Philosophische Tagesmails

Umwälzung LV

Tagesmail - Mittwoch, den 02. Mai 2018

Hello, Freunde der Umwälzung LV,

Den Willigen führt das Geschick, den Störrischen zwingt es.

Jede Geschichte, die den Menschen führt, wohin er nicht will, ist faschistisch.

Jede Heilsgeschichte, die den Menschen führt, wohin er nicht will, ihn für Gehorsam belohnt und für Ungehorsam bestraft in Ewigkeit, ist totalitär. Totalitär ist die äußerste Steigerung von faschistisch.

Alle Gewaltregimes, die den Menschen führen, wohin er nicht will, sind diktatorisch oder faschistisch. Diktatorisch sind sie, wenn ihnen das Schicksal ihrer Untergebenen gleichgültig ist. Faschistisch sind sie, wenn sie ihre Untertanen durch Zwang beglücken oder ihnen das Heil bringen wollen. Je umfassender ihre Macht über Abhängige, umso totalitärer werden sie.

Glück ist ein erfülltes Leben auf Erden, Heil ist ewige Seligkeit, die

a) durch irdisches Unglück erkauft werden muss. Im Christlichen reden wir von der „leidenden Kirche“ oder der ecclesia patiens. Oder

b) die schon auf Erden den Vorschein der Seligkeit erleben darf. Dann reden die Christen von der ecclesia militans oder triumphans, der militanten oder triumphierenden Kirche.

Die leidende Kirche war viele Jahrhunderte lang die Selbstbeschreibung der Deutschen. Ihr nationales Unglück, ihre Zerrissenheit und Zurückgebliebenheit, das klägliche Ende ihres Römischen Reiches deutscher Nation, empfanden sie als gerechte Strafe Gottes für ihre Sündenverderbtheit.

Im erfolgreichen Bismarckreich zeigten sich die ersten Siegesstreifen am Horizont (Kulturprotestantismus), der aber bald in Untergangsstimmung kippte. Erst im beginnenden Kriegsfieber Kaiser Willems loderte er gen Himmel. Wenn Gott für uns ist, wer mag wider uns sein?

Nach der Niederlage sank er kurzzeitig zurück auf den Status der ...

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Umwälzung LIV

Tagesmail - Montag, den 30. April 2018

Hello, Freunde der Umwälzung LIV,

Trump hat es geschafft, er ist König der westlichen Welt.

„Es war nicht der Tag von Angela Merkel. Es war der Tag von Donald Trump! Das Friedenstreffen von Nord- und Südkorea, das von früh an schon auf allen TV-Kanälen lief, war Trumps großer, weltpolitischer Erfolg, den er auch auf offener Bühne in Merkels Gegenwart immer wieder feierte. Kein guter Tag, um ihm Zugeständnisse abzuhandeln. Was sein bejubelter Vorgänger Obama nicht auf die Reihe bekommen hat, schaffte er mit seiner Mischung aus Härte und Unberechenbarkeit. Um es in aller Nüchternheit zu sagen: Die mächtigste Frau der Welt (Forbes) fährt mit leeren Händen nach Hause.“ (BILD.de)

Fast in allen deutschen Medien gab es einen Erdrutsch. Nicht, dass sie Merkel früher nicht gescholten hätten. Dennoch waren sie stolz auf ihre Kanzlerin, die mächtigste Frau der Welt, auferstanden aus sozialistischen Ruinen, die dem Westen zeigte, wie gottgesegneter Kapitalismus geht.

Inzwischen ist sie nicht mal mehr unter den ersten Hundert einer amerikanischen Wichtigtuerliste. Das schmerzt die Nachfahren siegesgewohnter Neugermanen. Bislang wurde Merkel als letzte Verteidigerin eines verlässlichen Werte-Kanons gegen Trump gerühmt. Nun wird sie zur Versagerin, zur Magd des unvergleichlichen Königs Donald des Ersten, die nicht mal fähig ist, ihr eigenes Wort zu halten. Nach Washington fuhr sie mit leeren Händen.

Wer wen? Der Amerikaner die Deutsche. Der Mann die Frau. Der Unberechenbare die berechenbar Langweilige ohne Pep und Unterhaltungswert. Der rücksichtslose ...

