Philosophische Tagesmails

Neubeginn LXXVI

Tagesmail - Freitag, den 27. Oktober 2017

Hello, Freunde des Neubeginns LXXVI,

„weil wir 2015 haben“, antwortete der kanadische Ministerpräsident Trudeau auf die Frage, warum sich Inuit, Sikhs und Flüchtlinge in seinem Kabinett befinden.

„Weil wir im Jahre 1517 sind“, antwortete eine lutherische Pastorentochter auf die Frage, weshalb der Reformationstag ausnahmsweise als nationaler Festtag gefeiert werden soll – natürlich nicht. Ist sie doch eine kluge Frau, die weiß, was die trutzige Kirchturmuhr geschlagen hat. Alles hat seine Zeit und nun ist Zeit für nationale Erneuerung im Geiste des wortgewaltigen Reformators.

Wie aber passt Luther zu Goethe, in dessen Geist die Deutschen ihre Verwurzelung finden sollen, wie die Kanzlerin auf der Frankfurter Buchmesse auf der Höhe deutscher Bildung gefordert hatte? Der dezidierte Nichtchrist und der Hasser aller Vernunft – auf einer nationalen Linie?

„Vieles kann ich ertragen. Die meisten beschwerlichen Dinge
Duld ich mit ruhigem Mut, wie es ein Gott mir gebeut.
Wenige sind mir jedoch wie Gift und Schlange zuwider,
Viere: Rauch des Tabaks, Wanzen und Knoblauch und Kreuz.“

Den deutschen Mannen gereichts zum Ruhm,
Daß sie gehaßt das Christentum
,
Bis Herrn Karolus' leidigem Degen
Die edlen Sachsen unterlegen.
Doch haben sie lange genug gerungen,
Bis endlich die Pfaffen sie bezwungen,
Und sie sich unters Joch geduckt;

Wer Wissenschaft und Kunst besitzt, ...

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Neubeginn LXXV

Tagesmail - Mittwoch, den 25. Oktober 2017

Hello, Freunde des Neubeginns LXXV,

neuer Wein in alten Schläuchen? Remmidemmi ist kein Neuanfang. Aber der Wein ist ja nicht neu, die Schläuche aber mit Gewissheit verbraucht und verschlissen. Die schwarze Null wird zur schwarz-gelb-grünen erweitert.

Die Grünen zeigten ihre vorauseilende Wendigkeit: abgelehnt wurde der Antrag, die Kanzlerin solle 4-mal im Jahr Rede und Antwort stehen. Geschlossen stand die zukünftige Koalition in Reih und Glied.

Solms fundamentaler Satz, das Parlament würde die Politik bestimmen, die Exekutive habe sie lediglich auszuführen, wird von keiner Gazette erwähnt. Grau im Gesicht und von oben bis unten, sitzt die mächtigste Exekutorin der BRD – die die Legislative am Nasenring führt – in der ersten Reihe, genervt und gelangweilt: wann ist dieser Kulissenzauber endlich vorüber? Und schon sitzt sie wieder auf erhöhtem Podest. In Deutschland thront die Obrigkeit dem Himmel am nächsten. Im englischen Unterhaus – undenkbar.

Wie glücklich sie sind über die neue Partei am rechten Rand, die sie mit Lust prügeln dürfen, um sich selbst nicht prügeln zu müssen. Alle gegen eine: das wird das Unterhaltungsprogramm der nächsten Jahre. Dem christlichen Abendland ist die Funktion des Sündenbocks ja unbekannt. Das Böse ist nun dingfest gemacht und geortet. Die fünf aufrechten Parteien werden sich schon noch finden, um das Vaterland in Not mit der kapitalistischen Einheitspartei zu retten.

In Formationen uniformer Gesinnungen hat eine Kanzlerin Erfahrung, die außer Machtspielchen nichts mehr im Kopf zu haben scheint und – wenn‘s stimmt – die AfD ausdrücklich wollte, um das Böse zu externalisieren und alle Getreuen in Bälde großkoalitionär um sich zu scharen.

In China siegte der Sozialismus über den willfährigen Kapitalismus, in Deutschland hat er sich still und leise in den Kapitalismus hineingebohrt – um ihn von ...

