Philosophische Tagesmails

Sonntag, 19. Februar 2012 - Philosophie und Religion

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde Frankreichs,

die deutsch-französische Verständigung stehe auf wackliger Grundlage, sagt der französische Historiker Pierre Nora in der FAZ. Es gebe keinerlei Annäherungen zwischen den kulturellen Eliten.

Die Franzosen lernten immer weniger deutsch, die Deutschen weniger französisch. Die Nachkriegszeit mit viel gutem Willen sei vorbei, die Bildungssysteme drifteten auseinander, in Frankreich kenne man keine deutschen Intellektuellen, in Deutschland keine französischen.

Es habe in ganz Europa eine Renationalisierung stattgefunden, eine gesamteuropäische Öffentlichkeit existiere nicht. Die gemeinsame Zivilisation befinde sich in einer Krise. Die hochgradigen Spezialisten seien immer weniger in der Lage, ihre Erkenntnisse (welche Erkenntnisse?) dem Volk zu vermitteln. (Wenn man etwas verstanden hat, kann man es auch vermitteln.)

Es fehle eine „echte, von der Mehrheit der Europäer geteilte Wertegemeinschaft“. Die humanistische Kultur – Latein, Griechisch, Geschichte, Philosophie, Sprachen – sei am Ende.

Klingt pessimistisch. Doch Humanismus ist eine Haltung, kein Bildungsgehabe. Bei dieser Definition wären die Griechen humanismus-frei gewesen. Sie kannten keine Sprachen, es gab keine ...

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Samstag, 18. Februar 2012 - Verantwortungsethik

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde Syriens,

will der Westen gar nicht das Ende des Assad-Regimes? Weil dann ein territorialer Machtfaktor in sich zusammenfiele, der bislang für ein Gleichgewicht des Schreckens im fragilen Nahostbereich sorgte?

Will Israel lieber das vertraute Despotenszenario, als eine unberechenbare, in viele Gruppen zerfallende Volksherrschaft?

Die syrische Opposition will keine militärische Unterstützung von außen, aber eine stärkere moralische Unterstützung ihres verzweifelten Kampfes. Assads Schergen haben die Stadt Homs total eingeschnürt, Wasser und Strom abgestellt, die Telefone gekappt. Der Westen hätte längst den Internationalen Gerichtshof in Den Haag einschalten können, sagt der syrische Journalist Ali al-Atassi in einem TAZ-Interview. Es gebe keine internationale Hilfe, kein Rotes Kreuz, keinen Roten Halbmond, kein Verbandszeug, nichts.

Der Song Contest in Baku, Aserbeidschan, ist ein Unternehmen auf der Schneide des Schwerts. Durch Einbeziehen der Diktatur in die westliche Einflusssphäre kann man sich den Transport freiheitlicher Ideen und Lebensgefühle erhoffen, also Wandel durch emotionale Annäherung. Man könnte das ganze Unternehmen aber auch ...

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Freitag, 17. Februar 2012 - Vagina-Monologe

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde der Immunität,

dem Orban-Regime könnte es bald an den Kragen gehen. EU-Parlamentarier erwägen, Ungarn die Stimmrechte in den EU-Gremien zu entziehen, sollte Orban seine umstrittenen Gesetzesvorhaben, etwa zur Einschränkung der Pressefreiheit, nicht zurücknehmen.

Das Amt sei verschmutzt, schreibt Brigitte Fehrle über die Ermittlung des Staatsanwalts wegen Anfangverdachts gegen unsere Nummer Eins. Niemand habe versucht, uns von diesem Bundespräsidenten zu erlösen. „Die Folgen dieser Verschmutzung von Hirn und Herz werden wir alle noch lang spüren“.

Liebe Brigitte: auf dem Teppich bleiben. Wenn Ämter verschmutzt werden könnten, wären sie schon längst unbrauchbar. Dann könnten wir, dann müssten wir sie schon lange weggeworfen haben und von vorne, von einem jungfräulichen Punkte Null an, neu beginnen. Mit einer weißen, garantiert porentief gereinigten Leinwand.

Das ist der uralte platonisch-christliche Traum von Diktatoren, Faschisten und Er-Lösern. Nicht aber von selbstbewussten Problemlösern. Von einem Hallodri-Demokraten müssen wir nicht erlöst werden. Es genügt, ihn ...

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Donnerstag, 16. Februar 2012 - Freundschaft und Kapitalismus

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde der Freundschaft,

man trifft sich, findet sich nett, stellt sich eine Frage – allerdings nicht mehr, sonst macht man sich verdächtig –, schon ist man befreundet. Ein Freund ist, wer einem nichts Böses will, vielleicht sogar nützt. Wer in New York mit einem wildfremden Menschen den Fahrstuhl benützt, hat oben einen Freund fürs Leben gewonnen.

So war's bisher im oberflächlichen Amerika, so wird’s nun bei uns. Dank politischer Partys, dank Facebook. Im Netz kannst du Freunde haben, die du noch nie in natura gesehen hast.

In Deutschland hat man nur wenige Freunde. Freundschaft hält man für das Ergebnis mühseliger Arbeit oder das Glück seltener, kostbarer Seelenverwandtschaft bei langen Gesprächen und inniger Freude des Zusammenseins. Amerikanische Freundschaften wären bei uns kaum Kameraderien.

Das amerikanische System ist eine Mischung aus zu viel Hobbes und zu wenig Adam Smith. Der Kapitalismus kennt nur den Konkurrenten, der dem Konkurrenten ein Wolf ist. Ganz anders bei dem angeblichen Begründer des Kapitalismus, der seinen Aristoteles kannte und in seinem ersten Buch schrieb, echte Freundschaften können nur ...