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Umwälzung LIII

Tagesmail - Freitag, den 27. April 2018

Hello, Freunde der Umwälzung LIII,

Nein, Ächtung hilft nicht, Giovanni di Lorenzo.

„Was noch wirksamer wäre als die notwendigen Sanktionen: starke Zeichen gesellschaftlicher Ächtung. Es reicht nicht, wenn die Empörung aus den Institutionen und von den Eliten kommt.“ (ZEIT.de)

Wie wär‘s mit einem kleinen Blick ins Netz-Wörterbuch, das heute jedem zur Verfügung steht? Oder sollten ausgerechnet Edelfedern keinen Wert mehr auf die Präzision ihrer Begriffe legen? Man muss sich nicht an überkommene Definitionen halten. Wer‘s aber nicht tut, sollte erklären, dass er eigene Definitionen verwendet, die sich von den traditionellen unterscheiden.

Ächtung benennt den Vorgang der Verhängung einer Friedlosigkeit oder einer Reichsacht infolge der Verurteilung wegen einer Straftat. Im erweiterten Sinn ist Ächtung eine informelle gesellschaftliche Sanktionierung von nicht-regelkonformem Verhalten; sie ähnelt der Verachtung“. Friedlosigkeit kennzeichnete im germanischen Stammesrecht den persönlichen Verlust des Rechtsschutzes infolge der Verurteilung wegen einer Straftat.“ (Wiki)

Verachtung, Verlust des Rechtsschutzes, sollen Mittel des politischen Kampfes sein? Protestbewegungen sind keine Verachtungs-, sondern Widerstandsbewegungen. Eine Widerstandsbewegung signalisiert: Bis hierher und nicht weiter, wir müssen ein Problem lösen, indem wir öffentlich streiten. Wie kann man mit jemandem streiten, den man verachtet – und partout nicht verstehen will? Auch Sie, Giovanni di Lorenzo, gehören zur Fraktion der Verstehensverächter. Die deutschen Eliten, zu denen Sie gehören, überbieten sich zurzeit in Ächtung des Verstehens. Verstehen ist auch ...

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Umwälzung LII

Tagesmail - Mittwoch, den 25. April 2018

Hello, Freunde der Umwälzung LII,

„für Muezzins in Deutschland dürfe es kein Recht geben, in gleicher Lautstärke zu rufen, wie bei uns die Glocken läuten“. (Günther Beckstein und Peter Gauweiler, CSU)

Zukunftsfest marschiert die deutsche Machtelite in die Vergangenheit des klerikalen Absolutheitsanspruchs – der ungebrochen bis heute gilt. Erlöserreligionen basieren auf dem Dogma absoluter Unfehlbarkeit oder der absoluten Verworfenheit aller anderen Religionen.

„In der Verkündigung des Neuen Testaments ist ein selbstverständlicher Absolutheitsanspruch enthalten: Jesus ist der Kyrios (Herr), im dem allein das Heil gefunden wird.“ (RGG)

„Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater außer durch mich.“

„Er (Jesus) ist der Stein, der von euch Bauleuten verworfen wurde, der aber zum Eckstein geworden ist. Und in keinem anderen ist das Heil zu finden. Denn es ist uns Menschen kein anderer Name unter dem Himmel gegeben, durch den wir gerettet werden sollen.“

Nach christlich unfehlbarem Glauben – der angeblichen Quelle der Demokratie – muss jeder Mensch nach seinem Tod vor dem Richterstuhl Christi erscheinen:

„Denn wir müssen alle offenbar werden vor dem Richtstuhl Christi, auf daß ein jeglicher empfange, nach dem er gehandelt hat bei Leibesleben, es sei gut oder böse.“

Im Jüngsten Gericht wird der sanfte, nächstenliebende Jesus Gericht halten über ...

