mag. Hitlers Verbrechen bezogen sich „nur“ auf Europa und die Sowjetunion. Der Kurs der Moderne unter der Führung Washingtons wird den ganzen Planeten umfassen.

Auch die Deutschen erwärmen sich immer mehr an Weltmachtgelüsten. In der TAZ – warum nur in der TAZ? – erschien ein furchterregender Artikel über die Absichten Berlins auf Partizipation der Deutschen an der Atommacht der Briten und Franzosen:

„Ganze 72 Jahre nach der Entwicklung und dem ersten verheerenden Einsatz von Atomwaffen beginnen in der UNO-Generalversammlung endlich Verhandlungen über ein vollständiges Verbot dieser fürchterlichen Massenvernichtungswaffen. Doch Deutschland ist nicht dabei und hat sogar – zum Glück erfolglos – versucht, diese Verhandlungen zu verhindern. Und dies trotz aller wohlklingenden Bekenntnisse zum Ziel einer atomwaffenfreien Welt und zu multilateralen Abrüstungsprozessen, die in zahlreichen Regierungserklärungen, Bundestagsbeschlüssen und -reden seit Ende des Kalten Kriegs und auch im neuen Weißbuch der Großen Koalition formuliert wurden. Willy Brandt würde sich im Grab umdrehen, müsste er erleben, mit welchen „Argumenten“ seine Genossen und Nachfolger im Auswärtigen Amt, Frank-Walter Steinmeier und Sigmar Gabriel, die Berliner Ablehnungs- und Verweigerungshaltung gegenüber den Verhandlungen zu rechtfertigen suchen. Tatsächlich ist die Große Koalition nicht ernsthaft am Ziel einer atomwaffenfreien Welt interessiert. Sondern sie versucht, für Deutschland die Option auf atomare Bewaffnung aufrechtzuerhalten. Wenn nicht auf ein eigenes nationales A-Waffen-Arsenal, so doch auf Mitbesitz oder Mitverfügung über die britischen und französischen Arsenale im Rahmen einer künftigen gemeinsamen Militärstreitmacht der Europäischen Union. Diese „Europäische Option“ hatte sich die westdeutsche BRD bereits durch einen Vorbehalt bei der Unterzeichnung und Ratifikation des Vertrags über die Nichtverbreitung von Atomwaffen offengehalten.“

Schreibt Andreas Zumach – und kein Edelschreiber hält es für nötig, diesen hinterlistigen Wahn zu kommentieren. Nach vorne, in Richtung der Rampe, begnügen sich die SPDler mit konsequenzlosen Warnungen. (TAZ.de)

Sie schelten Trump wegen Megalomanie. Ihre eigenen Grandiositätsphantasien nehmen sie nicht wahr. BILD-Wagner bewundert die Briten, wenn sie sich als Herren der Welt besingen:

„Am liebsten mag ich England bei Länderspielen. Da singen die Fans nicht nur „God Save the Queen“, sie singen auch: „Rule, Britannia. Rule the waves. Britons never, never, never shall be slaves.“ Wir herrschen über die Wellen des Meeres. Wir werden niemals Sklaven sein.“ (BILD.de)

Niemals Sklaven sein bedeutet für Sieger das gleiche, wie die ganze Welt beherrschen. CSU-Stoiber fordert in aller Öffentlichkeit, Merkel solle Führerin Europas werden. Gabriel und Steinmeiers Atomsehnsüchte zeugen vom besessenen Versuch, in die Riege der atomaren Weltmächte aufzusteigen.

Schon die romantische Regression der deutschen Thron-Altar-Politik stand unter den Vorzeichen eines endgültigen eschatologischen Höhepunkts der europäischen Geschichte unter der Führung des Papstes – und Deutschlands. Das mittelalterliche Zerwürfnis zwischen Rom und den Germanen, zwischen Katholiken und Lutheranern wäre dadurch endgültig überwunden. Das gegenwärtige Gerede von einer ökumenischen Einheit der beiden Konfessionen gehört in die Rubrik: wie kann Deutschland durch Vereinigung der Gegensätze zur alten Pracht der deutschen Kaiser zurückkehren?

