Philosophische Tagesmails

Sonntag, 25. März 2012 - Mit Talenten wuchern

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde Mexikos,

„eine Rauschgiftbande, die sich besonders gläubig gibt“, so schreibt die papstnahe Süddeutsche Zeitung über eine Mörderbande in Mexiko, die drei Friedenstage einlegt zur Huldigung an ihr geistliches Oberhaupt, der das Land beehrt, in dem ein wahnsinniger Bürgerkrieg tobt. In den letzten sechs Jahren mehr als 50 000 Tote.

Wenn Helden sanfte Samariter sind, sind sie echte Zeugen des Glaubens. Sind sie Liebesdiener mit der Kalaschnikow, geben sie sich gläubig. Oder instrumentalisieren die Religion.

Die Religionen haben es geschafft, nicht die Menschheit, aber sich selbst selig zu sprechen. Religionen beherrschen die Welt, sind der Inbegriff der Menschenliebe – und dennoch liegt die Welt im Argen.

Alle guten Taten des Abendlandes sind auf dem reinen Humus der Überwelt, alle Schandtaten auf der Kloake der Welt gewachsen. Kann man sich gut merken und kommt nicht ins Straucheln.

Sie nennen sich Tempelritter, das waren jene Herzchen, die das geistliche und weltliche Schwert trugen („Militär Christi“), um das Geburtsland des Herrn dem papa christianorum als Geschenk zu Füßen zu legen.

Ein mexikanischer Erzbischof hatte den Liebesorden aufgerufen, wenigstens zum hohen PR-Besuch des gemeinsamen Chefs auf das weltliche Schwert zu verzichten. Ja doch, sagten die Gentlemen. Wenn’s der gemeinsamen Sache dient, wir sind ja ...

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Samstag, 24. März 2012 - Verstehen

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde der Jugend,

als 12-Jähriger kann man im Tempel durch Altklugheiten auf sich aufmerksam machen oder – wenn man C.F. von Weizsäcker heißt – beim Lesen der Bergpredigt sofort wissen, dass sie wahr sein muss, weil sie die Welt als falsch entlarvt.

Man kann auch eine Fensterscheibe einwerfen und sechs Monate in den Jugendknast wandern. Wie jetzt in Camerons Land geschehen, wo die höchste Jugendquote Europas sich ins Koma säuft und die Reichen am wenigsten Steuern zahlen müssen.

Diesjährige Abituraufgabe: Bitte stellen Sie die Zusammenhänge in ihrem religionspsychologischen, soziologischen, ökonomischen und historischen Kontext dar.

Womit wir auch schon am Horn von Afrika wären, wo die europäische Hatz auf Piraten verschärft werden soll.

Die Piraten entstanden in einem Land, dessen Fischgründe von europäischen Flotten leergefischt wurden, sodass den Menschen nur noch die Wahl blieb, entweder zu verhungern oder sich bei denen schadlos zu halten, die sie neokolonialistisch ausgeraubt haben. Dazu Andreas Zumach in der TAZ.

Was eigentlich ist aus der israelischen Jugendrebellion geworden, die im vergangenen Jahr so erfolgreich schien? Der Philosoph Yossi Yonah war Sprecher der Bewegung und erläutert in einem TAZ-Interview die Ziele der Bewegung.

Sie beschränkte sich auf das Thema Gerechtigkeit, um nicht ...

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Freitag, 23. März 2012 - Arbeitslosigkeit ade

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde Marinaledas,

tief unten in Andalusien liegt etwas, was es nicht geben darf: ein kommunistisches Dorf. Der Name des Dorfes klingt wie Musik: Marinaleda.

Dort genießen die Kinder ihr Leben, hier gibt es einen öffentlichen Kindergarten, der kostet 12 Euro im Monat. Was kostet noch mal ein Kindergartenplatz in der Gemütlichkeitsfalle Freiburg?

Seit 33 Jahren, seit Franco in den katholischen Himmel abgedüst ist, wird das Dorf mit den weißen Häusern und den Alleebäumen kommunistisch regiert. Kommunismus ist der kleine Bruder des Gottseibeiuns. Die 2750 Einwohner wollen der Welt beweisen, dass es auch anders geht. Das es so etwas wie Gemeinwohl gibt.

Natürlich gibt es abweichende Meinungen, dennoch wird das „Kollektiv der Einheit der Arbeiter“ jedes Mal mit großer Mehrheit wieder gewählt. „Wir streben nicht nur eine bessere Welt an, wir versuchen sie auch in Gang zu bringen“, sagt die Seele des Projekts, der Bürgermeister Juan Manuel Sanchez Gordillo.

