Weltdorf LXXXVI

Tagesmail - Montag, den 27. März 2017

Hello, Freunde des Weltdorfs LXXXVI,

nein, Europa ist kein Elitenprojekt.

Wäre es eines, sähe man keine Demonstranten in Rumänien, England, Deutschland und vielen Ländern leidenschaftlich für die europäische Verbundenheit eintreten. Hätte es nicht deutsch-französische Partnerschaften auf unendlich vielen Ebenen geben können. Wären die VW-Deutschen niemals in riesigen Scharen übe die Alpen gezogen, um in Rimini Urlaub zu machen. Wäre der Kneipenbesuch beim Italiener oder Griechen niemals zur beliebten Gewohnheit geworden. Würde es weder publikumswirksame europäische Fußballspiele noch einen weltweit ausstrahlenden Eurovision Song Contest geben. Wäre Europa schon vor der deutschen Wiedervereinigung auseinandergefallen. Eine Osterweiterung ohne Zustimmung der Völker wäre undenkbar gewesen.

Ja, Europa ist ein Elitenprojekt.

Denn alle Politik wird von Eliten durchgeführt. Nur sie haben die Macht, politische Entscheidungen zu treffen und gegen die Widerstände des Volkes zu vollstrecken. Alle Kriege Europas waren Elitenkriege, Religionskriege verfeindeter Priester und Familienkriege verwandter Königshäuser.

Nein, Europa ist kein Elitenprojekt.

Es waren die Amerikaner, die die europäischen Staaten zur Vereinigung drängten, mit Marshallplänen unterstützten – um Verbündete im neu entfachten Kalten Krieg gegen die Sowjetunion zu gewinnen. Ursprünglich sollte es nur eine militärische Kooperation sein, doch sie scheiterte an den Weltmacht- und Atomgelüsten Frankreichs. Der nächste Schritt war eine Kohle-Stahl-Montan-Union. Aus Kohle und Stahl kann man Kanonen gießen. Die konnten nicht mehr zur nationalistischen Gefahr werden, wenn sie unter gemeinsamer Kontrolle stünden.

In einem PHOENIXgespräch behaupteten drei Elite-Professoren aus Frankreich, Italien und Deutschland, Europa sei ein Elitenprojekt – obgleich alle drei die ...

... amerikanischen Zangengeburtsmaßnahmen erwähnten, ohne die es kein Europa gegeben hätte. Gönnerhaft wurden die vielen jungen Menschen erwähnt, die heute Schillers Ode an die Freude auf Straßen und Plätzen singen würden.

Eliten – besonders edelschreibende – lassen sich demokratisch gerne bedienen. Ihre Neutralität können sie wegen drohender Gefahren doch nicht einfach an den Nagel hängen. Beobachter, seid hart: geht lieber aufrecht zugrunde, als euch an pöbelhaften Rettungsaktionen zu beteiligen.

Als die Völker vor Jahren ein politisch einträchtigeres Europa wollten, wurden sie von ihren Eliten abgeschmettert. Zwei Nationen votierten für das Falsche – seitdem darf sich kein Pöbel mehr zu europäischen Leitideen äußern. Doch dieselben Eliten fordern heute größere Gemeinsamkeiten, um den Zerfall der Union zu stoppen.

Leider hätten die Eliten versäumt, die Bevölkerungen „mitzunehmen“, sie an die „Hand zu nehmen“, wie Geschichts- und Tagesbeobachter in patriarchaler Heuchelei betonen. Völker sind Kinder, die man lenken und leiten muss. Auch die englischen Brexit-Befürworter seien ausnahmslos Verlierer der Moderne gewesen, war hierzulande unisono zu lesen. Nicholas Boyle, britischer Germanist, stellt sich diesen volksverachtenden Stimmen in einem ZEIT-Interview entgegen:

„Das Argument, dass vor allem die sogenannten Abgehängten, die Globalisierungsverlierer für den Brexit gestimmt haben, ist falsch. Die ärmsten Regionen in Großbritannien liegen in Schottland und Nordirland. Dort hat eine bedeutende Mehrheit für den Verbleib in der EU gestimmt.“ (ZEIT.de)

Was ist der wahre Grund des Abschieds?

