Philosophische Tagesmails

Umwälzung LXXI

Tagesmail - Freitag, den 08. Juni 2018

Hello, Freunde der Umwälzung LXXI,

Entwarnung: es war nicht Angela, es war Alexa, die im Bundestag erwartbar dämliche Fragen mit erwartbar hohlen Antworten abfertigte. Eine glänzende Leistung von Google.

Die Nachfrage nach KI-Imitationsfiguren (Insiderbegriff Creativ-Doubletten, kurz: Credos) aus Kreisen der Eliten, die unter der Last ihrer Vorträge und Podiumsdiskussionen ächzen, schnellte abrupt nach oben.

Talkshow-Experten der Öffentlich-Rechtlichen waren so verblüfft und angetan von der Leistung der Angela-Credo, dass sie kurzerhand beschlossen, die gegenwärtige Fleisch-und-Blut-Version der Schaudebatten für ein Jahr auszusetzen – um sich auf die wesentlich preisgünstigere Alexa-Methode vorzubereiten.

„Der Geschäftsführer des Kulturrats kritisiert die Talkshows in ARD und ZDF. Er empfiehlt den Sendern eine einjährige Pause.“ (ZEIT.de)

Umstritten bleibt die Frage, ob die heutigen Matadore auch als ästhetische Vorlagen der künftigen Credos dienen sollen. Teilnehmer schlugen vor, die abgenutzten Gesichter durch frische und unverbrauchte Show-Größen zu ersetzen. Plasberg könnte durch Dieter Bohlen oder Lothar Matthäus, Maischberger durch Verona Pooth, Illner durch Sommergarten-Moderatorin Andrea Kiewel, Anne Will durch die katholische Religionspädagogin Désirée Amneris Saskia Pamela Aida Nick ersetzt werden.

Für Spannung in der trostlos vor uns liegenden Sommerpause ist gesorgt. Experten erwarten heftige Debatten. Nachfragen bei den Sendern haben ergeben: selbstreferentielle Debatten über das Thema: „Stehen wir vor dem öffentlich-rechtlichen Diskurs-Gau?“ sind aus Termingründen nicht vorgesehen.

Auch das EU-Parlament hatte sich der Öffentlichkeit bei der Befragung des Gesichtsbuchs-Genies Mark Zuckerberg als Lachnummer – Insiderbegriff: Verarsche – präsentiert. Menschheitsfragen sollten in sage und schreibe 70 Minuten tiefgründig ...

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Umwälzung LXX

Tagesmail - Mittwoch, den 06. Juni 2018

Hello, Freunde der Umwälzung LXX,

„Alexander Gerst ist ein Abenteurer. Er will weiter, weiter in das All fliegen. Er ist wie Kolumbus. Segeln hinter dem ­Horizont. Die Schwärze des Weltalls, hinter die Schwärze zu kommen, hinter das Rätsel. Wer sind wir? Wohin wollen wir? Helden wie Alexander Gerst werden die Antwort finden.“ (BILD.de)

Bei Helden wären wir bereits wieder angekommen. Bei deutschen Helden. Abenteurern anderer Nationen hätte BILD-Wagner keine Zeile gewidmet. Was nicht made in Germany ist oder – vornehmer formuliert – keine deutsche Identität aufzuweisen hat, ist für Weltraum-Abenteuer ungeeignet.

Schon bevor der Held dort angekommen ist, weiß er: er wird etwas Ungewöhnliches entdecken. Die Heimat. Die Erde als Heimat. Muss jeder Bildungsabenteurer ab jetzt einen Weltraumflug bei Bezos buchen, um diese umstürzende Erkenntnis zu gewinnen? Und wer sich einen solchen nicht leisten kann, wird aus der irdischen Heimat ausgestoßen?

Schon stehen die Milliardäre Schlange, um ihre Heimat, die ihnen bereits zu 99% gehört, aus ungewöhnlicher Besitzer-Perspektive neu zu entdecken. Wer sich täglich neu er-finden will, muss die Welt täglich neu finden. Zuerst aber muss er sie suchen, als ob er ein ewig Fremder wäre, mitten in der Finsternis im Nirgendwo abgeworfen: wo bin ich, wer bin ich und wenn ja, wie viele? Ist das Leben ein Traum? Sein oder Schein? Sein oder Nichtsein? Gibt es uns wirklich? Wahrheit und Wirklichkeit – nichts als Trug und Täuschung? Ich kann an allem zweifeln; nur an meinem Zweifel nicht. Ich zweifle, also bin ich.

