Philosophische Tagesmails

Dienstag, 10. April 2012 - Der Tod des Großintellektuellen

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde Europas,

geschossen wird noch nicht zwischen den europäischen Staaten, doch seit den Finanzkrisen sind die Medien-Kanonen in Stellung gebracht. Der Spott der BILD und des FOCUS über die Griechen wurde von den Angegriffenen mit Bildern von Merkel mit Hitlerschnauzer erwidert.

Nun verlagert sich der Clanstreit auf die Ebene des Rechts. Jeder beginnt gegen jeden zu klagen. Die Griechen gegen Markwort, die Schweiz gegen deutsche Steuerfahnder, BILD – immer dabei – gegen Schweizer Politiker und umgekehrt.

Die "Weltwoche" greift auf ihrem Titelbild frontal osteuropäische Roma an, die in den Westen kommen, um zu klauen und wieder zu verschwinden. Wenn der interne Frieden schief hängt, will man erst recht keine Fremden im Hause haben.

Die Grenzen gegen außereuropäische Flüchtlinge werden mit neuen Mauern, Wassergräben und Patrouillenbooten dicht gemacht.

Die Franzosen entdecken, dass sie doch nicht die besten Freunde der Deutschen sind, die Israelis sperren die Grenzen für den bedeutensten Literaten ihrer zweitbesten Freunde, in England feiern vornehme Jugendliche am liebsten Nazi-Partys, die Deutschen werden abwechselnd als Führungsnation oder ...

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Montag, 09. April 2012 - Günter Grass (III)

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde des Tabus,

es gibt keine Tabus in Deutschland, jeder kann sagen, was er will.

Allerdings könnte er unter die Räder kommen, in Israel zur unerwünschten Person werden, seinen Nobelpreis nachträglich verlieren – offensichtlich ist der israelische Innenminister für schwedische Nobelpreise zuständig –, der deutsche Außenminister überlegt, ihn nach Danzig abzuschieben wegen Beschädigung des deutschen Rufs, möglicherweise sind seine Bücher gar nicht von ihm, sondern von seinem ES (so Josef Joffe und Thomas Schmid) geschrieben, das auf der Stufe des glühenden Nazi stehen geblieben ist, die Aufarbeitung der Vergangenheit in der Maske eines reumütigen, aber völlig unterentwickelten ICH absolviert hat und nun, kurz vor der Altersdemenz in den „unkoscheren“ Adern (so Wolffsohn), dem „abscheulichen“ Dichter (so Reich-Ranicki) aus allen Poren dringt.

Abgesehen von solchen Kleinigkeiten, kann bei uns jeder sagen, was er will. Nur eins darf er nicht: schlechte Gedichte machen, die sich hinten nicht reimen. Das ist ...

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Sonntag, 08. April 2012 - Pilatusfrage

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde der Wahrheit,

den Besitz von Nuklearwaffen sieht er als schwere Sünde an und glaubt, dass die Verbreitung dieser Waffen „sinnlos, destruktiv und gefährlich ist“. Im Februar hatte Chamenei, der religiöse Führer des Irans, in einer Fernsehansprache erklärt, dass der Iran keine Atomwaffen anstrebe.

Darauf reagierte Obama und teilte Chamenei mit, ein ziviles Atomprogramm könne der Westen akzeptieren, sofern die Aussage eindeutig bewiesen werde.

Diese zwei Botschaften, geeignet, der binnendeutschen Hysterie den Boden zu entziehen, dringen nicht in die allgemeine Debatte ein.

Die Wahrheit spielt in der Grass-Affäre keine Rolle. Affektiv und leidenschaftlich wird hierzulande ein Streitgespräch um die ultimative Wahrheit geführt, obgleich die Philosophie der Gegenwart den Begriff der Wahrheit ignoriert, ablehnt, schmäht oder für nichtexistent erklärt.

Worüber wird überhaupt gestritten, wenn alles so oder ganz anders sein könnte und niemand der Debattanten – mit Ausnahme des angegriffenen Dichters – Recht haben will, dies aber in der unduldsamsten Art?

Heute feiert der christliche Westen die Auferstehung eines Mannes, der von sich behauptete: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“. In Erlösungsreligionen ist die Verknüpfung eines Mannes (nie einer Frau) mit der Wahrheit die Substanz der Religion.