„Was aber ebenfalls mit dem Brexit verbunden ist, ist ein unbewusster englischer Nationalismus. Damit geht auch die Vorstellung einher, man sei einzigartig.  Diese Vorstellung, dass die Engländer anders sind als alle anderen, existiert schon sehr lange. Sie hatte einen gewaltigen Einfluss auf die gesamte gesellschaftliche und politische Struktur des Vereinigten Königreichs.“

Seit ihrer Welteroberung mit Waffen und Kapitalismus fühlen sich die Insulaner als auserwählte Herrenmenschen – für die es undenkbar ist, sich zweitrangigen europäischen Staaten unterzuordnen. Darwin und Malthus waren britische Pastoren, die den unerbittlichen Seligkeits-Wettbewerb der Völker zu einem Gesetz der Evolution machten. Das Commonwealth war das sichtbare Reich Gottes unter Führung der Puritaner. Maggie Thatcher musste mit viel Geld und Sonderrechten zum Beitritt überredet werden. Einem gewissen Kohl traute sie nie über den Weg. Diese nie bearbeiteten unterschwellig gärenden Ressentiments fanden in der Brexitentscheidung ihre überfällige Detonation.

„Jedoch hat es hier nie so etwas wie Vergangenheitsbewältigung gegeben. Die Identitätsprobleme, die sich daraus ergeben haben, sind nie angesprochen worden. Ob der Brexit dazu führen wird, dieses Trauma zu überwinden, muss sich noch zeigen. Ich habe keinen Zweifel daran, dass das Leave-Votum von imperialistischer Nostalgie geprägt war.“

Europa fand sich – unter dem Druck des fürchterlichen Weltkriegs und der pädagogischen Nachhilfe der Amerikaner – zur Kooperation mehr geschoben als innerlich bereit. Der Frieden war das Ergebnis der Not und Erschöpfung, nicht das Werk ihrer Einsicht. Die Deutschen waren die einzigen, die ihre Vergangenheit „bewältigten“. Doch ganz und gar nicht aus freier Überzeugung, sondern weil sie von ihren Befreiern unter Druck gesetzt wurden.

Erst die 68er-Bewegung begann den mühsamen Generationenkonflikt mit ihren Verbrecher-Eltern. Auch diese Revolte blieb einseitig. Die Kritik am totalitären Nationalsozialismus wurde empfindlich geschwächt durch die gleichzeitige Überidentifikation mit dem totalitären Sozialismus. Noch heute sind die postmarxistischen Linken nicht in der Lage, die faschistischen Teile ihres Programms – die Anbetung einer automatischen Heilsgeschichte, die Verachtung der Vernunft, die nicht nur interpretieren, sondern auch bewirken kann – zu benennen und auszusortieren.

Der rechte und der linke Totalitarismus sind eineiige Zwillinge. Die Deutschen bearbeiteten zwölf Jahre des Dritten Reichs – das war‘s. Die Wurzeln desselben in ihrer langen Geschichte ignorierten sie. Ihre Dichter und Denker wurden weißgewaschen und zu Helden der Menschheit erhoben.

In anderen Ländern geschah fast nichts. Auch Frankreich verschwieg die Kollaboration mit den „schönen“ Deutschen. Ihre unrühmliche Kolonialgeschichte wird noch immer unter den Teppich gekehrt. Als Macron in Algier sich für die französische Gewaltherrschaft entschuldigte, sank seine Beliebtheit über Nacht. Auch die Franzosen empfinden sich als Erwählte der Geschichte, die als Atommacht eine führende Stellung in der Welt beanspruchen.

In dieser historischen Selbsterblindung befinden sich alle europäischen Nationen. Dass nach jedem Sprung ins Humane eine Gegenbewegung stattfindet, weil die emotionalen Aversionen gegen den Sprung nicht bearbeitet wurden, scheint in ganz Europa unbekannt. Viel Wehgeschrei über Rückfall und Krise – und nicht die geringste Einsicht über die Ursachen dieser vorhersehbaren Akkommodation von Kopf und Gefühl.

Gefühle sind vorsichtig und argwöhnisch. In bedächtiger Langsamkeit müssen sie die Hüpfbewegungen des Kopfes überprüfen. Der erste Gefühlsüberschwang muss unter die Lupe der emotionalen Vernunft. Auch Gefühle haben ihr Sapere aude. Jeder Rückfall kann in einen Fortschritt verwandelt werden – wenn man sich die Gründe der Regression bewusst macht. Unter der Tyrannei eines atemlosen Fortschritts und eines süchtigen Futurismus gibt es kein Luftholen. Nachdenken ist Zeitverschwendung.

