Philosophische Tagesmails

Neubeginn XXIV

Tagesmail - Mittwoch, den 28. Juni 2017

Hello, Freunde des Neubeginns XXIV,

sie hätte ein intelligenteres Volk verdient. In ihrer „scheinbar unangreifbaren“ (SPIEGEL) Machtfülle wirkt sie zunehmend gelangweilt. Das gibt sie prophylaktisch selbst zu Protokoll, auf dass niemand auf die Idee komme, seiner eigenen Wahrnehmung zu trauen. „Wenn ich nicht rede, gucke ich schnell gelangweilt.“ (Eine Zeitschrift für Frauen)

Sie guckt nicht nur, sie ist gelangweilt, wenn andere reden. (Nicht weil sie eine herausragende Rednerin wäre, sondern weil sie von Wortemachen generell nichts hält. Ihr Vater machte viele Worte auf der Kanzel, als Kanzlerin ist sie die Tochter ihrer vitalen Mutter. Sie sagt nicht Herr, Herr, sie ist Täterin des Worts).

Würde sie sich selbst verraten, wenn es wirklich stimmte? Sie liefert sich aus, um sich unüberwindbar zu machen. Es gibt keine Gegner, die sie durchschauen (wollen) (denn was käme danach?), es gibt keine Herausforderer, sie sie gefährden (wollen) (weil sie Angst haben, allein zu regieren), es gibt keine Vierte Macht, die sie – und nicht nur zum Schein – wirklich angreifen (will) (sonst müsste sie ihre aufdeckende und aufrüttelnde Macht beweisen).

Die Deutschen lassen sich freudig zum paradiesischen Schlafwandeln verführen. Die medialen Hüter des Schlafwandelns empören sich nicht über sie, sondern über jene, die ihr undemokratisches Einschläfern vorwerfen. (Der Erste Weltkrieg soll die Leistung schlafwandelnder Europäer gewesen sein.)

Wann ist Demokratie gefährdet? Wenn Berserker mit Aplomb über sie hinwegtrumpeln, um sich wütende Gegner zu schaffen? Oder wenn sie unter Wahrung verfassungskorrekter Etiketten vor aller Augen still und heimlich ...

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Neubeginn XXIII

Tagesmail - Montag, den 26. Juni 2017

Hello, Freunde des Neubeginns XXIII,

Sehnsuchtsländer brauchen Jahrhundertfiguren. Als ob die Deutschen ihre nationalen Schleusen geöffnet hätten, lassen sie ihre großen Männer jetzt in die Arena purzeln. Um in den Klub der Giganten aufgenommen zu werden, empfiehlt sich ultimatives Ableben (Kohl), ein putzmunterer höherer Geburtstag (Sloterdijk) – oder die Reanimierung einer maroden Partei (Schröder).

Große Frauen kann es keine geben – trotz ehrgeizigen weiblichen Nachwuchses protestantischer Pfarrhäuser, die bereits nach dem Tode Gottes ihren Höhepunkt überschritten hatten.

Man kann nur eins: sich für ewigen Ruhm aufblasen oder für Leben und gutes Leben verantwortlich fühlen. Um des Ruhmes willen riskieren groß-sein-wollende Männer das Leben, was sie Fortschritt nennen. Um des Lebens willen verschmähen Frauen den Blasebalg-Ruhm, weshalb sie sich noch immer minderwertige Gefühle einreden und den Fortschritt der Männer gefallen lassen.

Wen meinte Steve Jobs wirklich, als er schwanzlose Arschlöcher (dickless assholes) attackierte? Jene Wesen, denen die Natur einen belastbaren Menschenverstand und eine göttliche Vagina verlieh.

Ein halbes Jahrhundert zur Resozialisierung der suizidalen Berserkernation muss genügen, damit reuige Sünder sich berechtigt fühlen, wieder eine stolze Summa zu ziehen.

Es begann mit Reihenhäuschen und dem millionsten VW. Heute wird nach VW-Betrügern international gefahndet, Wohnungen wurden Mangelware und der BER wird erst im nächsten Jahrhundert fertig. Zum Ausgleich der Schandflecke haben wir Wiedervereiniger, Geistesriesen und propere Kampfrhetoren. In Paradiesen und Sehnsuchtsländern hat es keine Flecken zu geben – und also gibt es keine. Je älter die Heroen werden, umso jahrhundertmäßiger können sie sich aufblähen. Die ...

