Weltdorf LXXXI

Tagesmail - Mittwoch, den 15. März 2017

Hello, Freunde des Weltdorfs LXXXI,

solche Fehlleistungen wären ihr früher nicht unterlaufen. Die mächtigste Frau der Welt demaskiert ihre Regierungsmaxime in süffisantem Ton:

„Beim neuen Verpackungsgesetz hält sich ihre Freude in Grenzen, was?“, beschied Merkel den Kommunalvertretern kurz und bündig: „Naja, nehmen Sie wie’s ist und halten Sie sich daran.“ (WELT.de)

Wann immer die Kanzlerin es für notwendig hält, regiert sie an demokratischen Regeln und Gesetzen vorbei. Motivation bestimmt die unantastbare Qualität ihres Tuns; fromme Gesinnung schlägt Verfassungstreue. Religiöse Unfehlbarkeit untergräbt Demokratie. Für ein christliches Grundwerte-Volk kein Problem: ohne Verankerung im Himmel, so der unerschütterliche Glaube, kann es ohnehin keine Demokratie geben.

Aber Merkel wagt auch an diesem Abend nicht, den Deutschen die volle Wahrheit zuzumuten. Deshalb wird nirgendwo schriftlich fixiert, was nun vereinbart wird: Zwischen 150.000 und 250.000 Flüchtlinge sollen pro Jahr aus der Türkei nach Europa umgesiedelt werden. Merkel, Davutoglu und Rutte haben sich an diesem Abend in der türkischen EU-Vertretung in Brüssel per Gentleman’s Agreement darauf geeinigt. Das bestätigen mehrere Personen, die in die Verhandlungen involviert waren. Die Abmachung mit Davutoglu soll die deutsche Flüchtlingskrise beenden, die fast auf den Tag genau sechs Monate zuvor in der Nacht der Grenzöffnung begann. Wie damals trifft Merkel wieder eine einsame Entscheidung. Der Bundestag hat nie beschlossen, die Flüchtlinge von der ungarischen Autobahn nach Deutschland zu holen, und die Hunderttausenden, die ihnen folgten. Genauso hat das Parlament bis heute nicht über das Kontingent abgestimmt, das Merkel in der Brüsseler Nacht versprach.“ (WELT.de)

Der gläubige Christ ist davon überzeugt, dass es nicht „auf das äußere Handeln ankommt, sondern allein auf die Gesinnung.“ (Max Pohlenz; Die Stoa)

Verfassungstreue ist irdische Äußerlichkeit – weg damit: sie stört beim Tun des heiligen Willens, der sich an keine Moral halten muss. „Wolle nur“, sagt der ...

... Kirchenvater. „Wenn du nur willst, wenn du wirklich willst, dann öffnet Gott dir die Tür. Der Wille verhilft dem Gläubigen zur Herrschaft über die Welt“.

Nietzsches Wille zur Macht gründet im Glauben an Gottes omnipotentes Wirken. Zu den Äußerlichkeiten gehört der Erfolg. Beliebig kann er gesetzt – oder vernachlässigt werden. Erfolg rechtfertigt alle Mittel, ist der antinomische Grundsatz der christlichen Ethik, die alles technische und ökonomische Getue der Moderne legitimiert.

Da die Integration der Flüchtlinge geräuschloser abläuft als erwartet, hat Merkel Recht gehabt. Wäre es zu Tumulten und Verwerfungen gekommen, hätte Merkel nicht Recht gehabt. Linke Befürworter der mächtigen Frau interessieren sich nicht für läppische Verfassungsfragen. Nicht selten konnte man lesen: bisher hatte ich Probleme mit Merkel, seit Öffnung der Grenzen ist sie „meine Kanzlerin“.

Seit Merkel die Grenzen luft- und wasserdicht geschlossen und das Schicksal der Flüchtenden in die Hände eines Despoten gelegt hat, hört man nichts mehr aus der Fraktion der amoralischen Merkelfans – wobei das Vernachlässigen demokratischer Regeln als Amoralität gelten muss. In Deutschland keine Selbstverständlichkeit, denn Demokratie gilt hierzulande als moralfreie Systemmaschine. Wer von System spricht, verabscheut Moral. Systeme sind Archetypen der Maschine – und Maschinen müssen technisch am Laufen gehalten werden. Ethische Proseminare müssen sie nicht besucht haben.

Was ist der Unterschied zwischen autonomer und fremdbestimmter Moral? Von Gott verordnete Moral ist richtig, weil Gott sie befahl, nicht, weil sie moralisch sein müsste:

„Gut ist ausschließlich, was Gott gebietet. Nicht, weil es gut ist, müssen wir danach handeln, sondern weil Gott es befielt“, schreibt Kirchenvater Tertullian.

