Philosophische Tagesmails

Sonntag, 08. Januar 2012 - Apologie

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde der Apologie,    

der berühmten Verteidigungsrede des Sokrates. Geschrieben von Platon, seinem einflussreichsten Schüler, der die Botschaft seines Lehrers von der uneingeschränkten Selbstbestimmung des Menschen ins Gegenteil verkehrte und eine totalitäre Herrschaft der Wissenden für seinen perfekten Staat vorsah.

Eine kleine Clique selbsternannter Weiser hat die Formel zum Glücklichwerden für alle Menschen gefunden. Zuerst versucht sie es mit Belehrung und Unterweisung, um die Menschen von ihrer philosophischen Überlegenheit zu überzeugen. Sind die Schüler nicht willig, greifen die allwissenden Lehrer zur Gewalt.

Im utopischen Staat gibt’s Umerziehungslager für Renitente, den Unbelehrbaren droht die Todesstrafe. Das KZ wurde nicht von der Moderne erfunden, sondern einem Vorläufer des unfehlbaren Christentums, der als griechischer Denker die Philosophie seines Lehrers verriet und ins urfaschistische Gegenteil verkehrte.

Platon wurde zum Judas seines lebenslang verehrten Meisters. Sokrates wäre im perfekten Staat seines Schülers zum Tode verurteilt worden.

Poppers Thesen sind bis heute nicht widerlegt, das kümmert deutsche Intellektuelle nicht, die wieder, als sei nichts geschehen, zu platonisieren beginnen. Was bedeutet, dass ...

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Samstag, 07. Januar 2012 - Hambach die Zwote

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde des Mitredens,

Zuhören, ja. Mitreden, nein. Ist das repräsentative Demokratie oder schon Postdemokratie? Politiker reden, Gazetten schreiben, Untertanen lesen, hören zu – und halten die Klappe.

Quietisten nannte man früher fromme Menschen, die sich völlig dem Willen des Himmels und der gottgewollten Obrigkeit überließen. Sie empörten sich nicht, muckten nicht auf. Zu den Weltläuften hatten sie keine Meinung und wenn ja, wurde sie der überlegenen Weisheit Gottes untergeordnet.

Diesen stummen Quietismus haben wir heute nicht mehr. Wir haben einen gespaltenen. Der Normalmensch quietiert und dumpft vor sich hin. Im Internet wollen so viele Wichtigtuer mitreden, dass die Meinungskönige und Sprachverwalter der Republik – die Edelfedern – sich nur noch wasserdicht abschirmen können. Sie fühlen sich überschwemmt – und reden mit niemandem mehr. Sie haben sich zu unaufgeklärten Absolutisten der Deutungs- und Kommentarhoheit hochgeschraubt.

Es müsste jemand mal nachrechnen: ich vermute, die Quote Politiker-zur-Wählermasse ist weitaus günstiger als die Quote Edelfedern-zu-Passivlesern. Lesen, ja, Leserbriefe, so viel ihr wollt. Doch mitreden – ist der Mensch größenwahnsinnig?

Der Slogan „Diskutieren Sie mit“, wird zum PR-Gag. Schlauerweise wird kein Objekt genannt: Diskutieren Sie mit uns. Das Uns gibt es nicht. Es ist zum pluralis negationis geworden. Da gäbe es ja eine Adresse, an die man sich halten könnte. Der greise Martin Walser hat ...

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Freitag, 06. Januar 2012 - Der politische Gottesknecht

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde des Kopierens,

kopiere mich, copy me. In Schweden sind bekennende Kopierer als Kirche anerkannt worden. Sie nennen sich Kopimisten.

Wäre der Lügenbaron Schwede, hätte er sich auf Glaubensfreiheit berufen können. Informationen sind heilig und frei, jeder soll sie nach seiner Facon abkupfern können. In diesem Sinn ist der Adlige der erste Fall eines Glaubensmärtyrers, der sich für das freie Recht heiligen Kopierens geopfert hat.

Vermutlich steckt seine Frau dahinter, die schwedisches Blut in ihren bismarckschen Adern haben soll. Der Baron hat alle Chancen, zum heiligen Schweden zu promovieren. Das verträgt sich elegant mit dem hohen C seiner Parteizugehörigkeit, denn Christsein heißt, den Herrn in allen Dingen zum Vorbild nehmen. Mit anderen Worten: den Herrn kopieren. Denn dazu seid ihr berufen worden, weil Christus euch ein Vorbild hinterlassen hat, damit ihr seinen Fußstapfen nachfolgt.