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Mittwoch, 15. Februar 2012 - Kluge, der Geschichtenerzähler

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde Europas,

wie weiter mit Griechenland? Das Land ist in keinem guten Zustand. Es war absolut notwendig, die Mutter Europas nach Europa zu bringen.

Doch es war fahrlässig, die Augen vor ihren Defiziten zu schließen. Alle anderen osteuropäischen Länder mussten erst ihre EU-Verträglichkeit nachweisen, bevor sich die Schlagbäume heben konnten.

Aus falscher Pietät – wie heute bei Israel – hat man bei den Griechen von Anfang an die Augen geschlossen und sie in ihr Elend stolpern lassen. Nun wird das gebeutelte Land mit großdeutscher Häme überzogen. Die ersten Großindustriellen, wie der Chef von Bosch, fordern den Rausschmiss.

Man stranguliert das Land mit Sparen, der Mittelstand steigt ab, viele Kinder müssen in den Schulen mit Notrationen versorgt werden, Alte und Schwache haben keine Chance.

Die Wirtschaft sackt ab, Steuern werden ohnehin nicht bezahlt, die Reichen schmuggeln ihre Milliarden in die Schweiz, deren Banken vom Elend fremder Völker leben, die von ihren Eliten kannibalistisch zur Ader gelassen werden.

Dabei ist das Land nicht größer als Hessen, wie Ullrike Herrmann nicht müde wird, in ihren TAZ-Kommentaren zu betonen. Für einen der reichsten Kontinente kein unlösbares Problem, wenn er ...

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Dienstag, 14. Februar 2012 - Müll, Popper und Hayek

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde der Müllkekse,

Freeganer? Containern? Das ist Klauen aus moralischen Gründen. Sie hätten‘s nicht nötig, aber sie tun‘s, um die Wegwerfmentalität der Luxusgesellschaften an den Pranger zu stellen.

Der Begriff Luxus ist aus der Mode gekommen. Man spricht lieber von Überflussgesellschaft, was nicht unbedingt dasselbe sein muss.

Der Luxus am Hof war nicht zum Wegwerfen, er gehörte zum notwendigen Stil jener, die sich dem Himmel näher fühlten und sich von andern unterscheiden mussten, die auf der Rangskala tiefer standen. Luxus, Unterscheidungsmerkmal per demonstrativ gezeigtem Reichtum, soll den Rang der Person in materieller Weise darstellen. Schon von außen will sich der Mensch in seinem unterschiedlichen Wert von seinem Nachbarn unterscheiden.

Luxus kann kein Freund der Gleichheit sein. Bei Gleichheit denkt man sogleich an die Chinesen, als sie unter Mao wie blaue Ameisenkolonnen in Reih und Glied marschierten. Oder an ...

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Montag, 13. Februar 2012 - Antinomie

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde des Umweltschutzes,

Umweltschutz ist Diktatur, Klimawandel ist Lüge, sind Wahlkampfparolen im urchristlichen Amerika, wo Schwulsein als widernatürlich und antigöttlich gilt. Als ob Natur und Gott in der Bibel identisch wären.

In Deutschland hat noch niemand die Frage gestellt, warum biblizistische Christen etwas gegen Umweltschutz haben. Noch niemandem ist aufgefallen, dass aufgeklärte deutsche Christen sich ihrer fundamentalistischen Glaubensgenossen im Bible Belt schämen.

Beide verehren dasselbe heilige Buch, doch wunderbarerweise steht in der amerikanischen Ausgabe was ganz anderes als in der deutschen. Der Text ist ungefähr der gleiche, die Deutungen klaffen himmelweit auseinander.

Wirtschaftlich vertreten Amerikaner die größtmögliche Freiheit, religiös unterwerfen sie sich dem unantastbaren Buchstaben. Beim Begriff Aufklärung, wenn sie denn verstünden, worum es da ginge, würden sie den Colt ziehen. Lutherisch könnten sie sagen: das Wort, sie sollen lassen stahn und kein Dank dafür haben.

Deutsche Lutheraner sind durch die Aufklärung hindurchgegangen, allerdings schnell und zügig, dass sie nicht allzu sehr davon bedröpselt werden. Seitdem haben sie die Meinung des ...

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Sonntag, 12. Februar 2012 - Germanische Identitätssuche

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde Syriens,

wenn’s stimmt, beginnt Assads Untergang. Seine Eliten setzen sich ab und flüchten ins Ausland.

Niall Ferguson plädiert für einen Präventivkrieg gegen den Iran, den er für das kleinere Übel hält.

In Israel wird das Szenario eines Krieges schon konkret durchgespielt. Planspiele mit 50 000 oder 5000 Toten hält Ehud Barak für völlig übertrieben. „Wenn alle in ihren Häusern bleiben, gibt es nicht mal 500 Tote.“

In Auschwitz und den anderen Todesfabriken starb nur etwa die Hälfte der Juden, die andere starb durch „deutsche Handarbeit“ in einem Gebiet, das der amerikanische Historiker Timothy Snyder „Bloodlands“ nennt. Es erstreckt sich von den baltischen Staaten über Weißrussland bis in die Ukraine.

Hier starben Weißrussen, Ukrainer, Polen, Russen und Balten, Frauen, Kinder, Alte und Zivilisten: die Bewohner dieser Länder. Sie wurden die Opfer von Hitler und Stalin. Snyder spricht von 14 Millionen Toten.

Begonnen hatte das Morden mit sowjetischen Hungersnöten infolge erzwungener Kollektivierungen. Die Schuld gab Stalin den ukrainischen Bauern, weshalb sie kollektiv ermordet werden sollten. 3,3 Millionen Sowjetbürger starben an Hunger und Folgekrankheiten, dazu dieselbe Anzahl von Ukrainern in der ganzen Sowjetunion. Darauf folgte ...

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