Kohl war ein pfälzisches Trump-Talent. Er traute sich, was selbst Trump sich heute nicht mehr trauen würde. Nach den Mördereien in Rostock-Lichtenhagen, Mölln und Solingen ließ er sich bei keiner Trauerfeier blicken. Für „Beileidstourismus“ – so die offizielle Begründung – sei der Kanzler nicht zuständig. Wer kennt nicht die Szenerie, wo er den Anschein erweckt, als wolle er sich hochroten Kopfes mit Störenfrieden prügeln? Kohls moralische Wende war nichts als eine Rückkehr zum sonntäglichen Besuch des katholischen Gottesdienstes und eine Abkehr von aller gottlosen Gleichmacherei der Sozis. Sein „bester Freund“ war ein Theologe, der ihn in allen Fragen katholischer Korrektheit beriet – denn von den Geheimnissen vatikanischer Dogmatik hatte er keine Ahnung. Mit solchem Kleinkram gab er sich nicht ab.

Kann man sich vorstellen, dass Merkel sich als protestantisches Dummerchen von einem Herrn Gauck beraten ließe? Wo sie doch selbst die Tochter ihres Vaters und geistbegabte Expertin vom Dienst ist? Ihre christliche Politik ist die erste explizit lutherische in der Nachkriegszeit. Merkels täglich inhalierter Protestantismus prägt ihr gesamtes Tun und Lassen. Sinnlos und vergeblich, ihre Politik zu analysieren, ohne Luthers Sicht des Gottes- und Teufelsstaates als Bewertungsgrundlage zu berücksichtigen.

Obgleich der irdische Staat das zeitlich limitierte Spielfeld des Teufels ist, gilt dennoch Römer 13: alle Obrigkeit ist von Gott. Also auch Tyrannen und Despoten. Es gibt keinen Faschismus oder Totalitarismus, der nicht von Gott wäre. Ob der irdische Staat eine Demokratie ist, spielte für Augustin – den Ideengeber Luthers – nicht die geringste Rolle. Höchstens, dass der Hochmut der Demokraten, ihr Schicksal selbst zu bestimmen, als besonders gotteslästerlich eingestuft werden musste.

Der Mensch soll von Natur aus gut sein? Ein Faustschlag in die verordnete Erbsünde des Menschen, wonach jede Kreatur ein Abgrund des Bösen zu sein hat. Für BILD genügt eine abscheuliche Tat und die ganze Menschheit wird dem Bösen überantwortet. Die unendlich vielen guten Taten unendlich vieler Menschen hingegen sind kein Beweis für das angeborene Gute im Menschen.

Den Menschen im Status der irreparablen Sünde zu halten, ist der Sinn des medialen Evangeliums: nur schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten. Quoten und Sensationen liefert zuverlässig nur die Bestie Mensch. Das Böse ist die Normalität, das Gute nur eine skurrile Ausnahme: „Glauben Sie, dass Sie mit Ihrem gut gemeinten Engagement die Welt verändern können?“ Wer sowas glaubt, muss ein Tropf sein.

Dem entspricht die Motivationslehre der Edelschreiber. Auch die besten Taten entspringen der verborgenen Sündeneitelkeit, die sie nach einem harmlosen griechischen Jüngling benennen – obgleich sie von Küchenpsychologie sonst nichts wissen wollen. Ein weltkundiger Beobachter, merket euch, ist noch immer der versierteste Bösen-Verdächtiger auf der Welt, der alle Verschwörungstheorien von weitem riecht. Nur nicht die eigene, wonach das Böse sich verschworen hat, dem Frommen das Leben zur Hölle zu machen. Himmel und Hölle – Verschwörungstheorien? Da lachen alle Teufelchen im schwefligen Pfuhl.

Merkels christlicher Glauben ist eine der genialsten Kreationen der Weltgeschichte. Genau genommen ist die Frohe Botschaft unfehlbar und unüberwindbar. Da sie alle Widersprüche als göttlichen Willen ausgibt, ist sie mit Logik unwiderlegbar. Von welcher Seite man kommt, sie zitiert aus dem unendlichen Fond ihrer Antagonismen, die alle Angriffe mit links zurückschlagen.