„Mit Geworfenheit beschreibt Heidegger die Unausweichlichkeit des Daseins: Das ungefragt in die Welt geworfen worden sein. Der Begriff der Geworfenheit bezeichnet die willkürliche, undurchsichtige und unwissbare Natur, die ...

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Umwälzung LXIX

Tagesmail - Montag, den 04. Juni 2018

Hello, Freunde der Umwälzung LXIX,

„Menschsein bedeutet, sich im Besitz der Menschenwürde zu befinden. Die Menschenwürde ist die Grundlage der Menschenrechte, also jener ethischen Werte, die das Verhalten innerhalb der Gesellschaft regeln. Menschsein ist als absoluter Wert zu verstehen, die Zugehörigkeit zu einem Kollektiv als relativer. Und diese Erkenntnis sollte unsere Debatte über die Menschen in Deutschland bestimmen.“ (SPIEGEL.de)

Bemerkenswerte Sätze von Ulrich Wickert, die in Deutschland selten zu hören sind. Wickert beruft sich auf den französischen Aufklärer Montesquieu, der von sich sagte, „er sei aus Notwendigkeit Mensch, aus Zufall Franzose. Während Montesquieu eine Person zuerst Mensch sein lässt und ihn dann mit einer jeweiligen zufällig erworbenen nationalen Identität versieht, wird den Deutschen vorgeworfen, sie würden umgekehrt denken: "«Ich bin aufgrund meines Wesens Deutscher und dank meiner deutschen Qualität Mensch.» Andersherum gesagt: Ich bin als Deutscher ein besserer Mensch.“

Schon wären wir am Kern des Problems: die Deutschen wollen die Besseren sein. Wollen das nicht alle Nationen? Amerikaner, Chinesen, Russen, Polen, Israelis, Engländer, Franzosen? Viele Völker nennen sich selbst: die Menschen, die Erwählten – für andere bleibt dann nur noch: Barbaren, Ungläubige, Heiden; Verworfene und Verfluchte.

Gelegentlich auch „die Wilden“. Hier schwankt die Einschätzung. Anfänglich waren die bösen Wilden dazu da, um ausgerottet zu werden. In der Aufklärung verwandelten sie sich in edle Wilde. Danach wieder ein Rösselsprung zurück.

Edle Wilde sind heute „geschlossene Gesellschaften“, bitterarme, zivilisations- und fortschrittsunfähige Eingeborene, deren Tage auf Erden gezählt sind. Man muss sie nicht mehr köpfen, wie die ersten Missionare in Nächstenliebe anordneten. Man plündert ihre Urwälder, gräbt ihnen das Wasser ab – und schon sind sie ...

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Umwälzung LXVIII

Tagesmail - Freitag, den 01. Juni 2018

Hello, Freunde der Umwälzung LXVIII,

„ein Affe Gottes, von gelber Farbe, Verkörperung der sieben Todsünden Stolz (Luzifer), Habgier und Geiz (Mammon), Wollust (Asmodeus), Zorn (Satan), Völlerei (Beelzebub), Neid (Leviathan) und Trägheit (Belphegor)“. Für Kant war er „die Idee des absoluten Egoismus“.

Von wem ist die Rede? Von Trump oder vom Teufel?

„Da müssen wir theologisch nachbessern.“

Gottesgelehrte zeigen uns den rechten Weg zum nervus rerum der Zeit: „Theologen scheuen sich heute vor der Frage, ob der Teufel existiert. Diese Frage müssen wir aber wieder diskutieren. Gott ist kein Sugardaddy. Wir sollen ihn fürchten und lieben, wie Luther im kleinen Katechismus sagt.“ (WELT.de)

Der Teufel konnte jede Gestalt annehmen. Er war unberechenbar und erfand sich täglich neu. Urchristen nannten ihn Antichrist. Vom wahren Christus war er kaum zu unterscheiden.