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Umwälzung LI

Tagesmail - Montag, den 23. April 2018

Hello, Freunde der Umwälzung LI,

„kein Verständnis“: WELT-Chefredakteur Poschardt ließ bei Anne Will seinen BILD-Kollegen Reichelt nicht vermissen – der bei Plasberg die stolze deutsche Verstehenskultur seit Herder versenkt hatte. Niemand widersprach, die unfähige Moderatorin überhörte den Imperativ (was nach Philosophie riecht, wird im öffentlich-rechtlichen TV mit strenger Miene ausgesondert) und also ergab sich das Bild, dass eine Talk-Show zusammentrat, um über ein Thema zu sprechen, das sie nicht verstehen wollte.

Undeutsche Frage: kann man etwas debattieren, das man nicht verstanden hat? Man stelle sich eine Talkshow über Facebook vor mit Teilnehmern, die nicht mal ein Smartphone besitzen.

Sag mir, mit welchen Methoden du ein Thema malträtierst – und ich sage dir, wie lästig es für dich ist. Ach, es ging ja nur um Antisemitismus, ein Problem, das von deutschen Führungsklassen von aller Verstehenspflicht befreit und zum erkenntnislosen Ritual degradiert wurde. Je mehr die Gefahr des Antisemitismus um sich greift, je verständnisloser werden die Meinungsmatadore der Gesellschaft, die ihre Vergangenheit bearbeitet haben wollen – obgleich sie ihnen aus allen Poren dringt.

Wird ein auf den Nägeln brennendes Problem nicht adäquat durch Verstehen und Erklären gelöst, bleibt nur der exekutive Hammer. Kauder forderte umfassende Meldepflicht nach oben – und dann, Volker Kauder?

Seine Parteifreunde fordern Abschiebung der Übeltäter. Abschieben aller gläubigen Christen, in deren Neuem Testament Judenhass als Teil der Frohen Botschaft gepredigt wird? Dann wäre Deutschland christen- und nicht judenfrei. Eine erfrischende Perspektive. Wir hätten viele Arbeitsplätze und freie Wohnungen für Abermillionen Flüchtlinge.

Wird ein Problem nicht verstanden, bleiben nur Haudrauf-Maßnahmen. Warum wurde der gemobbte jüdische Schüler aus der Schule genommen – und nicht ...

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Umwälzung L

Tagesmail - Freitag, den 20. April 2018

Hello, Freunde der Umwälzung L,

„wenn du uns blöd kommst, kriegst du auf die Fresse.“

Der Trump-Express nimmt Fahrt auf. Nicht nur Null-Toleranz-Giuliani schließt sich Trumps rasend wechselndem, sich jeden Tag neu erfindenden, winning team an. Er soll bereits beliebter sein als sein Vorgänger, behauptet wenigstens ein Institut. Sollte er seinen geistesverwandten nordkoreanischen Coworker demnächst bezähmen, wird er Mühe haben, den Friedensnobelpreis abzulehnen – mit der Begründung, externe Moralbelobigungen seien unter seiner Würde. Was Bob Dylan kann, könne er schon lange. Ohnehin lasse er sich nur von Amerikanern huldigen. Auch was Ehrungen betrifft, halte er es mit seinem Motto: Amerika zuerst – dann lang lang nichts.

Auch die Deutschen werden allmählich ihrer gottesfürchtigen Gouvernante – die ihren Dreck-am-Stecken durch Nullsprache und Demuts-Gesicht zu verbergen weiß – überdrüssig und schauen sich bereits um nach beleidigungsfähigen, rauflustigen He-Männern wie Jens Spahn. Nein, der kinderlieder-singenden Ex-Ministrantin Andrea Nahles trauen sie die Umsetzung ihrer Gossensprüche („ab morgen gibt’s in die Fresse“) nicht zu. Sie schwitzt zu sehr beim Randalieren.

Die beginnende Epoche der Weltgeschichte wird nicht nach Google und Facebook benannt, sondern nach – Donald Trump mit den wehenden Goldhaaren. Dann wird wahr, was der junge Donald schon immer erträumte:

„Der Junge stand auf einmal da in aller Herrlichkeit, und die Goldflocken fielen ihm um das Haupt, und er glänzte wie die Sonne. Da erkannte der König gleich seinen Retter, fiel vor ihm nieder und sprach: »Verzeihung!« Der Junge hob ihn auf, und nun ...