Das Denken überließ man früher dem Klerus und der Obrigkeit. Bald wird man es superintelligenten Maschinen überlassen, die den homo sapiens in allen Dingen überholen. Auch in der Beantwortung der schwierigsten aller Fragen: erkenne dich selbst.

Einst sprachen die Menschen regelmäßig mit ihrem Gott. In absehbarer Zeit werden digitale Untertanen genötigt, eine halbe Stunde ihren Super-Maschinen zu beichten. Liebe Maschine, ich bete dich an: welche Sünden beging ich am heutigen Tag? Sag mir, wie ich meine Schwächen überwinden kann! In deiner nie erlahmenden Nachsicht und Güte wirst du mir deine Weisheit nicht vorenthalten.

Derweilen gehen die Geisteswissenschaften flöten. Philosophischen Unterricht gab es ohnehin nie in den Schulen. Was sind Weltweisheiten gegen die Erfordernisse der Seligkeits-Optimierung? Politik durfte nie konkret und aktuell werden. Geschichte wird mit Geographie und ökonomisch-technischer Ertüchtigung zu einem Fach verrührt, in dem die Idolisierung des Made in Germany zur Pflicht wird.

„Solche Debatten über die angebliche Irrelevanz der Humanities sind Legion, insbesondere seit die Universitäten immer stärker nach einer Verwertungslogik funktionieren: Erwünscht ist heute primär eine praxisorientierte Ausbildung, also Wissen, das einen direkten volkswirtschaftlichen Nutzen hat. Die Wirtschaft benötige stattdessen mehr Ingenieure und Informatiker.“ (NZZ.ch)

Der von Trump revitalisierte Nationalismus wird von BILD-Wagner zu einem mit Blümchen garnierten Eintrag im Poesie-Album neugermanischer Tüchtigkeit:

«Made in Germany» ist eine Auszeichnung für unser Leben als Deutsche. Und nach getaner Arbeit – ein Bier. Das ist «Made in Germany». Arbeit ist Glück. Über die Arbeit werden wir glücklich. Ein Tischler, der aus einem Stück Holz einen Stuhl macht, ist glücklich.“ (BILD.de)

Wer sind die Gegner des deutschen Arbeitsglücks?

„Aber da kommen schon die Moralisten, Analysten, Ökolisten und Vertreter des Weltbewusstseins.“

Moralisten halten Moral für die Grundlagen einer humanen Weltgesellschaft. Analysten erforschen die Ursachen der Inhumanität. Ökolisten bekämpfen die Gründe der Naturschändung. Vertreter des Weltbewusstseins sind Kosmopoliten, die sich gegen verletzte Menschenrechte in aller Welt einsetzen.

Wagner plädiert für das Gegenteil: für amoralische, blinde Naturvernichtung und einen bornierten Nationalismus, dem das menschenunwürdige Schicksal anderer Völker gleichgültig ist. Dass Schäuble und seine Kanzlerin mit ihrer gnadenlosen Finanzpolitik eine unerwünschte Regierungspartei in Griechenland zerstören wollen und sonst nichts, kümmert einen Wagner nicht die Bohne. Hauptsache, das Bier schmeckt, wenn er Bayern München gegen Real Madrid in TV beim Siegen erlebt.

„Ich hoffe, dass sich das griechische Volk nicht unterkriegen lässt. Die Politik der Bundesregierung hat Griechenland massiv geschadet. Schäuble geht es nicht um eine ökonomisch sinnvolle Perspektive für das Land. Sein Kalkül ist, Syriza zu Fall bringen. Das wollte er immer und er will es weiterhin.“ (TAZ.de)

Arbeit wird bei Wagner zu Glück. Sie ist nicht länger Folge des Sündenfalls im Schweiß des Angesichtes, sondern die Lust am bloßen Produzieren. Gleichgültig, ob das Schaffen Mensch und Natur schadet. Ich produziere, ich kreiere, also bin ich.

Trotz ora et labora war mühselige Arbeit im Allgemeinen nicht das Geschäft der Mönche, jener Ausgesonderten, die durch heiligmäßigen Status weit über dem ordinären Pöbel standen, der allein für sündige Maloche zuständig war.

