Weltdorf LXXXII

Tagesmail - Freitag, den 17. März 2017

Hello, Freunde des Weltdorfs LXXXII,

Wundermänner werden es richten: Trudeau, Macron, Jesse Klaver, holländischer Grüner, Trump, Master of Universe, Sebastian Kurz, Wiener Nachwuchscharmeur – und Schulz, germanische Männerversion des Schicksalbezwingers, der seine zweite Chance nutzte, um sich an die Spitze Europas zu setzen.

Blendend aussehen, nationaler Meister in mindestens drei Disziplinen, Gehirn von Einstein, Charme von George Clooney, Klavier spielen wie ein Tastenlöwe, ein Wallstreet-Tausendsassa, kurz nach dem Sandkasten Minister, alle Eliteschulen mit summa cum laude, Schwarm aller Frauen, beneideter Heros aller Männer.

Doch Wunder-Mami – die immer abschreiben ließ und nur in Leibesübungen versagte – ist gewappnet und verliert nie ihre Contenance: „Ich glaube, ich habe recht. Ich bin mir sogar ganz sicher, dass ich recht habe.“ Da sollen sie mal kommen, die alle Frauen um deren Vagina beneiden: der Geschlechterkampf ist eröffnet. Wer kann rechter haben als jemand, die immer recht hat?

Die Traumformeln: auch du kannst es schaffen, jeder hat eine Chance, sind Albtraumformeln, die jede Demokratie ruinieren. In der Polis der Freien und Gleichen zählt nicht der Erste, Schönste, Genialste und Potenteste, sondern jedefrau und jedermann, die sich um das Gemeinwesen kümmern – das auch ihre Existenz umfängt. Der zoon politicon will niemanden überragen, außer in der Suche nach der Wahrheit und in der Sorge um die Polis.

In Demokratien gibt es nur ein Ziel der Selbstfindung: selbstbewusster Demokrat zu werden. Dann ist man seiner höchsten Kompetenz gerecht geworden. Auch du kannst es schaffen, ist die Vernichtung der Würde, die jedem Menschen voraussetzungslos zugeschrieben wird. Denn wer es nicht schafft? Der gehört zum ...

... Abfall der Geschichte.

In der Horde der Selbstbewunderer gilt jeder als Nichts, der es nicht schafft, Erster zu werden. Die Horde ist keine Aristokratie – aristoi sind die Vorbildlichen –, sondern eine Elitokratie, die erschlichene Herrschaft der Listigsten und Bedenkenlosesten. Reich zu werden ist keine demokratische Tugend. Demokratische Macht zu erringen, ist nur erforderlich, um den Mächten des Hasses legitimen Widerstand zu leisten.

Die Ängste der Kinder und Jugendlichen spüren den Widerspruch zwischen demokratischer Gleichwertigkeit – dem Gegenteil von Gleichmacherei – und machtgestütztem Dünkel, der auf Geld, Kreativität, technischem Genie oder sonstiger Brillanz beruht.

Wie viele Sendungen gibt es in den öffentlich-rechtlichen Deformierungs-Kanälen, die keinen anderen Zweck kennen, als die Selbstbewunderung von Menschen ins Groteske zu heben. Der öffentliche Unterhaltungssektor ist nichts als ein Zirkus, der wenige ins Licht stellt, die Meisten dem anonymen Dunkel überlässt. Zuerst wird die Kluft zwischen Ersten und Überflüssigen produziert, dann die Kluft zwischen Reichen und Armen, Mächtigen und Ohnmächtigen.

In funktionierenden Demokratien ist Macht ein rotierendes, kein statisches Element. Selbst Aufklärer waren nicht davor gefeit, ihre Hoffnung auf eine Elite zu setzen und das Volk zu verachten. In einem Brief an Friedrich den Großen schrieb Voltaire:

„Eure Majestät wird dem Menschengeschlecht einen ewigen Dienst erweisen, wenn Sie diesen unrühmlichen Aberglauben (gemeint war das Christentum) auslöschen. Ich meine nicht beim Pöbel, der es nicht wert ist, aufgeklärt zu werden, und der auf jeden Scherz herein fällt; ich sage unter den Wohlerzogenen, unter denen, die zu denken wünschen.“