Christliche Dogmatik ist die Einheit aller Widersprüche, die Einheit aller zeitlosen Wahrheit – und beliebig wechselnder Zeitgeistphilosophien. Alle Schätze der heidnischen Vernunft plündert sie, um sie nach Belieben zu verdammen – oder als eigene Inventionen zu verkaufen. Was sie nicht vernichten kann, übernimmt sie, setzt sich an die Spitze der Bewegung und hat es selbst erfunden. Jede Strategie der Welteroberung in Demut oder Hybris kennt sie aus dem Effeff. Alles Gute und Verwerfliche ist ihr Beweis für Gottes Regiment. Nichts kann sie überraschen oder verwundern. Immer weiß sie, dass der offenbare oder verborgene Gott, der Gott der Liebe oder der Verdammung, hinter allen Komplexitäten steckt. Kein Edelschreiber, der den Pöbel wegen Simplifizierung staucht, käme auf die Idee, Gott, den Schöpfer und Erlöser wegen unterkomplexer Reduktion kognitiver Dissonanz zusammenzufalten.

Wie konnte ein christliches Abendland verdrängen, dass alles, was es tut und lässt, christlich sein muss? Weil es den Gottgleichen erneut gelang, die Deutungshoheit über die antiklerikalen Emanzipationsmomente zu erringen. Nach der Aufklärung mussten alle Sünden der Moderne die satanischen Früchte der Abwendung von Gott sein. Der Nationalsozialismus war die giftige Frucht germanischer Naturvergötzung, Stalin die Folge hybrider Nachäffung der christlichen Heilsgeschichte, technische und klimatische Katastrophen die unvermeidlichen Effekte einer „prometheischen“ Gottähnlichkeit. Alles Schlechte und Dämonische erhält griechische Namen, damit niemand auf die Idee kommt, das Satanische aus dem Heiligen abzuleiten. Gottähnlichkeit ist nach Belieben das Fundament aller Menschenrechte – oder aller apokalyptischen Weltuntergänge. Die Deutungen ihrer Schrift sind nach Belieben irrtumslos – oder mit allen Meinungen dieser Welt kompatibel.

Was besonders ins Auge fällt: jedes Original genießt in Deutschland den Unfehlbarkeitsschutz. Luthers Reformation war der Ruf: zurück zur Urschrift, dem unverdorbenen Original der Frohen Botschaft. Alles Spätere ist eine Degenerierung und Dämonisierung des Urevangeliums. Bei Novalis war das christliche Mittelalter das unverfälschte Original einer christlichen Theokratie. Alles, was danach kam, war die Wiederholung des Sündenfalls. Urmodell dieser Originalitätsvergötzung ist der Garten Eden am Anfang der Schöpfung, der das Paradies auf Erden war – bis die böse Frau für den Sündenfall sorgte, die den Menschen ins Elend der gefallenen Welt trieb.

Für Marxisten ist der Trierer Rauschebart Inbegriff revolutionärer Weisheit. Alles, was nach ihm kam und sich auf ihn berief, war der tiefe Fall derer, die das Urmuster beschmutzten, um sich einen profilneurotischen Platz in der Geschichte zu sichern. Sie selber allerdings handelten als treue Vollstrecker des Urhebers. Im Namen von Karl Marx – der weder Demokrat, Menschenrechtler, noch Naturfreund und Moralist war – wurden Millionen Menschen in mehreren Ländern eliminiert. War Marx unschuldig? Dennoch wird er in Deutschland als theoretischer Heiliger verehrt. Seine menschenfeindliche Praxis wird unter den Teppich gekehrt. Die Stadt Trier hat das Geschenk des sozialistischen China – eine überdimensionale Marx-Statue – als Jubiläumsgabe akzeptiert.

Auch hier spielt die christliche Heiligsprechung der Gesinnung eine Hauptrolle. Weil Marx „etwas Gutes wollte“, ist seine Menschenfeindlichkeit „nicht ganz so schlimm“ wie die Untaten der Nationalsozialisten. Aber auch Hitler wollte etwas Gutes – in seinem Sinne. Alles Böse dieser Welt geschieht aus guten Absichten. Das Böse an sich gibt es nicht.

Das Böse ist die verschlungene Folge einer desolaten Erkenntnissuche. Wer glaubt, die Wahrheit erkannt zu haben, wenn er die Gegner seiner Wahrheit ausrotten muss, der ist einem furchterregenden Irrtum verfallen. Der Unterschied zwischen Irrtum und Wahrheit ist selten eine folgenlose Petitesse und kann Tod und Leben bedeuten.

Es herrscht im christlichen Westen eine untergründige Sympathie für den guten Diktator, die im Falle Trump ans Tageslicht kam. Die Ursachen liegen auf der Hand. Wer an einen allmächtigen Gott als Wohltäter der Menschheit glaubt, obgleich dieser auch für das Böse zuständig ist, für den ist in Krisenzeiten jeder Trump ein willkommener Zampano Gottes. Weg mit demokratischen Anstandsregeln – und hin zu ehrlicher Zwangsbeglückung. Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt.