Herzstück des Dorfes ist die Asamblea, die regelmäßige Versammlung des Dorfes, zu der die ganze Bevölkerung per Megafon eingeladen wird. Was dort beschlossen wird, setzt der Gemeinderat um. Direkter geht Demokratie nicht.

In Andalusien herrscht noch die uralte Grundbesitzbourgeoisie. 50% des Bodens gehören 2% Grundbesitzern. Die Dorfbewohner kämpften gegen den Herzog von El Infantado, dem früher ...

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Donnerstag, 22. März 2012 - Aly und Broder

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde der Demokratie,

soll das ein Scherz sein? Dann wäre er von Übel. Indiskutabel, wenn es kein Scherz wäre. Ein Trend- und Zukunftsforscher erklärt, ohne mit der Wimper zu zucken, in der BZ: „Seien wir ehrlich. Die Demokratie ist gescheitert.“

Der Herr will die Monarchie nach Vorbild der englischen. Die englische ist eine konstitutionelle Monarchie, kein Gegenteil zur Demokratie. Solche Kleinigkeiten muss ein Trendforscher, der mit einer Engländerin verheiratet ist, nicht wissen. Das tarnt sich wie bitterböse Ironie und schaukelt sich frivol in gefährliches Gelände.

Dem prophetischen Clown passen die vielen Kapitalismuskritiker nicht, gleichzeitig wirft er den Deutschen vor, sie wollten sich alles von einer großen Lichtgestalt vorschreiben lassen. Die einen brauchen in Bronze gegossene Pastoren mit dem Rohrstock, die anderen in Evolution gegossene Wirtschaft.

Nicht Antisemitismus sei das Problem in Frankreich, sondern die mangelnde Integration der 5 Millionen Muslime. Seit drei Jahrzehnten verspricht der französische Staat große Pläne zur Sanierung der Vorstädte. Nichts geschieht.

Stattdessen heizt Sarko die Fremdenfeindlichkeit an, um den rechten Rand abzufischen. Nun kann er den großen Staatsmann spielen. Hollandes Vorsprung ist schon geschwunden. Die Mehrheit der Muslime verabscheut Terrorismus.

Auch Alfred Grosser sieht keinen überdimensional gefährlichen Judenhass am Werk. Die Kritik an Israel werde in seinem Land als Antisemitismus diffamiert. Prominente Stimmen in Israel fühlen sich ...

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Mittwoch, 21. März 2012 - Lernen und Tun

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde der Kinder,

„Kinder verhalten sich egoistisch. Es mangelt ihnen nicht an Einsicht – ihr Gehirn kann noch nicht anders.“ *

Auf das Gute im Menschen ist kein Verlass mehr, auch auf unsere Kinder nicht. Wie wär es so schön und verlockend, den hartleibigen Goldmann & Sachs-Mammonisten alle Kinder dieser Welt vorzuführen, um ihnen zu zeigen, wie gerecht, wahr und gut die Menschlein von Natur aus sind.

Die Zocker würden vor Rührung in Tränen ausbrechen, in sich gehen, sich ihrer eigenen unverdorbenen Kindheit erinnern, sich an die Brust schlagen, wie weit sie sich von der Natur entfernt und der Habgier übergeben hätten, würden alle Gelder unter den Kindern verteilen, das Ende der neoliberalen Epoche verkünden und sich vom Vatikan selig sprechen lassen.

Lasset die Kindlein zu ihnen kommen, denn ihner ist zwar das Himmelreich, aber vom irdischen Unterschied zwischen Egoismus und Altruismus haben sie keine Ahnung. Einsicht haben sie, die lieben Kleinen, aber die nützt ihnen nichts. Womit auch Sokrates experimentell erledigt wäre.

Das ist den Hirnforschern gar nicht aufgefallen, denn von einem Gehirnforscher namens Sokrates haben sie noch nie gehört. Der hatte in seiner Einfalt erklärt, wer durchblickt, tut auch, was er kapiert hat. Tut er’s nicht, hat er nix kapiert.

So aber haben die Wissenschaftler wie nebenbei ganz objektiv den christlichen Satz im Labor bestätigt, der Geist ist willig, das Fleisch ist schwach. Wir wissen viel, doch ach, mit dem Tun hapert's. Also kann ...

