Philosophische Tagesmails

Weltdorf LXXII

Tagesmail - Mittwoch, den 22. Februar 2017

Hello, Freunde des Weltdorfs LXXII,

wer könnte den deutschen Donald Trump spielen? Dieter Bohlen? Zu harmlos, zu unpolitisch. Sein Machtbedürfnis ist schon saturiert, wenn er Einzelpersonen vor der Kamera zur Schnecke machen darf.

Deutsche Milliardäre verstecken sich, deutsche Showgrößen kennen das Wort Politik nur vom Hörensagen – oder wenn sie die Wahl des Bundespräsidenten cineastisch simulieren dürfen.

Doch wie wär‘s mit Maschmeyer, dem Liebling aller Hannoveraner Politiker, bereits gelandet in einer Hire & Fire-Sendung à la Trump, verehelicht mit einer Blondinen, die noch nicht Melanie heißt, aber einwandfrei den Satz nachplappern kann: ich wähle einen Politiker, der nicht nur reden, sondern auch zuhören kann? Nö, der auch nicht, scheut das grelle und aggressive Licht des Exhibitionismus.

Günther Jauch, Lieblings-Schwiegersohn der Deutschen bis ins Greisenalter, wäre der Idealtyp, doch ach, ihm fehlt – wie allen deutschen Gottschalks – alles Dämonische und Mephistophelische. Sie sind herzensgute Zeitgenossen, sie lieben Tiere und Menschen und spielen allzu gern das unschuldige Gretchen, über das der Bösewicht keine Gewalt hat:

Da die? Sie kam von ihrem Pfaffen,
Der sprach sie aller Sünden frei.
Ich schlich mich hart am Stuhl vorbei,
Es ist ein gar unschuldig Ding,
Das eben für nichts zur Beichte ging;
Über die hab ich keine Gewalt!

Das Volk des faustischen Pakts will von Mephisto nichts mehr wissen. Das ist, als wolle man Erfolg haben – ohne über Leichen zu gehen. Nur ein Rest des faustischen Pakts blieb übrig – als karrieristischer Aufstieg zu den Eliten. Da dieser aber kanzlerinnen-verträglich und wirtschaftsförderlich ist, wurde das Mephistophelische in Selbstoptimierungsenergie umgetauft. Manche sprechen auch von Motivation, jener ...

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Weltdorf LXXI

Tagesmail - Montag, den 20. Februar 2017

Hello, Freunde des Weltdorfs LXXI,

„Der Präsident erwartet, dass die Verbündeten ihr Wort halten“.

In München, der fidelen Stadt, begann das Gelächter. Erst verstohlen, fast ungläubig, am Ende als planetarischer Tsunami. Noch immer ist es nicht verebbt. Man hört es noch auf den entlegensten Archipelen der Welt, von Insel zu Insel hüpfend: der mächtigste Mann der Welt ist ein Clown, der mit der Erde Allotria treibt. Lachen wir ihn aus dem Amt – bevor er auf die Idee kommt, den roten Knopf zu drücken, weil er es nicht erträgt, dass man ihn verlacht.

Die Sprache, die der grässliche Spaßmacher verwendet, ist „eine bewusst unverständliche Sprache. Der aggressive Tonfall, die Mimik und die Gestik lassen dabei aber unmissverständlich auf den Inhalt der Nachricht schließen“, so die Beschreibung der chaplinesken Diktatorsprache. Es genügt nicht, den unumschränkten Herrn über Wahrheit und Lüge zu hören. Man muss sehen, wie er mit mächtigem Haupthaar die Bühne beherrscht, um zu ahnen, wie er demnächst die Erdkugel traktieren könnte.

Der Präsident, von sich selbst nicht erwartend, dass er tut, was er sagt, erwartet es von anderen – und Merkel liefert. Auch die Magd des Herrn kümmert sich selten um ihr Geschwätz von gestern. Täglich erhält sie brandneue Instruktionen vom Himmel. Die Sprache der Kreaturen ist wurmstichig. Die Erwählten sprechen die Sprache der Sünder, als sprächen sie sie nicht. Sie verständigen sich in, mit und gegen das Wort. Wer zu ihnen gehört, versteht die Sprache der Erleuchtung. Wer sie nicht versteht, gehört nicht zu ihnen.

Durch Aufrüstung soll Frieden auf Erden hergestellt werden? Wird Frieden nicht durch friedliche Maßnahmen hergestellt? Deutschland gilt bei ...

