Philosophische Tagesmails

Neubeginn LXIV

Tagesmail - Freitag, den 29. September 2017

Hello, Freunde des Neubeginns LXIV,

wo Über-Ich war, soll Trump werden.

1) Deutschland, heteronom, denkt: wenn unser großes Vorbild jenseits des Teiches sich einen Trump erlaubt, können wir das auch. Nun erleben wir das lustige und spannende Wettrennen: Wer wird der erste deutsche Trump? Wer kommt ihm schon am nächsten?

Es sollte einer sein, der von Unten kommt, den Aufstieg in die Edeletagen durch Rütteln an den Gitterstäben geschafft, sich ein faunisches Gesicht zugelegt (Kurbjuweit) und sich soviel Einfluss und Geld angeeignet hat, dass er die faunischen Triebregungen der „Menschen auf der Straße“ und in den Zentren der Macht wie ein Virtuose bedienen kann.

Er begann als Politiker, der das Glück der kleinen Leute befördern wollte – und endet als Bonvivant seines eigenen Schlampampen-Glücks, der von moralischer Bedenkenträgerei Zukurzgekommener nichts wissen will. Nun lässt er die Sau raus, pardon (Sau und Fresse sagt man nicht): nun lässt er das Sus scrofa domesticus heraus, dass die Schwarte kracht. Sein vorbildlicher Aufstieg war ein Abstieg in die Verkommenheit – sagen seine neidischen Anhänger von früher. Im Alter wird er domestizierter Wasserträger eines lupenreinen Zaren und pfeift auf alle, die ihm den moralisierenden Finger zeigen:

"Der ist völlig deppert, der Kerl“, sagt ein Parteikollege hinter vorgehaltener Hand, der ihn als Wahlkampfunterstützer durchaus nicht abgelehnt hatte.

All die Granden und Alten aus der Zunft sozialistischer Menschheitsbeglücker, beweisen ihren ehemaligen Wählern, die einst an sie geglaubt haben: Politik haben wir nicht für euch, sondern für uns gemacht. Im Schulterschluss mit Blair entdeckten sie als erste Sozis die mannigfachen Vorteile des Neoliberalismus. Bevor ihre biedere Basis sie wegen Fremdgehens verabscheuen konnte, verabscheuten sie ...

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Neubeginn LXIII

Tagesmail - Mittwoch, den 27. September 2017

Hello, Freunde des Neubeginns LXIII,

Aufwallung und Ermattung, Erregung und Trostlosigkeit, Hektik und Erschlaffung. Die Wahl war ein kurzes Aufputschmittel, ein staatlich verordnetes Kollektiv-Stimulans. Nun beginnt wieder Langeweile, ausgebrannte Übersättigung, lähmende Ödnis und Lebensunfähigkeit, der die Deutschen, ja, die gesamten Moderne, durch Geschichtsgehorsam und lärmenden Fortschritt entfliehen wollen.

Eskapismus. Sie fliehen ins Noch-Nicht, weil sie das Jetzt unerträglich finden. Der Sinn des Lebens besteht darin, dass er nicht eintreten darf. Der Sinn des Lebens aber ist Leben.

Drei Tage nach der Wahl wären eine günstige Distanz, um grundsätzlich zu werden. Was ist geschehen? Wozu entschieden sich die Deutschen? Wie reagiert die Welt – und warum?

Doch der Grundsatz, nur dem Tag zu leben, hat alles Grundsätzliche beseitigt. Der Tag ist nicht das Jetzt. Er eliminiert das Vergangene und wirft sich per Bungee-Jumping in den Abgrund einer Zukunft, die alles sein muss, nur nicht verlässlich, freudig und aufgeräumt.

Wer dem Jetzt lebt, verleugnet nicht dessen Vorgeschichte, die lange Reihe des Vergangenen, der Schoss, aus dem die Gegenwart erst kroch.

Die Gegenwart haben sie gespalten in Jour und Historie, die nichts miteinander zu tun haben dürfen. Historiker wollen nichts vom Tage wissen, Journalisten nichts von der Prägekraft des Vergangenen. So wird zerstückelt, was zusammengehört.

„Wer nicht von dreitausend Jahren sich weiß Rechenschaft zu geben, bleib im Dunkeln unerfahren, mag von Tag zu Tage leben“.

Wer das Werden des Tages ausblendet, verdunkelt auch den Tag. Das Leben fällt aus, es wird zum Abhaken der Tage, überträgt das Dunkel der Gegenwart in die Zukunft, die alles verheißen und alles bedrohen muss, um die ...