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Neubeginn LXXIV

Tagesmail - Montag, den 23. Oktober 2017

Hello, Freunde des Neubeginns LXXIV,

hat der Kapitalismus den Sozialismus besiegt? Nein.

Hat der Westen den Osten besiegt? Nein.

Ist Amerika noch immer die führende Großmacht der Welt?

Schon jetzt nicht mehr. À la longue überhaupt nicht. China wird die absolute Weltmacht Nr. 1 werden.

Was bedeutet das für die Welt?

Dass die Völker der Welt sich immer mehr an China orientieren werden. Der Drang des westlichen Neoliberalismus nach Abstreifen demokratischer Fesseln wird zu einem postdemokratischen Neoliberalismus führen, der dem sozialistischen Kapitalismus zum Verwechseln ähnlich sein wird.

China hat sich den Kapitalismus komplett einverleibt und dem Sozialismus unterworfen. Den einstigen Systemfeind hat es zum knechtischen Inhalt degradiert, den es der totalitären Herrschaftsform des Marxismus-Maoismus untergeordnet hat.

Sind Marxismus auf der einen Seite, Leninismus, Stalinismus und Maoismus auf der anderen nicht völlig unverträgliche Systeme?

Nein. Belanglose Unterschiede gib es, doch das Hauptmerkmal ist bei allen gleich: Marx verabscheute demokratische Methoden und Moral. Alles aber, was nicht demokratisch ist, ist totalitär.

Marxens Reich der Freiheit: ist das nicht demokratisch?

Das Absterben des Staates ist kein Absterben von Mächten, die nicht mehr gewillt wären, anderen Menschen ihren Willen aufzuzwingen. Selbst, wenn das Reich der Freiheit demokratisch wäre: das Anstreben eines guten Ziels mit bösen Mitteln kann niemals gut sein. Platons gerechter Staat war totalitär, weil das ...

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Neubeginn LXXIII

Tagesmail - Freitag, den 20. Oktober 2017

Hello, Freunde des Neubeginns LXXIII,

wie ist die Situation in der Welt? Keine deutsche Frage. Im Wahlkampf wurde nicht mal die Lage Europas angesprochen, geschweige die Befindlichkeit des Weltdorfs.

Wie viele ausländische Journalisten sind in Berlin akkreditiert? Wie viele von ihnen werden in deutsche Talkshows eingeladen, um ihre Außensicht von Deutschland darzulegen?

Trumps Trompetenstoß: Amerika zuerst, wurde von den Deutschen niedergemacht, obgleich sie ihre eigene Nationalverherrlichung schon lange praktizieren – wenn auch klammheimlich, wie es sich für Musterschüler geziemt, die nach draußen vorbildlich, nach drinnen das Gegenteil sind.

BILD-Wagner hasst alle Politiker, die die Welt retten wollen. Er will, dass allein seine paradiesische Heimat gerettet wird. Die Welt? Kann man den Hühnern geben. Dabei ist die Verflechtung und Abhängigkeit aller Völker voneinander so gigantisch geworden, dass es keine Rettung einzelner Nationen geben kann ohne Rettung der gesamten Oikumene:

„Göring-Eckardt, die die Welt retten will. Was für eine Wohltat, dass Sie, Wolfgang Kubicki, nur Deutschland retten wollen.“ (BILD.de)

Auch die Verdammung kniender Hertha-Spieler durch BILD-Reichelt – eine Solidaritätsaktion mit amerikanischen Trump-Kritikern – war nichts als eine hinterlistige Verteidigung Trumps, dessen chauvinistische Borniertheit immer deutlicher zum Vorbild von BILD geworden ist.

Deutsche wollen keine Utopie, halten Visionen für pathologische Alpträume, palavern aber in ökonomischer Trunkenheit vom deutschen Paradies, halten ...

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Neubeginn LXXII

Tagesmail - Mittwoch, den 18. Oktober 2017

Hello, Freunde des Neubeginns LXXII, 

dem Trump-Effekt ist es zu verdanken, dass Hollywoods Mogul gefällt werden konnte: Weinstein war der Trump der Illusionskünstler. Der landesweite Widerstand gegen den amerikanischen Präsidenten bestärkte die Frauen, ihren allmächtigen Herrn über Karriere, Leib und Seele, den sie allzu lange als Strafgericht erduldet hatten, zu Fall zu bringen. Als Strafgericht für ihre Sünde, ein Weib zu sein.