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Neubeginns XXII

Tagesmail - Freitag, den 23. Juni 2017

Hello, Freunde des Neubeginns XXII,

lieber einen ehrlichen Wallstreet-Wüterich, als eine sammet-flötende deutsche Pastorentochter.

„In Sammet und in Seide / War sie nun angetan / Hatte Luisen-Bänder auf dem Kleide, / Hatt' auch ein Kreuz daran“. (Faust III)

Wir nähern uns der seit alters ersehnten Vereinigung von Republik und Monarchie. In einer „Unionsakte“ sollte verbunden werden, was Gott zusammengefügt – und nur der gottlose Mensch getrennt hatte – um den „Ausblick auf ein paradiesisches Reich“ zu gewinnen. Die Idee des himmlischen Friedens auf Erden „stellte sich ihm unter dem BILD einer allumfassenden Familie dar, – eine Herrin und eine Familie“. Die Rede ist von einem deutscher Dichter, der den Berliner Staat als Inbegriff irdischer Verzückung besang.

Ein „unsinniges Räsonnement, dass Demokratie den einzig möglichen Weg zeige, um den in der Natur nirgend existierenden idealen Regenten künstlich zu erzeugen. Nur die Mittelmäßigkeit, die Weltlist, die Volksschmeichelei, werde auf diesem Wege zur Herrschaft erhoben, und das Resultat bilde einen großen Mechanismus, einen Schlendrian, den nur die Intrige zuweilen unterbreche“.

Ein BILD-Kriegsreporter in Diensten deutscher Grandezza heißt Julian Reichelt und nicht Novalis. Wenn er singen könnte, würde er singen. So muss er sich mit religiöser Grandiosität aufpumpen, die die Utopien der Ungläubigen verflucht, um selbst den zweiten Garten Eden auszurufen.

„Welch weiten und unglaublichen Weg Deutschland seitdem gegangen ist, begleitet und beschrieben von BILD! Aus dem bedrohlichen Deutschland ist der Sehnsuchtsort der Welt geworden. Ein Ort, an dem Menschen eine bessere Zukunft für sich und ihre Kinder suchen. Ein Land der Zuversicht. BILD ist Teil dieses weltoffenen, modernen Landes. … Diese Ausgabe für alle deutschen ...

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Neubeginn XXI

Tagesmail - Mittwoch, den 21. Juni 2017

Hello, Freunde des Neubeginns XXI,

Die Sünde groß machen“ ist nach Martin Luther die Summe des Römerbriefes; denn wenn die Sünde nicht groß sei, würde nicht deutlich, dass die Menschen auf die Gnade Gottes zur Vergebung ihrer Sünden angewiesen seien.“

„Denn wie in Adam alle sterben, so werden auch in Christus alle lebendig gemacht werden.“

„Denn ich weiß nicht, was ich tue. Denn ich tue nicht, was ich will; sondern, was ich hasse, das tue ich. So ich aber das tue, was ich nicht will, so gebe ich zu, daß das Gesetz gut sei. So tue ich nun dasselbe nicht, sondern die Sünde, die in mir wohnt. Denn ich weiß, daß in mir, das ist in meinem Fleische, wohnt nichts Gutes. Wollen habe ich wohl, aber vollbringen das Gute finde ich nicht. Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich. So ich aber tue, was ich nicht will, so tue ich dasselbe nicht; sondern die Sünde, die in mir wohnt.“Paulus

„Und zum Weibe sprach er: Ich will dir viel Schmerzen schaffen, wenn du schwanger wirst; du sollst mit Schmerzen Kinder gebären; und dein Verlangen soll nach deinem Manne sein, und er soll dein Herr sein. Und zu Adam sprach er: Dieweil du hast gehorcht der Stimme deines Weibes und hast gegessen von dem Baum, davon ich dir gebot und sprach: Du sollst nicht davon essen, verflucht sei die Erde um deinetwillen, mit Kummer sollst du dich darauf nähren dein Leben lang.“ Gott

„Niemand fehlt freiwillig“ – Sokrates.

„Die Verantwortung liegt bei dem, der die Wahl getroffen hat. Den Gott trifft keine Verantwortung.“ Platon.

„Dies ist das Siegel der absoluten hohen Bestimmung des Menschen, dass er wisse, was gut und was böse ist, dass eben sie das Wollen sei, entweder des Guten oder des Bösen – mit einem Wort, dass er Schuld haben kann, Schuld nicht nur am Bösen, sondern auch am Guten. Nur das Tier ist wahrhaft unschuldig. Kinder, ...