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Neubeginn LXII

Tagesmail - Montag, den 25. September 2017

Hello, Freunde des Neubeginns LXII,

Gestern war erst der Anfang.

„Was ich erzähle, ist die Geschichte der nächsten zwei Jahrhunderte. Ich beschreibe, was kommt, was nicht mehr anders kommen kann: die Heraufkunft des Nihilismus. Diese Geschichte kann jetzt schon erzählt werden: denn die Nothwendigkeit selbst ist hier am Werke. Diese Zukunft redet schon in hundert Zeichen, dieses Schicksal kündigt überall sich an; für diese Musik der Zukunft sind alle Ohren bereits gespitzt. Unsre ganze europäische Cultur bewegt sich seit langem schon mit einer Tortur der Spannung, die von Jahrzehnt zu Jahrzehnt wächst, wie auf eine Katastrophe los: unruhig, gewaltsam, überstürzt: einem Strom ähnlich, der an's Ende will, der sich nicht mehr besinnt, der Furcht davor hat, sich zu besinnen.“

Die pastorale Versiegelung der politischen Landschaft in Deutschland war eine Versuchung wert. Gestern ging sie in Brüche – was jetzt? Jetzt beginnt die deutsche Not.

Aus der Niederlage hatten die Deutschen eifrig, aber mehr imitierend als verstehend, Demokratie gelernt, die sie – ausgerechnet unter Anleitung ihrer Lehrmeister – zur Herrschaft der Macht durch Reichtum und Fortschritt verfälscht haben.

Kapitalismus, der Versuch, seine Macht durch Produzieren und Profitieren ins Endlose zu erweitern, ist ein Kind der Freiheit. Freiheit ist Urheberin der Demokratie, Kapitalismus also ein Geschöpf der Demokratie – das die Freiheit nutzt, um die Demokratie zu Fall zu bringen.

Freiheit und Demokratie sind Zwillingsgeschöpfe und bedingen sich gegenseitig, bis grenzenlose wirtschaftliche Freiheit die demokratischen Grenzen der Macht sprengt und die Herrschaft des Volkes durch jene Macht ersetzt, die durch demokratische Spielregeln für immer gebändigt werden sollte.

Die Macht traditioneller Eliten – des Adels, der Priester oder sonstiger ...

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Neubeginn LXI

Tagesmail - Freitag, den 22. September 2017

Hello, Freunde des Neubeginns LXI,

jetzt alle festhalten: da müssen wir durch. Propheten gibt es keine, aber die verschiedenen Möglichkeiten der Zukunft müssen wir im Als-Ob hochrechnen.

Nehmen wir an, die beiden gefährlichsten Männer der Welt eskalierten ihren Hass von Bedrohung zu immer höherer Bedrohung, bis aus Drohungen furchtbare Wirklichkeit werden würde. Der eine lässt eine Wasserstoffbombe im Pazifik (von pacificus = friedlich) explodieren, der andere fühlt sich aufs Äußerste gereizt und löscht Nordkorea von der Weltkarte. Was dann? Dann können wir nur noch hoffen, dass keine andere Weltmacht sich so bedrängt fühlt, dass sich der Konflikt zum apokalyptischen Weltenbrand ausweitet.

Was aber, wenn doch? Dann müssten wir uns um Umweltschäden keine Sorgen mehr machen.

Wie würden wir ein solches Inferno bezeichnen? Hätten wir noch Worte, um den höllischen Abgrund bei Namen zu nennen? Nach einem Treffen mit Tillerson in New York, der den Atomvertrag mit dem Iran weisungsgemäß verdammen muss, spricht der deutsche Außenminister von tragisch:

„Hinter verschlossenen Türen bekommen die Diplomaten einen Eindruck, wie verhärtet der Blick der neuen US-Regierung auf Iran ist. So berichtet Tillerson, als Amerikaner könne er die Bilder der brutalen US-Botschaftsbesetzung durch iranische Revolutionäre 1979 einfach nicht vergessen. Ein Deal, gebaut auf Vertrauen, sei schlicht nicht möglich, nicht für ihn oder Trump. Noch am Morgen wirkt Gabriel schockiert von dem Treffen, das er als "tragisch" bezeichnet. Niemand, inklusive der USA, bestreite, dass sich Iran ans Abkommen halte, sein Atomprogramm beende und internationale Kontrollen zugelassen habe. Dennoch wolle Trump nun einseitig aussteigen.“ (SPIEGEL.de)

Der christliche Westen bedient sich ungeniert griechischer Begriffe, um die ...

