Philosophische Tagesmails

Donnerstag, 30. August 2012 - Die Wurzeln des Antisemitismus

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde der Blockfreien,

nach dem Fall hatte man sie schon aufgegeben, doch die Blockfreien haben sich unter neuen Vorzeichen regeneriert und treffen sich zum Gipfel in Teheran. Im vergangenen Jahr hatte die Bewegung in Belgrad ihren 50. Geburtstag gefeiert.

Gründungsziele waren Antikolonialismus, Selbstbestimmung der Völker, Antiimperialismus und Antirassismus. In den meisten der 120 Staaten müsste das Ziel „Selbstbestimmung“ erst noch durchgesetzt werden. Zum ersten Mal nach 30 Jahren, dem Bruch zwischen Iran und Ägypten, reist ein ägyptischer Präsident nach Teheran.

Der Aufstieg Chinas zur Weltmacht könnte der Blockfreienbewegung neuen Aufschwung geben, schreibt Andreas Zumach in der TAZ. Viele Staaten in Afrika und Asien spüren immer stärker den Druck konträrer Interessen Pekings und Washingtons. Manche fühlen sich erinnert an die Zeit des Kalten Krieges zwischen der Sowjetunion und den USA.

Die Weltkarte wird neu sortiert. Früher stand Amerika einem sozialistischen Land gegenüber, heute der ältesten Kultur der Welt, sozialistisch auf dem Papier, kapitalistisch in der Realität – mit unendlich langer konfuzianischer Tradition. (Dazu Andreas Zumach in der TAZ)

Wo befinden wir uns? Auf einer pietistischen Brüderversammlung, einem Kardinals-Konzil? „Ein Interview mit Delegierten führt schon nach wenigen Minuten zu Bibelzitaten.“ Theologische Auseinandersetzungen bilden das Zentrum des Parteitags, Aufhänger sind Abtreibungsfrage und Schwulenehe. Eine ...

Weiterlesen...
 

Mittwoch, 29. August 2012 - Homöostase und Geschichte

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde des Ziels,

unterwegs sein ist alles, das Ziel ist nichts. Wer das Ziel kennt, kann entscheiden; wer entscheidet, findet Ruhe; wer Ruhe findet, ist sicher; wer sicher ist, kann überlegen; wer überlegt, kann verbessern. Der erste Satz ist westlich, der zweite ist östlich und stammt von Konfuzius.

Außer in der Apokalypse darf der Westen nirgendwo ankommen; der Osten kann nicht in Frieden leben, ohne angekommen zu sein. Das Reich der Mitte ruhte in sich, Jahrhunderte lang war es angekommen. Der Westen kam mit Kanonenbooten und brach die Harmonie in Stücke.

David Landes, amerikanischer Historiker des Kapitalismus, verachtet die frühere „homöostatische Gesellschaft“ der Chinesen, deren „Gefühl von Vollständigkeit und Überlegenheit“ – diese Nationaleigenschaften, die schuld daran waren, dass China den Kenntnissen und Lebensweisen, die von außerhalb kamen, „so feindselig begegnen ließ, mochten sie auch noch so nützlich sein“.

Homöostase ist Fließgleichgewicht. Alle Prozesse des Lebens fluktuieren um einen mittleren Status quo, der sich nach eng begrenzten Störungen permanent regenerieren muss, will der Organismus nicht krank werden.

Wenn Prozesse aus dem Ruder laufen, nennt man es in der Medizin Krebs, in der Wirtschaft Wachstum. Kein Wirtschaftler wird sich über das unbegrenzte Wachstum seines Tumors freuen, kein braver Mediziner wird auf die Idee kommen, den Krebs in der Wirtschaft als ungesund anzuprangern.

Ob es interfakultative Arbeitskreise aus Medizinern und Wirtschaftlern ...

Weiterlesen...
 

Dienstag, 28. August 2012 - Das Weib und die Nacht

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde der Lysistrata,

Frauen sind mächtiger, als sie wahrhaben – wenn sie die wirksamsten Waffen der Frauen einsetzen. Bei Aristophanes war es Lysistrata, die die Frauen von Sparta und Athen zur Lustverweigerung aufforderte, um ihre Männer von Kriegsgelüsten abzubringen. Der Streik hatte Erfolg.

Friede und Lust sind Synonyma. Nun auch in Togo. Dort wollen Frauen ihren Präsidenten stürzen, der eine Wahlrechtsreform zu seinen Gunsten durchführen will. Es gibt noch andere Beispiele. (Juliane Meißner in der SZ: Mit den Waffen der Frauen)

Da gibt es die Legende, die Frauen im alten Griechenland seien durchweg minderwertig und zweitrangig gewesen. Äußerlich und rechtlich war es in Athen nicht zum Besten bestellt. Doch Athen war in vieler Hinsicht, im Vergleich mit anderen griechischen Stadtstaaten, rückständig bis reaktionär.