Als Trump an die Macht kam, taten alle entsetzt über den bedenkenlosen Wüstling auf dem Thron, obgleich alle wussten oder wissen konnten, wie er tickte: man musste nur seine TV-Sendungen verfolgt haben. Man musste nur Frau sein, musste nur die täglichen Nachrichten aus aller Welt verfolgt haben, um zu wissen, wie Männer sind, wie Männer sein können.

Nein, nicht irgendwelche Männer, sondern umtriebige, hab- und erfolgsgierige Schwanzträger, die ihre orgasmische Impotenz, ihre Unfähigkeit, ein erfülltes Leben zu führen, mit gottähnlichen Machtallüren kompensieren.

Deutsche Bildungsillusionisten sprechen vom faustischen Prinzip, um die beinharte männliche Suprematie über Natur, Weib und Kind als geistliches Streben zu verfälschen und zu verklären.

Von wem ist hier die Rede?

„F. richtet die junge Frau zugrunde, indem er sie verführt und dabei schwängert und indem er den Tod von Gretchens Mutter und Bruder herbeiführt. Gretchen bringt ein uneheliches Kind zur Welt, tötet es, aus Verzweiflung halb wahnsinnig geworden, und wird daraufhin verhaftet. Faust will sie mit des Teufels Hilfe vor der Hinrichtung retten; er versucht vergeblich, sie zur Flucht zu überreden, kann sie aber nicht vom Wahnsinn erretten. Er muss sie schließlich ihrem Schicksal und der Gnade Gottes überlassen.“ (Wiki)

Der letzte Satz kann nur von einem Mann geschrieben sein: Männer sind stets unschuldig und können nicht anders, als die Opfer ihrer Schandtaten ...

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Neubeginn LXXI

Tagesmail - Montag, den 16. Oktober 2017

Hello, Freunde des Neubeginns LXXI,

die offene Zukunft ist eine geschlossene Sackgasse.

Warum stagniert alles, fällt alles zurück, setzt das Erreichte aufs Spiel, schließt die Grenzen, degradiert Menschen zu wirtschaftlichen Robotern, erhöht Maschinen zu Übermenschen, die den Menschen ausrotten, raunt von Kriegen und Kriegsgefahr, glaubt an den unvermeidlichen Untergang der Menschheit als heiliges Ereignis? Alles hat seine Zeit, auch der Untergang des Menschen? Der Mensch ist etwas, das überwunden werden muss?

„Alles hat seine Zeit, und Zeit gibt es für jedes Vorhaben unter dem Himmel:

Zeit zum Töten und Zeit zum Heilen, Zeit zum Einreissen und Zeit zum Aufbauen

Zeit, Steine zu werfen, und Zeit, Steine zu sammeln,

Zeit zum Lieben und Zeit zum Hassen, Zeit des Kriegs und Zeit des Friedens.“

Was ohnehin geschieht, wird zur göttlichen Notwendigkeit.

Töten, Einreissen, Steine werfen, Hassen, Krieg führen, jedwedes Vorhaben des Menschen, einerlei, ob böse oder gut: Religion verklärt und segnet alles, verhindert jede Korrektur, erklärt den Menschen zum Fehlgriff der Natur – die er zur Schöpfung eines allmächtigen Mannes erniedrigt.

Den unvermeidlichen Gang ins Verhängnis deklarieren sie als Fortschritt ins Offene und scheuen sich nicht, einen schwäbischen Dichter zu zitieren:

„Komm! ins Offene, Freund!“ ruft er in seinem Gedicht „Gang aufs Land“.

Doch das Offene Hölderlins ist nicht das Offene der Moderne. Es ist weder maß- noch grenzenlos, weder monströs noch verderblich. Es ist eine Einladung an ...

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Neubeginn LXX

Tagesmail - Freitag, den 13. Oktober 2017

Hello, Freunde des Neubeginns LXX,

Frankreich geht wieder in Führung. Macron, listiger Göttersohn, kam in napoleonischer Überlegenheit über die Frankfurter Buchmesse – und offenbarte, was er sich vorgenommen hatte. Mit Baudelaire und Walter Benjamin, dem Heiligen der gottlosen 68er, entlarvte er mit altfranzösischer Brillanz die deutsche Bildungskatastrophe, die sich in trostlosester Weise bis ins Kanzleramt erstreckt.

