Philosophische Tagesmails

Weltdorf LXXX

Tagesmail - Montag, den 13. März 2017

Hello, Freunde des Weltdorfs LXXX,

Fakten, Fakten, Fakten ohne Echo, Echo, Echo. Alarm ohne Widerhall. Katastrophismus ohne Resonanz. Politik entledigt sich der Realität. Medien alarmieren spaßeshalber. Keine Regierung wird belästigt. Keine Partei äußert sich. Kein Edelschreiber kommentiert. Apokalyptisch wird die Menschheit gegen Apokalypsen imprägniert.

Den Deutschen geht’s gut. Man soll ihnen nicht das Gegenteil einreden. In „Zeiten des täglichen Umbruchs“ hat alles zu bleiben, wie es ist. Die Kanzlerin bleibt gelassen. Gelassenheit ist die Zauberformel für die Segnung der Teilnahmslosigkeit. Wozu Nervosität, wenn alles in Gottes Hand ruht? Nichts ändert sich, außer der Beschleunigung des immer gleichen Irrsinns. Gerechtigkeit ist nicht finanzierbar:

„Das Programm der Grünen skizziert eine heile, schöne, saubere Welt. Und trotz aller Umbrüche soll hier niemand abgehängt werden. Wie unbezahlbar das ist, ahnt man schon jetzt.“ (FAZ.NET)

Je gigantischer die Warnung, je resonanzloser die Menschheit. Ataraxie, die Unerschütterlichkeit des autonomen Ich, wird zur Apathie, der Unfähigkeit der Seele, den Turbulenzen der Welt zu widerstehen.

„Ozeane erwärmen sich deutlich schneller als befürchtet. Es ist ein weiterer Beleg für den Klimawandel: Die Ozeane heizen sich immer schneller auf. Neue Daten zeigen, wie sehr sich Forscher in der Vergangenheit geirrt haben.“ (SPIEGEL.de)

„Rund 20 Millionen Menschen in vier Ländern sind nach UN-Angaben derzeit vom Hungertod bedroht. Damit erlebe die Welt die größte humanitäre Katastrophe seit der Gründung der Vereinten Nationen, sagte UN-Nothilfekoordinator Stephen O’Brien ...

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Weltdorf LXXIX

Tagesmail - Freitag, den 10. März 2017

Hello, Freunde des Weltdorfs LXXIX,

streicht die Talkshows. Sie erzeugen Erkenntnisekel. Zirkusvorstellungen mit der Peitsche. Streiten wird zur Trumpelshow mit sorgfältig choreographierten Beleidigungen. Begriffe werden geschändet, bleiben ungeklärt. Wird es interessant, schlägt sofort eine eifersüchtige Moderatorin drein, die es nicht erträgt, dass das Gespräch an ihr vorüberzieht.

Atomisiertes Fragen trennt jeden Redebeitrag von jedem. Die Stimme von oben drängt sich in den geringsten Versuch unmittelbarer Verständigung. Ohne diktatorische Vermittlung darf niemand mit niemandem. Es herrscht ein Okkasionalismus à la Malebranche: spontane Wechselwirkungen zwischen den Menschen sind verboten und werden „durch übernatürliche Beihilfe (assistentia supernaturalis) Gottes hervorgerufen.“ Autoritäre Sprüche – „hier bestimme ich“ – müssen dialogische Inkompetenz vollstrecken.

In einem echten Streitgespräch gibt es keine Moderatoren, die sich anmaßen, oberhalb und außerhalb der Gedankenprüfung zu stehen. Wenn sie glauben, dialogfähiger zu sein, müssen sie Partner des Gesprächs werden. Wer fragt, muss selbst befragt werden. Ein Dialog ist eine klassenlose Gesellschaft. Es gibt kein Monopol auf inquisitorisches Fragen, das sich jeder Prüfung entzieht.

Hier sitzt kein Analytiker oberhalb der Patienten, der seine lächerliche Unangreifbarkeit durch Anonymität schützen muss. Von der freudianischen Therapie haben sie den „doppelt verschanzten Dogmatismus“ übernommen, wie Popper das analytische Gefälle zwischen unfehlbaren Autoritäten und nichtswissenden Patienten genannt hat. Ein kleines Abbild der gesellschaftlichen Kluft zwischen alleswissenden Eliten und dem dumpfen Pöbel, der die Überkomplexitäts-Fähigkeiten der Führungsklassen nicht ...

