Philosophische Tagesmails

Mittwoch, 22. Februar 2012 - Gleichheit und ihr Gegenteil

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde der Amerikanisierung,

wie viele Wohnungslose gibt es heute? Fast 250 000. Wie viele leben obdachlos auf der Straße? 22 000. Die Zahl der abgestürzten Mittelschichtler steigt.

Während Arbeitslöhne für Unternehmer immer billiger werden, werden Mieten immer teurer. Städtische Wohnungsbaugesellschaften werden privatisiert, Blackstone, Cerberus oder Fortress kaufen massenhaft kommunale Wohnungen. Ganze Stadtviertel werden nach oben saniert und nach unten dicht gemacht – gentrifiziert.

Wieder so ein Idiotenwort, das die Sache verfremdet und nix anderes bedeutet als: geadelt und gesäubert. Günstige Mietwohnungen werden verkommen lassen, saniert und als teure Eigentumswohnungen angeboten. Der Immobilienmarkt, „das Betongold“, wird im Sog der Bankenkrisen immer interessanter, wachsende Nachfrage sorgt für wachsende Preise. Klassenkampf auf dem Wohnungsmarkt.

Die Amerikanisierung, die Spaltung der Gesellschaft, schreitet munter voran. Die Cities spalten sich in „Stadtviertel mit besonderem Entwicklungsbedarf“ und Reichenghettos. Pardon: Armenghettos und voll entwickelte Reichenviertel. Was denn nun? Sind die Armen ghettoisiert oder die Reichen? Wenn sie sich voneinander abschotten, verbarrikadieren sie sich beide. Einen kleinen Unterschied gibt’s. ...

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Dienstag, 21. Februar 2012 - Augsteins Garten

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde der Amerikaner,

die jungen Amerikaner seien viel liberaler als die republikanischen Kandidatengreise, die Schwulenehen, Abtreibungen und am liebsten das Böse an sich verbieten wollten. 70% aller Jüngeren befürworteten die Homoehe. Auch die Evangelikalen, die bislang bedingungslos die Republikaner unterstützten, sollen deren Reichenkurs allmählich kritischer sehen. 15% der Bevölkerung gebe an, keiner Glaubensgemeinschaft zuzugehören. Doppelt so viel als noch 1990.

Der religiös verengte Wahlkampf der Obamagegner würde die Realität „längst nicht mehr abbilden“, schreibt ein deutscher Journalist, der schon lange in den USA lebt.

Zweimal hat Israel erfolgreich die Atomanlagen ihrer Gegner durch einen gezielten Luftschlag zerstört. Einmal im Irak, einmal in Syrien. Doch im Iran könnten sie scheitern, weil dort die Fabrikationshallen tief unter Granitschichten versteckt sind.

Das könnte die militaristischen Kapazitäten der israelischen Luftwaffe bei weitem überfordern. Behaupten amerikanische Experten. Ohnehin scheint es einen ziemlichen Dissens zwischen Jerusalem und Washington über die Notwendigkeit und Gefährlichkeit eines solchen Schlages zu geben. Sollte Ehud Barak dennoch den Angriff befehlen, wird er ...

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Montag, 20. Februar 2012 - Gauck

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde Hindenburgs,

den kennen Sie nicht mehr? Die Lage im Osten sah ziemlich trostlos aus. Da kam er und rettete uns im Ersten Weltkrieg vor den Russen bei Tannenberg. Genau genommen war es das taktische Geschick eines Ludendorffs, Hindenburg erzählte selbst, er habe bei der Schlacht gut geschlafen.

Als Deutschland in der Zeit der Weimarer Republik wieder in Not geriet, wurde er zum ersten und letzten vom Volk gewählten Staatsoberhaupt, rettete uns erneut von dem Übel, indem er dem Erzübel persönlich Türen und Tore öffnete und einen Gefreiten zum Retter Deutschlands ernannte.

