Philosophische Tagesmails

Dienstag, 17. April 2012 - Breivik und Hitler

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde der Zensuren,

Ratingagenturen sind Notengeber der Wirtschaft. Sie verteilen Zensuren, ohne dass man sagen kann, man hätte von ihren Beurteilungen gelernt. Nach Heben oder Senken des Daumens ist man so klug und doof als wie zuvor. In diesem Sinn sind sie echte Oberlehrer.

Wie viele Zensuren erhält ein Heranwachsender im Verlauf seines jungen Lebens? Nimmt man die Noten des Erwachsenenlebens dazu – in Form von Beurteilungen der Personalakte, von Lohn- und Gehaltszuwendungen, Zuweisungen in die sozialen Schichten – ist das ganze Leben nichts als eine ununterbrochene Zensurorgie.

Du wirst benotet von der Wiege bis zur Bahre. In welchem Monat konnte das Kind gehen, sprechen, Laufrädchen fahren, wann war es sauber? So geht es weiter. Wie viele Veröffentlichungen hat der Juniorprofessor? Wie groß ist der Anteil seines Blutfetts, in welchem Häuschen wohnt das vielversprechende Paar? Gab es schon rühmende Meldungen in der Presse, wie vernetzt sind sie in Facebook, wie viele Freunde haben sie? Was bringt der Galan im Bett? Wie vereinbart die Gattin an seiner Seite Kinder und Beruf? Wie fit sind sie noch im Alter? Was, mit 65 schon dement? War es eine schöne Leich? Wieviele Trauergäste gaben ihm letztes Geleit? Ist er in den Himmel gekommen, sitzend zur rechten oder linken Hand Gottes? Oder muss er für seine miese Gesamtnote in den Büchern, die da aufgeschlagen wurden, eine Ewigkeit lang geröstet werden? Setzen: sechs – ohne zweite Chance!

Ohne Bewertungen und Spiegelungen können wir nicht leben. Die Ichbildung beginnt mit Rückmeldungen der Eltern, das Kind puzzelt seine kleine Persönlichkeit aus den guten und schlechten Aussagen seiner gottgleichen Erzieher zusammen.

Wie die Autoritäten den Heranwachsenden sehen, so sieht er sich selbst. Später ...

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Montag, 16.04.2012 - Verpestete Luft

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde Israels,

gestern Abend gab‘s eine Fortsetzung der unendlichen Reihe Günther Jauch und das deutsche Glück der Ausgewogenheit. Der Presseclub kennt nur nationale Themen, Israelfragen sind ihm unbekannt.

Doch Jauch ist mutig und wagt sich ohne Handschuhe und Mundschutz an die brandheißesten Themen. Schließlich ist er Journalist, wenn er im Nebenberuf nicht gerade Deutschlands beliebtester Schwiegersohn ist, eine Rolle, die er bis ins biblische Alter von 80 fortzusetzen gedenkt.

Laut Wikipedia ist Talk – in pulverisierter Form Talkum genannt, oft verwechselt mit Talg – ein häufig vorkommendes Mineral der Klasse Silikate und Germanate, vermutlich von Germanen aus der Gegend der Externsteine erfunden. Es entwickelt Kristalle von mattweißer, blassgrüner Farbe, bleibt also verlässlich-undurchsichtig.

Reiner Talk ist farblos, besitzt die geringste Belastungshärte, was den unschätzbaren Vorteil hat, nicht in Trümmer zu gehen, weil er ohne kristalline Härte ohnehin dauer-zerbröselt ist. Aufgrund seiner geringen Härte neigt er zu Stapel- und Hochstapelfehlern.

Das Mineral ist wasser- und dialogabweisend und fühlt sich seifig, schmierig oder fettig an, weshalb es auch Speckstein genannt wird.

Donauschwaben waren schon immer ihrer Zeit voraus und nannten talkig, was man ...

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Sonntag, 15. April 2012 - Dichter und Seher

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde der Hölle,

jeder deutsche Haushalt sollte die heilige Broschüre bekommen. Der Verfassungsschutz will die Verteiler wegen Gefährlichkeit des Inhalts unter die Lupe nehmen. Es handelt sich um das Offenbarungsblatt BILD.

Ein anderes Offenbarungsbuch soll auch unter die Deutschen kommen, wieder sendet der Verfassungsschutz seine Schlapphüte aus und warnt vor dem gefährlichen Buch: es handelt sich um eine so genannte Bibel, in der steht, dass Ungläubige in die Hölle kommen.