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Weltdorf LXXVIII

Tagesmail - Mittwoch, den 08. März 2017

Hello, Freunde des Weltdorfs LXXVIII,

„Wer nicht von dreitausend Jahren
Sich weiß Rechenschaft zu geben,
Bleib im Dunkeln unerfahren,
Mag von Tag zu Tage leben.“

Ein prophylaktischer Verriss der Moderne durch einen wortmächtigen Fürstenknecht, der gar nicht daran denkt, Rechenschaft zu definieren als Verantwortung gegen Übermacht und Unrecht. Der lieber mit gescheiten Tyrannen parliert, als sich mit politischem Pöbel einzulassen.

Die Verachtung der Massen ist in Deutschland eine klassische Disziplin. Wer das Volk verteidigt, ist auch Anhänger des edlen Wilden, wie Edelschreiber Jens Jessen unerschrocken behauptet. Hat die Wissenschaft doch längst bewiesen, dass Wilde rohe Fleischfetzen verschlingen und die Lektüre der ZEIT verschmähen.

Es ist ein Verhängnis: deutsche Medien fühlen sich dem Tag verpflichtet und ignorieren die Geschichte; deutsche Historiker ignorieren den Tag und fühlen sich der Erforschung der Vergangenheit verpflichtet. Lehren aus der Geschichte gibt es für beide Zünfte nicht.

„Übermacht, ihr könnt es spüren,
Ist nicht aus der Welt zu bannen;
Mir gefällt zu konvergieren
Mit Gescheiten, mit Tyrannen.“

Selige Zeiten, als Tyrannen noch gescheit waren. Moderne Tyrannen – besonders aus dem österreichischen Hinterland – sind nicht mal der deutschen Sprache mächtig. Der Weltbestseller „Mein Kampf“ ist so dumm, dass deutsche Gelehrte riesige Kommentare verfassen müssen, dass man diesen Legastheniker überhaupt ...

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Weltdorf LXXVII

Tagesmail - Montag, den 06. März 2017

Hello, Freunde des Weltdorfs LXXVII,

die Große Koalition hat uns angelogen. Oberlügnerin ist Merkel, der es gelang, ihre Gnadenlosigkeit blitzschnell in eine samaritanische Liebestat umzulügen. Die Grenzschließung war bereits beschlossen. Doch die ausführenden Organe scheiterten an Merkels Auftrag, die hartherzige Tat als Akt der Nächstenliebe erscheinen zu lassen:

„Demnach gab es am Samstag, dem 12. September, um 17.30 Uhr eine Telefonkonferenz, an der Bundeskanzlerin Angela Merkel, Kanzleramtschef Peter Altmaier, Innenminister Thomas de Maizière (alle CDU), der CSU-Vorsitzende Horst Seehofer sowie der damalige Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) und SPD-Chef Sigmar Gabriel teilnahmen. In dieser Telefonkonferenz vereinbarten sie nicht nur, am Folgetag um 18.00 Uhr Grenzkontrollen einzuführen. Vielmehr einigten sich die Spitzenpolitiker ebenfalls darauf, dass Flüchtlinge an der Grenze zurückgewiesen werden sollen. Die Zurückweisung von Flüchtlingen scheiterte im Herbst 2015 also nicht, wie bisher vermutet, an mangelndem politischem Willen. Vielmehr war die politische Entscheidung dafür bereits gefallen. Es fand sich in der entscheidenden Stunde nur kein führender deutscher Politiker, der bereit war, die Verantwortung dafür zu übernehmen.“ (WELT.de)

Erkenntnisse des WELT-Journalisten Robin Alexander, die er in seinem Buch „Die Getriebenen, Merkel und die Flüchtlingspolitik“ zusammenfasste. Kein Echo aus deutschen Medien. Ist die Enthüllung des Buches zu bestürzend, als dass eine ungläubige Öffentlichkeit reagieren könnte? Oder ist sie zu trivial, da man Regierenden ohnehin alles zutraut?