Umgekehrt war neurotische Furcht vor dem guten Diktator ein Hauptgrund für den Niedergang der Grünen. Obgleich sie all ihre Vorschläge zur ökologischen Rettung der Natur in einwandfrei-demokratischen Methoden einführen wollten, waren sie schutzlos gegen die infame Kritik, sie wollten hinterrücks eine „grüne Diktatur“ einführen. Offensichtlich verdächtigten sie sich selbst, die Republik mit faschistischen Methoden beglücken zu wollen. Anders ist ihre Hasenfüßigkeit nicht zu erklären, mit der sie ihre naturschonenden Reformvorschläge ad acta legten. Das ging bis zur lächerlichen Frage: was, liebe Menschen, sollen wir euch versprechen, damit ihr uns wählt?

Die Idolatrie des Originals ist auch die Quelle des deutschen Geniekults. Da Lernen von einem Vorbild als Plagiieren denunziert wurde, musste jeder kreative Geist zum Originalgenie werden. Da Originale unverwechselbar sein müssen, sprechen sie keine gemeinsame Sprache. Das war das Ende des rationalen Dialogs oder der seriösen demokratischen Auseinandersetzung.

Goethe spottete über die „Narren auf eigene Faust“. Das unüberbietbare Individuum der Gegenwart ist identisch mit der Leibniz‘schen Monade, die, perfekt in sich, von jeder anderen Monade unüberbrückbar getrennt ist. Jeder Mensch muss sich von jedem lösen und absolut für sich sein, damit die herrschenden Mächte ein leichtes Spiel mit den unsolidarischen Atomen haben. Die Eliten beherrschen die Kunst des effektiven Klumpens, der Pöbel lässt sich von seinen Liebsten trennen, um sich als Spielball der Führungsklassen benutzen zu lassen.

Eine große Ausnahme in der Götzenverehrung des Originals gibt es allerdings. Das Original der Demokratie wird negiert, in vielen Punkten verfälscht und zum Ursprung aller modernen Sünden erklärt. Odysseus erfand (bei Adorno) den Kapitalismus, Ödipus den Vatermord, Narziss brütete Trump aus, philosophischer Eros die Kinderschänder. Christliche Neurosen, Psychosen und politische Altlasten gibt es nicht. Schon mal von einem Judas-Komplex gehört? Von einer Maria-Neurose? Von einem Messias-Syndrom? Von einem apokalyptischen Selbsthass? Von einem Erwählten-Größenwahn und einem eschatologischen Triumphalismus? Althistoriker überbieten sich mit der Behauptung, von den Alten könne man nichts mehr lernen. Die Amerikaner haben die Demokratie als Geschenk des Himmels in der Prärie gefunden. Selbst Timothy Snyder hält es für überflüssig, auf die alten Griechen zu rekurrieren, um Lehren aus der Geschichte zu ziehen:

„Es ist somit gute Tradition, dass wir Amerikaner einen Blick in die Geschichte werfen, wenn unsere politische Ordnung bedroht scheint. Wenn wir heute in Sorge sind, das amerikanische Experiment könnte durch eine Tyrannei gefährdet sein, können wir dem Beispiel der Gründerväter folgen und die Geschichte anderer Demokratien und Republiken betrachten. Die gute Nachricht dabei ist, dass wir uns nicht auf das antike Griechenland oder das alte Rom beziehen müssen, sondern über Beispiele verfügen, die jüngeren Datums und von größerer Relevanz sind. Die schlechte Nachricht ist, dass die Geschichte der modernen Demokratie eine des Verfalls und des Untergangs ist.“ (TAZ.de)

Wenn denn die Geschichte der modernen Demokratie schon eine des Verfalls war, sollten wir dann nicht auf das Ursprungsmodell zurückgehen, das – trotz des Niedergangs der athenischen Polis – ein außerordentliches Erfolgsmodell der letzten 2000 Jahre war?

Selbst die Anhänger der Französischen Revolution, die Bewunderer der Antike waren, schauten weniger auf Athen, denn auf Sparta und Rom. Sie benannten sich nicht nach Griechen, sondern nach Römern: Brutus, Gracchus, Scipio. Rousseau war ein glühender Verehrer Spartas.

