Philosophische Tagesmails

Umwälzung I

Tagesmail - Mittwoch, den 27. Dezember 2017

Hello, Freunde der Umwälzung I,

„Bin ich der Flüchtling nicht? Der Unbehauste? / Der Unmensch ohne Zweck und Ruh, / Der wie ein Wassersturz von Fels zu Felsen brauste, / Begierig wütend nach dem Abgrund zu? (Faust in ‚Wald und Höhle‘)

„Für den klassischen Humanismus ist der Mensch Selbstzweck. Seine Aufgabe ist es, seine Individualität völlig auszubilden, im Individuum das Ideal zu erreichen, sich selbst zu vollenden. Jedes Vermögen soll ausgebildet werden, denn die Tugend ist das Gleichgewicht aller Seelenfähigkeiten. Der ideale Mensch ist kein Fachmann, sondern ein ganzer Mensch.“ (Lütgert, Die Religion des deutschen Idealismus)

Vollendung in Unbehaustheit? Faust, Inbegriff des klassischen Idealisten, ist ein Unmensch ohne Zweck und Ruh, der sich begierig-wütend dem Abgrund nähert?

Klaffende deutsche Widersprüche – die keinen Deutschen interessieren. Gibt es Pychostrukturen, die zu solchen Widersprüchen verpflichten? Erwerben Völker in der Geschichte ihres Entstehens nationale Charakterprofile, die sie für immer voneinander trennen?

Nationale Besonderheiten wurden von nationalsozialistischen Ideologen völkische genannt. Völkische Merkmale waren angeborene Eigenschaften, die von anderen Völkern nicht erworben werden konnten.

Von Natur aus – oder erworben und gelernt: ist die unausrottbare Frage aller Rassisten, die ihr völkisches Profil als Geschenk der Natur betrachten, das von keinem Fremden erworben oder erlernt werden kann.

Die „Identitären“ der Gegenwart betrachten die angeborenen und nicht erlernbaren Eigenheiten ihrer Nation als Zentrum ihrer Abgrenzungspolitik gegen ...

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Neubeginn C

Tagesmail - Freitag, den 22. Dezember 2017

Hello, Freunde des Neubeginns C,

Es kommt ein Schiff,
geladen bis an sein' höchsten Bord

Und wer dies Kind mit Freuden
umfangen, küssen will,
muß vorher mit ihm leiden
groß’ Pein und Marter viel,

danach mit ihm auch sterben.

Die westliche Kultur, ein Schiff, mit Beute überladen bis an den höchsten Bord – ach, nennen wir es Santa Maria – versinkt nicht einfach. Bevor es kentert und absäuft, will es gesiegt haben. Es kriegt den Bauch nicht voll, muss die ganze Welt verschlingen. Und dann?

Dann Nichts. Schluss mit lustig, Abfahrt nach unten, wo das Tier, das Untier, lauert: ein bezauberndes Wesen aus Drache, Krokodil, Schlange und Wal – ach, nennen wir es einfach Leviathan. Ein Gott hat es geschaffen, um sich die unendliche Zeit zu vertreiben.

„Da ist das Meer, so groß und weit, darin wimmelt es ohne Zahl. Da wandeln Ungeheuer, der Leviathan, den du gebildet hast, damit zu spielen.“

Mächtige Männer spielen gern mit Ungeheuern – heute Risiken genannt –, wie kann man sonst der Langeweile entgehen? Alle Tiere, die den Fehler begehen, ohne Zahl vorhanden zu sein, sind Ungeheuer, die zur überschaubaren Zahl gestutzt werden müssen. Upps, das hätten wir geschafft. Dieses Gewimmel hat erst mal ausgewimmelt.

Der stumme Frühling hat sich zum todesstillen Sommer, Herbst und Winter ausgeweitet. Natur muss verstummen, damit der Mensch vom eigenen ...