Thomas Macho hat ein dickes Buch über "Vorbilder" geschrieben. Als er im SWR2 mit zwei gewichtigen Herrn, einem Historiker und einem Literaturwissenschaftler, über das Thema debattierte, fielen weder die Namen Jesus noch Wulff. Natürlich war es keine Debatte. Die Fechtkunst mit trefflichen Argumenten ist postmodernen Wahrheitsbesitzern, die die Wahrheit leugnen, abhanden gekommen. Man sollte ...

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Donnerstag, 05. Januar 2012 - Gnade und Paragraphen

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde der deutschen Weltgeltung,

ihr dürft frohlocken. Wer ist heute in China der populärste Wirtschaftstheoretiker? Ein Deutscher. Kein Angelsachse. Wer ist heute der populärste Vertreter der politischen Theorie in Asien? Ein Deutscher. Kein Angelsachse.

Wie sehen deutsche Eliten die herausragende Charaktereigenschaft der Chinesen? Als „Konfuzianismus mit deutschen Eigenschaften“. Wie sehen deutsche Stimmen die globale Wirtschaft? Nein, nicht als Win-Win-Situation, wie angelsächsische Weltbeglücker, sondern als Clash der Zivilisationen im Zusammenstoß eines östlichen und westlichen Kapitalismus. Das Ziel Asiens sei die Vorherrschaft. Es wolle führen, nicht folgen.

Der Amerikaner Tony Corn warnt die Deutschen vor Großmannssucht, sie seien gerade dabei, dieselben Fehler wie vor dem ersten Weltkrieg zu begehen. Für Europa zu groß, für die Welt zu klein, das sei das Problem deutscher Trampel- und Tölpeldiplomatie.

Wenn Kant und Konfuzius, preußische und chinesische Arbeitstugenden sich zusammenschlössen, könnte man das angeschlagene Amerika vergessen. Davor zittern die transatlantischen Weltherrscher im Niedergang. An Friedrich List und Carl Schmitt, den beiden Denkerexporten für nationalegoistische Ökonomie und autoritäre Politik, könne man die wahren Beweggründe deutscher Eliten von heute erkennen.

Deutschland könnte mit China nur mithalten, wenn es endlich das wahre Problem erkennen würde. Nicht die Ökonomie, es ist die Demographie. Solange das Land der europäischen Mitte schrumpft und keine Einwanderer zulässt, könne es ...

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Mittwoch, 04. Januar 2012 - Neidische Deutsche

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde Ungarns,

Paprika kann lebenserhaltend sein, die Puszta ist noch lange nicht verloren. Über 100 000 Menschen gehen auf die Straße, um gegen Orban zu demonstrieren, der keine Republik mehr haben, sondern die Religion stärken will, um mit klerikaler Hilfe die Demokratie abzubauen.

Warum gibt es bei uns keine Statements von Käßmann, Huber, Papst & Co gegen solche Cäsaropapismen? Warum wird hierzulande nie die Rolle der Religion erwähnt, die sich papistisch den Cäsaren unterwirft, indem sie das Volk den Pfaffen unterwirft?

Wie kann man das neonazistische Unwesen erklären und bekämpfen? Von Erklären und präventivem Verhindern hält Jan Feddersen nichts. Er reklamiert mutig Law und Order für die Linken. Wenn sonst nichts hilft, hilft der weiträumig verteilte Polizeiknüppel.

Götz Aly ist kein Unternehmer, sondern Historiker, vermutlich fühlt er sich als historischer Unternehmer, der in dumpfen Uniseminaren für Durchzug sorgt. Durch die neonazistischen Morde an türkisch-stämmigen Kleinunternehmern fühlt er sich in seiner These bestätigt, dass auch im Dritten Reich der Neid auf fremdartige Erfolgreiche die Deutschen ins Verbrechen geführt hätte.

Wären die Deutschen nicht so risikoarm, freiheitsallergisch, gemütlich und sicherungsbedacht, hätte es keine ultrarechten Morde an Fremden geben können. Fremdenfeindlichkeit sei verdeckte Unternehmerfeindlichkeit, so der ...

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Dienstag, 03. Januar 2012 - Lügen haben heilige Beine

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde der Lügen,

also hello Deutsche. Deutsche lügen, dass sich die Balken biegen. Dabei dürfen sie gar nicht lügen, sie stehen unter Wahrheitszwang und halten sich für die Ehrlichsten und Offensten unter der Sonne.

Deutsch reden hieß in grauen Vorzeiten, was man heute Tacheles reden nennt. Wer heute deutsch redet, lügt scheibchenweise und sagt die Wahrheit nur, wenn er dazu gezwungen wird, wie der hannoveraner Siegfried aus Bellevue an der Seite der blonden Kriemhild.