In der Philosophie wurde diese Verknüpfung gelöst. „Sokrates ist mir lieb, aber die Wahrheit am allerliebsten“, erklärt ein antiker Denker. Wer sich der Wahrheit verschließt, ...

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Samstag, 07. April 2012 - Inkubus und Sukkubus

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde des Inkubus,

an Ostern, dem lieblichen Fest, erkennt man die größte Kulturfälschung in der Geschichte der Menschheit am deutlichsten. Aus Natur wurde Übernatur.

Die Übernatur legt sich wie ein Inkubus auf die Erde, saugt ihr die Energie aus, eignet sich alles an, was ihr dienlich scheint, schmückt sich mit den Fähigkeiten der Natur, der man zum Dank alles in die Schuhe schieben kann, was man für schädlich hält.

Der Inkubus ist ein männlicher Dämon, ein Alb (woher Albtraum oder schwäbische Alb kommt) oder Waldgeist, der des Nachts über eine Frau kommt, um sie ungefragt zu penetrieren. Er bevorzugt die missionarische Stellung, woher sein Name kommt: der, der oben liegt und zwangsbeglückt, also ein veritabler Missionar. Liegt der Lügengeist unten und mimt das Weib, ist er ein Sukkubus.

Ostern ist das Fest der Fruchtbarkeit, einst legten sich die Menschen in die Ackerfurche und begatteten sich, um die Natur zu gleichem Tun anzuregen, fruchtbar zu werden und eine gute Ernte zu bringen.

Das orgiastische Naturfest wurde überlagert, verfälscht in ein wunderhaftes Spektakel aus Tod und Auferstehung. Wunder sind tödliche Attacken auf die Natur, Interventionen von oben, die das natürliche Gesetz angreifen und eliminieren, um etwas Unvergleichliches an seine Stelle zu setzen.

Dann geht das Spiel so: gibt’s gute Früchte, sind sie dem übernatürlichen Wunder entsprossen, gibt’s missratene, sind sie ...

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Freitag, 06. April 2012 - Enttabuisierung und Günter Grass (II)

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde der Klage,

Karfreitag ist Tag der Klage. Wir sind entlastet vom Zwang zum Erfolgreichsein, zum falschen Triumph, zum aufgesetzten Siegergrinsen, vom Zwang zum Optimismus der ruchlosen Denkungsart.

Aus tiefstem Herzen dürfen wir schwarzsehen. Wir dürften uns sogar bemitleiden, wenn, ja wenn es keinen Karfreitag gäbe. Denn heute müssen wir einen andern beklagen und betrauern: Ecce Homo, den Mann am Kreuz. Sehet den Menschen, der ein Gott war, womit gesagt ist, wir müssen gottgleich werden, um Menschen zu sein.

Die Deutschen bemitleiden sich selbst, das wird ihnen an Karfreitag verboten. Selbstmitleid ist Verrat am Mitleid mit dem leidenden Erlöser. Wir sollen mit dem Anderen leiden, mit jenem, der uns durch sein Leiden aus unserem Leiden befreit hat.

Habe Mut, dein eigenes Leiden zu beklagen und zu betrauern, Mitleid mit dir selbst zu haben. Erst dann wirst du Mut bekommen, dich deines eigenen Kopfes zu bedienen. Das wäre die Ablösung von Fremdtrauer und Fremdklage.

Im Sog des Karfreitagsgeschehens dürfen wir keine Gefühle für uns selbst entwickeln. Wir trauern um den Herrn, freuen uns im Herrn. Was immer wir fühlen, es geht um den Herrn.

Die stellvertretenden Gefühle für den Heiligen haben die Gefühle für uns so in Mitleidenschaft gezogen, dass wir ...

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Donnerstag, 05. April 2012 - Günter Grass (I)

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde der alternativen Ökonomie,

wie viele Deutsche glauben an die Selbstheilungskräfte des Marktes? Nicht mal ein Drittel: 28%.

Was sich selbst heilt, ist à la longue unverwundbar, es ist göttlich. Jesus war das Haupt voll Blut und Wunden. Dank bester Beziehungen hatte er keine Chancen zu sterben, sein (Schein-)Tod war Beginn seiner Auferstehung.

Der Markt kann aus allen Poren bluten, er steht immer auf, von Grund auf regeneriert und fit für einen neuen Aufschwung. Fruchtbare Zerstörung ist die theologisch-ökonomische Metapher für den nicht sterben könnenden Markt.