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Neubeginn XCIX

Tagesmail - Mittwoch, den 20. Dezember 2017

Hello, Freunde des Neubeginns XCIX,

„Wenn ihr angefochten werdet durch Traurigkeit und einen Wurm im Gewissen habt, dann esst, trinkt, sucht Unterhaltung, wenn euch die Gedanken an ein Mädchen aufhelfen, so tut so.“ (Reformator aus Wittenberg)

Trauerspiele in Berlin. Das Leid der Hinterbliebenen nutzen Politiker als Bad der Wiedergeburt. Alle Medien rühmen die Demut der Kanzlerin, die Schlichtheit der Gedenkfeiern, das Schweigen und Innehalten, den rechten Ton der Feiern. Wenn Not und Schmerz das Land heimsuchen, schlägt die Stunde der Talarträger, die dem heidnischen Staat und der kalten Vernunft zeigen, was wahrer Trost ist. Es kommt auf den Ton an, Inhalte sind ohne Bedeutung.

„Angela Merkel steht still da, in schwarzem Mantel, den Kopf gesenkt. Die Kanzlerin selbst hält zur Einweihung des Mahnmals keine Rede. Danach ist Merkel aber die Erste, die eine Kerze entzündet und sie zeitgleich mit Angehörigen vor der Gedächtniskirche abstellt, in ein Meer von weißen Rosen. Merkels Auftritt ist voller Demut. Am Vorabend des Gedenkens hatte Merkel sich nun erstmals mit Opferangehörigen und Verletzten getroffen, gut zwei Stunden saßen sie im Kanzleramt zusammen. Die Gespräche haben bei der Kanzlerin offenkundig einen tiefen Eindruck hinterlassen. Merkels Botschaft: Wir haben verstanden. Das Gespräch mit den Betroffenen, sei "ein sehr schonungsloses" gewesen, sagt die Kanzlerin, ein Gespräch, "das gezeigt hat, welche Schwächen unser Staat in dieser Situation auch gezeigt hat".

Alles hinter verschlossenen Türen. Trauer ist ein intimer Akt – für den Staat. Er schützt die Angehörigen, um sich selbst gegen Kritik der Öffentlichkeit zu schützen. Demokratie ist vulgär und rabaukenhaft, nichts für Zeiten der Not, in denen Rücksicht und Anteilnahme gefordert sind.

Demokratie lebt von Tugenden, die sie selbst überfordern. Wenn‘s ernst wird, muss das Heilige einspringen, um die Unfähigkeiten des Unheiligen mit Liebe zu überdecken. Mit jedem Trauerakt werden die spärlichen Reste des Laizismus noch mehr ...

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Neubeginn XCVIII

Tagesmail - Montag, den 18. Dezember 2017

Hello, Freunde des Neubeginns XCVIII,

Wohin aber gehen wir

ohne sorge sei ohne sorge

wenn es dunkel und wenn es kalt wird

Merkel stellt sich der Kritik – hinter verschlossenen Türen. Der Satz ist zum Standardsatz geworden. Pars pro toto: was im Einzelnen geschieht, charakterisiert das Ganze. Demokratie ist zur geschlossenen Veranstaltung verkommen. Wenn Merkel ihre Untertanen persönlich beehrt – hinter verschlossenen Türen –, gibt es keinen Deutschen, der sich der Aura der Begegnung entziehen würde. Aura vergibt alle Sünden, Schwachheit ist die Unbesiegbarkeit der Demütigen.

Doch ob Demokratie oder nicht:

ohne Sorge, sei ohne Sorge.

Selbst die ehrgeizigsten aktuellen Klimaziele der EU reichen nach einer neuen Studie nicht aus, um echten Klimaschutz zu garantieren. Der Plan der EU, bis 2030 die Treibhausgas-Emissionen der 28 EU-Staaten um 40 Prozent zu verringern, „ist nicht kompatibel mit den Zielen, die im Pariser Abkommen 2015 vereinbart wurden“, warnt eine bislang unveröffentlichte Studie des deutschen Öko-Instituts, die der taz vorliegt. So sei nicht gesichert, dass die EU einen fairen Teil dazu beiträgt, die weltweite Erwärmung deutlich unter 2 Grad Celsius zu halten.“ (TAZ.de)

Doch ob Klima oder nicht:

ohne Sorge, sei ohne Sorge.

«Wir sind dran – Was wir ändern müssen, wenn wir bleiben wollen». Jetzt geht es der Menschheit wirklich an den Kragen, wenn sie nicht umsteuert, wie auch in der aktiven Bedeutung: Die Zeit ist reif für Taten. «Fast die Hälfte der fruchtbaren Böden der Erde ist in den letzten 150 Jahren verschwunden; fast 90 Prozent der Fischbestände sind entweder überfischt oder einfach weg. Die Klimastabilität ist in echter Gefahr und die Erde erlebt gerade das sechste große Artensterben ihrer Geschichte», so die ökologische Schreckensbilanz des Reports. Andere ...

