Philosophische Tagesmails

Sonntag, 15. April 2012 - Dichter und Seher

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde der Hölle,

jeder deutsche Haushalt sollte die heilige Broschüre bekommen. Der Verfassungsschutz will die Verteiler wegen Gefährlichkeit des Inhalts unter die Lupe nehmen. Es handelt sich um das Offenbarungsblatt BILD.

Ein anderes Offenbarungsbuch soll auch unter die Deutschen kommen, wieder sendet der Verfassungsschutz seine Schlapphüte aus und warnt vor dem gefährlichen Buch: es handelt sich um eine so genannte Bibel, in der steht, dass Ungläubige in die Hölle kommen.

Doch weil das Buch heilig ist, kann es nicht gefährlich sein. Unheilig aber sind die Hintermänner der Verteilungsaktion, es handelt sich um religiös gekreuzte Bibel-Salafisten.

Christen und Juden kommen in die Hölle, wenn sie nicht muslimisch werden, sagen die Muslime.

Juden und Muslime kommen in die Hölle, wenn sie nicht christlich werden, sagen die Christen.

Muslime und Christen kommen in die Hölle, wenn sie nicht jüdisch werden, sagen die Juden.

Muslime sind Anti-Christen und Anti-Juden.

Christen sind Anti-Muslime und Anti-Juden.

Juden sind Anti-Muslime und Anti-Christen.

Sie alle lieben ihre Nächsten mehr als sich selbst. Mindestens.

Der Verfassungsschutz muss folgende harte Nuss knacken: wenn böse Menschen gute Bücher verteilen – steht die Aktion noch auf dem Boden des Grundgesetzes? Wenn böse Menschen böse Bücher? Wenn gute Menschen ...

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Samstag, 14. April 2012 - Klischee und Wahrheit

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde des Klischees,

Abdruck, Abklatsch, billige Imitation, das ist ein Klischee. „Wie klischeehaft“, so reagiert die ZEIT-Interviewerin auf die Kritik eines Hedge-Fond-Managers am bedenkenlosen Amoralismus der Banken, die dank ihrer übermächtigen Lobbyarbeit die Politik im Griff haben.

Auch nach den Finanzkrisen machen sie weiter wie bisher. Sie wissen, beim nächsten Crash werden die Politiker sie wieder raushauen – wegen Systemrelevanz. Werde systemrelevant und du wirst unsterblich.

Die Nachwuchsökonomen werden mit Mathematik zugedröhnt, sie lesen keine historischen Bücher, um die Realität kennenzulernen, aus der die Wirtschaftstheorien entstanden sind. Sie haben keinen Kontakt mit der Wirklichkeit, die sie mit Formeln einfangen müssen.

Das Desaster des Systems haben sie allerdings nicht vorausberechnet. Ihre Formeln sind Dauersieger. Bankrott, Banken-Verrottung ist bei ihnen nicht vorgesehen.

Hier hat eine empirische Disziplin versagt, hier hat die gesamte Wissenschaft versagt, die einen mit Sprengstoff beladenen Zug im Salonwagen begleitet und ausrechnet, mit welcher Wahrscheinlichkeit – der Salonwagen überlebt, wenn der ganze Zug in die Luft fliegt.

Die Wissenschaftler sind Einflüsterer, Butler mit Rechenschieber und ...

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Freitag, 13. April 2012 - Inzest

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde der Züchtigkeit,

wer sich züchtig verhält, mit dem kann prima Nachwuchs gezüchtet werden, weiß jeder Tierzüchter. Die Gene müssen fremd gehen, damit gesunde Sprösslinge gezeugt werden.

Es sollen genetische Gründe sein, die das Inzesttabu begründen. In den abgelegenen Alpendörfern …, Sie wissen schon. Was sagen die pumperlgsunden Schwyzer und Tiroler zu solchen Angriffen gegen ihre Grind- und Kropf-Vorfahren? Wären es tatsächlich medizinische Gründe, genügte ein Kondomgebot, um dem Missstand vorzubeugen.

In Deutschland ist Inzest verboten, in anderen europäischen Ländern nicht. Vor dem Gesetz sind alle Menschen gleich? In dieser Frage darf jedes Land seine Sonderrechte haben, entschied der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte und begründete das Rechtsgut, das damit verteidigt werden soll: es ist die Moral. Dazu Christian Bommarius in der BZ.