Nun, die erste positive Botschaft des Tages: erneut ist die russische Gefahr für Deutschland und ganz Europa gebannt. Dank den Letten, die Russisch als Amtssprache in einem Volksentscheid ablehnten. Unausdenkbar, dass in Zentraleuropa Russisch als gleichberechtigte Sprache hätte gelten müssen.

Die zweite überragende, ja historische Tagesmeldung: wir haben einen zweiten Hindenburg, der ebenfalls im Osten die Russen mit ihrem asiatischen Sozialismus persönlich in die Flucht schlug.

Zwei Ossis aus protestantischen Pfarrhäusern stehen nun an der Spitze des Staates. Beruhigend zu wissen, dass in einem säkular-zweckrationalen Land der Bezug nach oben unbeschädigt bleibt. Für den Fall aller Fälle. Wie pflegt man in ...

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Sonntag, 19. Februar 2012 - Philosophie und Religion

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde Frankreichs,

die deutsch-französische Verständigung stehe auf wackliger Grundlage, sagt der französische Historiker Pierre Nora in der FAZ. Es gebe keinerlei Annäherungen zwischen den kulturellen Eliten.

Die Franzosen lernten immer weniger deutsch, die Deutschen weniger französisch. Die Nachkriegszeit mit viel gutem Willen sei vorbei, die Bildungssysteme drifteten auseinander, in Frankreich kenne man keine deutschen Intellektuellen, in Deutschland keine französischen.

Es habe in ganz Europa eine Renationalisierung stattgefunden, eine gesamteuropäische Öffentlichkeit existiere nicht. Die gemeinsame Zivilisation befinde sich in einer Krise. Die hochgradigen Spezialisten seien immer weniger in der Lage, ihre Erkenntnisse (welche Erkenntnisse?) dem Volk zu vermitteln. (Wenn man etwas verstanden hat, kann man es auch vermitteln.)

Es fehle eine „echte, von der Mehrheit der Europäer geteilte Wertegemeinschaft“. Die humanistische Kultur – Latein, Griechisch, Geschichte, Philosophie, Sprachen – sei am Ende.

Klingt pessimistisch. Doch Humanismus ist eine Haltung, kein Bildungsgehabe. Bei dieser Definition wären die Griechen humanismus-frei gewesen. Sie kannten keine Sprachen, es gab keine ...

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Samstag, 18. Februar 2012 - Verantwortungsethik

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde Syriens,

will der Westen gar nicht das Ende des Assad-Regimes? Weil dann ein territorialer Machtfaktor in sich zusammenfiele, der bislang für ein Gleichgewicht des Schreckens im fragilen Nahostbereich sorgte?

Will Israel lieber das vertraute Despotenszenario, als eine unberechenbare, in viele Gruppen zerfallende Volksherrschaft?

Die syrische Opposition will keine militärische Unterstützung von außen, aber eine stärkere moralische Unterstützung ihres verzweifelten Kampfes. Assads Schergen haben die Stadt Homs total eingeschnürt, Wasser und Strom abgestellt, die Telefone gekappt. Der Westen hätte längst den Internationalen Gerichtshof in Den Haag einschalten können, sagt der syrische Journalist Ali al-Atassi in einem TAZ-Interview. Es gebe keine internationale Hilfe, kein Rotes Kreuz, keinen Roten Halbmond, kein Verbandszeug, nichts.

Der Song Contest in Baku, Aserbeidschan, ist ein Unternehmen auf der Schneide des Schwerts. Durch Einbeziehen der Diktatur in die westliche Einflusssphäre kann man sich den Transport freiheitlicher Ideen und Lebensgefühle erhoffen, also Wandel durch emotionale Annäherung. Man könnte das ganze Unternehmen aber auch ...

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Freitag, 17. Februar 2012 - Vagina-Monologe

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde der Immunität,

dem Orban-Regime könnte es bald an den Kragen gehen. EU-Parlamentarier erwägen, Ungarn die Stimmrechte in den EU-Gremien zu entziehen, sollte Orban seine umstrittenen Gesetzesvorhaben, etwa zur Einschränkung der Pressefreiheit, nicht zurücknehmen.