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Weltdorfs LXX

Tagesmail - Freitag, den 17. Februar 2017

Hello, Freunde des Weltdorfs LXX,

die zwei mächtigsten Menschen der Welt geben sich äußerlich komplementär – doch ihr Politstil ist identisch. Selbstkritik ist ihnen unbekannt. Identisch ist auch der Inhalt ihrer Politik: sie betreiben eine von keinen Selbstzweifeln angekränkelte Weltpolitik der Grenzenlosigkeit. Einer grenzenlosen Macht, eines grenzenlos technischen Fortschritts, eines grenzenlosen Wirtschaftswachstums, einer grenzenlosen Kluft zwischen Arm und Reich, einer grenzenlos zerstörbaren Natur und einer grenzenlosen Geschichte, deren Erwählungsdespotie sich niemand entziehen kann. Der eine mit offenem Visier, höhnisch und in selbstvernarrter Brutalität. Die andere in der Attitüde der leisen, höflichen Magd – die weiß, dass sie zur Herrin auserwählt wurde.

Regeln der Demokratie sind für beide Anmaßungen derer, die das Spiel der Moderne verloren haben. Der eine spuckt auf sie, die andere erstickt sie mit Hohlformeln.

Der eine traktiert die Vierte Macht, als sei sie eine Räuberhorde, spaltet sie in Lieblinge und Feinde, bevorzugt die ersten und deklassiert die Unbotmäßigen. Die andere erklärt nichts, lässt sich auf keine öffentliche Debatte ein und fertigt die vorlaute Meute mit rhetorischem Schall und Rauch ab.

Der eine spricht nur mit Lobrednern seiner Macht und überfährt die Frechen mit Beleidigungen:

„Bei seinen vergangenen Auftritten hatte er nur Fragen von konservativen und christlich-rechten Medien zugelassen und den Rest der US-Medien ignoriert. Als ein Reporter einer jüdisch-orthodoxen Publikation ihn nach dem wachsenden Trend des Antisemitismus in den USA befragte, nahm Trump dies erst mal als persönliche Attacke. „Ich bin die am wenigsten antisemitische Person, die Sie je in ihrem Leben sehen werden“, sagte er. Als ein Reporter nachhaken wollte, raunzte er ihn an: ...

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Weltdorf LXIX

Tagesmail - Mittwoch, den 15. Februar 2017

Hello, Freunde des Weltdorfs LXIX,

„Narziss verliebt sich in sein Spiegelbild; nicht erkennend, dass es sein eigenes ist, will er sich mit diesem Spiegelbild vereinigen und ertrinkt.“

Nein, so war‘s nicht, so harmlos kann‘s nicht gewesen sein. Es war vielmehr so:

Der Knabe begründete den Club „maligner“ Schwerkranker, in der Hoffnung, das kommende Abendland – das ohne seinen unheilvollen Einfluss zu einem Kontinent von Engeln zu werden drohte – mit Psychotikern zu infiltrieren, die sich das Leben gegenseitig zur Hölle machen. Dem Club durften nur Personen beitreten, die die folgenden, wissenschaftlich erhärteten Bösartigkeitssymptome nachweisen konnten:

„Bösartige Narzissten tun alles, um an ihr Ziel zu kommen. Sie können intelligent und hochgradig funktionsfähig sein und so beispielsweise wichtige Jobs ausüben. Sie können charmant sein, emotional wirken, würdevoll, freundlich und sie können Beziehungen führen.“ Doch diese Menschen sind unter Umständen tickende Zeitbomben: „Sie können lügen, falsche Anschuldigungen erheben, dramatisieren, stehlen, manipulieren, verleumden oder Fakten verdrehen. Sie fühlen sich im Recht und sind so egozentrisch und besessen, dass sie dies nicht als falsch ansehen. Sie haben keine Schuldgefühle oder Reue und fühlen sich missverstanden.“ (BILD.de)

Das war die Rache des teuflischen Heidentums an der Kultur der Frommen, die kein Böses kennen, denen die abscheuliche Gestalt des Teufels unbekannt ist – und die allen Menschen Glück auf Erden und ewige Seligkeit im Himmel wünschen. Der christliche Westen wäre ein Garten Eden, mit wunderbar digitalisierter Flora und Fauna, nächstenliebenden Maschinen und unsterblichen Menschen, die Krankheit und Not überwunden haben und das Böse für die Erfindung von Gottlosen halten.

Wie kann man sich in sich selbst verlieben, wenn man kein „Selbst“ hat? Narziss hatte sich nie gesehen, wie konnte er wissen, wovon er fasziniert war? Er war nicht von ...