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Neubeginn LX

Tagesmail - Mittwoch, den 20. September 2017

Hello, Freunde des Neubeginns LX,

welch ein Zufall: der Mann, der die Welt rettete, stirbt im selben historischen Augenblick, als ein anderer Mann in New York die Welt mit einem atomaren Krieg bedroht. Der Russe Stanislaw Petrow misstraute amoralischen Maschinen, vertraute seinen humanen Instinkten – und verhütete eine planetarische Apokalypse:

„Wir sind klüger als die Computer. Wir haben sie geschaffen", dachte der sowjetische Oberst im Herbst 1983. Er misstraute den Riesenrechnern, mit denen er arbeitete und die in der Nacht vom 25. auf den 26. September anzeigten, dass sich US-Raketen nähern. Stanislaw Petrow traf eine einsame Entscheidung: Falscher Alarm, meldete er – und verhinderte so wahrscheinlich ein nukleares Inferno.“ (SPIEGEL.de)

Welch verlässliches Weltbewusstsein, dass man dieses Mannes international gedenkt.

Welch verhängnisvolles Weltbewusstsein, dass man diesen Mann nicht mit allen Preisen dieser Welt überhäufte. Dass man keine Trauer über seinen Tod ausruft von West bis Ost, von Süd bis Nord. Dass man ihn nicht zum Welthelden Nummer Eins ernennt, ihm keine Kränze flicht, sein kosmopolitisches Verdienst nicht in allen Sprachen rühmt, ihn nicht zum Vorbild aller Friedensfreunde erklärt, keine politischen Feste zu seinem Angedenken feiert.

Kein Messias hat die Welt vor dem Verderben bewahrt. Sondern ein russischer Offizier, ein leibhaftiger Mensch. Wir ehren ihn, indem wir seine Tat als paradigmatisches Tun aller Freunde der Menschheit in unser Bewusstsein eingravieren. Einer Menschheit, die ihr Überleben auf Erden in Übereinstimmung mit Mensch und Natur mit aller moralischen Kraft zu verteidigen sucht.

Petrow ließ sich das Denken weder von Vorgesetzten noch von Maschinen diktieren. Allein auf sich gestellt, traf er eine Entscheidung über Sein oder Nichtsein. Er entschied sich für das Leben. Auf Erlöser können wir verzichten. Wir brauchen ...

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Neubeginn LIX

Tagesmail - Montag, den 18. September 2017

Hello, Freunde des Neubeginns LIX,

essen, trinken, schlafen und Zähneputzen seien ihre Hauptbeschäftigungen, sagte in einer „Pressekonferenz für Kinder“ die deutsche Lichtgestalt, die ihr Charisma durch Understatement ins Unfehlbare ausweitet.

Nicht durch englisches Understatement, jener Bescheidenheit, die durch griechische Vorbilder inspiriert war. Sondern durch Unbesiegbarkeit, die im Gewande der Demut allen weltlichen Machtgebärden den Schneid abkauft. Die offensive Inszenierung der Schwäche ist das Geheimnis des frommen Triumphs, den man im lutherischen Deutschland als Nüchternheit zu verkaufen pflegt.

Was sie von CSU-Seehofer unterscheide? 30 cm Körperlänge.

Was sie am liebsten täte, wenn sie keine Kanzlerin wäre? Am liebsten würde sie als Astronautin um die Erde kreisen, um von Oben herab den blauen Planeten zu bewundern.

Die Nüchterne kennt nur das Außerordentliche und Abgehobene, das ihr als Durchschnittsmaß zusteht. Nur mit extraordinärer Technik hofft sie, aus himmlischer Überheblichkeit die Vorzüge ihrer irdischen Heimat zu erkennen. Nüchterner und demütiger geht’s nicht, als zum winzigen Kreis derer gehören zu wollen, die die Welt politisch, ökonomisch und technisch beherrschen.

Ihre Antworten an Kinder und Jugendliche bestechen durch aufreizende Unterkomplexität, die den Sinn der Fragen ignoriert und die Fragenden als Aufschneider entlarvt. Sie beschämt die Aura des gehobenen Fragetons, wenn sie in burschikos-lächelnder Bodenhaftung auftritt.

Was soll man als jugendlicher Mensch lernen? Lesen, Schreiben, Rechnen, ein bisschen Computer.

Nichts von demokratischer Zivilcourage, nichts von Humanität, vom Mut, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen, nichts von der ...