Die Wohlerzogenen wünschen zu denken? Welch schreckliche Fehleinschätzung eines Adligen. Erst die zweite Generation der Aufklärer entschloss sich, zu demokratischen Freunden des Volkes zu werden. Es war ein verhängnisvoller Irrtum, ein demokratisches Volk als Gemeinschaft der Homogenen und Gesichtslosen zu definieren. Egalitarismus ist ein ambivalenter Begriff, der nicht genau unterscheidet zwischen Gleichwertigkeit und charakterlicher Gleichheit. Das Völkische ist Gift für jeden Demos, der sehr wohl zur selbstkritischen Nüchternheit fähig ist. Wer das Volk in den Himmel hebt, stürzt es anschließend in die Hölle.

Nicht anders bei Müttern. Wer seinem Führer viele Soldaten gebiert und dafür einen Mütterorden erhält, degradiert die Mutterschaft zum Kinderproduktions-Instrument. Elisabeth Badinter wirft den Deutschen eine Mutter-Ideologie vor, indem sie auf die Nazizeit verweist. Absurder geht es nicht. Wie Gott Maria zum Brutkasten seines Sohnes erniedrigte, missbrauchten die Übermenschen ihre Frauen als passive Austrägerinnen ihres herrischen Nachwuchses.

Die Moderne, die täglich neue Zukunftsvisionen halluziniert, vernichtet jede Zukunft, da sie die Gegenwart der Jugendlichen mit Ängsten vergiftet. Wer nicht vital seine Gegenwart erleben kann, kann seine Zukunft nicht angstfrei gestalten. Wie die Hoffnung der Christen auf ein Jenseits, wird die Zukunft der Moderne zu einer illusionären Fata Morgana.

„Wer kann es uns da verdenken, dass wir pessimistisch sind, wenn wir ständig überall lesen, wie ungerecht die Welt ist und dass es mit uns und der Erde bergab geht? Wir sind also andauernd mit scheinbar perfekten Leben anderer Leute konfrontiert. Menschen, die viel reisen, perfekte Körper haben, über einen großen Freundeskreis verfügen, erfolgreich im Job sind und uns alles in allem das Gefühl geben, unser Leben sei minderwertig. Es ist schwierig, von seiner Zukunft überzeugt zu sein, wenn man permanent Menschen sieht, die im gleichen Alter sind und schon etwas erreicht zu haben scheinen. Auch eigene Talente sehen neben anderen Menschen online blass aus. Man hat das Gefühl, man geht in der Masse unter, ist nicht so einzigartig, wie man immer dachte. Und das ist ein Problem. Neben diesen scheinbar perfekten Menschen fühlen wir uns unterqualifiziert und ungeeignet.“ (Jetzt.de)

Der ständige Wettbewerb um die ersten Plätze ist ein Kollektivverbrechen an den Jugendlichen, die in eine Welt geworfen werden, der sie sich nicht gewachsen fühlen. Wie viel Prozent sind die Ersten? EINPROZENT, wenn‘s hoch kommt. 99PROZENT sind minderwertige Arbeitsdrohnen oder Überflüssige, die von der Evolution demnächst beseitigt werden. Gleiche Bildungschancen zum Aufstieg? Wie viele Plätze auf dem Gipfel sind noch frei?

Wer auch immer Oben das Sagen hat: die Summe der Unteren bleibt gleich, ja, vergrößert sich sogar. Denn die Clique der Führenden wird immer kleiner. Verfassungsgemäße Würde verträgt sich nicht mit einer Klassengesellschaft, in der die Mehrheit der "Durchschnittlichen" und "Zufriedenen" diskriminiert wird. Jeder Zu-friedene, der mit sich in Frieden lebt, wird als "Selbstzufriedener" attackiert. Selbst den Frieden hergestellt zu haben, wäre das höchste Verdienst der Menschheit.

Fit für die Zukunft will eine elitäre Kanzlerin ihr träges Volk trimmen, indem sie die Ängste der Nachkommenden als subkutanen Antrieb missbraucht. Wer Angst hat, zu den Versagern zu gehören, ist leichter zu manipulieren als Furchtlose, die selbst denken und sich nicht erpressen lassen.