Das kann nur eine nationale Sondermoral sein. Die Menschenrechte hingegen sind entstanden, als die Aufklärung generelle Werte für alle Menschen forderte. Die Französische Revolution erkämpfte Gleichheit und Freiheit nicht nur für Gallier, die ihre Herkunft bis Asterix und Obelix lückenlos nachweisen konnten.

Wer zufällige Sondermoralen zum Kriterium des Rechts macht, wird demnächst auch die Blutrache im albanischen Hinterland, diverse Mafiaspezialitäten aus Süditalien oder die Todesstrafe in China verteidigen müssen.

Generelles Recht schlägt zufällige Moral, das war die Uraufklärung in Griechenland, als Wanderlehrer ...

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Donnerstag, 12. April 2012 - Broder (I)

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde der Psychoanalyse,

seitdem die therapeutische Psychoanalyse tot ist, ist sie als politische Kampfdisziplin glänzend auferstanden. Jeder benutzt sie, niemand spricht über sie. Auch hier muss das selbstverschuldete Verschweigen unnachsichtig gebrochen werden.

Die Anwendung der Psychoanalyse teilt sich in zwei Fraktionen: in die Analytiker im Sessel, die nie über sich reden und nicht gesehen werden wollen, und die Patienten auf der Couch, länglich hingestreckt, die nur über sich reden, die Augen geschlossen oder an die Decke starrend.

Blickkontakt zwischen beiden gibt es nicht. Es herrscht Bilderverbot, was die Autorität betrifft, die von den Patienten als gottähnlich empfunden wird, solange sie die Autorität in der Anfangsphase bewundern, später eher als teufelähnlich, wenn sie innerlich nachgereift sind, um ihre neuen Vater- oder Mutterfiguren symbolisch ans Messer zu liefern.

Einen Dialog kann man nicht nennen, wie die beiden miteinander sprechen. Jedenfalls keinen auf gleicher Augenhöhe, denn die Augen der Patienten befinden sich notgedrungen weit unter denen der Analytiker, ganz abgesehen davon, dass sie sich gar nicht in die Augen schauen.

Wenn Menschen Priester werden wollen, müssen sie sich bäuchlings auf den Boden legen, um den Segen zu erhalten. Der Fachbegriff klingt von weitem wie Prostitution, sagte mal ein Bösewicht, heißt aber Prostration.

Die Patienten liegen umgekehrt und schauen nach oben, wenn auch meist ins Leere, dennoch sollten wir ...

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Mittwoch, 11. April 2012 - Philanthropie

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde der Bankenversteher,

Es sei allgegenwärtig in der Branche, auf die Kunden herabzublicken und sich stets zu fragen, wie man ihnen noch mehr Geld aus der Tasche ziehen kann“, schreibt ein Wissenschaftler über die Banker, der sie in London im Rahmen einer Feldstudie in vielen Gesprächen beobachtet hat.

In internen Vorbereitungsgesprächen laute die erste Frage der Investmentbanker stets: an welcher Stelle kassieren wir ab? Wäre an dieser Stelle nicht interessant gewesen, die Betrogenen zu befragen, warum sie nicht bemerkten, dass sie über den Tisch gezogen wurden?

Diese Beobachtungen stützen die öffentliche Abrechnung eines ehemaligen Goldman-Sachs-Mitarbeiters, Greg Smith, der seinem früheren Arbeitgeber in einem New York Times-Artikel vorwarf, die Kunden rücksichtslos auszunehmen.

Überhaupt muss man sich fragen, warum die Gepflogenheiten dieses ehrenwerten Berufs so lange im Verborgenen bleiben konnten.

Die Linken werden abwinken, das alles wisse man längst, die Banker seien eine Verbrecherbande im Rahmen der Legalität.

Die Rechten mokieren sich über die dogmatischen Vorurteile der Linken und wollen gar nicht wissen, was wirklich abläuft. Natürlich wissen sie es auch, halten aber ...

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Dienstag, 10. April 2012 - Der Tod des Großintellektuellen

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde Europas,

geschossen wird noch nicht zwischen den europäischen Staaten, doch seit den Finanzkrisen sind die Medien-Kanonen in Stellung gebracht. Der Spott der BILD und des FOCUS über die Griechen wurde von den Angegriffenen mit Bildern von Merkel mit Hitlerschnauzer erwidert.