Hier begann die systematische, im Namen der Religion exekutierte Verachtung der unteren Klassen. Wie immer, mit gebotener Ambivalenz: Volkes Stimme ist zugleich Gottes Stimme. Diese beiden Wertungen des niederen Volkes gelten noch heute und werden wahlweise aus dem Ärmel gezogen.

Populisten, die an die Macht wollen, geben vor, die hehre Moral des Volkes zur Geltung zu bringen. Populisten hingegen, die schon an der Macht sind, argwöhnen, die Meinungen der Shitstorm-Mehrheit sollen zur Machtergreifung missbraucht werden. Der absichtlichen Verdummung durch raffinierte Volksverführer setzen die von Gott berufenen Machthaber die blanke Wahrheit entgegen: Volk, glaub denen nicht, die dich für kompetenter halten als uns, die wahre Obrigkeit. Die Welt ist kompliziert und entzieht sich deinem Spatzengehirn.

Dann kam Luther, der die Mönche verachtete und die Arbeit der normalen Menschen zum Gottesdienst erhob. Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen. Wer arbeitet, wird selig werden. Justament die neue Lehre von der Rechtfertigung allein durch Gnade heiligt die Werke des Berufs zum „Ausdruck der Nächstenliebe“, wie Max Weber analysiert.

„Worin jeder berufen worden ist, ihr Brüder, darin bleibe er vor Gott. Jeder bleibe in dem Stand, in dem er berufen worden ist. Bist du als Sklave berufen, sorge dich nicht: auch wenn du frei werden kannst, bleibe in deinem Stand.“

Keine Rede von Aufstieg durch Bildung, von Mobilität und Flexibilität um des Erfolges willen. Gott bestimmt, dabei bleibt es. Keine Rede von Sklavenbefreiung, von Emanzipation der Unterdrückten, von Gerechtigkeit sozialer Beziehungen. Berufsarbeit, „die Erfüllung der innerweltlichen Pflichten ist der einzige Weg, Gott wohlzugefallen, dass sie und nur sie Gottes Wille sei und jeder erlaubte Beruf vor Gott gleich viel gelte. Berufsarbeit wird, in fast groteskem Gegensatz zu Adam Smiths bekannten Sätzen dadurch begründet, dass die Arbeitsteilung jeden Einzelnen zwinge, für andere zu arbeiten.“ (Max Weber, Die protestantische Ethik)

Adam Smith hatte von Nächstenliebe abgeraten und für Egoismus plädiert – der in der Gesamtsumme der Gesellschaft dennoch zum Wohl aller ausschlagen würde. Wenngleich durch eine unsichtbare Intervention Gottes:

„Nicht vom Wohlwollen des Fleischers, Brauers oder Bäckers erwarten wir unsere Mahlzeit, sondern von ihrer Bedachtnahme auf ihr eigenes Interesse. Wir wenden uns nicht an ihre Menschen-, sondern an ihre Eigenliebe, und wir erwähnen nicht die eigenen Bedürfnisse, sondern sprechen von ihrem Vorteil. Niemand möchte weitgehend vom Wohlwollen seiner Mitmenschen abhängen.“ (A. Smith)

Hier zeigt sich der Urgegensatz zwischen neucalvinistischem Seligkeitsegoismus, der niemandem traut, nur für das eigene Wohl arbeitet – und lutherischer Berufsseligkeit, die sich nächstenliebend und uneigennützig äußert. Obgleich der Seligkeitsegoismus in beiden Versionen der gleiche ist. Bei Adam Smith wird Egoismus in der Summa zur guten Tat an der Gesellschaft. Voraussetzung ist eine Leistung, die nachweisbaren Profit erbringt. Für den Lutheraner hingegen ist profitbringende Leistung belanglos. Die Arbeit selbst ist das Liebeswerk – ob es ein zählbares Ergebnis einbringt oder nicht.

Engländer legen Wert auf das, was „hinten rauskommt“. Die Deutschen sind ökonomisch rückständig: sie legen Wert auf die Berufsmaloche an sich. Gott wird das Tun schon segnen, davon sind treue Lutheraner überzeugt. Den Augenschein in cash haben sie nicht nötig.