Himmlischer Lohn und höllische Strafe waren die pädagogischen Hauptmethoden christlicher Indoktrination. Diese Pawlow‘schen Speichelmethoden sind noch immer die allgegenwärtigen Motivationsinstrumente – sprich Dressurmaßnahmen – des Kapitalismus. Das Verhalten der Menschen soll nicht durch bewusstes Lernen und eigenes Nachdenken gesteuert werden, sondern durch Verführung, Bestechung und Bedrohung. David Riesman sprach vom außengeleiteten Menschen, der nicht eigenem Denken vertraut, sondern der Mehrheit hinterherläuft:

„Der außengeleitete Typus neigt zu Konformität und Opportunismus, richtet sich nach der Mode und strebt soziale Anerkennung an.“

Die Eliten, die über die Fähigkeit verfügen, mit außengeleiteten Reizen – Lohn und Konsum – die Bevölkerung zu steuern, haben keine Probleme, den Pöbel als träge Masse zu beschimpfen. Der Lohn muss so gering wie möglich sein, damit die „Faulen“ sich nicht verwöhnt fühlen. Mit Gerechtigkeit hat die Lohnentwicklung nichts zu tun. Löhne sind Steuerungsmittel der Führungsklassen, die dem Volk das Rückgrat brechen, um ihm anschließend den Vorwurf der Rückgratlosigkeit zu machen.

Faulheit darf nicht belohnt werden: Schröders Satz war der Höhepunkt einer sadomasochistischen SPD, die ihre Klientel, das Volk, zum Hauptfeind erklärt hatte. In Holland versank diese Woche die dortige Arbeiterpartei in Bedeutungslosigkeit. Nicht anders als in ganz Europa. Unter der Führung des alerten Tony Blair entwickelte die Labourpartei einen dritten Weg, der sich als Abweg in den Untergang erwies.

Es rächt sich, wenn man dem neoliberalen Sirenengesang folgt, links und rechts seien bedeutungslos geworden. Es käme nur noch auf sachliche Objektivität an. Nicht nur der Lohn, auch die Ängste der Jugendlichen gehören zum Thema Gerechtigkeit, worüber die Edelschreiber nur noch die Nase rümpfen – bis auch ihre Redaktion von einem profitgierigen Verleger „gereinigt“ wird.

Wusste jemand, dass es noch Psychologen und Psychotherapeuten gibt? Was sagen sie zu den Befindlichkeiten einer angstgeleiteten Jugend? Was haben sie zur Erklärung der gegenwärtigen Krise beizusteuern?

Bei Trump übertrafen sie sich beim Versuch, einen exhibitionistischen Bilderbuch-Kapitalisten zum privaten Psycho-Monster zu erklären. Ihre Ferndiagnose Narzissmus lud alle Schuld auf die Einzelpersönlichkeit und sprach das System von aller Schuld frei. Der Einzelne ist schuld an allem, die Gesellschaft stets schuldlos.

Der Marxismus hatte die traditionelle Schuldzuweisung auf den Kopf gestellt. Das Sein bestimmt das Bewusstsein. Demnach kann das Individuum an seinem Elend nur schuldlos sein. Zugleich aber war das Individuum unfähig, seine Malaise in Eigenregie zu verändern. Bestimmte das objektive Sein die Not des Subjekts, musste es auch dessen Rettung aus der Misere bewerkstelligen. Im Guten wie im Bösen war der Einzelne zur absoluten Passivität verurteilt.

Freud, der als Aufklärer begann, erklärte den kranken Menschen zum Opfer seiner familiären Umstände, und hielt es dennoch für richtig, den Menschen zur Selbstheilung durch Bewusstwerden der Ursachen zu verpflichten. Das war die Geburtsstunde seiner Therapie: aus Es soll Ich werden.

Im Marxismus gibt es kein Ich, das durch Aufklären der Ursachen dem Menschen ermöglichte, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Selbst, wenn er die Ursachen kennt, muss er alles dem Automatismus der marxistischen Heilsgeschichte überlassen. Den Prozess der Veränderung kann er nur ein wenig beschleunigen, wenn er die Mächte der Geschichte vorbehaltlos unterstützt.