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Neubeginn XX

Tagesmail - Montag, den 19. Juni 2017

Hello, Freunde des Neubeginns XX,

Das Unsterbliche an Helmut Kohl ist, wie er die Menschen in eine unbekannte Zukunft führte. Wie Kolumbus, der in eine neue Welt segelte. Er war auch wie diese Astronauten, die den Mond eroberten. Es war eine Sternstunde im Leben Deutschlands. In einem winzigen Moment standen alle Sterne günstig. Kohl hatte in seiner Sternstunde so viele Verbündete. Busch senior, den Papst, Lech Walesa, Gorbatschow.

Ich weiß nicht, wer unser Glück der Einheit brachte, die Freundschaft dieser Männer, die Sterne am Himmel.

Es war eine Sternstunde für Deutschland. Die Menschen passten zueinander.

Wer passt heute noch zueinander.“ (BILD.de)

Postmortales Delirium, postmortale Erleichterung, postmortale Identifikation als Katapult in die Unsterblichkeit.

Gewaltiger kann ein Deutscher nicht werden. Der Vergöttlichte als Günstling des Himmels, die Konstellation der Sterne ein Kairos der Geschichte. In unscheinbarer Stunde geschah das Unvorhersehbare: für einen lichten Augenblick öffnete sich der Himmel, erwählte seinen Liebling, sandte ihn zu den Menschen, damit er ihnen den Weg wiese, obgleich sie ihn nicht verdienten. Die wegbegleitenden Heroen waren Werkzeuge des Geschicks – zufällig standen die Sterne in Konjunktion, dass Ost und West zueinander fänden.

Gottes Strafe für das Dritte Reich war getilgt. Das geschlagene Deutschland konnte wieder zurückfinden zur Mitte Europas – in geläuterter Größe, in bußfertiger Dominanz: der Weg für die Pastorentochter aus den Tiefen des Sozialismus war ...

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Neubeginn XIX

Tagesmail - Freitag, den 16. Juni 2017

Hello, Freunde des Neubeginns XIX,

kann man aus der Geschichte lernen? Fragt die Körber-Stiftung unter Mitwirkung eines Joschka Fischer, laut Text des Programms: „Gründungsgesellschafter Joschka Fischer & Company, Berlin“, verbunden in „strategischer Partnerschaft mit der Albright Stonebridge Group in Washington“.

Ende der Werbedurchsage für zwei verdienstvolle Ex-Außenminister des Westens aus jenen goldenen Zeiten, als dieser seine Kriege noch hochmoralisch führte. Heute werden Bombenangriffe zum Dessert serviert.

Ein großer Fortschritt, denn der Westen macht sich ehrlich, er entblößt sich, er lässt die Hosen runter. Das Feigenblatt des Dekalogs und der Bergpredigt – eine andere Moral kennt er nicht – reißt er sich vom sündigen Gemächte, das in fleischgewordener Formation mit prächtigem Haupthaar die Rolle des amerikanischen Präsidenten spielt.

Fischer hielt es noch für richtig, das Wort „Auschwitz“ zu benutzen, um duckmäuserischen Widerstand gegen seinen heiligen Feldzug über Gerechte und Ungerechte niederzubügeln. Kaum jemand kam auf die Idee, den Sprössling ungarischer Donauschwaben, der serbische Teile seiner verlorenen Heimat mit einem Bombenteppich übersäen ließ, als Moralisten zu bezeichnen.

Kann man aus der Geschichte lernen? Eine verrückte Frage. Natürlich nicht. Geschichte ist nicht das Orakel von Delphi, wo eine Priesterin unter berauschenden Dämpfen merkwürdige Geräusche produzierte, die jeder nach Belieben deuten konnte. Geschichte geschieht, sie doziert nicht. Sie produziert Fakten. Fakten sprechen nicht. Sie gehören dem Sein an, für Sollen sind sie nicht zuständig. Lernen ohne moralische Folgerungen wäre kein Lernen. Moral ist Sollen, das ein anderes Sein will.

Journalisten moderieren das exzellent besetzte Podium. Jour-nalisten fühlen sich dem Tag verpflichtet. Was übertägige Geschichte ist, wissen sie nicht und wollen sie nicht wissen – höchstens als Füllmasse rasender Tagesereignisse oder als ...