„Wenn dann jemand zu euch sagt: Seht, hier ist der Messias!, oder: Seht, dort ist er!, so glaubt es nicht! Denn es wird mancher falsche Messias und mancher falsche Prophet auftreten und sie werden Zeichen und Wunder tun, um, wenn möglich, die Auserwählten irrezuführen. Ihr aber, seht euch vor! Ich habe euch alles vorausgesagt.“

Der Unterschied zwischen Christ und Antichrist wurde nirgendwo erklärt. So wenig wie heute der Unterschied zwischen Populisten und demütigen Kanzlerinnen. Beide benutzen die gleiche Hoffnungssprache. Beide versprechen das Paradies. Die einen im Hier und Jetzt, die anderen im Danach: erst müssten wir das uns zugeteilte Maß an Unheil ertragen, bis wir das Heil verdient hätten. Der Triumph Trumps, die ...

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Umwälzung LXVII

Tagesmail - Mittwoch, den 30. Mai 2018

Hello, Freunde der Umwälzung LXVII,

„Die Schreie, die Schreie. So lange ich lebe, werde ich niemals die Schreie vergessen. (…) Sie waren überall um uns herum. Schnappten nach Luft und starben, während sie im Wasser um sich schlugen. Am schlimmsten waren die Tode in unserem Rettungsboot. (…) Im Laufe der nächsten Stunden starben drei von ihnen direkt vor unseren Augen. Sie hörten auf zu zittern, wurden ganz still und schlüpften lautlos unter die Wasseroberfläche.“ Das sind nur ein paar Ausschnitte aus dem eine Stunde und 44 Minuten langen Hörbuch „Titanic – 24 Stunden bis zum Untergang“. Es erschien am 9. März und hat es mittlerweile auf die Bestsellerliste geschafft. Ein Erzähler schildert darin den Untergang der „Titanic“ – aus Sicht des zwölfjährigen Jimmy. Untermalt wird die Erzählung von Wassergeplätscher, Stimmengewirr und (meist) trauriger Musik. Empfohlen wird die Lesung für Kinder ab acht Jahren! (BILD.de)

Im Kinderzimmer und in der Kunst wird der Untergang vorbereitet. Hier der Untergang der Titanic, stellvertretend für den Untergang der gesamten Gattung. Die Schweden rüsten sich bereits für den nächsten Krieg, amerikanische Prepper für die ultimative Katastrophe, Biblizisten für die Apokalypse.

Prepper (abgeleitet von englisch to be prepared, deutsch ‚bereit sein‘ bzw. dem Pfadfinder­gruß: englisch Be prepared, deutsch ‚Allzeit bereit‘) bezeichnet Personen, die sich mittels individueller Maßnahmen auf jedwede Art von Katastrophe vorbereiten.“

„Seid allezeit bereit“ ist der Wachruf der Christen, jeden Augenblick für die Ankunft des Herrn präpariert zu sein.

„Darum wachet, denn ihr wisst weder Tag noch Stunde! Deshalb sollt auch ihr bereit sein. Denn der Sohn des Menschen kommt zu einer Stunde, wo ihr es nicht mehr meint. Sehe, ich komme wie ein Dieb in der Nacht. Selig, wer wacht, damit er ...

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Umwälzung LXVI

Tagesmail - Montag, den 28. Mai 2018

Hello, Freunde der Umwälzung LXVI,

aus einem geheimen Gesprächsprotokoll, das während des Staatsbesuchs der deutschen Kanzlerin in Peking aufgenommen und der Redaktion auf verschlungenen Wegen zugespielt wurde.

Xi: „Frau Kanzlerin, der größte Fehler, den Sie aus dem Westen gemacht haben, war zu glauben, dass jede Gesellschaft über Nacht demokratisch werden kann. Egal wo auf der Welt sie sich befindet. Egal in welchem Entwicklungsstadium sie sich befindet“.

Merkel: „Ich denke lieber in Gemeinsamkeiten als in Kontroversen.“

Xi: „Millionen Menschen haben unter dem Export der westlichen Demokratie gelitten. Die hat der Westen auf dem Gewissen.“

Merkel: „Wir sollten nach vorne schauen.“

Xi: „Die Zeit der Belehrungen ist vorbei. Es gab mal eine ungewöhnliche Epoche, in der der Westen die Welt dominiert hat, sie kolonialisiert, sie kontrolliert hat. Diese Epoche ist jetzt vorbei. Endgültig. Hört endlich auf, uns zu erzählen, wie wir unsere Gesellschaften organisieren sollen!“

Merkel: „Schnee von gestern.“

Xi: „Es ist besser für den Westen, mit der Mehrheit der Weltbevölkerung zu kooperieren, statt sie von oben herab zu behandeln.“

Merkel: „Ich bin schon immer für eine demütige Politik eingetreten.“

Xi: „Werdet klüger, werdet einfühlsamer in eurem Verhältnis zum Rest der Welt. Lernt, anderen zuzuhören. Ansonsten wird es jenen Kampf der Kulturen geben, den ihr so fürchtet. Es ist wie in einer Schulklasse. Wenn einer den Rest die ganze Zeit ...

