Philosophische Tagesmails

Weltdorf LXXXVIII

Tagesmail - Freitag, den 31. März 2017

Hello, Freude des Weltdorfs LXXXVIII,

Frage: Ist Trump verrückt?

Antwort: Jajajanatürlichselbstverständlichwasdennsonst-wie kann man nur so dämlich fragen? Das sieht ja ein Blinder mit Krückstock.

Frage: Woher kommt seine Verrücktheit?

Antwort: Mannomann, wie oft stellst du mir solche Dummstellerfragen noch? Deine Haxen kannst du dir alleine brechen. Aber deine zarte Seele ist verbunden mit deiner Familie, deine Familie – seit Erfindung der Nation – mit der Gesellschaft, die Gesellschaft – seit Erfindung der globalen Welt – mit der ganzen Menschheit.

Frage: Heißt das, alle Amerikaner sind meschugge?

Antwort: Herrgottkruzitürkensakramentnochmal, nicht alle Amerikaner. Wären wir alle verrückt, wären wir schon längst tot.

Frage: Warum sind die einen verrückt, die anderen nicht? Gehörst du zu den Verrückten, wenn du hier so herumtobst und fluchst wie ein Kesselflicker?

Hier schließen wir die Tür und flüchten vor dem Musterdialog zwischen Vater und Sohn mit Grauen. Moment, wieso mit Grauen? Wer stellt heute noch – außer Kindern – intelligente und bohrende Fragen?

Kinderfragen haben keine Chancen, die Schlagzeilen zu erobern. Und wenn, dann unter der Rubrik: wie erkläre ich meinem Kind das Grauen in Aleppo? Antwort: indem ich alles so verharmlose, dass die Kinder nie mehr fragen werden: sie spüren das Unbehagen der Erwachsenen und wollen sie nicht länger in Verlegenheit bringen. Die Eltern schlagen die Fragen nieder, bevor ihre Kinder sie vor der versammelten Großfamilie blamieren können.

Gäbe es ein Big-Data-Verfahren, alle intelligenten Kinderfragen dieser Welt zu belauschen, zu sammeln und in Büchern festzuhalten, gäbe es eine wundervolle ...

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Weltdorf LXXXVII

Tagesmail - Mittwoch, den 29. März 2017

Hello, Freunde des Weltdorfs LXXXVII,

„Ich bin sicher, dass in der Steinzeit fabelhafte Umweltbedingungen herrschten, trotzdem möchte ich nicht dahin zurück.“ Schreibt Jan Fleischhauer im SPIEGEL.

a) Nehmen wir an, der Menschheit gelänge es nicht, die Umwelt-Verschmutzung zu stoppen, die Klimaverschärfungen würden eskalieren und zum Ende der Gattung führen: würde Fleischhauer lieber untergehen – als in „primitiver“ Naturverträglichkeit weiterzuexistieren?

b) Nehmen wir an, die Zustände in den größten Teilen der Erde würden so katastrophal werden, dass nur ausgewählte Minderheiten mit Hilfe von Waffen und technischer Macht in den letzten, streng abgeschirmten Ökonischen existieren könnten: hätte Fleischhauer die Hoffnung, zu den Auserwählten zu gehören – und der Rest der Menschheit wäre ihm gleichgültig?

c) Nehmen wir an, das jetzige Wohlleben auf Kosten der Natur ginge nur noch wenige Jahre: würde Fleischhauer das Leben seiner Kinder und Kindeskinder kaltblütig riskieren und das Motto der Marquise de Pompadour ausgeben: nach mir die Sintflut? Das wäre die Entscheidung – nein, die feige Nichtentscheidung durch Verharmlosen, Verdrängen und Verleugnen – für den Suizid der Gattung. Die längst eingetretene Kinder- und Frauenfeindlichkeit würde zusammenfallen mit der Selbstausrottung der Männer – begleitet vom Sirenengesang einer illusionären Erfindung der Unsterblichkeit. Selbst wenn die Erfindung Realität würde, wären nur winzige Minderheiten die Profiteure der Entwicklung, nein, die Opfer ihrer Hybris. Wer möchte unsterblich leben, wenn schon das sterbliche Leben für die meisten ein immerfort beklagenswertes Dasein im irdischen Lazarett bedeutet?

d) Nehmen wir an, der gegenwärtige Stand der Wohlfahrts-Wirtschaft wäre nur durch weitere Naturzerstörung möglich: würde Fleischhauer lieber eine ...