Nun verlagert sich der Clanstreit auf die Ebene des Rechts. Jeder beginnt gegen jeden zu klagen. Die Griechen gegen Markwort, die Schweiz gegen deutsche Steuerfahnder, BILD – immer dabei – gegen Schweizer Politiker und umgekehrt.

Die "Weltwoche" greift auf ihrem Titelbild frontal osteuropäische Roma an, die in den Westen kommen, um zu klauen und wieder zu verschwinden. Wenn der interne Frieden schief hängt, will man erst recht keine Fremden im Hause haben.

Die Grenzen gegen außereuropäische Flüchtlinge werden mit neuen Mauern, Wassergräben und Patrouillenbooten dicht gemacht.

Die Franzosen entdecken, dass sie doch nicht die besten Freunde der Deutschen sind, die Israelis sperren die Grenzen für den bedeutensten Literaten ihrer zweitbesten Freunde, in England feiern vornehme Jugendliche am liebsten Nazi-Partys, die Deutschen werden abwechselnd als Führungsnation oder ...

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Montag, 09. April 2012 - Günter Grass (III)

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde des Tabus,

es gibt keine Tabus in Deutschland, jeder kann sagen, was er will.

Allerdings könnte er unter die Räder kommen, in Israel zur unerwünschten Person werden, seinen Nobelpreis nachträglich verlieren – offensichtlich ist der israelische Innenminister für schwedische Nobelpreise zuständig –, der deutsche Außenminister überlegt, ihn nach Danzig abzuschieben wegen Beschädigung des deutschen Rufs, möglicherweise sind seine Bücher gar nicht von ihm, sondern von seinem ES (so Josef Joffe und Thomas Schmid) geschrieben, das auf der Stufe des glühenden Nazi stehen geblieben ist, die Aufarbeitung der Vergangenheit in der Maske eines reumütigen, aber völlig unterentwickelten ICH absolviert hat und nun, kurz vor der Altersdemenz in den „unkoscheren“ Adern (so Wolffsohn), dem „abscheulichen“ Dichter (so Reich-Ranicki) aus allen Poren dringt.

Abgesehen von solchen Kleinigkeiten, kann bei uns jeder sagen, was er will. Nur eins darf er nicht: schlechte Gedichte machen, die sich hinten nicht reimen. Das ist ...

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Sonntag, 08. April 2012 - Pilatusfrage

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde der Wahrheit,

den Besitz von Nuklearwaffen sieht er als schwere Sünde an und glaubt, dass die Verbreitung dieser Waffen „sinnlos, destruktiv und gefährlich ist“. Im Februar hatte Chamenei, der religiöse Führer des Irans, in einer Fernsehansprache erklärt, dass der Iran keine Atomwaffen anstrebe.

Darauf reagierte Obama und teilte Chamenei mit, ein ziviles Atomprogramm könne der Westen akzeptieren, sofern die Aussage eindeutig bewiesen werde.

Diese zwei Botschaften, geeignet, der binnendeutschen Hysterie den Boden zu entziehen, dringen nicht in die allgemeine Debatte ein.

Die Wahrheit spielt in der Grass-Affäre keine Rolle. Affektiv und leidenschaftlich wird hierzulande ein Streitgespräch um die ultimative Wahrheit geführt, obgleich die Philosophie der Gegenwart den Begriff der Wahrheit ignoriert, ablehnt, schmäht oder für nichtexistent erklärt.

Worüber wird überhaupt gestritten, wenn alles so oder ganz anders sein könnte und niemand der Debattanten – mit Ausnahme des angegriffenen Dichters – Recht haben will, dies aber in der unduldsamsten Art?

Heute feiert der christliche Westen die Auferstehung eines Mannes, der von sich behauptete: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“. In Erlösungsreligionen ist die Verknüpfung eines Mannes (nie einer Frau) mit der Wahrheit die Substanz der Religion.

In der Philosophie wurde diese Verknüpfung gelöst. „Sokrates ist mir lieb, aber die Wahrheit am allerliebsten“, erklärt ein antiker Denker. Wer sich der Wahrheit verschließt, ...

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