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Umwälzung LXV

Tagesmail - Freitag, den 25. Mai 2018

Hello, Freunde der Umwälzung LXV,

die Rettung der Welt verzögert sich. Niemand sei erstaunt. Ist Verzögerung nicht der Grundzug der abendländischen Welt, die seit 2000 Jahren die Rettung der Welt durch Kommen ihres Erlösers erwartet? Der will und will partout nicht kommen.

Verzug der Parusie ist Verzug der Welterlöser Trump & Kim. Die Rettung der Welt muss spannend bleiben. Kommt sie, kommt sie nicht? Wann kommt sie? Wer wird es sein, der da kommen soll, um dem Treiben ein Ende zu bereiten?

Sollten sie eines fernen Tages zusammenkommen und den Weltfrieden retten (für wie lange?) – werden die Weltbeobachter dann nicht mit Entzücken kommentieren: wussten wir es nicht, dass es die Weltteufelchen sind, die uns den Frieden bringen – und nicht diese vermaledeiten Idealisten und Moralisten, die nicht ihre eigenen Interessen buchstabieren können? Das Böse ist ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft?

Sollten sie aber nicht zusammenkommen und mit höllischen Raketen Unheil über die Welt bringen – werden die Überlebenden dann nicht beschämt in sich hinein flüstern: haben wir‘s nicht schon immer gewusst? Das ist der Fluch der bösen Tat, dass sie fortzeugend immer Böses muss gebären?

Goethe gegen Schiller. Wer steht für deutsche, wer für kosmopolitische Identität?

Verzug der Parusie, Verzug des Weltfriedens ist Prokrastination, die Krankheit der Moderne, die bei Seelendoktoren immer nur eine individuelle sein darf. Psychische Krankheitserfinder schauen nicht in die Geschichte, die aus dem Meer ihrer Irrungen und Wirrungen Schauerliches in die Lüfte schleudert. Kausale Zusammenhänge zwischen heute und gestern sind ihnen unbekannt. Jeder Tag gebiert sich ...

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Umwälzung LXIV

Tagesmail - Mittwoch, den 23. Mai 2018

Hello, Freunde der Umwälzung LXIV,

zur deutschen Identität gehört keine Frau – sondern viele Frauen. Ihre Mütter sind für sie die Größten, sagen die Deutschen. Danach erst die Väter. Das klingt erstaunlich, doch wen soll man schon nennen, wenn große Deutsche einem partout nicht einfallen? Laut Umfrage des objektiven ZDF waren Adenauer, Luther und Marx die größten Deutschen. In dieser Liste hatten Frauen nichts zu suchen.

Zu den größten Vorbildern der Welt gehören Nelson Mandela, Michail Gorbatschow und Mahatma Gandhi: kein einziger Westler, kein einziger konfessioneller Christ, kein Angehöriger neoliberaler Welteliten, kein technischer Fortschrittler.

Inzwischen sind die Namen der drei in Deutschland verschollen. Nimmt man noch Martin Luther King, hätten wir einen weiteren Führer der Unterdrückten auf der Liste der Berühmten.

Laut Umfragen deutscher Medien gehört Günther Jauch regelmäßig zu den Größten der Einheimischen. Er bemüht sich redlich, das Bildungsniveau der Deutschen zu heben, damit das Land der Dichter und Denker wieder sichtbar werde. Würde Steinmeier – was Gott verhüten mag – ausfallen, wäre Jauch apolitisch genug, um dessen pastorales Amt ohne Qualitätsverlust zu übernehmen. Den Segen der Deutschen hätte er.

Gibt es eine deutsche Identität? Früher liebten sie das Wort Einfalt: eine Falte in der Seele. Das Urbuch der Deutschen heißt Simplicius Simplicissimus. Am Anfang war der zurückgebliebene einfältige Trottel, der nach Frankreich musste, um die große Welt kennenzulernen. Heute überfluten die Vielfältigen die Welt – um noch ...

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