Hegels endgültige Vereinigung aller Gegensätze war die Voraussetzung, dass der Gang des Weltgeistes in Berlin enden wird: „Das eigentliche Europa muss erst noch entstehen. Was wir bisher davon kennen, jenes Phänomen der Trennung, ist nur die erste Äußerung, in der die noch zu schwache Anlage zur Verbindung des Entgegengesetzten eben darum erscheint. Wir sollen den tätigsten Anteil daran nehmen, die tellurischen Kräfte in Einheit und Harmonie zu bringen.“

Für Hegel wäre Merkel die Erfüllung seiner Synthese aller Widersprüche gewesen. Nichts, was sie tut, widerspricht sich. Alles ist harmonisch, wenn sie in Unfehlbarkeit bestimmt, wohin der europäische Wagen laufen soll. „Ich habe recht. Je mehr ich darüber nachdenke, umso mehr habe ich recht.“ Die Symbiose von Rom und Wittenberg kann beginnen.

Für Schlegel beginnt mit Europa die letzte triumphierende Epoche der Heilsgeschichte: „Europa ist also letztlich als ein Eschaton zu verstehen, als eine geschichtsphilosophische Idee, mit der ein erstrebter Kulminationspunkt der Menschheit bezeichnet werden soll.“ Novalis ohnehin war erfüllt von einer „eschatologisch-erwartungsvollen Hochstimmung“ – die im 1000-jährigen Reich endlich zur Wirklichkeit wurde.

Seitdem sie 1945 ihr Jüngstes Gericht überstanden haben, verstehen die Deutschen nicht mehr, wie man an endzeitliche Untergangsmythen glauben kann. Als Madame de Stael ihr berühmtes Deutschlandbuch schrieb, klafften deutsche Grandiosität und eine desaströse politische Realität auseinander. Im Gebiet der Spekulation dulden die Denker und Dichter keinen Zweifel an ihrer Fähigkeit zur alleinigen Herrschaft. Die emanzipierte Französin kann nur spotten; „Der Geist der Deutschen scheint mit ihrem Charakter in keiner Verbindung zu stehen, jener leidet keine Schranken, dieser unterwirft sich jedem Joche, jener ist unternehmend, dieser blöde. Die größte Kühnheit im Denken verbinde sich mit dem folgsamsten Charakter.“

In 100 Jahren hatte sich der Abstand zwischen Denken und Tun verloren. Im Dritten Reich des Heiligen Geistes taten sie, was sie dachten. Was dachten sie? Dass sie die finalen Herren der Welt seien, die über Tod und Leben anderer Völker verfügen. Mehr als ein halbes Jahrhundert nach dem Schock der Niederlage, beginnen sie sich allmählich wieder zu berappeln – und erinnern sich subkutan ihrer Kompetenz zur Größe. Die Kanzlerin hat keine Schwierigkeiten, die nicht vorhandene Schärfe ihres Denkens mit einer harmonisch scheinenden Dominanz zu verbinden.

Zur neugermanischen Überlegenheit gehört der Stolz auf die Perfektion ihrer Industrie und das Ausmaß ihres Wohlstands. Daran wollen sie nicht mehr rütteln lassen. Deshalb ihre altbewährte Methode, einen Kandidaten, den sie wegen sozialer Retuschen nicht mögen, erst in den Himmel zu heben – um ihn anschließend in den Keller zu stürzen. „Auch Schulz kann nicht über das Wasser laufen“, vermelden sie genüsslich die erste Niederlage ihres einstigen Wundermanns. Wer hatte denn behauptet, dass er über Wasser laufen könne, wenn nicht sie selbst?

Reformen? Reformen brauchen die Deutschen nicht. Ihnen geht es gut. Und wenn sie das Gegenteil behaupten, liegt es nur an ihrem eingefleischten, völlig grundlosen Hang zum Schwarzsehen.