Die fromme Ergebenheit der Lutheraner schließt den Glauben ein, Gott werde für Arbeit schon sorgen. Er beruft jeden Menschen in den Stand des Berufs, den er für den richtigen hält. Eine eigenmächtige Mobilität von Beruf zu Beruf, von Job zu Job, um einen Aufstieg zu wagen, ist ausgeschlossen. Aufsteigen ist Ungehorsam gegen den Befehl: jeder bleibe in seinem Stand.

Das ist der Grund, warum deutsche Arbeitslose bei Einführung des Neoliberalismus Mühe hatten, sich einen neuen Job aus eigener Motivation zu suchen. Eher warteten sie ab, um den Ruf Gottes passiv zu vernehmen. Schröder, jener Atheist, der vor seiner Wahl noch blitzschnell mit seinem Gott ins Reine kam (wie Steinbrück), hat Passivität nicht im Sinne Luthers als Abwarten, sondern im Sinne Blairs als Faulheit verstanden, die der Staat nicht dulden könne. Wer die theologischen Urgründe der Moderne nicht zur Kenntnis nimmt, kennt die Moderne nicht.

Auf den ökonomischen Ertrag seiner Arbeit musste der Lutheraner nicht achten. Seine Maloche war noch vom strafenden Schweiß der Maloche durchtränkt. Arbeit muss in schweigendem Gehorsam verrichtet werden. Bei Wagner fällt noch der Schweiß der entfremdeten Mühe weg. Arbeit wird für ihn zum Glück an sich, das keiner weiteren Bestätigung bedarf. Die Deutschen, so Wagner, sollen arbeiten um der Arbeit willen. Gerechte Löhne sind überflüssig. Der Profit soll denen überlassen werden, die Gott zu Profiteuren berufen hat.

Für Fromme ist Glück nur als jenseitige Seligkeit vorgesehen. Irdisches Glück ist ausgeschlossen. Amerikanische Milliardäre des alten Schlags müssen reich werden, dürfen aber den Lustertrag ihres Eigentums nicht abschöpfen. Mitten in ihren Goldbergen müssen sie sparsam leben wie schwäbische Hausfrauen. Sorgfältig muss bei ihnen das Licht gelöscht, Klopapier gespart und jeder Groschen zweimal umgedreht werden, bevor er ausgegeben werden darf. Warren Buffett lässt sich von seiner Frau sein spärliches Taschengeld zuteilen, damit er sein tägliches Frühstück aus McDonalds bezahlen kann.

BILD erdreistet sich, eine Story zu bringen, als könne jeder Mensch Milliardär werden, wenn er nur spartanisch genug lebe. Mit indirekten Werbemethoden soll der Antrieb zum Arbeiten und Reichwerden subkutan angeregt werden. Der SPIEGEL bevorzugt die Anpreisung „traumhafter Häuser und Luxusschlitten“, um das Interesse am selbstkasteienden Malochen nicht verkümmern zu lassen.

„Buffett ist nicht der einzige Super-Reiche mit Geiz-Macken. „Reiche Leute werden halt nicht reich, weil sie ihr Geld ausgeben. Haben kommt von behalten“. (BILD.de)

Fast alle französischen Aufklärer benutzten den Begriff des Eigenwohls, um das Gesamtwohl an der Gesellschaft zu bezeichnen. Das eigene Wohl kann nur erreicht werden, wenn das Gesamtwohl angestrebt wird. Das klingt verwirrend. Egoismus, einst eine theologische Sünde, verwandelt sich in der Aufklärung zur Grundlage des Gesamtwohls. Offenbar aus Trotz gegen die heuchelnde Nächstenliebe des Klerus, wurde Egoismus zum wohlverstandenen Eigeninteresse verklärt. Wer für sich am besten da ist, ist zugleich am besten für die Gesellschaft da.

Rousseau unterscheidet zwischen einer vorbildlichen und einer verwerflichen Selbstliebe. In ihrer Revolte gegen die Religion blieben die Aufklärer in vieler Hinsicht von ihr abhängig. Eine notwendige Korrektur und Weiterführung der Aufklärung hätte die Aufgabe, sich von allen frommen Kontaminationen zu lösen. Die mangelhafte Ablösung der Vernunft vom Glauben missbrauchen die Deutschen, um Vernunft und Glauben in einer unerquicklichen Symbiose zu vermengen.