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Neubeginns XCVII

Tagesmail - Freitag, den 15. Dezember 2017

Hello, Freunde des Neubeginns XCVII,

„Müsst ihr immer so schlechte Stimmung machen mit diesen Menschenrechten?“

Zitat der gesamten neoliberalen Gegenaufklärungs-Epoche. Formuliert von einem flotten geschäftsführenden SPD-Außenminister, der den Gerechtigkeits-Wahlkampf seines Genossen Schulz nachträglich in Stücke schlägt. Nachträglich, um seinen Genossen, der übers Wasser gegangen war, eben dort zu versenken. Prophylaktisch, um sich seine Lieblingsposition zur Rechten der Mutter frühzeitig zu sichern. Wetten, es wird ihm gelingen?

Gabriel war gefragt worden, warum Deutschland keinen härteren Kurs mit Ländern fährt, in denen Menschenrechte verletzt werden? Das Zitat in voller Länge:

"«Weil wir nicht nur Werte, sondern auch Interessen haben», auch wirtschaftliche, blafft Gabriel in seltener Klarheit zurück – fügt aber hinzu, "andere Länder" würden hinter verschlossenen Türen bereits klagen: «Müsst ihr unbedingt immer so schlechte Stimmung machen mit diesen Menschenrechten?»" (SPIEGEL.de)

Die BILD-Version des Zitates:

Was mich total nervt an der deutschen Debatte, ist, dass wir immer mit dem hohen Ton der moralischen Werte kommen und verschweigen, dass wir Interessen haben. Und das Interesse lautet: Wir wollen zu manchen Ländern Wirtschaftsbeziehungen haben.Was sind wir für ein glückliches Land! Relativ geringe Arbeitslosigkeit, steigende Renten, steigende Löhne, Haushaltsüberschüsse, und unsere größte Sorge ist, ob die Kabarettisten genügend Stoff haben für das nächste Jahr.“ (BILD.de)

Deutschland, so Gabriel rückblickend, habe nicht über Gerechtigkeit nachgedacht, sondern über Stabilität. Demnach müsste Gerechtigkeit so viel wie ...

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Neubeginn XCVI

Tagesmail - Mittwoch, den 13. Dezember 2017

Hello, Freunde des Neubeginns XCVI,

es geht uns so unfasslich gut“ (Astrid Frohloff, ARD).

Und weil es uns so unfasslich gut geht, verglüht deutsche Politik im Wärmetod der Vollendung. Koko oder Kiki, monogam oder polyamor: der Liebesreigen der Parteien kennt nur noch ein Thema: Sex mit der Ex?

Eines Morgens erwachten die Feinde der Utopie und fanden sich mitten im Paradies. Politik? Überflüssig. Was genial ist, das ist deutsch und was deutsch ist, das ist vollendet. Allet juut in Berlin. Er liebt sie, er liebt sie nicht, sie liebt ihn, sie liebt ihn nicht … Kokett Nein sagen, tändelnd die kalte Schulter zeigen, die roten Linien dürfen nicht zu schnell ins Allerheiligste führen. Vorlust muss retardierend zelebriert werden. Die Freuden der Kohabitation kommen früh genug.

Im Überfluss droht Langeweile. Vorsicht, die Amerikaner in Abwärtsspirale könnten auf das deutsche Schlaraffenland (Land der schlafenden Affen) neidisch werden. Parbleu, sie sind es schon geworden. Der Präsident gibt der Kanzlerin der Bösen nicht einmal mehr die Hand. Oh weh, wer soll die Raketen abschießen, wenn der nordkoreanische Diktator sich Europa einverleiben will, um sein geliebtes schwyzerisches Eliten-Internat heimzuholen?

Endlich dürfen deutsche Politiker zeigen, was sie von ihrem Job halten. Sie fühlen sich überflüssig. Wesentliches gibt es nicht mehr zu tun. Nur noch klammheimlich die Diäten erhöhen, danach die Standardrituale.

Politik läuft auf Automatik. Silicon Valley schickt bereits seine Emissäre gen Neugermanien, um das Vollendete in Algorithmen zu fassen. Probleme gibt es nur im Ästhetischen: wie die Physiognomien der Protagonisten erfassen, damit ihre ...