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Dienstag, 20. März 2012 - Kaiserschnitt

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde des lever du roi,

Tusch der Fanfaren! Der König beliebt sich zu erheben. Die Edelgazetten haben beschlossen, eine tägliche Hofberichterstattung aus Versailles, pardon, Bellevue, einzuführen.

Wünschen Majestät wohl geruht zu haben. Ob die Meisterin – früher Maitresse genannt – im royalen Schlafzimmer nächtigt oder eine separate Kemenate erhält, gilt als streng gehütetes Staatsgeheimnis.

Jeweils eine kleine Deputation einflussreicher Chefredakteure darf Majestät abwechselnd den goldenen Nachttopf entsorgen. Heute sind eingetragen: Dieckmann und Mascolo, morgen Augstein und Kister, dann Schausten und Deppendorf.

Die Öffentlich-Rechtlichen haben Standleitungen verlegt, die Morgenmagazine können sich spontan in jede Phase der morgendlichen Zeremonie einschalten, um im Gleichklang mit dem Erleuchteten beim Lesen der Herrnhuter Losung dabei zu sein, Anteil zu nehmen an den Antworten, die Majestät an seine ehr- und freiheitsvergessene Bevölkerung huldvoll weitergibt.

Heute wird Majestät über das Wort meditieren: Wo der Geist der Majestät ist, da ist Freiheit. Morgen: Für die Freiheit hat uns Majestät frei gemacht, darum stehet fest und lasset euch nicht wieder unter das Joch sozialistischer Knechtschaft bringen. Übermorgen: Nur lasset die Freiheit, die ich euch gebracht habe, nicht zum Anlass für Hängematten-Fleisch werden, Sicherheit und Gerechtigkeit der herrlichen Freiheit vorzuziehen. Sondern ...

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Montag, 19. März 2012 - Homo rationalis

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde der Chefredakteure,

die Wahl des Chefs war die Stunde der Chef-Redakteure. Sie schreiben die Kommentare, sie kommentieren in den Öffentlich-Rechtlichen, sie sitzen in den Talkshows.

Sie sind die großen Söhne, die sich nach oben orientieren: zu Papa. Wenn's um Kleinkram wie Euro und Atom geht, dürfen die Kleinen den Mülleimer nach unten bringen. Wenn's um Ernennung des neuen Vaters geht, schließen sie die Reihen und rauchen die Schischa-Pfeife unter sich.

Die beiden letzten Väter: da hat ihnen Mama die Kür vermasselt. Das haben sie ihr heimgezahlt und den Letzten mit der Steinschleuder vom Thron geschossen.

Nun haben sie jemanden, der selbst Journalist werden wollte und über beste Kontakte nach ganz oben verfügt. Das Spiel der nächsten Zeit heißt: Vater und Söhne.

Kurt Kister, SZ, hat Fragen, die er endlich mal stellen und sich von Papa beantworten lassen darf: was eigentlich ist Demokratie, Papa? Freiheit? Wie schön du das sagst, das hab ich noch nie gehört. Und Verantwortung? Da stockt mir der Atem, die Tränen schießen mir in die Augen. Dass wir Chefredakteure ...

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Sonntag, 18. März 2012 - Apanage

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde der Monarchie,

heute wählen ungewählte VIPs – früher Aristokraten genannt – den neuen Monarchen. Synchron übertragen auf allen privaten und öffentlichen Kanälen. (Kommentator der ARD ist der bewährte Adelsbeobachter Seelmann-Eggebert.)

Der Ururenkel des letzten deutschen Kaisers, Prinz Philip Kiril von Preußen, Pfarrer von Beruf, hat sich erfolgreich für die Wiedereinführung der Monarchie eingesetzt.

Königsfamilien vermittelten Stabilität, sie würden per Misstrauen oder durch Aufhebung der Immunität nicht aus dem Amt gejagt, erklärt der prinzliche Pastor, der in Zehdenick nördlich von Berlin lebt. Königsfamilien könnten besser das Herz der Menschen erreichen als ein Bundespräsident.

Ein Monarch könnte auch kein Schnäppchenjäger werden wie haltlose Aufsteiger, er habe seine großen Happen bereits über viele Jahrhunderte harmonisch zu einem stabilen Clankonzern zusammengefügt. Entweder habe er einen großen Familienbesitz oder eine Apanage. Von Freunden Geschenke anzunehmen, wäre unter seiner Würde.

Das wunderschöne Wort Apanage (heißt ursprünglich: mit Brot versorgen) ist eine Abfindung nichtregierender Adliger mit Landbesitz oder Geld zur Ermöglichung ...

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