Hier offenbart sich die deutsche Schizophrenie: Moral – in der edlen Version des Anstands – versteht sich von selbst. Doch wehe dem, der das Wort Moral in den Mund nimmt oder gar den Zeigefinger erhebt. Geht es um höhere Interessen, ist Lügen notwendig und unvermeidlich. Die heilige Lüge ist geradezu ein ...

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Weltdorf LXXVI

Tagesmail - Freitag, den 03. März 2017

Hello, Freunde des Weltdorfs LXXVI,

ist Armut eine Zahl – oder ein psychischer Befund? Ist ein psychischer Befund die Wiederspiegelung der Realität – oder ein Hirngespinst der yesterday people?

In einer der reichsten Gesellschaften der Welt kann es keine Armen geben. Dafür sorgen die Springer-Gazetten mit dem pluralis luxuriae – dem Reichtums-Wir: WIR werden immer reicher. Was macht die Regierung mit UNSEREM Geld? Die Griechen sollen UNSER Geld nicht griechen. Faulenzer (vermutlich eingesickerte Aliens, die es auf ihren erdähnlichen Planeten nicht mehr aushielten) leben auf UNSERE Kosten.

Wenn Armut weniger als 60% des Durchschnittseinkommens sein soll: wie kann man arm werden in einer Gesellschaft, die unablässig reicher wird, empört sich die WELT. Das wäre der Skandal der Skandale, wenn mitten in einer Luxusgesellschaft Menschen am Existenzminimum darbten und verhungerten.

BILD hat sich vorsorglich zur Fürsprecherin des Volkes ernannt, damit sie ihre Schutzbefohlenen hart, aber gerecht an die Kandare legen kann. Gelobt sei, was hart macht, schreibt ein INSM-Funktionär in der WELT:

„Ich will nichts beschönigen, aber die hart anmutenden Reformen sind alles andere als hartherzig. Sie wurzeln in einem von Selbstbestimmung, Eigenverantwortung und Teilhabe geprägten Verständnis des Begriffs „sozial“.

Was wollt ihr? Leben wir doch in einer der gerechtesten Welten aller Zeiten. Mehr hat der Schöpfer nicht hingekriegt. Die paar Macken, die er nicht vermeiden konnte, dienen einzig und allein dem Anreiz zur „Selbstbestimmung, Eigenverantwortung und der Teilhabe.“ Ein bisschen Kontrast muss schon sein, damit das Gute sich vom ...

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Weltdorf LXXV

Tagesmail - Mittwoch, den 01. März 2017

Hello, Freunde des Weltdorfs LXXV,

schon seit 2004 konnte man wissen, wie Abgaswerte bei Autos verfälscht wurden.

Seit Jahrzehnten schon hätte man vom bevorstehenden afrikanischen Exodus der Flüchtlinge wissen können.

Seit Jahrzehnten kennt man die Gefahren der Klimakatastrophe.

Seit über 200 Jahren weiß man von den Verwüstungen des Kapitalismus.

Schon seit Jahrzehnten wird die Türkei von der EU als nicht-christlicher Staat stigmatisiert und Erdogan auf die Bahn eines Despoten gedrängt. Wie lange unternimmt er seitdem alles, um eine einst vorbildliche muslimische Demokratie in eine Diktatur zu verwandeln? Wie lange schon lässt er kritische Geister ins Gefängnis werfen? Es war abzusehen, dass er die Schraube anziehen wird, um die Geisel Deutschland immer mehr zu erpressen.

Die deutschen Medien aber geben sich überrascht. „Wir sind sprachlos“, durfte Ulf Poschardt – Chefredakteur der WELT – der Republik auf allen Kanälen mitteilen. Sprachlos, dass der Bösewicht tat, was Bösewichter zu tun pflegen. Denis Yücel sitzt auf unbestimmte Zeit im türkischen Knast. Große Empörung, vor allem so originell: Wir sind Yücel, skandierte Döpfner in der WELT.

Fast keine Empörung über das bayrische Vorhaben, Gefährder – ganz nach dem Vorbild Erdogans – willkürlich lang einzusperren:

„Die CSU erwägt einen ungeheuerlichen Tabubruch: Sogenannte Gefährder sollen beliebig lange in Haft bleiben. Damit stellt die Staatsregierung die ...