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Neubeginn XCV

Tagesmail - Montag, den 11. Dezember 2017

Hello, Freunde des Neubeginns XCV,

Religion von West bis Ost. Amerika, Russland, die islamischen Staaten, Israel, osteuropäische Länder, Deutschland stets auf leisen Sohlen hinterher: wir erleben die Wiederkehr der in Macht und Herrlichkeit auferstandenen Männerreligion.

Das halbe Jahrhundert der Nachkriegszeit war eine Epoche der Neu-Aufklärung, ein Lernen aus ungeheuren Fehlern messianischer Endzeitorgien, eine Zusammenarbeit der Völker im Namen der UN-Menschenrechte.

Wie der Aufklärung die vernunftfeindliche Epoche der Romantik folgte, so folgt der Neu-Aufklärung, die an die völkerverbindende Macht der Vernunft glaubte, die jetzige Abkehr von aller menschenfreundlichen Politik. Grenzen werden hochgezogen, Mauern spalten die Kontinente, schreckliche Kriege werden angedroht, Hunger und Elend vernichten unzählige Menschen, die Kluft zwischen Profiteuren und Verlierern wächst ins Unbegrenzte.

Der Planet militarisiert sich, die Nationen starren vor Waffen, mit denen sie die Erde zerstören können, die sündige Natur wird zerstückelt, die Welt in Gute und Böse, Starke und Schwache, Gläubige und Heiden gespalten.

Die Geschichte befindet sich in Händen eines Gottes, dessen Ziele durch auserwählte Nationen mit Macht und Wirtschaft, Feuer und Schwert realisiert werden müssen. Der Endsieg der Geschichte gehört den Lieblingen eines Gottes, der seine  leider nicht sehr gute  Schöpfung vernichten und mit den Seinen in ewiger Seligkeit leben will.

Deutschland war die führende Macht der Gegenaufklärung. Nicht Kant war Fortsetzer Luthers, sondern der protestantische Theologe Johann Georg Hamann. Hamann war ein Gegner allen rationalen Denkens und ein Gegner der ...

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Neubeginn XCIV

Tagesmail - Freitag, den 26. April 2013

Hello, Freunde des Neubeginns XCIV,

Wir müssen raus ins Leben; da, wo es laut ist; da, wo es brodelt; da wo es manchmal riecht, gelegentlich auch stinkt. Wir müssen dahin, wo es anstrengend ist. Weil nur da, wo es anstrengend ist, da ist das Leben.“

Draußen ist das Leben, drinnen der Tod. Draußen stinkts und krachts. Drinnen – im Totenreich – wehen elysische Düfte. Die Lebenden müssen sich anstrengen, die Toten liegen faul in ihren Eichensärgen. Gelegentlich müssen die Toten ins Reich des Lebens, um für Ordnung unter den Horden zu sorgen.

Von wem ist das Manifest der Toten? Auch Christen und Edelschreiber befinden sich außerhalb des Lebens und müssen sich e-i-n-m-i-s-c-h-e-n – oder auch nicht. Es war ein Edelgenosse mit einem Engelsnamen, prädestiniert für eine angelologische Kanzlerin.

Parteien sind wie klerikale und mediale Raumschiffe. Ab und an müssen sie sich daran erinnern, dass sie bereits tot sind und hinaus ins Leben müssen, um sich einzubilden, ihr Totenreich sei das wahre Leben. Doch hat sie jemand eingeladen? Stoff für große Opern. Don Giovanni, das blanke Leben, hat die tote Statue, Symbolfigur der Politik, zum Essen eingeladen. Das wird dem Leichtsinnigen das Leben kosten. Leichenhafte Machtträger lassen nicht mit sich spaßen:

„Die Kälte der Hand, die ihm der Komtur reicht, lässt Giovanni aufschreien, und er wird aufgefordert, zu bereuen und sein Leben zu ändern. Don Giovanni lehnt dies ab, die Statue meint nun, seine Zeit sei abgelaufen und geht ab. Flammen umschließen Don Giovanni, der meint, seine Seele zerreiße; unterirdische Chöre rufen, angesichts seiner Sünden sei dies wenig, und Leporello zeigt sich äußerst ...

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