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Weltdorf LXXXVI

Tagesmail - Montag, den 27. März 2017

Hello, Freunde des Weltdorfs LXXXVI,

nein, Europa ist kein Elitenprojekt.

Wäre es eines, sähe man keine Demonstranten in Rumänien, England, Deutschland und vielen Ländern leidenschaftlich für die europäische Verbundenheit eintreten. Hätte es nicht deutsch-französische Partnerschaften auf unendlich vielen Ebenen geben können. Wären die VW-Deutschen niemals in riesigen Scharen übe die Alpen gezogen, um in Rimini Urlaub zu machen. Wäre der Kneipenbesuch beim Italiener oder Griechen niemals zur beliebten Gewohnheit geworden. Würde es weder publikumswirksame europäische Fußballspiele noch einen weltweit ausstrahlenden Eurovision Song Contest geben. Wäre Europa schon vor der deutschen Wiedervereinigung auseinandergefallen. Eine Osterweiterung ohne Zustimmung der Völker wäre undenkbar gewesen.

Ja, Europa ist ein Elitenprojekt.

Denn alle Politik wird von Eliten durchgeführt. Nur sie haben die Macht, politische Entscheidungen zu treffen und gegen die Widerstände des Volkes zu vollstrecken. Alle Kriege Europas waren Elitenkriege, Religionskriege verfeindeter Priester und Familienkriege verwandter Königshäuser.

Nein, Europa ist kein Elitenprojekt.

Es waren die Amerikaner, die die europäischen Staaten zur Vereinigung drängten, mit Marshallplänen unterstützten – um Verbündete im neu entfachten Kalten Krieg gegen die Sowjetunion zu gewinnen. Ursprünglich sollte es nur eine militärische Kooperation sein, doch sie scheiterte an den Weltmacht- und Atomgelüsten Frankreichs. Der nächste Schritt war eine Kohle-Stahl-Montan-Union. Aus Kohle und Stahl kann man Kanonen gießen. Die konnten nicht mehr zur nationalistischen Gefahr werden, wenn sie unter gemeinsamer Kontrolle stünden.

In einem PHOENIXgespräch behaupteten drei Elite-Professoren aus Frankreich, Italien und Deutschland, Europa sei ein Elitenprojekt – obgleich alle drei die ...

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Weltdorf LXXXV

Tagesmail - Freitag, den 24. März 2017

Hello, Freunde des Weltdorfs LXXXV,

„Hört ihr das Glöckchen klingeln? Kniet nieder. Man bringt die Sakramente einem sterbenden Gott.“ (Heinrich Heine)

„Jetzo sank eine hohe edle Gestalt mit einem unvergänglichen Schmerz aus der Höhe auf den Altar hernieder, und alle Toten riefen: »Christus! ist kein Gott?« Er antwortete: »Es ist keiner.« »Starres, stummes Nichts! Kalte, ewige Notwendigkeit! Wahnsinniger Zufall! Kennt ihr das unter euch? Wann zerschlagt ihr das Gebäude und mich? – Wie ist jeder so allein in der weiten Leichengruft des Alles! Ich bin nur neben mir – O Vater! o Vater! wo ist deine unendliche Brust, daß ich an ihr ruhe? – Ach wenn jedes Ich sein eigner Vater und Schöpfer ist, warum kann es nicht auch sein eigner Würgengel sein? ...   Jean Paul, 1797.

„Wohin ist Gott? rief er, ich will es euch sagen! Wir haben ihn getödtet, – ihr und ich! Wir Alle sind seine Mörder! Gott ist todt! Gott bleibt todt! Und wir haben ihn getödtet! Wie trösten wir uns, die Mörder aller Mörder?“ Nietzsche, 1882.

Als die Deutschen mehr als ein Jahrhundert lang ihren Gott gemartert und getötet hatten – fanden sie sich mutterseelenallein im stummen Nichts, in der kalten Notwendigkeit, im wahnsinnigen Zufall. Diese furchbare Selbstbestrafung ertrugen sie nicht. Ihre metaphysische Sensibilität lechzte nach irdischer Medizin, damit sie an erbaulichen Mangelerscheinungen nicht zugrunde gingen. Da ahnten sie bereits, dass alles Übernatürliche natürlich und menschlich sei, wenn es sich mit jenseitiger Furcht und Pracht kostümiert, damit der Mensch sich selbst – in der Person eines furchterregenden Anderen – anbeten kann.

„Die Religion ist die Spiegelung des menschlichen Wesens in sich selbst.“ – „Gott ist der Spiegel des Menschen.“ – „Gott ist das offenbare Innere, das ausgesprochene Selbst des Menschen.“ Ludwig Feuerbach, 1841.