Auf der Insel Lesbos unterhielt Sappho, eine weibliche Ausgabe des Sokrates, eine Schule für Frauen, in der Geist und Sinne ausgebildet wurden, in einer Freimütigkeit, die noch heute unerreicht ist.

Ausgerechnet im militaristischen Sparta gab es ein Matriarchat. Die Frauen waren reicher, mächtiger und in Sexfragen selbstbestimmter als die Männer.

Platon, wiewohl kein Frauenfreund, machte in seiner Politeia die Frauen zu gleichberechtigten Wesen. Diotima war die philosophische Lehrerin des Sokrates, das Vorbild für diese Figur war vermutlich die kluge Aspasia, Geliebte des Perikles.

Nimmt man all die starken, den Männern oft überlegenen Frauengestalten der ...

Weiterlesen...
 

Montag, 27. August 2012 - Das Böse immer und überall

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde Rostocks,

für unseren ersten Mann, der aus Rostock stammt, war die Rede schandbaren Angedenkens an furchterregende Verbrechen wohl eine Art Selbstreinigung.

Arno Widmann hat die Rede kommentiert, wie man schon lange keinen Kommentar las: schnörkellos, genau hinschauend, das Ungesagte und Widersprüchliche hörend, verbunden mit nichts vernebelnder Selbstkritik.

Warum spricht Gauck nicht über die vielen Initiativen gegen Fremdenfeindlichkeit, die in den letzten Jahren staatlich zugesagte Unterstützung gestrichen bekamen? Warum spricht Gauck nicht über die schuldigen „Staatsorgane“ von damals – und heute, deren Neigungen für Neonazis und Fremdenfeinde immer deutlicher werden? Warum erzählte Gauck nichts über die Verbrechen der Rechtsextremen, die noch heute täglich verübt werden?

Widmann erzählt, wie er damals auf das schlimmste Desaster der deutschen Nachkriegsgeschichte reagierte: „Ich war über alles Mögliche wütend. Nur über mich war ich nicht wütend. Ich war nicht wütend darüber, dass ich nicht hinfuhr und sah, wie ich helfen konnte.“

(Arno Widmann in der BZ: Herauskommen aus unserer Angst)

Auch Ines Kappert kritisiert Gaucks Vermeiden und Verdrängen der Gegenwart. Seine Rede sei „fern vom Rassismus im Jahre 2012“ gewesen. In den letzten Tagen hätte man noch viele Lichtenhagener verstockt hören können, sie dächten nicht daran, ihren Fremdenhass bedauerlich zu finden. Man solle aufhören, ...

Weiterlesen...
 

Sonntag, 26. August 2012 - Walser und Europa

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde des Rechtfertigungsdrucks,

seit den 80er Jahren setzten sich die Kirchen für Frieden, Gerechtigkeit und  Bewahrung der Schöpfung ein, sagt ein evangelischer Bischof. Bleiben nach Adam Riese eintausendneunhundertachtzig Jahre, in denen sie für Unfrieden, Ungerechtigkeit und Zerstörung der Schöpfung eingetreten sein müssen. Demnach muss fast 2000 Jahre lang Religion das Instrument der Gewalt gewesen sein.

Seit den 80er Jahren litten die Religionen unter dem Rechtfertigungsdruck, beweisen zu müssen, dass Religion dem Frieden dient. Ein entsetzlicher Leidensdruck. Dann war es gewiss ein Dämon in einem gefälschten Buch, der zu Protokoll gab: meinet nicht, dass ich gekommen sei, Frieden auf die Erde zu bringen.

Eine schreckliche Last, nachweisen zu müssen, dass die eigenen heiligen Schriften nicht kriegs- und gewaltsüchtig sind, obgleich sie Natur und Menschheit den Vernichtungskrieg erklärt haben. Fromme müssen belegen, dass ihre Schriften, die sie für unfehlbar halten, lügen würden – wenn man sie wortwörtlich nähme.

(Julia Haak im BZ-Interview mit Bischof Dröge

 

Wozu brauchen wir einen Verfassungsschutz? Als Frühwarnsystem hat er nie getaugt, hatte nie eine sinnvolle Aufgabe, brachte nur Skandale hervor und beeinträchtigt notorisch die Bürgerrechte. Im besten Fall ...

Weiterlesen...
 

Samstag, 25. August 2012 - Verdammen, Verfluchen

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde der Demokratie,

deutsche Schulkinder kennen nicht den Unterschied zwischen Demokratie und Diktatur. Deutsche Innenminister, Ex-Innenminister, Altkanzler, deutsche Polizei, englische Ex-Premiers auch nicht.

Gerhard Schröder hält seinen Freund Wladimir trotz Pussy-Riots für einen lupenreinen Demokraten, deutsche Innenminister wie Schäuble, de Maiziere und Friedrichs lassen weißrussische Polizisten ausbilden, die der Opposition die Knochen brechen, Blair preist den äthiopischen Diktator Menes Zenawi als Hoffnung für die Demokratie in Afrika. Außenpolitisch kann man nicht ständig mit dem Grundgesetz unterm Arm herumlaufen.