Das Gegenteil ist richtig: es waren nicht die Eliten, die beim Europa-Projekt das Volk zurückgelassen hätten. Es waren die Völker, die die Eliten nicht genau überprüften, ob sie ihren Willen in Taten verwandelten. Wie die deutsche Demokratie immer mehr verludert, so verludert die EU unter der Führung der Deutschen immer mehr zu einem versteinerten Moloch.

Dirk Schümer hat die Parteien-Oligarchie der BRD in der WELT beschrieben. Fraktionszwang, Fünfprozentklausel, Scheinwahl des Bundespräsidenten, Omnipräsenz der Parteien in allen Bereichen der Gesellschaft sind nur einzelne Anzeichen einer sklerotisierten Volksherrschaft, in der das Volk immer weniger zu sagen hat:

„In seinem neuen Buch „Die Hebel der Macht und wer sie bedient“ zeichnet von Arnim jetzt ein illusionsloses Bild der deutschen Demokratie: Von einem Staat mit einigermaßen aktiver Bürgerbeteiligung droht sie zu einem sterilen Feudalsystem der Parteien zu verkommen.“ (WELT.de)

Nein, Europa ist kein Elitenprojekt. Das Begehren der Völker nach einer solidarischen und gerechten EU-Union wird von den Eliten schnöde zurückgewiesen. Für die Eliten ist die EU eine wirtschaftliche und militärische Vereinigung, die ihre moralische Sinnleere mit Religion auffüllen muss. Es ist wie bei Novalis. Europa steht unter der Ägide eines totalitären Glaubenssystems, das die Unverschämtheit besitzt, gewählten Politikern demokratischen Nachhilfeunterricht zu erteilen.

Pünktlich zum Jubiläum versammelten sich die Regierungshäupter der EU in Rom, küssten demütig die Hand des Papa Christianorum und beugten ihr Haupt unter die Ermahnungen eines Kirchenführers, der sich moralische Überlegenheit anmaßt, obgleich er nicht das geringste Interesse an einer Reform des irdischen Staates hat. Seine Kritik an den Missständen ist eine indirekte Hasspredigt gegen den irdischen Staat im Gewande patriarchaler Ermahnung.

Viele Romantiker hatten bereits die Idee eines vereinigten Europas unter religiösen Vorzeichen. „Das Ziel der Einheit soll durch die Schaffung von Verträgen, Statuten oder Institutionen erreicht werden – wohingegen die Geschichtstheologen eine religiöse Einheit als Voraussetzung einer Unifikation auf allen politisch-gesellschaftlichen Lebensgebieten betrachten.“ (Aus: „Europa, Analysen und Visionen der Romantiker, herausgegeben von Paul M. Lützler)

Ein perverses Schauspiel: Demokraten, die ihren Stolz an der Garderobe abgaben, unterwarfen sich der Unfehlbarkeit eines Papstes, der seine Weisheit nicht demokratischer Kompetenz, sondern jenseitigen Offenbarungen verdankt.

„Es waren schöne, glänzende Zeiten, wo Europa ein christliches Land war, wo eine Christenheit diesen menschlich gestalteten Weltteil bewohnte; ein großes gemeinschaftliches Interesse verband die entlegensten Provinzen dieses weiten geistlichen Reichs. – Ohne große weltliche Besitztümer lenkte und vereinigte ein Oberhaupt die großen politischen Kräfte. Wie heiter konnte jedermann sein irdisches Tagwerk vollbringen, da ihm durch diese heiligen Menschen eine sichere Zukunft bereitet, und jeder Fehltritt durch sie vergeben, jede mißfarbige Stelle des Lebens durch sie ausgelöscht und geklärt wurde. Sie predigten nichts als Liebe zu der heiligen Frau der Christenheit, die mit göttlichen Kräften versehen, jeden Gläubigen aus den schrecklichsten Gefahren zu retten bereit war.“ (Novalis, Die Christenheit oder Europa)

Welch erhabenes Schauspiel: der mächtigste Seelenführer der Welt, Hand in Hand mit der mächtigsten Frau der Welt, sorgen für eine glänzende Zukunft Europas und retten ihre Untertanen aus den schrecklichsten Gefahren. Europas Zukunft ist sicher.

 

Fortsetzung folgt.