Wer Europa erneuern will, muss sich an die Spitze des Geistes setzen. Geist ist alles, was nicht Macht und Wirtschaft ist. Wie sich esprit allerdings mit paläoliberaler Arbeiterallergie verträgt – wie seine schärfsten intellektuellen Kritiker aus Frankreich ihm hinterherrufen – wird sich noch erweisen.

Neoliberalismus ist der falsche Begriff für eine alte Ausbeutungswirtschaft, wie der schärfste Kritiker Hayeks, der hierzulande totgeschwiegene Alexander Rüstow, bemerkte, weshalb er den neuen zum uralten Liberalismus (Paläoliberalismus) umdeklarierte. Ein neuer Liberalismus wäre das Gegenteil von Hayeks Anbetung eines erbarmungslosen, dem menschlichen Verstand unzugänglichen Markt-Egoismus.

Was Gegenteil ist? Kann auf Deutsch nicht erklärt werden. Hierzulande gibt es keine Gegenteile. Was Hegel nicht gelang, zur Maische zu schreddern, gelingt einer pastoralen Weltmeisterin in einschläfernd-alternativloser Dialektik.

Heißa, es wird spannend. Der alte Streit zwischen messerscharfer französischer Logik und nebelbildender deutscher Konfliktvertuschung – faule Kompromisse und Versöhnung genannt – erlebt seine Wiederauferstehung. Er will keinen Arzt, er will Visionen: mit einem einzigen Sätzchen wischte Macron den hiesigen Platzhirschen des Immerweiterso – einen gewissen Helmut Schmidt – vom Tisch. Das war eine Kampfansage an alle sozialdemokratische Post-Willy-Tristesse und christdemokratisch-visionslose Demutsprahlerei.

Macron, der mit Bildung brilliert und Poppers Warnung vor dem Gift der Brillanz in den Wind schlägt, hat eine Vorgängerin, der er das Wasser nicht ...

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Neubeginn LXIX

Tagesmail - Mittwoch, den 11. Oktober 2017

Hello, Freunde des Neubeginns LXIX,

die Hölle, das sind die anderen: das Wort stammt von einem Franzosen, beschreibt aber das Lebensgefühl der Deutschen – und aller Gläubigen, deren Erlöser die Guten in den Himmel und die Bösen in die Hölle schickt. Wenn christliche Religion das Abendland geprägt hat, müssen abendländische Werte christliche sein.

Was sind die obersten Werte der Welterlöser? Diejenigen, die über das ewige Dasein bestimmen. Ewige Seligkeit und Verdammung, Himmel und Hölle, müssen die obersten Leitideen der Frommen sein. Sind sie die obersten Werte der Christen, bestimmen sie auch die Politik des abendländischen Westens. Den Anderen bereiten sie die Hölle, den Himmel reservieren sie für sich selbst.

Da alle Religionen irdische Creationen, das Jenseits nur eine aparte Bezeichnung für das Diesseits ist, müssen sie die irdischen Belange der Gläubigen und Ungläubigen bestimmen. Glaubenssysteme sind selbsterfüllende Prophezeiungen. Woran man glaubt, das stellt man her. Aus Taten und Gefühlen des Menschen kann man seine Religion erschließen. Geplapperte Glaubensbekenntnisse sind belanglos.

Die Menschen der Moderne sind fortgeschritten: sie haben die Kunst erfunden, sich mit Sprache zu betrügen. Taten aber und basale Gefühle sind unbestechlich.

Die zwei Grundelemente aller Erlöserreligionen sind die Herstellung des Himmels für sich und die Herstellung der Hölle für die anderen. Da jeder Himmel nur für die eigenen Gläubigen reserviert ist, alle anderen in die Hölle fahren, ist der Hass zwischen den drei Erlöserreligionen am vernichtendsten.

Politische Tatsachen bestätigen diese Thesen. Die militärische und ökonomische Machtpolitik des Westens will Wohlstand für sich, die Kollateralfolgen ihres ...

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