Gott auslöschen, hieße demnach, den Menschen auslöschen. Zum kollektiven Selbstmord waren die Deutschen nur halbherzig bereit. Also suchten sie ...

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Weltdorf LXXXIV

Tagesmail - Mittwoch, den 22. März 2017

Hello, Freunde des Weltdorfs LXXXIV,

Trump ist ein notorischer Lügner – doch he, wir lügen alle.

„Trump lügt wie nie ein Politiker zuvor.“ (WELT.de)

„Ja, jeder Mensch lügt regelmäßig.“ (WELT.de)

Julian Reichelt, der BILD mit einer Galerie von Heiligen und Nackerten zu einer heroischen Kriegspostille (gegen wen nochmal?) erheben will, behauptet, Trump wolle mit seinem Land vom Punkt Null an beginnen. Irrtum: Trump beginnt, wo die Pilgrim Fathers begannen, als sie Gottes eigenes Land auf den Knochen der Ureinwohner erbauen wollten.

Ganz von vorne zu beginnen, war der Traum der frühen Moderne. Lockes unbeschriebene Tafel – gegen den gesamten Bildungsmüll der Scholastiker – galt nur „von Geburt an“. Ab dem ersten Augenblick begannen die „Eindrücke der Außenwelt“ den Menschen zu prägen.

Außenreize sind Botschaften der Gesellschaft, die keineswegs eine tabula rasa war. Wenn nicht von innen, so wurde der Mensch von außen geprägt. Noch immer durch die Macht der Tradition, die man ausblenden wollte.

Dennoch war Locke von der christlichen Lehre der Taufe beeinflusst. Durch das Wasser des Lebens wurde der Mensch ein neues Wesen. Neu aber nur in den gnädigen Augen des Vaters, der den Getauften von Christus überkleidet ansah. Empirisch blieb der Mensch ein Sünder, wie Bultmann formulierte, vor Gott war er ein neues Geschöpf. Luther prägte die Formel: „Sünder und gerecht zugleich“ (simul justus et peccator).

Die Philosophen der Moderne wollten den Menschen der innengeleiteten Macht der christlichen Tradition entziehen – und überantworteten ihn der Macht der ...

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Weltdorf LXXXIII

Tagesmail - Montag, den 20. März 2017

Hello, Freunde des Weltdorfs LXXXIII,

wenn der Bundespräsident verabschiedet wird, kann der Zapfen von Thron und Altar nicht groß genug sein. Soldaten in lächerlichem Schreimodus – und keine Bürger. Kein republikanisches Fest der Citoyens. Kein fröhliches, spontanes Treiben. In dieser vorbildlichen Republik gibt es nur klerikal abgestandene Feste, deren Sinn niemand kennt, die keinen anderen Zweck haben, als den ökonomischen Untertanengeist zu zementieren.

Die Obrigkeit wurde modern und hat die Zeiten domestiziert. Die Vergangenheit ist tot, die Gegenwart wurde zur Magd einer despotischen Zukunft, die auf die Menschen zukommt, ob sie wollen oder nicht.

Liberal heißt frei, Liberalismus die Herrschaft der Unfreien, Neoliberalismus die Tyrannei weniger Ehrgeizlinge, die sich um ihr Ich kümmern, wenn sie die ganze Welt ihren gottgleichen Maschinen unterwerfen. Der fromme Zynismus einer deutschen Zukunftsöffnerin ist nicht mehr zu überbieten:

„Die Kanzlerin formulierte zur Cebit-Eröffnung zudem einen eindringlichen Appell, vom digitalen Wandel verunsicherte Menschen nicht zu missachten. Es gehe um „Millionen von Menschen, die zum Teil noch nicht wissen, was sie erwartet“, sagte Merkel. Sie in das neue Zeitalter der Digitalisierung mitzunehmen werde die Politik aber nicht allein schaffen, sagte sie an die Adresse der Industrie. Man müsse unter anderem das Bildungssystem anpassen und zum lebenslangen Lernen kommen.“ (WELT.de)

Lebenslanges Lernen ist lebenslanges Trimmen auf eine Zukunft mit unkalkulierbaren Risiken – die in ihrem Verhängnis längst kalkulierbar sind. Der Begriff ...

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Weltdorf LXXXII

Tagesmail - Freitag, den 17. März 2017

Hello, Freunde des Weltdorfs LXXXII,

Wundermänner werden es richten: Trudeau, Macron, Jesse Klaver, holländischer Grüner, Trump, Master of Universe, Sebastian Kurz, Wiener Nachwuchscharmeur – und Schulz, germanische Männerversion des Schicksalbezwingers, der seine zweite Chance nutzte, um sich an die Spitze Europas zu setzen.