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Weltdorf LXVIII

Tagesmail - Montag, den 13. Februar 2017

Hello, Freunde des Weltdorfs LXVIII,

ein Nichtereignis mit obligatorischen Quasselbeilagen. Das Establishment hatte Betriebsfest und feierte das Wiedersehen von prächtig und mächtig. Lag da nicht vertraulich eine bunte Hand auf Merkels grauen Schultern? Ein lockerer Mensch hatte keine Berührungsängste mit der Macht und wusste, dass auch seine Kanzlerin geliebt werden will. Die Bundesratsversammlung ist eine fröhliche Begegnungsstätte von ungeliebten Gewählten und bewunderten Ungewählten. Graue Mäuse und BürgerInnen: Betreten verboten.

Deutschland funktioniert. Friktionsfrei. Leise schnurrend wie eine Limousine. Da lachen alle Freunde der geölten Postdemokratie. Man sagt post, um das garstige anti zu vermeiden. BILD-Wagner, in hohen Nöten wegen seines geliebten Amerika, das er nicht mehr wieder erkennt, ist wieder getröstet. Auf sein Vaterland ist Verlass – wenn‘s drauf ankommt:

„Niemand war erregt. Es war, wie bei einer Schlüsselübergabe bei Nachmietern. Es war schön, wie alles über die Bühne lief. Kein Pomp, keine Königskrone, sachlich, modern, geschäftsmäßig. Gauck übergibt an Steinmeier. Wir Deutschen können glücklich sein, dass keine Bomben explodierten bei der Präsidentenwahl und kein Chaos ausbricht, auf den Straßen. Deutschland ist ein großartiges, cooles Land.“ (BILD.de)

Das Singen der ersten Strophe der Nationalhymne wäre jetzt angebracht. Doch völkische Selbsthasser verbieten es, sie lieben ihre Frauen, aber nicht ihren Staat.

Tanit Koch, BILD, hält echte Wahlen für überholt:

„Kungelei“, „Abgekartet“, „Geschacher“ – alles Begriffe, die vor der Bundespräsidenten-Wahl zu hören waren. Doch Demokratie verlangt nicht zwingend nach Kampf-Abstimmungen. Unverzichtbar hingegen: Glaubwürdigkeit.“ (BILD.de)

Völker der Welt, schaut auf dieses Land. Hier werden alte Zöpfe abgeschnitten. Hier wird der Fraktionszwang nationalisiert. Die GagroKo legt in kungelndem, abgekartetem Geschacher fest, wer gewählt werden muss. Dann darf das ...

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Weltdorf LXVII

Tagesmail - Freitag, den 10. Februar 2017

Hello, Freunde des Weltdorfs LXVII,

„Über den Weltuntergang entscheiden wir nicht“.

„Wir haben unser Schicksal selbst in der Hand.“

Zwei unvereinbare Grundsätze aus einer Partei. Den ersten Satz sprach Finanzminister Schäuble, den zweiten seine Kanzlerin.

Logik ist kein Eros der Moderne, Widersprüche sind für Erben der Romantik das Salz in der Suppe. Kein einziger Interviewer, der zwingende Nachfragen stellen würde: Herr Schäuble, wie kommt es, dass die Spitzen einer Partei sich in Grundsatzfragen widersprechen? Frau Merkel: Sind Sie vom Glauben abgefallen, dass nicht mehr der lutherische Gott, sondern der sündige Mensch sein Schicksal bestimmen soll? Dass der Mensch Herr seines Geschicks ist: muss das nicht die größte Blasphemie für eine Pastorentochter sein?

Wer den Menschen in Gottes Hand sieht, kann ihn nicht zum Herrn seiner Geschichte erheben. Wer an den Weltuntergang glaubt, der in jeder Minute hereinbrechen kann, sollte nicht blasiert über die Ängste jener hinweggehen, die sich vor einer unabwendbaren Katastrophe fürchten.

Ist der Gott in der Verfassung identisch mit dem Gott der Christen? Dann wäre die Verfassung theokratisch mit demokratischen Attrappen. Ist er‘s nicht, sondern eine aseptische Mischung aller Gottesvorstellungen dieser Welt, wäre er abstrakt und überflüssig.

Wer an den selbstbestimmten Menschen glaubt, kann sich seinen Erlöserglauben schenken. Beide Glauben sind unvereinbar. Wer an Gott als Herrn der Heilsgeschichte glaubt, muss sich vor seiner Allmacht bücken. Heidnischer Stolz auf den ...