Hat Graumann, Vorsitzender des Zentralrats der Juden, Demokratie verstanden? Er wehrte sich gegen israelische Versuche, die innerdeutsche Debatte zu beeinflussen. Für politische Arbeit in Deutschland sei der Zentralrat zuständig, der die Sache durchaus im Griff habe. „Ein bisschen mehr Respekt vor der jüdischen Gemeinschaft und ein bisschen mehr Zutrauen zu ihr wären auch gut.“ Merkel, so Graumann, habe schon ein „Machtwort“ gesprochen.

Wenn Machtwörter in der Volksherrschaft entscheiden, können wir die Debatte einstellen und uns weißrussischen Verhältnissen annähern. Die Bemerkung des ultraorthodoxen israelischen Innenministers Jischai nannte Graumann obsolet, auf Deutsch veraltet. Die Bemerkung Jischais ist leider nicht veraltet, sie ist theokratisch. Theokratie ist das Modell der Zukunft und überall auf der Welt im Kommen.

Nachdem der Neoliberalismus den demokratischen Staat sturmreif geschossen hat, kommt Religion und okkupiert die Reste. Religion ist die Resterampe des ...

Weiterlesen...
 

Freitag, 24. August 2012 - Israel und die Welt

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde des Rechts,

im Ethikrat warnte Strafrechtler Reinhard Merkel vor einem „jüdisch-muslimischen Sonderrecht“ und einem „Sündenfall des Rechtsstaats“.

Staatsrechtsprofessor Wolfram Höfling hingegen plädierte für eine Anerkennung der Beschneidung als Elternrecht. Unter der Bedingung, dass diese „fachgerecht“ und „schmerzvermeidend“ durchgeführt werde.

Der israelische Innenminister El Jischai von der ultrareligiösen Schas-Partei forderte Angela Merkel auf, sich für das Recht der Beschneidung einzusetzen. Juden in Deutschland dürften nicht gezwungen werden, sich zwischen der Einhaltung weltlicher und religiöser Gesetze entscheiden zu müssen.

Das wäre Theokratie ad libitum mitten in einer Demokratie. Der Zentralrat der Juden wies diese Forderung zurück. Weder die Kanzlerin noch die Bundesregierung bräuchten eine Belehrung aus Israel. Ein Giessener Arzt hatte gegen den Berliner Rabbiner Goldberg wegen Beschneidung Minderjähriger Anzeige erstattet.

(DER SPIEGEL: Ethikrat für Beschneidung)

In der FR schreibt der Kölner Fernsehjournalist Lorenz Beckhardt einen interessanten Artikel über die Beschneidung. Hätte es keine Nazis gegeben, wäre der Humanisierungsprozess der deutschen Juden weitergegangen, ohne Shoa gäbe es vermutlich das traditionelle Ritual in Deutschland heute nicht mehr.

Hatte Graumann bei Maischberger noch vollmundig betont, der religiöse Ritus sei im Judentum so gut wie ...

Weiterlesen...
 

Donnerstag, 23. August 2012 - Sachzwang und Glaube

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde der Religionen,

glaubst du an Gott? Ah, du bist religiös. Glaubst du nicht an Gott? Ah, dann bist du auch religiös, du glaubst an einen Nicht-Gott. Deutscher Dialog.

Was ist der Unterschied zwischen Philosophie und Religion? Von außen gibt’s keinen. Es sind Versuche, sich die menschliche Situation in der Welt, die wir uns nicht ausgesucht haben, mit Gefühl und Verstand in unterschiedlicher Betonung zusammenzureimen.

Wir machen uns einen Reim auf unendlich viele Sinneseindrücke, die wir ordnen, vergleichen, reduzieren, verstehen, erklären, um einen unbekannten Ort in einen bekannten zu verwandeln, auf dem wir überleben können. Bislang muss uns die Aufgabe geglückt sein, sonst hätten wir nicht Millionen von Jahren an dem Ort, den wir Erde nennen, überleben können.

Ob die Überlebensleistung groß ist, darüber lässt sich streiten. Wer den Menschen als Gattung Tier unter Tieren betrachtet, verweist auf die Verwandtschaft mit den Tieren und fragt: warum sollte die Leistung groß sein, da es doch so viele tierische Geschwister gibt, die dieselbe Leistung bringen? Sind wir nicht alle Geschöpfe der Natur, die uns mit allen Fähigkeiten ausgestattet hat, um in einer natürlichen Umgebung zu existieren?

Wer den Menschen als eine besondere Gattung betrachtet, die das Tier durch Geist und Bewusstsein überragt, wird auf die mangelhafte Instinktfähigkeit des Menschen verweisen. Unsere anfängliche Unterlegenheit und ...

Weiterlesen...
 
<< Start < Zurück 161 162 163 164 165 166 167 168 169 170 Weiter > Ende >>

Seite 161 von 191