Blendend aussehen, nationaler Meister in mindestens drei Disziplinen, Gehirn von Einstein, Charme von George Clooney, Klavier spielen wie ein Tastenlöwe, ein Wallstreet-Tausendsassa, kurz nach dem Sandkasten Minister, alle Eliteschulen mit summa cum laude, Schwarm aller Frauen, beneideter Heros aller Männer.

Doch Wunder-Mami – die immer abschreiben ließ und nur in Leibesübungen versagte – ist gewappnet und verliert nie ihre Contenance: „Ich glaube, ich habe recht. Ich bin mir sogar ganz sicher, dass ich recht habe.“ Da sollen sie mal kommen, die alle Frauen um deren Vagina beneiden: der Geschlechterkampf ist eröffnet. Wer kann rechter haben als jemand, die immer recht hat?

Die Traumformeln: auch du kannst es schaffen, jeder hat eine Chance, sind Albtraumformeln, die jede Demokratie ruinieren. In der Polis der Freien und Gleichen zählt nicht der Erste, Schönste, Genialste und Potenteste, sondern jedefrau und jedermann, die sich um das Gemeinwesen kümmern – das auch ihre Existenz umfängt. Der zoon politicon will niemanden überragen, außer in der Suche nach der Wahrheit und in der Sorge um die Polis.

In Demokratien gibt es nur ein Ziel der Selbstfindung: selbstbewusster Demokrat zu werden. Dann ist man seiner höchsten Kompetenz gerecht geworden. Auch du kannst es schaffen, ist die Vernichtung der Würde, die jedem Menschen voraussetzungslos zugeschrieben wird. Denn wer es nicht schafft? Der gehört zum ...

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Weltdorf LXXXI

Tagesmail - Mittwoch, den 15. März 2017

Hello, Freunde des Weltdorfs LXXXI,

solche Fehlleistungen wären ihr früher nicht unterlaufen. Die mächtigste Frau der Welt demaskiert ihre Regierungsmaxime in süffisantem Ton:

„Beim neuen Verpackungsgesetz hält sich ihre Freude in Grenzen, was?“, beschied Merkel den Kommunalvertretern kurz und bündig: „Naja, nehmen Sie wie’s ist und halten Sie sich daran.“ (WELT.de)

Wann immer die Kanzlerin es für notwendig hält, regiert sie an demokratischen Regeln und Gesetzen vorbei. Motivation bestimmt die unantastbare Qualität ihres Tuns; fromme Gesinnung schlägt Verfassungstreue. Religiöse Unfehlbarkeit untergräbt Demokratie. Für ein christliches Grundwerte-Volk kein Problem: ohne Verankerung im Himmel, so der unerschütterliche Glaube, kann es ohnehin keine Demokratie geben.

Aber Merkel wagt auch an diesem Abend nicht, den Deutschen die volle Wahrheit zuzumuten. Deshalb wird nirgendwo schriftlich fixiert, was nun vereinbart wird: Zwischen 150.000 und 250.000 Flüchtlinge sollen pro Jahr aus der Türkei nach Europa umgesiedelt werden. Merkel, Davutoglu und Rutte haben sich an diesem Abend in der türkischen EU-Vertretung in Brüssel per Gentleman’s Agreement darauf geeinigt. Das bestätigen mehrere Personen, die in die Verhandlungen involviert waren. Die Abmachung mit Davutoglu soll die deutsche Flüchtlingskrise beenden, die fast auf den Tag genau sechs Monate zuvor in der Nacht der Grenzöffnung begann. Wie damals trifft Merkel wieder eine einsame Entscheidung. Der Bundestag hat nie beschlossen, die Flüchtlinge von der ungarischen Autobahn nach Deutschland zu holen, und die Hunderttausenden, die ihnen folgten. Genauso hat das Parlament bis heute nicht über das Kontingent abgestimmt, das Merkel in der Brüsseler Nacht versprach.“ (WELT.de)

Der gläubige Christ ist davon überzeugt, dass es nicht „auf das äußere Handeln ankommt, sondern allein auf die Gesinnung.“ (Max Pohlenz; Die Stoa)

Verfassungstreue ist irdische Äußerlichkeit – weg damit: sie stört beim Tun des heiligen Willens, der sich an keine Moral halten muss. „Wolle nur“, sagt der ...

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