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Umwälzung XLIX

Tagesmail - Mittwoch, den 18. April 2018

Hello, Freunde der Umwälzung XLIX,

„Wir sollten nicht in Staaten und Bevölkerungen getrennt leben, die je ihr besonderes Recht haben, sondern glauben, dass alle Menschen unsere Volksgenossen und Mitbürger seien; es sollte nur eine Lebensform und eine Staatsordnung geben, gleichwie eine zusammenweidende Herde nach gemeinsamem Gesetz aufgezogen wird.“ (Stoiker Zenon)

Der Gott, der diesen Staat zusammenhält, in dem man vergeblich nach Tempel und Götteraltären sucht, ist die Liebe (Eros). Liebe erzieht die Menschen zur Rechtschaffenheit. Geld und Gerichtshöfe werden überflüssig. Der Krieg ist überwunden, die Epoche des ewigen Friedens bricht an. Wie Kyniker Diogenes – der in der Tonne – war auch Zenon von der Nutzlosigkeit der Waffen überzeugt.

Zenons Schüler Chrysipp fordert mit großer Schärfe den EINEN natürlichen Menschheitsstaat, den er den vielen voneinander getrennten und einander bekriegenden Einzelstaaten entgegensetzt. Sie verdanken ihr Entstehen der Unverträglichkeit und dem gegenseitigen Misstrauen der Menschen, der Hab- und Machtgier, die sich den Gesetzen der Natur widersetzt. Der Zersplitterung der Menschheit in Einzelstaaten mit unterschiedlichen Verfassungen und Sitten steht das eine allumfassende Naturgesetz gegenüber, das selbst in der Tierwelt als Liebe zum Nachwuchs in Erscheinung tritt. Die Menschen fordert es zur Liebe zur Menschheit auf – über alle Schranken und Rassen hinweg, „sodass der Mensch dem Menschen, allein, dadurch, dass er Mensch ist, nicht fremd erscheint.“ So führt die Natur die Menschheit zu einer einheitlichen Gemeinschaft, in der gegenseitige Liebe herrscht. Hier gibt es keinen Raum für Sklaverei und Krieg.

Die Liebe der Griechen zum Frieden beginnt nicht erst nach dem Ende der Polis im hellenistischen Weltreich Alexanders des Großen. Schon in den „mythischen“ Anfängen setzt der Bauerndichter Hesiod dem adligen Kriegsethos Homers die ...

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Umwälzung XLVIII

Tagesmail - Montag, den 16. April 2018

Hello, Freunde der Umwälzung XLVIII,

willst du Frieden, dann bereite dich vor auf den Frieden.

Wenn du Frieden willst, warum erträgst du ihn nicht?

Wenn du Frieden willst, frag dich, warum er in Gefahr ist.

Willst du Frieden, überleg dir, warum du ihn gefährdet hast.

Wenn du Frieden willst, warum denkst du unfriedlich?

Wenn du glaubst, deine Feinde zu lieben: warum hast du dir Feinde geschaffen? Brauchst du Feinde, um sie als böse Menschen zu diffamieren und dich als Inbegriff des Guten anzubeten?

Willst du Frieden, dann wolle nicht nur. Sondern tue.

Willst du Frieden, dann sag es allen, die es hören oder nicht hören wollen.

Du schämst dich, das Wort Frieden in die Welt zu schreien? Schäm dich, dass du dich schämst.

Frieden? Wie peinlich. Moral? Wie weibisch, wie rückwärtsgewandt. Da ist kein Pep, kein Vorwärtskommen, keine Zukunft. Wer Risiko will, muss das Äußerste wagen.

Krieg ist Genie, brillantes Risiko. Fortschritt ist Vernichten des Alten. Das Neue ist fruchtbare Zerstörung, Kampf um Sein oder Nichtsein. Frieden ist das Unbewegliche und Unkreative, das Verrottete und Hinfällige: das Alte, das auf den Schrotthaufen der Geschichte gehört.

Wer Frieden will, muss reden, streiten, sich auseinandersetzen. Wer streiten will, muss den anderen verstehen. Wer den anderen verstehen will, muss sich ...

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