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Weltdorf LXXIV

Tagesmail - Montag, den 27. Februar 2017

Hello, Freunde des Weltdorfs LXXIV,

si vis pacem, para bellum: wenn du Frieden willst, greife zur Parabellum („deutsche Pistole mit Kniegelenkverschluss von Georg Luger“).

Josef Joffe ist ein Fan des Cicero-Satzes. Schluss mit dem waffenlosen Friedensgesäusel. Der Normalzustand der Menschheit ist der Krieg. Nicht Krieg, der Frieden ist rechtfertigungsbedürftig.

Allzu lange schlampampten die Völker im Frieden. Sie sind verwöhnt, verweichlicht und verzärtelt. Es wird Zeit, dass die Menschheit wieder den Ernst der Dinge erfährt. Merkels Panzer rollen bereits gen Osten, um Gorbis Friedensangebote bei seinem weniger friedenswilligen Nachfolger endgültig zu begraben.

Das können die Westler nicht auf sich sitzen lassen, dass ein Weltreich des Bösen freiwillig den Geist aufgab – ohne Tod und Verderben über die Erde zu bringen. Freihandel von Lissabon bis Wladiwostok, Friede allen Völkern: das war die Jahrhundertidee des Bauernsohnes aus Stawropol, dessen Name heute totgeschwiegen wird.

Seinen Nachfolger sekkierten und demütigten sie so lange, bis er in die weit geöffneten Arme der orthodoxen Popen zurückkehrte, um eine uralte zaristische Machtpolitik auf die russische Agenda zu setzen. Nun streiten sie sich wieder, aus welchem Imperium der Messias kommen wird, um die Menschheit zu erlösen: der Christus aus den Tiefen der Tundra oder der Christus aus dem amerikanischen Bible Belt.

Erlösen heißt retten durch Vernichten. Abrüsten ist ein Thema für Weicheier. Vorbereiten zum finalen Schlag um die Weltherrschaft: das ist das Thema der gegenwärtigen Weltkrise – und wird nirgendwo verschwiegen. Nur in Deutschland ...

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Weltdorf LXXIII

Tagesmail - Freitag, den 24. Februar 2017

Hello, Freunde des Weltdorfs LXXIII,

es ist unentschuldbar:

Trotzdem legen seit Monaten immer mehr sudanesische Frauen ihre ausgemergelten Säuglinge erschöpft an ausgetrocknete Brüste. Trotzdem teilen sich abgemagerte kenianische Hirten das letzte Getreide mit ihrem Vieh. Trotzdem müssen rund um den Globus sogar 800 Millionen Menschen mit leerem Magen schlafen gehen. Und zwei Milliarden fehlen wichtige Nährstoffe, um gesund zu leben. Warum?“

Trotzdem? Trotz was?

Schließlich wäre mehr als genug zu essen da für alle 7,5 Milliarden Bewohner dieser Welt. Schließlich sind die Mittel und Methoden besser entwickelt denn je, um Lebensmittel zu verteilen.“ (ZEIT.de)

Christiane Grefe will sich nicht länger von Phrasen abwimmeln lassen und beantwortet die Schuldfrage mit dem anklagenden Satz:

„Das Verderben des Menschen ist der Mensch“. Sie bezieht sich auf Bertold Brechts Satz: „Das Schicksal des Menschen ist der Mensch."

Die Schuldzuweisungen klingen unmissverständlich. Klingen sie nur so – oder sind sie es auch? Wären sie eindeutig, müsste die Beantwortung der Frage nach der notwendigen Korrektur auch eindeutig sein. Was müsste geschehen, um das Elend des Menschen zu beenden? Der Mensch müsste sich verändern und sein schuldiges Verhalten einstellen.

Warum tut er es nicht? Kann er es nicht? Dann wäre Grefes Anklage eine Schicksalsaussage: furchterregend und fatalistisch. Die Dinge wären, wie sie sind. Lass fahren dahin, jede Hoffnung wäre ausgeschlossen. 

Gibt es überhaupt Alternativen zu den obigen Sätzen? Wer sonst, außer dem Menschen, könnte schuldig sein am Schicksal des Menschen? Götter gibt es ...

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