Damit haben wir drei Modelle:

a) Das Christentum erklärt den Menschen in allen Dingen für schuldig. Obgleich die Erbsünde ihm aufgenötigt wird durch die lustbetont-sündige Zeugung seiner Eltern, ist er schuldig an seiner angeborenen Bosheit. Obwohl seine Bosheit irreparabel ist, bleibt es seine Pflicht, sich aus dem Joch des Bösen zu befreien. Alles liegt an ihm, obgleich er an seiner Verderbtheit unschuldig ist. Nicht er kann sich retten, nur die Gnade des Herrn kann ihn von allen Sünden erlösen. Jener Mensch aber, der sich dem entwürdigenden Gnadenversuch nicht unterwerfen will, muss verzweifeln. Seine übergroße Schuld – für die er gar nichts kann, weil sie ihm von Oben zugeschrieben wurde – vernichtet die kleinste Fähigkeit, sich aus dem Sumpf selbständig zu befreien.

b) Der Marxismus ähnelt dem christlichen Modell aufs I-Tüpfelchen. Das Sein bestimmt alles, sowohl das kapitalistische Elend, wie die Rettung aus demselben. Das hellste theoretische Bewusstsein verleiht dem Proleten nicht die Kompetenz, sich unabhängig von der Geschichte – „dem Wirken Gottes“ – aus seiner Misere zu lösen. Gott ist Erlöser der Christen, Geschichte die Erlöserin der Proleten.

Selbständiges Denken und moralische Autonomie sind ausgeschlossen, denn sie gehören zum Überbau, der passiver Abdruck des materiellen Unterbaus oder des Seins ist. Marx, in vieler Hinsicht Romantiker, war nur theoretischer Aufklärer. Die Praxis des Menschen folgte keinem kategorischen Moral-Imperativ. Selbstbestimmte Moral war für Marx eine utopische Illusion.

c) Auch der junge Freud konstatiert die objektive Ausgangsbasis des kranken Menschen. Im Gegensatz aber zu Marx und dem Christentum glaubte er an die Fähigkeit des Menschen, durch Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten sich aus seinem familiären Schlamassel zu lösen. Erst der späte Freud hatte – unter dem Eindruck des Ersten Weltkrieges – den Glauben an die Selbstreflexion des nachreifenden Menschen verloren und überließ sich immer mehr der Unausweichlichkeit des Todestriebs.

Wilhelm Reich, enfant terrible des Freud-Kreises, wollte marxistische und freudianische Erkenntnisse zur Synthese bringen. Die Selbsterkenntnis des Menschen, der seinem Elend entkommen will, muss auch die gesellschaftlichen Umstände bedenken. Nur in einer kapitalismus-befreiten Welt kann ein Mensch wirklich Mensch sein. Ähnlich dachten spätere gesellschaftskritische Therapeuten, an führender Stelle Erich Fromm. Wilhelm Reich wurde aus der marxistischen Partei wie aus dem psychoanalytischen Verband ausgeschlossen. Linientreue Linke hassen noch heute die Selbstentfaltung des privaten Individuums durch Wahrheit und Moral. Psychoanalytiker ignorieren noch heute die objektiven Verhältnisse der Gesellschaft.

Wo steht die gegenwärtige Psychotherapie, die sich seit Jahrzehnten nicht mehr klar und deutlich zu gesellschaftlichen Problemen geäußert hat?

Tatsächlich, auf einem Kongress der Seelenheiler wurden die Beziehungen zwischen privatem und politischem Elend angedeutet:

„Wir verdrängen ins Unbewusste, dass wir etwas mit der Aufrechterhaltung der gesellschaftlichen Verhältnisse zu tun haben“, stellte Perzy fest. Dennoch müssten wir nicht in einem ewigen Kreislauf aus Angst, Abwehr und Verdrängung verharren. Die Thematisierung der gesellschaftlichen Erfahrungen sei bereits Teil ihrer Aufhebung. Schließlich hat schon der große Psychoanalytiker Paul Parin gesagt, eine Psychoanalyse könne nur dann als gelungen gelten, wenn die Unterdrückung durch die gesellschaftlichen Verhältnisse ins Bewusstsein der Analysanden gelangt.“ (TAZ.de)

Die Erhellung der überprivaten Umstände aber würde voraussetzen, dass im therapeutischen Alltag die Erörterung politischer Defizite permanent stattfinden müsste. Davon kann keine Rede sein. Solange sie nicht über Spezialoffenbarungen verfügen, wäre die Teilnahme der Therapeuten an den öffentlichen Debatten eine absolute Voraussetzung.