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Neubeginn XVIII

Tagesmail - Mittwoch, den 14. Juni 2017

Hello, Freunde des Neubeginns XVIII,

eine Prise Puritanismus gefällig? Es sind verlotterte katholisch-hedonistische Franzosen, denen ein herablassend-politisch-korrekt-inkorrekter Deutscher angelsächsisch-calvinistische Fremdoptimierungen empfiehlt, der mit beiden Beinen auf dem Boden abendländisch-antinomisch-christlicher Grundwerte steht – und fällt.

Hoppla, da purzeln Konfessionen und nationale Eitelkeiten. Wer solche metaphysisch und ethisch luziden Sätze ins Rohdeutsche übersetzen will, müsste 95 Grobianismen an die Pforten der SPIEGEL-Redaktion nageln.

So gesehen braucht Frankreich tatsächlich eine Prise Puritanismus.“ Empfiehlt René Pfister im Hamburger Magazin, das bedenklich ins Straucheln gekommen ist. (SPIEGEL.de)

So gesehen. Wer es anders sehen will, könnte salopp auf die Prise Wahrheit verzichten und sich auf europäisches no bail out berufen: nicht nur von wirtschaftlichen, sondern auch von moralischen Handreichungen und Besserwissereien ist dringend abzuraten. Jede Nation hat sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen. Völkischer Anstand endet an den Grenzen. Moral ist mit abendländischen Werten unvereinbar. Nur Interessen sind von den politischen Zensoren zugelassen.

Von europäischen oder gattungserhaltenden Gesamtinteressen ist keine Rede. Global machiavellisieren, lokal leitkulturieren, privat sich moralisch dauer-entrüsten: wer diesen internationalen Chauvi-Test nicht besteht, darf in der Lüneburger Heide Schafe scheren.

Doch Moment mal, du Weltgeist auf tönernen Berliner Füßen. Gab es da nicht mal moralische Interessen? Wie sie alles monopolisieren, so auch die vernünftigen und unvernünftigen, übergeordneten und partikularen, utopischen und kurzsichtigen, eigensüchtigen und solidarischen Bedürfnisse, Erwartungen und Selbstverpflichtungen, die sie in ein ökonomisch-uniformes Machtinteresse ...

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Neubeginn XVII

Tagesmail - Montag, den 12. Juni 2017

Hello, Freunde des Neubeginns XVII,

der revolutionäre Sturmlauf der Franzosen – und die stehenden Gewässer der Deutschen. Napoleon – und die preußische Königin Luise; Macronaparte – und die Weltkönigin Angela. Ab jetzt gibt es eine ernstzunehmende Konkurrenz für die deutsche Kanzlerin um die führende Stimme Europas in der Welt. Macron beherrscht die Kunst, ältere Damen heimzuführen.

Die Franzosen haben sich runderneuert und ihre Minderwertigkeitsgefühle weggefegt. Die alten verschlissenen Garden, das Volk ertrug sie nicht länger. Aus dem Stand regenerierte sich die politische Klasse zu einem Drittel aus Laien und Niemanden. Le Pen? Nichts als der Überdruss an degenerierten, amoralischen Alteliten.

Moral – ein Unwort in neugermanischen Sumpfländern, wird zum Imperativ der Politik. Versteht sich, dass deutsche Medien das Unwort zu Anstand verwässern.

„Emmanuel Macron will nun wieder mehr Anstand in die Politik bringen. Er plant ein Gesetz über die Moralisation de la vie politique, also über die Moral im politischen Leben. So soll es Parlamentariern verboten werden, Familienmitglieder zu beschäftigen. Außerdem soll jeder Politiker angeben, mit welchen Institutionen, Firmen oder Vereinen er oder sie verbunden ist, um Interessenkonflikte zu vermeiden. Nebenjobs als Berater oder Coach sollen grundsätzlich nicht mehr erlaubt sein.“ (ZEIT.de)

Anstand ist ein Knigge-Begriff der bürgerlichen Stände. Aus Höflichkeit verkehrt man seine Weg-Beiß-Qualitäten in wohlerzogene Liebenswürdigkeiten. Wenn sich alle Mächtigen inszenieren, wird Anstand zur propagandistischen Selbstverpflichtung. Moral verhält sich zu Anstand wie wirkliche Freiheit zu Neoliberalismus.

Nein, Macron wird keine Alternative zum Kapitalismus liefern. Doch er wird den Verdruss über den Verfall der Demokratie in eine neue Lust am ...

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