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Neubeginn LVIII

Tagesmail - Freitag, den 15. September 2017

Hello, Freunde des Neubeginns LVIII,

Salami: ja! Schokolade: nein! Der Klartext-Wahlkampf hat sich gelohnt. Wir können wählen zwischen einer europäischen Rohwurstsorte (Merkel) und spanischem Rasierwasser (Schulz). Wer wagt zu behaupten, Europa in seiner ganzen Vielfalt spiele im deutschen Wahlkampf keine Rolle?

Die angelologische Vierte Gewalt passt auf wie ein Schießhund, dass niemand aus dem Pöbelvolk – der Fünften Ohnmacht – der prästabilierten Siegerin allzu sehr auf die Pelle rückt. Eine überkritische Fragerin wurde von BILD – „die dem Leser verpflichtet ist“ und nicht der Wahrheit – sofort als Mitglied der Linken geoutet und an den Pranger gestellt:

„Merkel wurde dabei von einer Gebäudereinigerin massiv kritisiert. Dass die Frau in der Linkspartei aktiv ist, erfuhren die TV-Zuschauer dabei nicht.“ (BILD.de)

Der Große Bruder: er ist schon mitten unter uns – als freiwilliger Scherge der Großen Schwester. Raus hier, wer Demokratie beim Wort nimmt. Was haben engagierte Parteimitglieder in erlauchten Audienzen zu suchen, in denen Volksherrschaft in Drei-D simuliert wird? Antwort:

„Die Parteien wirken an der Bildung des politischen Willens des Volkes mit. Die Tätigkeit der Parteien dient dem Wohle des ganzen Volkes.“

Das war der Tiefpunkt eines sogenannten Wahlkampfes. Heute sind es die medialen Spürhunde der Obrigkeit, morgen werden Gesichts-, Meinungs- und Gesinnungserkennungscomputer die Gesamtkontrolle über die Massen übernehmen.

Heute werden die Schwulen rekognosziert, morgen die Linken, übermorgen die faulen Staatskneteabgreifer, denen schon SPD-Clement Tag und Nacht auf den Fersen bleiben wollte. Zu allen Zeiten sollten die Prüfhunde des Staates in verdächtige Wohnungen eindringen dürfen. Wehe, da befand sich eine falsche Unterhose ...

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Neubeginn LVII

Tagesmail - Mittwoch, den 13. September 2017

Hello, Freude des Neubeginns LVII,

Sensation: endlich Klartext über den homo sapiens. Die Gesamtbewertung über die Menschheit wurde in ehernen Lettern von der deutschen Bundesanwaltschaft verkündet: der Mensch ist ein „eiskalt kalkulierendes Wesen, Menschenleben seien ihm völlig gleichgültig, wirtschaftliche und ideologische Interessen würden bei ihm im Vordergrund stehen. Zeichen einer Abkehr von terroristischem Gedankengut gegen Mensch und Natur gebe er nicht zu erkennen“.

Die Kläger in München beantragten lebenslange Freiheitsstrafe, Feststellung der besonderen Schwere der Schuld und anschließende Sicherheitsverwahrung – bis in alle Ewigkeit. Als die Forderung verkündet wurde, zeigte der Angeklagte „keinerlei Reaktion“. Uneinsichtig und unbelehrbar wird der Mensch in die Hölle fahren. (SPIEGEL.de)

Wie gut, dass wir ehrgeizige kleine Monstren haben, die sich bemühen, in ihrem bedeutungslosen Winkel das Bestienspiel zu spielen und der Menschheit den Spiegel vorzuhalten. Sie sollten geehrt werden, denn alle Schuld des Menschen nehmen sie auf sich, lassen sich pro nobis als Teufel beschimpfen und verurteilen. Die Menschheit kann wieder aufatmen – und weiter machen wie bisher. Wieder einmal ist der Kelch an ihr vorüber gegangen. Danke, Beate, du Gottselige. Nein, verflucht seist du, wieder einmal hast du der Menschheit die Chance zur Reue, Buße und Selbsteinkehr genommen.

Drei Wochen lang war der Himmel über Deutschland geöffnet. Die Mächtigen und Edlen der Welt, sonst unsichtbar, schwirrten durch Wald und Feld, Marktplätze und Fernsehstudios. Sie standen an Straßenecken, am Eingang zum S-Bahnhof, sprachen die Irdischen an, als wollten sie ihre Freunde werden und schenkten ihnen ihre wertvollsten Gedanken in Form von Broschüren, Parteizeitungen und Flugblättern. Seriöse Gazetten quollen über von Berichten und Bewertungen. Zur besten Sendezeit durften die Kandidaten ihre Meinungen verbreiten. Kurz nach acht gab es ...

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