Doch wo sind die Beiträge der Seelenspezialisten zum Thema Gerechtigkeit, Fortschritt durch Technik, Zerstörung der Familie, Überforderung durch gnadenlosen Wettbewerb, Abwesenheit echter Bildung und karriere-konforme Gleichmacherei der Persönlichkeit? Fehlanzeige. Die Seele hat sich von der Gemeinschaft gelöst und bildet sich ein, unabhängig von allen wirtschaftlichen und politischen Machtfaktoren ihr Heil zu finden.

Mit der Loslösung des Menschen von der irdischen Welt hat sich die Psychotherapie an die Stelle der klerikalen Seelsorge gesetzt. Für fromme Seelenhirten ist jede Seele unmittelbar zu Gott. Damit ist eingetreten, was Freud partout verhindern wollte. Auf keinen Fall sollte seine therapeutische Methode in die Hände der Theologen und Mediziner fallen. Doch genau dies geschah. Je salonfähiger es wurde, sich einige Therapiestunden zu genehmigen, je gesellschaftskonformer wurde das harmlose Geplauder. Warum will man seine Neurosen los werden? Um sich für den Kapitalismus zu optimieren. Wie die Kirche zur Stütze der Obrigkeit wurde, so passte sich die Psychotherapie dem ökonomischen Unrechtssystem lautlos an.

Das Gerechtigkeitsproblem wäre gelöst, wenn die Menschen angstfrei und im Gefühl der unverletzbaren Würde ihr Leben verbringen könnten. Warum befragt niemand die Menschen, was sich ändern müsste, um das Gefühl einer solidarischen Sicherheit zu erwerben?

Zwei Meldungen von heute sind geeignet, den Alarmismus der bedrängten Seele zu aktivieren.

Die erste Meldung betrifft die erneut gewachsene Zahl der Milliardäre, besonders in China. Das Vermögen der Welt, von allen Erdbewohnern erarbeitet, wird zunehmend von einer kleinen Zahl Superreicher abgeschöpft. Von Monat zu Monat erhöht sich der Besitz der Tycoons und schmilzt das Eigentum der unteren Klassen. Die UN verfügt nicht mehr über das notwendige Kapital, um die Hungersnöte in der Welt zu stillen. Trump erhöht den Militäretat und kürzt die amerikanischen UN-Zuschüsse. Auch die BRD zahlt nicht, was die Berliner Regierung einst versprach. Versprochenes muss eingehalten werden, sagt die Kanzlerin – in militärischen Angelegenheiten.

Ist die Kluft zwischen Reich und Arm kein Hauptargument für die bankrottierende Gerechtigkeit der Welt? Nicht für blindgläubige Hayekianer wie Rainer Hank, Edelschreiber der FAZ. In einem Interview mit der Welt wurde er mit dieser Frage konfrontiert:

Die Welt: Ein Linker würde jetzt sagen, wir beide seien elende Ideologen und Schönredner, und er würde stattdessen von der wachsenden Schere zwischen Arm und Reich reden.“

Hanks Antwort ist die stereotype Antwort von Hayekianern, die der Meinung sind, in der besten aller Welten zu leben:

Hank: Ich widerspreche. Die Schere zwischen Arm und Reich schließt sich. Ausgerechnet im postmaoistischen China ist es in den letzten 25 Jahren gelungen, 700 Millionen Menschen aus bitterer Armut zu befreien. Warum? Weil sich das Land für die Marktwirtschaft geöffnet hat.“ (WELT.de)

Eine Kluft ist stets der Abstand zwischen zwei Faktoren. Selbst wenn die Armen vom zunehmenden Reichtum profitieren würden, änderte sich nichts am wachsenden Abstand der Populationen. Reichtum ist schon lange kein Mittel mehr, seine Bedürfnisse zu befriedigen. Die Bedürfnisse der Reichen sind vielfach übersättigt. Reichtum jenseits der Bedürfnisbefriedigung ist pure Macht. Wachsende Kluft bedeutet wachsende Macht der ohnehin Mächtigen.