Gab es jemals Umfragen, in denen die Frage gestellt wurde: Halten Sie das wirtschaftliche System für gerecht? Der subjektive Gefühlsstand der Deutschen richtet sich nicht nur nach dem eigenen Kontostand, sondern nach der Einschätzung einer bedrohlichen Zukunft und dem gefühlten Unrecht der Weltsituation. Unglaublich, aber wahr: Menschen fühlen mit, selbst die Deutschen. Ständige Katastrophenmeldungen über menschliches Elend und immer bedrohlichere Naturverwüstungen bleiben bei niemandem in den Kleidern hängen. Auch die ständige Gefahr des eigenen Absturzes oder eines nie gelingenden Aufstiegs bestimmt die Einschätzung der eigenen Lage.

Die Frage: wie schätzen Sie ihre eigene Lebenssituation ein, beantworten Deutsche einerseits in dankbarer Zufriedenheit, dass sie das Schicksal fremder Völker nicht erdulden müssen. Andererseits finden sie es nicht gerecht, nur ihre eigene Befindlichkeit als Maßstab aller Dinge zu befragen. Die Interview-Technik der Umfrager kokettiert mit Suggestivfragen – damit sie jene Antworten hören, die sie selbst für richtig halten. Gelegentlich sind Deutsche wie Kinder. Sie ahnen, was man von ihnen erwartet – und sind freundlich genug, diese Erwartungen zu bedienen.

Wegen ökologischen Unsinns will Fleischhauer keinesfalls – die Wertarbeit und Saturiertheit der Deutschen aufs Spiel setzen: „Spätestens 2030 soll der Hammer fallen, dann sollen in Deutschland nur noch Elektroautos zugelassen werden. Mit denen kann man auch Geld verdienen, aber deutlich weniger. Man braucht auch keine deutschen Ingenieure mehr, um sie zusammenzusetzen, das kann jeder Koreaner.“

Nicht anders als BILD schaut der deutsche SPIEGEL-Perfektionist mit Arroganz herab auf andere Völker. Das deutsche Haus ist in Ordnung. Punktum. Wie es in der Welt aussieht, interessiert keinen Bewunderer des deutschen Insel-Glücks. Wehe aber, wenn deutsche Zufriedenheit zur Selbstzufriedenheit ausartet, die sich für die Zukunft nicht rüstet. Liest man Jean Zieglers gnadenlose Weltbetrachtungen, muss man sich fragen, ob die Deutschen in derselben Welt leben wie andere Völker:

„Die Welt quillt über vor Reichtum. Und alle fünf Sekunden verhungert ein Kind unter zehn Jahren. Aber die Risse in der kannibalischen Weltordnung werden sichtbarer. Diese Menschen sterben durch Kriege, Hunger, Kindersterblichkeit, durch verseuchtes Wasser oder an sich längst besiegte Epidemien. Acht Milliardäre haben heute mehr Vermögen als 3,6 Milliarden ärmste Menschen. Da heißt es: Ja, das ist moralisch verwerflich. Aber Konsequenzen hat es keine. Dabei wird das bezahlt durch das Elend der untersten Schichten. Alle Steuerreformen der Industriestaaten wurden seit 21 Jahren nur für das Kapital gemacht. Die Sozialstaaten werden ausgehöhlt.“ (Kurier.at)

Gegen solche Wirklichkeitsbeschreibungen sind die übersättigten Deutschen allergisch geworden. Diese zwanghaften Apokalypsen nerven. Wir leben in der besten aller Welten.

Fleischhauers Hymne an Mercedes & BMW endet mit einem wissenschaftlichen Furioso, das, verglichen mit dem amerikanischen Creationismus, eine naturwissenschaftliche Glanzleistung ist. Streng wissenschaftlich will Fleischhauer Trumps biblizistische Ignoranz noch übertreffen.

„Außerdem halte ich viel davon, die Dinge wissenschaftlich zu sehen. Eine der größten Quellen von Feinstaub ist der Wald. Jeder Nadelbaum gibt chemische Verbindungen in die Atmosphäre ab, die zu winzigen Aerosol-Partikeln kondensieren. Die Experten sprechen von "biogenen Emissionen".

Nicht der Mensch ist Zerstörer der Natur, es ist die Natur selbst, die sich mit naturverträglichen Mitteln ausrottet, die garantiert nicht verträglich sind. Zur Strafe für diese biologische Erbsünde soll sie zugrunde gehen.

 

Fortsetzung folgt.