Das Amt sei verschmutzt, schreibt Brigitte Fehrle über die Ermittlung des Staatsanwalts wegen Anfangverdachts gegen unsere Nummer Eins. Niemand habe versucht, uns von diesem Bundespräsidenten zu erlösen. „Die Folgen dieser Verschmutzung von Hirn und Herz werden wir alle noch lang spüren“.

Liebe Brigitte: auf dem Teppich bleiben. Wenn Ämter verschmutzt werden könnten, wären sie schon längst unbrauchbar. Dann könnten wir, dann müssten wir sie schon lange weggeworfen haben und von vorne, von einem jungfräulichen Punkte Null an, neu beginnen. Mit einer weißen, garantiert porentief gereinigten Leinwand.

Das ist der uralte platonisch-christliche Traum von Diktatoren, Faschisten und Er-Lösern. Nicht aber von selbstbewussten Problemlösern. Von einem Hallodri-Demokraten müssen wir nicht erlöst werden. Es genügt, ihn ...

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Donnerstag, 16. Februar 2012 - Freundschaft und Kapitalismus

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde der Freundschaft,

man trifft sich, findet sich nett, stellt sich eine Frage – allerdings nicht mehr, sonst macht man sich verdächtig –, schon ist man befreundet. Ein Freund ist, wer einem nichts Böses will, vielleicht sogar nützt. Wer in New York mit einem wildfremden Menschen den Fahrstuhl benützt, hat oben einen Freund fürs Leben gewonnen.

So war's bisher im oberflächlichen Amerika, so wird’s nun bei uns. Dank politischer Partys, dank Facebook. Im Netz kannst du Freunde haben, die du noch nie in natura gesehen hast.

In Deutschland hat man nur wenige Freunde. Freundschaft hält man für das Ergebnis mühseliger Arbeit oder das Glück seltener, kostbarer Seelenverwandtschaft bei langen Gesprächen und inniger Freude des Zusammenseins. Amerikanische Freundschaften wären bei uns kaum Kameraderien.

Das amerikanische System ist eine Mischung aus zu viel Hobbes und zu wenig Adam Smith. Der Kapitalismus kennt nur den Konkurrenten, der dem Konkurrenten ein Wolf ist. Ganz anders bei dem angeblichen Begründer des Kapitalismus, der seinen Aristoteles kannte und in seinem ersten Buch schrieb, echte Freundschaften können nur ...

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Mittwoch, 15. Februar 2012 - Kluge, der Geschichtenerzähler

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde Europas,

wie weiter mit Griechenland? Das Land ist in keinem guten Zustand. Es war absolut notwendig, die Mutter Europas nach Europa zu bringen.

Doch es war fahrlässig, die Augen vor ihren Defiziten zu schließen. Alle anderen osteuropäischen Länder mussten erst ihre EU-Verträglichkeit nachweisen, bevor sich die Schlagbäume heben konnten.

Aus falscher Pietät – wie heute bei Israel – hat man bei den Griechen von Anfang an die Augen geschlossen und sie in ihr Elend stolpern lassen. Nun wird das gebeutelte Land mit großdeutscher Häme überzogen. Die ersten Großindustriellen, wie der Chef von Bosch, fordern den Rausschmiss.

Man stranguliert das Land mit Sparen, der Mittelstand steigt ab, viele Kinder müssen in den Schulen mit Notrationen versorgt werden, Alte und Schwache haben keine Chance.

Die Wirtschaft sackt ab, Steuern werden ohnehin nicht bezahlt, die Reichen schmuggeln ihre Milliarden in die Schweiz, deren Banken vom Elend fremder Völker leben, die von ihren Eliten kannibalistisch zur Ader gelassen werden.

Dabei ist das Land nicht größer als Hessen, wie Ullrike Herrmann nicht müde wird, in ihren TAZ-Kommentaren zu betonen. Für einen der reichsten Kontinente kein unlösbares Problem, wenn er ...

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