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Weltdorfs LXVI

Tagesmail - Mittwoch, den 08. Februar 2017

Hello, Freunde des Weltdorfs LXVI,

die Menschheit ist keine gefügige Masse mehr. Der Shitstorm hat seine rebellische Kehrseite. Mit Hohn und Spott reagiert die vernetzte Internationale auf einen Bademantel-Nero. Im Osten ist nicht alles orban. Die Rumänen verharren tagelang in Eiseskälte auf der Straße, um ihren raffgierigen Oberklassen die rote Karte zu zeigen. Die Frauen der Welt beginnen, die Dünkelherrschaft kleinhändiger Phallokraten mit zornigem Gelächter zu überziehen. Vorsicht, Männlein, sie machen Schnippschnapp: bald ist euer Lack ab.

Es sind nicht die Mächtigen, die klar Schiff machen. Westliche Eliten verbiegen und krümmen sich, um ihre diplomatischen Duckmäusereien als Weisheit letzten Schluss zu verkaufen. Es sind die Massen:

„Was unsere Zeit kennzeichnet, ist der Einbruch der Massen und ihrer erbärmlichen Lebensbedingungen in das Bewusstsein der Zeitgenossen. Man weiß nun, dass sie existieren, während man geneigt war, es zu vergessen. Wenn man es weiß, so nicht etwa, weil die Eliten empfindsamer geworden wären, keine Bange, sondern weil die Massen stärker geworden sind und dafür sorgen, dass man sie nicht vergisst.“ (Albert Camus, „Der Künstler und seine Zeit“)

Als sich in neoliberalen Hoch-zeiten schlechterdings nichts veränderte – außer der Wohlstandskurve und der Anzahl der Maschinen – sprachen sie täglich: wir leben in Zeiten des Umbruchs. Jetzt, da es kracht und bricht, wollen sie sich plötzlich nicht mehr neu erfinden, sondern beklagen ihre gefährdete Behaglichkeit.

Das Neue gibt es längst, es ist die Kunde vom Menschen als Freund des Menschen. Wie ärgerlich für alle, die in die Zukunft starren, dass das Neue die Weisheit der Alten ist, die sie klaftertief versenkten, damit menschliche Klugheit dem ...

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Weltdorf LXV

Tagesmail - Montag, den 06. Februar 2017

Hello, Freunde des Weltdorfs LXV,

„Doch es sieht gut aus. Sehr gut.“ Was sieht sehr gut aus? Der Untergang unserer Welt und der Beginn einer neuen. „Lasst das postapokalyptische Spiel beginnen“, überschreibt Marcel Reich in der WELT einen enthusiastischen Artikel über den Zustand der Menschheit nach ihrer fast vollständigen Selbstausrottung. (WELT.de)

Nur wenige Mitglieder der lebensunfähigen Gattung haben überlebt. Die Wiederholung des grausamen Spiels kann beginnen. Besinnungslos, bewusstseinslos. Ist die Gattung mit knapper Not dem kollektiven Suizid entkommen – oder brachen Naturkatastrophen über die Menschheit herein?

Mit solchen Petitessen gibt sich das Spiel nicht ab. Es will öde Zeit vertreiben, nicht zum Denken anregen: „1000 Jahre sind vergangen, seitdem die Zivilisation nach einer Katastrophe zusammengebrochen ist. Die letzten Menschen leben wieder in primitiven Stämmen von Jägern und Sammlern, die von Priestern mit okkulten Regeln zusammengehalten werden. Bedroht werden sie von Maschinenwesen, die in der Welt herumstreifen. Diese sehen aus wie Säbelzahntiger und Dinosaurier, dabei bestehen sie komplett aus Technik.“

Da capo mit einer starken Frau, die sich am Anfang der Zeiten mit einem Gott anlegte und in der futurischen Wiederholungsschleife sich mit okkulten Priestern herumschlagen muss. Priester müssen die letzten Menschen zusammenhalten. Ohne das Heilige, das all unsere Vernunft übersteigt, geht die Chose nicht.

Aloy, die Frau, muss „von niemandem gerettet werden“. Sie fightet gegen feindliche Wesen, die wie Tiere aussehen, aber Maschinen sind. Es wurde Wirklichkeit, was die anfängliche Moderne dekretierte: seit Descartes waren Tiere seelenlose Apparate, die man quälen und abschlachten durfte. Nur der Mensch hatte eine Seele, der Rest ...

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