Jede Demokratie wird zur Farce, wenn der ökonomische Machtfaktor ins Grenzenlose wächst. Zum anderen: wenn die Armut besiegt werden würde, woher dann das riesige Flüchtlingsproblem?

Hank, ehemaliger katholischer Theologe, verschwendet keinen Augenblick an die Frage: wenn der Reichtum der Welt ständig zunimmt, warum ist es nicht möglich, das Elend von Millionen Kindern und Frauen zu verhindern? Hank glaubt an den gerechten Markt, wie er einst an den biblischen Gott glaubte. Dabei übersieht er, dass Hayeks Markt mit Zeit und Zufall zu tun hat und nichts mit Gerechtigkeit.

Den Linken verübelt Hank, dass sie moralischen Utopien anhingen. „Das kann einen im Nachhinein auf die Palme bringen, und es kam einem damals doch so selbstverständlich vor! Das linke Denken hat eine universalistische Utopie, ein Ziel in der Geschichte. Wir kommen aus dem Paradies, wir sind verstoßen worden, und irgendwann werden wir wieder ins Reich der Urgemeinde zurückkehren, wo alle alles haben können und zufrieden sind.“

Offenbar müssen Utopien das Monopol der Frommen sein. Dass eine Vernunftutopie weder auf Heilsgeschichte noch auf faschistische Zwangsmethoden setzt, scheint dem Marktgläubigen unbekannt. Platons faschistischer Idealstaat ist nicht das Vorbild rationaler Lernprozesse. Das Niveau der deutschen Gerechtigkeitsdebatte ist kaum zu unterbieten.

Die zweite Meldung betrifft die Rohstoffe der Welt, die in rasendem Tempo dahinschwinden:

„Das Wachstum von Weltbevölkerung und Wohlstand saugt die letzten natürlichen Rohstoffe aus dem Planeten. Jetzt machen die Industrieländer gegen die Verschwendung mobil.“ (WELT.de)

Deutsche Medien lieben die paradoxe Intervention. Zuerst schockieren sie ihr Publikum mit Katastrophenmeldungen. Dann werden die Leser, die ihre Ängste in apokalyptischen Bildern äußern, wegen neurotischen Alarmismus‘ verhöhnt.

Während Merkel ihr von Gott anvertrautes Volk fit für die Zukunft machen will – mit Einführung künstlicher Intelligenz, erdumspannender Roboterisierung und sonstigem IT-Wahn – gehen längst die dazu notwendigen Rohstoffe aus:

„Der Bedarf an Lithium, das für Informationstechnik wie etwa Smartphones bislang unersetzlich ist, könnte sich bis zur Jahrhundertmitte vervierfachen. «Eine solche Menge», sagte Hendricks, «steht überhaupt nicht zur Verfügung».“

Nicht nur das. Die Kanzlerin, einstige Umweltministerin im Kabinett Kohl, hat alle zugesagten Klimaziele im Stil demütiger Unfehlbarkeit aufgekündigt:

„Die Bundesregierung wird ihre selbst gesteckten Klimaziele für die Jahre 2020 und sehr wahrscheinlich auch 2030 nicht erreichen. Derzeit findet außerdem praktisch kein Rückgang der Treibhausgas-Emissionen mehr statt. Von einem «Offenbarungseid für die Klimapolitik der Bundesregierung», spricht die Vorsitzende des Bundestags-Umweltausschusses, Bärbel Höhn (Die Grünen), die eigenen CO2-Einsparziele für 2020 würden «krachend verfehlt». Die schmutzigsten Kohlekraftwerke müssten in den nächsten Jahren - auch wegen der großen Überkapazitäten bei der Stromerzeugung - «schleunigst vom Netz».“ (SPIEGEL.de)

Die Deutschen schätzen an ihrer Kanzlerin die unaufgeregte und sachbezogene Methode ihrer Politik. Die beweist sie täglich aufs neu. Sollte sie versagen, ohne Sorge, sei ohne Sorge: dann kommen die Wundermänner.

 

Fortsetzung folgt.