Doch weil das Buch heilig ist, kann es nicht gefährlich sein. Unheilig aber sind die Hintermänner der Verteilungsaktion, es handelt sich um religiös gekreuzte Bibel-Salafisten.

Christen und Juden kommen in die Hölle, wenn sie nicht muslimisch werden, sagen die Muslime.

Juden und Muslime kommen in die Hölle, wenn sie nicht christlich werden, sagen die Christen.

Muslime und Christen kommen in die Hölle, wenn sie nicht jüdisch werden, sagen die Juden.

Muslime sind Anti-Christen und Anti-Juden.

Christen sind Anti-Muslime und Anti-Juden.

Juden sind Anti-Muslime und Anti-Christen.

Sie alle lieben ihre Nächsten mehr als sich selbst. Mindestens.

Der Verfassungsschutz muss folgende harte Nuss knacken: wenn böse Menschen gute Bücher verteilen – steht die Aktion noch auf dem Boden des Grundgesetzes? Wenn böse Menschen böse Bücher? Wenn gute Menschen ...

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Samstag, 14. April 2012 - Klischee und Wahrheit

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde des Klischees,

Abdruck, Abklatsch, billige Imitation, das ist ein Klischee. „Wie klischeehaft“, so reagiert die ZEIT-Interviewerin auf die Kritik eines Hedge-Fond-Managers am bedenkenlosen Amoralismus der Banken, die dank ihrer übermächtigen Lobbyarbeit die Politik im Griff haben.

Auch nach den Finanzkrisen machen sie weiter wie bisher. Sie wissen, beim nächsten Crash werden die Politiker sie wieder raushauen – wegen Systemrelevanz. Werde systemrelevant und du wirst unsterblich.

Die Nachwuchsökonomen werden mit Mathematik zugedröhnt, sie lesen keine historischen Bücher, um die Realität kennenzulernen, aus der die Wirtschaftstheorien entstanden sind. Sie haben keinen Kontakt mit der Wirklichkeit, die sie mit Formeln einfangen müssen.

Das Desaster des Systems haben sie allerdings nicht vorausberechnet. Ihre Formeln sind Dauersieger. Bankrott, Banken-Verrottung ist bei ihnen nicht vorgesehen.

Hier hat eine empirische Disziplin versagt, hier hat die gesamte Wissenschaft versagt, die einen mit Sprengstoff beladenen Zug im Salonwagen begleitet und ausrechnet, mit welcher Wahrscheinlichkeit – der Salonwagen überlebt, wenn der ganze Zug in die Luft fliegt.

Die Wissenschaftler sind Einflüsterer, Butler mit Rechenschieber und ...

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Freitag, 13. April 2012 - Inzest

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde der Züchtigkeit,

wer sich züchtig verhält, mit dem kann prima Nachwuchs gezüchtet werden, weiß jeder Tierzüchter. Die Gene müssen fremd gehen, damit gesunde Sprösslinge gezeugt werden.

Es sollen genetische Gründe sein, die das Inzesttabu begründen. In den abgelegenen Alpendörfern …, Sie wissen schon. Was sagen die pumperlgsunden Schwyzer und Tiroler zu solchen Angriffen gegen ihre Grind- und Kropf-Vorfahren? Wären es tatsächlich medizinische Gründe, genügte ein Kondomgebot, um dem Missstand vorzubeugen.

In Deutschland ist Inzest verboten, in anderen europäischen Ländern nicht. Vor dem Gesetz sind alle Menschen gleich? In dieser Frage darf jedes Land seine Sonderrechte haben, entschied der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte und begründete das Rechtsgut, das damit verteidigt werden soll: es ist die Moral. Dazu Christian Bommarius in der BZ.

Das kann nur eine nationale Sondermoral sein. Die Menschenrechte hingegen sind entstanden, als die Aufklärung generelle Werte für alle Menschen forderte. Die Französische Revolution erkämpfte Gleichheit und Freiheit nicht nur für Gallier, die ihre Herkunft bis Asterix und Obelix lückenlos nachweisen konnten.

Wer zufällige Sondermoralen zum Kriterium des Rechts macht, wird demnächst auch die Blutrache im albanischen Hinterland, diverse Mafiaspezialitäten aus Süditalien oder die Todesstrafe in China verteidigen müssen.

Generelles Recht schlägt zufällige Moral, das war die Uraufklärung in Griechenland, als Wanderlehrer ...