Der Markt ist unzerstörbar, unaufhaltsam, unwiderstehlich in seinem Siegeszug. Seine Niederlagen sind nur Zwischenstationen seines unbedingten Siegeslaufs, seine Wunden hinterlassen keine Narben, denn er zerstört radikal das Alte und beginnt unaufhörlich von neuem. Das Alte ist das Kranke, das ausgebrannt, ausgeschabt und spurenlos beseitigt wird.

Jesus ist Phönix, der sich vom altägyptischen benu ableitet: der wiedergeborene Sohn. Oft in Form eines Reihers dargestellt, eines mythischen Vogels, der sich verbrennt, um aus seiner Asche neu zu erstehen.

Die Neoliberalen sind Phönix-Jesus-Gläubige, die im Markt ein unsterbliches Lebewesen sehen und es anbeten. Ein bisschen ...

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Mittwoch. 04. April 2012 - Gekaufter Geist

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde der Frauen,

15 Millionen Tonnen Treibhausgase und 60 000 Tonnen Ammoniak würden die Deutschen weniger in die Luft jagen, wenn Männer sich wie Frauen ernährten. Männer brauchen Fleisch, um groß und stark zu werden. Kann man sich ein männliches Firmenessen mit Brokkoli und Kopfsalat vorstellen?

Sollte es etwa damit zusammenhängen, dass Frauen der Natur näher stehen und Männer die weibliche Natur gern in Form von verinnerlichten Steaks und Salami idolisieren?

Eine Finanztransaktionssteuer wird es in Europa nicht geben. Auch nicht in Form einer Börsenumsatzsteuer. Irgendjemand ist in der EU immer dagegen. Diejenigen, die dafür sind, wollen keinen Alleingang, weil sie Abwanderung der großen Gelder fürchten. Die Spekulanten haben sich durchgesetzt, die Politik gibt sich geschlagen.

Was ist Spekulation? „Das spekulative Denken besteht nur darin, dass das Denken den Widerspruch festhält. Das Spekulative ist das Vernünftige, das gedacht wird. Eine Erkenntnis der spekulativen Philosophie ist, dass die Freiheit das einzig wahrhafte des Geistes sei. Das spekulative Wissen ist das Wissen der offenbaren Religion.“

Wenn die Spekulanten sich durchsetzen, hat sich die Freiheit des einzig wahren Geistes durchgesetzt, die ...

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Dienstag, 03. April 2012 - Kita gegen Eltern

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde der Eltern,

wer kann besser Kinder erziehen: die Eltern oder der Staat? Die CSU setzt auf Eltern, der Rest der Republik auf den Staat.

Unter Staat muss man Kitas verstehen, Erzieherinnen, die gelernt haben, mit Kindern sinnvoll, vielleicht sogar liebevoll umzugehen. Würde man sie als Staatsorgane ansprechen, vergleichbar mit Polizisten und Gefängnisbeamten, würden sie protestieren. In Deutschland gibt’s nur Familien und Staat, dazwischen nichts und beide gelten als unverträglich.

Für Aristoteles war die Polis nichts als eine erweiterte Familie, anders hätte sich eine Demokratie kaum entwickeln können. Erst Augustin stempelte den Staat zur Räuberbande, um ihn als verkommenes, leider notwendiges Gegenstück zum himmlisch-vollkommenen Staat zu diskriminieren. Der Neoliberalismus hat diesen Staatsbegriff übernommen, um ihn nach Belieben zu dämonisieren und sich selbst als Erben der civitas dei hochzupreisen.

Weshalb es in einer Demokratie eine Einrichtung gibt, gegen welche Demokraten allergisch sein müssen, obwohl sie von diesem obskuren Ding auch betüttelt werden wollen, wenn es ihnen schlecht geht, ist schon nicht einfach zu verstehen. Familie gegen Staat, Freiheit gegen Staat, Individualität gegen Staat, Autonomie gegen Staat.

Gleichzeitig rufen Linke nach dem Staat, um der Wirtschaft die Tatzen zu beschneiden; rufen Rechte nach dem Staat, um Diebe und Terroristen dingfest zu machen.

Klar, es ist Vater Staat, den man braucht, wenn’s einem schlecht geht, den man aber nicht liebt, da er ...

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