Tacheles ist ein jiddisches Wort und bedeutet das Gegenteil von mauscheln. Da muss schon ein Gott kommen und das Lügen verbieten. Denn Heidenkinder lügen von Natur aus, sie sind geborene Lügner und Betrüger. Alle sind sie Teufelsbraten, der Teufel ist der Vater der Lüge. (Joh. 8,44)

Verbietet Gott überhaupt das Lügen? Du sollst nicht lügen, ist das wievielte Gebot des Dekalogs? Das elfte, das Gebot gibt es gar nicht. Im achten Gebot steht lediglich: du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten. Was Luther in seinem Kleinen Katechismus mit den Worten kommentiert: „Wir sollen Gott fürchten und lieben (in dieser Reihenfolge!), dass wir unsern Nächsten nicht fälschlich belügen, verraten, afterreden oder bösen Leumund machen, sondern sollen ihn entschuldigen, Gutes von ihm reden und alles zum besten kehren“.

Womit klar ist, dass all unsere tugendstrotzenden Gazetten in causa Bundespräsident nicht nur antilutherisch, sondern – hier tun sich Abgründe an Glaubensdefiziten auf – auch antibiblisch sind. Haben sie ...

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Montag, 02. Januar 2012 - Griechen und Erlöser

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde der Obdachlosen,

schätzet, Freunde, wie viele Obdachlose im Lande es gibt? 75 000, 180 000 oder 250 000 sogenannte Menschen? Um wie viel Prozent ist die Zahl zwischen 2008 und 2010 gestiegen? Warum steigt die Quote ständig? a) den Menschen gefällt das Leben an freier Luft, b) sie verabscheuen Immobilität und bevorzugen das Nomadenleben und c) sie empfinden sich als Avantgardisten eines kapitalunabhängigen, selbstbestimmten Lebens, d) nein, mit unbezahlbaren Mieten hat das nix zu tun.

In welchem Land dürfen Terrorverdächtige ohne Prozess und Anklage in unbegrenzter Haftzeit – das ist lebenslänglich – festgenommen werden? In China, Iran oder in der größten Macht der Welt, unterschrieben vom gewaltigsten Charismatiker der amerikanischen Geschichte? Von welcher Staatsform ist die Rede? a) von einer Charismatokratie, b) einer ordinären Bigottokratie, c) einer plebiszitären, evolutiv ausgereiften Faschisto-Demokratie, d) einer kapitalistisch überreifen, zur Ernte fälligen Apo-Calypso-kratie in sehnlicher Naherwartung des Herrn?

NB. Für Leute, die noch dazulernen wollen: Ein Charismatiker ist ein Gnadengabenbegabter, eine Charismatokratie entspricht der frühhebräischen Volksregierungsform vor der Etablierung des Königtums. Es herrschte der himmlische Gnadengeber persönlich oder in Form von willkürlich herausgesuchten Gnadengabenempfängern wie dem ...

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Sonntag, 01. Januar 2012 - Mitte und Mittelmäßigkeit

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde des Rauschs,

berauscht ins neue Jahr, die Zeiten sind unerträglich. Ein Räuschlein am Tag, ein Räuschlein zur Nacht? Oder das Sein als solches nicht mehr zur Sorge, sondern zum planetarischen Delirium?

Wie nennt man die, die nicht berauscht sind? Die Nüchternen? Nüchternheit ist kalter Rausch, wenn die Zeiten selbst besoffen sind, die uns mit sich treiben wie in reißenden Gewässern, kein Halt, kein Geländer, kein Überblick.

ES geschieht mit uns, ICH ist machtlos, versteckt sich hinter vielen Ichen, die es nicht gewesen sein wollen. ÜBER-ICH ist ES geworden, segnet alles, indem es alles verflucht. Die Giganten des Seins sind Getriebene, zur Zukunft verbannt, die sich in Nichts auflöst, wenn sie sich nähert; Gegenwart zerbricht uns unter den Füßen; verflucht die Vergangenheit, die nicht vergehen will.

Wissen wir, was wir tun? Können wir innehalten? Haben wir den Überblick? Was heißt, sich im Denken orientieren, fragte der Königsberger: zu spät. Wenn alles flüssig wird, gehen feste Orientierungen verloren. Ex oriente lux, aus dem Osten das Licht? Aus welchem Osten? Längst ist der Osten verwestlicht. Ist Vernunft eine geographische Ortsangabe? Gibt es privilegierte Himmelsrichtungen?

Wie harmlos und idyllisch bei Platon die Rolle der Vernunft als Wagenlenkerin, zwei dampfende Rosse vorgespannt. 2000 Jahre nach ihm klingt es bei Goethe schon wie auf dem Nürburgring. Viele Pferdestärken machen die Männlein am Steuer zu Marionetten. „Wie von unsichtbaren Geistern gepeitscht, gehen die Sonnenpferde der Zeit mit unsers Schicksal leichtem Wagen durch; und ...

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