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Donnerstag, 12. April 2012 - Broder (I)

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde der Psychoanalyse,

seitdem die therapeutische Psychoanalyse tot ist, ist sie als politische Kampfdisziplin glänzend auferstanden. Jeder benutzt sie, niemand spricht über sie. Auch hier muss das selbstverschuldete Verschweigen unnachsichtig gebrochen werden.

Die Anwendung der Psychoanalyse teilt sich in zwei Fraktionen: in die Analytiker im Sessel, die nie über sich reden und nicht gesehen werden wollen, und die Patienten auf der Couch, länglich hingestreckt, die nur über sich reden, die Augen geschlossen oder an die Decke starrend.

Blickkontakt zwischen beiden gibt es nicht. Es herrscht Bilderverbot, was die Autorität betrifft, die von den Patienten als gottähnlich empfunden wird, solange sie die Autorität in der Anfangsphase bewundern, später eher als teufelähnlich, wenn sie innerlich nachgereift sind, um ihre neuen Vater- oder Mutterfiguren symbolisch ans Messer zu liefern.

Einen Dialog kann man nicht nennen, wie die beiden miteinander sprechen. Jedenfalls keinen auf gleicher Augenhöhe, denn die Augen der Patienten befinden sich notgedrungen weit unter denen der Analytiker, ganz abgesehen davon, dass sie sich gar nicht in die Augen schauen.

Wenn Menschen Priester werden wollen, müssen sie sich bäuchlings auf den Boden legen, um den Segen zu erhalten. Der Fachbegriff klingt von weitem wie Prostitution, sagte mal ein Bösewicht, heißt aber Prostration.

Die Patienten liegen umgekehrt und schauen nach oben, wenn auch meist ins Leere, dennoch sollten wir ...

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Mittwoch, 11. April 2012 - Philanthropie

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde der Bankenversteher,

Es sei allgegenwärtig in der Branche, auf die Kunden herabzublicken und sich stets zu fragen, wie man ihnen noch mehr Geld aus der Tasche ziehen kann“, schreibt ein Wissenschaftler über die Banker, der sie in London im Rahmen einer Feldstudie in vielen Gesprächen beobachtet hat.

In internen Vorbereitungsgesprächen laute die erste Frage der Investmentbanker stets: an welcher Stelle kassieren wir ab? Wäre an dieser Stelle nicht interessant gewesen, die Betrogenen zu befragen, warum sie nicht bemerkten, dass sie über den Tisch gezogen wurden?

Diese Beobachtungen stützen die öffentliche Abrechnung eines ehemaligen Goldman-Sachs-Mitarbeiters, Greg Smith, der seinem früheren Arbeitgeber in einem New York Times-Artikel vorwarf, die Kunden rücksichtslos auszunehmen.

Überhaupt muss man sich fragen, warum die Gepflogenheiten dieses ehrenwerten Berufs so lange im Verborgenen bleiben konnten.

Die Linken werden abwinken, das alles wisse man längst, die Banker seien eine Verbrecherbande im Rahmen der Legalität.

Die Rechten mokieren sich über die dogmatischen Vorurteile der Linken und wollen gar nicht wissen, was wirklich abläuft. Natürlich wissen sie es auch, halten aber ...

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Dienstag, 10. April 2012 - Der Tod des Großintellektuellen

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde Europas,

geschossen wird noch nicht zwischen den europäischen Staaten, doch seit den Finanzkrisen sind die Medien-Kanonen in Stellung gebracht. Der Spott der BILD und des FOCUS über die Griechen wurde von den Angegriffenen mit Bildern von Merkel mit Hitlerschnauzer erwidert.

Nun verlagert sich der Clanstreit auf die Ebene des Rechts. Jeder beginnt gegen jeden zu klagen. Die Griechen gegen Markwort, die Schweiz gegen deutsche Steuerfahnder, BILD – immer dabei – gegen Schweizer Politiker und umgekehrt.

Die "Weltwoche" greift auf ihrem Titelbild frontal osteuropäische Roma an, die in den Westen kommen, um zu klauen und wieder zu verschwinden. Wenn der interne Frieden schief hängt, will man erst recht keine Fremden im Hause haben.

Die Grenzen gegen außereuropäische Flüchtlinge werden mit neuen Mauern, Wassergräben und Patrouillenbooten dicht gemacht.

Die Franzosen entdecken, dass sie doch nicht die besten Freunde der Deutschen sind, die Israelis sperren die Grenzen für den bedeutensten Literaten ihrer zweitbesten Freunde, in England feiern vornehme Jugendliche am liebsten Nazi-Partys, die Deutschen werden abwechselnd als Führungsnation oder ...

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