Der linke Totalitarismus beruht auf der Ausblendung der sokratischen Polis und der Glorifizierung des platonisch-spartanischen Urfaschismus. Auch hier die einseitige Begeisterung für die „Motivation“, Gerechtigkeit herstellen zu wollen bei gleichzeitiger Ignorierung der Gewaltmethoden, die den hochmoralischen Inhalt realisieren sollen. Methoden, die den Inhalt zerstören, können kein demokratisches Ideal sein. Form und Inhalt müssen übereinstimmen, damit sie als demokratischer Lernprozess in Frage kommen.

Warum haben junge Menschen eskalierende Ängste? Dass sie sogar Schwierigkeiten haben, über ihre Ängste zu reden? Wie geht Merkel mit den Ängsten ihrer jüngsten Untertanen um? Aus einem geheimen Protokoll der Begegnung zwischen Ängstlichen und einer selbstgefälligen Machthaberin. Eine Jugendliche schildert:

„Ich mache mir ständig Sorgen, wie mein späteres Leben aussehen wird. Kurz vor meinem Abitur und auch noch im Jahr danach war ich wie gelähmt vor Angst und lag Nächte lang wach. Auch heute mache ich mir noch viele Gedanken, ob ich nach meinem Studium je einen richtigen Job finden werde oder ob ich am Ende mit 40 an einer Supermarktkasse sitze, verzweifelt bei dem Versuch, meine Schulden abzubezahlen, meine Träume von einem Job im Journalismus oder Marketing schon lange erloschen.“ (Jetzt.de)

Wie lautete Merkels Antwort? „Na ja, nehmen Sie, wie es ist.“

Wovor ängstigen sich die jungen Menschen?

„Es läge unter anderem an der Finanzkrise, die wir miterlebt haben. Diese habe uns gezeigt, wie unsicher alles sei. Wie schnell Menschen ihre Jobs und ihr Vermögen verlieren können und wie schnell das Leben auf den Kopf gestellt werden kann. Andere Faktoren seien außerdem der zunehmende Terrorismus, der Klimawandel, die Ungerechtigkeit gegenüber Minderheiten.“

Merkels Antwort: siehe oben.

„Es ist schwierig, von seiner Zukunft überzeugt zu sein, wenn man permanent Menschen sieht, die im gleichen Alter sind und schon etwas erreicht zu haben scheinen. Auch eigene Talente sehen neben anderen Menschen online blass aus. Du kannst gut malen? Mit großer Wahrscheinlichkeit wirst du mindestens ein Dutzend Menschen finden, die besser malen können als du. Du kannst gut singen? Ja, aber im Internet gibt es Massen von Menschen, die noch besser singen können und dies auch vor laufender Kamera beweisen. Man hat das Gefühl, man geht in der Masse unter, ist nicht so einzigartig, wie man immer dachte. Und das ist ein Problem. Neben diesen scheinbar perfekten Menschen fühlen wir uns unterqualifiziert und ungeeignet.“

Merkels Antwort: siehe oben.

Verstehen Politiker die Ängste der Jugendlichen? Ängste sind ein Reservoir an kostbaren Gedanken, die ins Positive umgemünzt werden müssten, um eine angstfreie Polit-Agenda zu entwickeln.

Warum kommen die Jugendlichen nicht auf die Idee, ihre Ängste mit politischem Engagement zu besiegen? Weil sie nirgendwo Demokratie gelernt haben. Das Gefasel von der Bildungsgleichheit verdeckt die Tatsache, dass heutige Bildung nichts ist als undemokratische Karriere-Indoktrination. In Schulen und Universitäten kann man keine Demokratie lernen.

„Die meisten Schulen und Universitäten sind so sehr darauf ausgerichtet, ihre Schüler und Studenten auf lukrative Karrieren vorzubereiten, dass sie das größere Ziel außer Acht lassen, verantwortliche Staatsbürger auszubilden. Schon vor etwa einem Jahrzehnt bemängelten der US-Politiker Lee Hamilton und die oberste Richterin Sandra Day O'Connor, dass "das Lernen für Demokratie und Zivilgesellschaft sich seit einigen Generationen im stetigen Niedergang befindet". Man lege zu viel Wert auf Sprachfähigkeiten und mathematisch dominierte Schulreformen, aber zu viele junge Menschen verstünden nicht, wie das politische System funktioniere.“ Schreibt Yascha Mounk in der ZEIT:

Gnadenlos brettern die Politeliten über die psychischen Befindlichkeiten der Kinder und Jugendlichen hinweg. Ängste halten sie für vermeidbare privatistische Defizite. Mit ihrer Knochenbrecherpolitik können Angstneurosen nichts zu tun haben.

In der Welt habt ihr Angst? fragt Merkel. Nehmt die Welt, wie sie ist und seid getrost: ich habe die Welt überwunden.  

 

Fortsetzung folgt.