Philosophische Tagesmails

Freitag, 24. Februar 2012 - Ich und Wir

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde Montis,

der schlichte, sachorientierte Professor Monti rettet Italien. Während sein Vorgänger am Samstag möglicherweise von einem Gericht verurteilt wird, hat Monti effiziente „neutrale“ Experten in seine Übergangsregierung aufgenommen, die binnen dreier Monate das Land auf eine Hoffnungsspur setzten.

Sie scheinen zu schaffen, was den Griechen schwer zu gelingen scheint. Doch Montis Regierung ist nicht gewählt, sie ist vom italienischen Staatspräsidenten Napolitano eingesetzt und ernannt. Noch haben die Parteien die Krallen eingefahren und lassen Monti gewähren.

Doch zu welchem Preis? „Das demokratische Vakuum, in dem sich Monti bewegt, wird täglich größer“, schreibt die BZ/FR. Das Vakuum sollten die desolaten Parteien nutzen, um sich „umfassend zu erneuern“. Doch das Gegenteil geschehe: Italiens Parteien versänken in völliger Bedeutungslosigkeit.

Es fehle an jungen Gesichtern, an überzeugenden Programmen. „La casta“, eine Klasse von Politgreisen, dächte nicht daran, von ihren Privilegien zu lassen und sich zu reformieren. Spätestens ...

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Donnerstag, 23. Februar 2012 - Klerikale Solotrompete

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde der Überstunden,

wer sich von seinem Lohn nicht ernähren kann – „Niedriglohn“ erhält –, soll wenigstens keine Überstunden machen, die nicht bezahlt werden müssen. Ein Mann hatte fast 1000 Überstunden angesammelt und geklagt. Das Bundesarbeitsgericht höchstselbst hat entschieden: dem Mann kann geholfen werden. Klingt beruhigend, dass man in dieser Gesellschaft nicht umsonst schaffen muss, wenn man sich schon nicht von seiner „Hände Arbeit“ über Wasser halten kann.

Solche Leute müssen nicht verhungern, sie müssten sich nur – spät abends nach einem langen Überstundentag – bei diversen Ämtern anstellen, auf dass der Staat ihnen per Hartz4 draufsattele, sodass sie bequem Freiheit-in-Verantwortung als auch Freiheit-ohne-Verantwortung ausagieren dürfen.

Sollen das etwa Widersprüche sein? Bei uns doch nicht. Auch junge Frauen sind hierzulande zu dialektischen Meisterinnen geworden, indem sie Muttersein und Beruf problemlos unter einen Hut kriegen – ohne zu klagen. Ja, sie rühmen sich noch ihrer hegelianischen Synthesequalitäten. Ja, bei uns wird gschafft, s'ischt a wahre Pracht.

Hätte das Bundesarbeitsgericht anders entschieden – kein Problem. Man hätte den unbezahlten Niedriglöhnern eine Urkunde des Bundespräsidenten verleihen können, dass sie Ehrenamtslöhner sind, jenen braven Untertanen gleich, die ...

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Mittwoch, 22. Februar 2012 - Gleichheit und ihr Gegenteil

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde der Amerikanisierung,

wie viele Wohnungslose gibt es heute? Fast 250 000. Wie viele leben obdachlos auf der Straße? 22 000. Die Zahl der abgestürzten Mittelschichtler steigt.

Während Arbeitslöhne für Unternehmer immer billiger werden, werden Mieten immer teurer. Städtische Wohnungsbaugesellschaften werden privatisiert, Blackstone, Cerberus oder Fortress kaufen massenhaft kommunale Wohnungen. Ganze Stadtviertel werden nach oben saniert und nach unten dicht gemacht – gentrifiziert.

Wieder so ein Idiotenwort, das die Sache verfremdet und nix anderes bedeutet als: geadelt und gesäubert. Günstige Mietwohnungen werden verkommen lassen, saniert und als teure Eigentumswohnungen angeboten. Der Immobilienmarkt, „das Betongold“, wird im Sog der Bankenkrisen immer interessanter, wachsende Nachfrage sorgt für wachsende Preise. Klassenkampf auf dem Wohnungsmarkt.

Die Amerikanisierung, die Spaltung der Gesellschaft, schreitet munter voran. Die Cities spalten sich in „Stadtviertel mit besonderem Entwicklungsbedarf“ und Reichenghettos. Pardon: Armenghettos und voll entwickelte Reichenviertel. Was denn nun? Sind die Armen ghettoisiert oder die Reichen? Wenn sie sich voneinander abschotten, verbarrikadieren sie sich beide. Einen kleinen Unterschied gibt’s. ...

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Dienstag, 21. Februar 2012 - Augsteins Garten

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde der Amerikaner,

die jungen Amerikaner seien viel liberaler als die republikanischen Kandidatengreise, die Schwulenehen, Abtreibungen und am liebsten das Böse an sich verbieten wollten. 70% aller Jüngeren befürworteten die Homoehe. Auch die Evangelikalen, die bislang bedingungslos die Republikaner unterstützten, sollen deren Reichenkurs allmählich kritischer sehen. 15% der Bevölkerung gebe an, keiner Glaubensgemeinschaft zuzugehören. Doppelt so viel als noch 1990.

Der religiös verengte Wahlkampf der Obamagegner würde die Realität „längst nicht mehr abbilden“, schreibt ein deutscher Journalist, der schon lange in den USA lebt.

Zweimal hat Israel erfolgreich die Atomanlagen ihrer Gegner durch einen gezielten Luftschlag zerstört. Einmal im Irak, einmal in Syrien. Doch im Iran könnten sie scheitern, weil dort die Fabrikationshallen tief unter Granitschichten versteckt sind.

Das könnte die militaristischen Kapazitäten der israelischen Luftwaffe bei weitem überfordern. Behaupten amerikanische Experten. Ohnehin scheint es einen ziemlichen Dissens zwischen Jerusalem und Washington über die Notwendigkeit und Gefährlichkeit eines solchen Schlages zu geben. Sollte Ehud Barak dennoch den Angriff befehlen, wird er ...

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Montag, 20. Februar 2012 - Gauck

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde Hindenburgs,

den kennen Sie nicht mehr? Die Lage im Osten sah ziemlich trostlos aus. Da kam er und rettete uns im Ersten Weltkrieg vor den Russen bei Tannenberg. Genau genommen war es das taktische Geschick eines Ludendorffs, Hindenburg erzählte selbst, er habe bei der Schlacht gut geschlafen.

Als Deutschland in der Zeit der Weimarer Republik wieder in Not geriet, wurde er zum ersten und letzten vom Volk gewählten Staatsoberhaupt, rettete uns erneut von dem Übel, indem er dem Erzübel persönlich Türen und Tore öffnete und einen Gefreiten zum Retter Deutschlands ernannte.

Nun, die erste positive Botschaft des Tages: erneut ist die russische Gefahr für Deutschland und ganz Europa gebannt. Dank den Letten, die Russisch als Amtssprache in einem Volksentscheid ablehnten. Unausdenkbar, dass in Zentraleuropa Russisch als gleichberechtigte Sprache hätte gelten müssen.

Die zweite überragende, ja historische Tagesmeldung: wir haben einen zweiten Hindenburg, der ebenfalls im Osten die Russen mit ihrem asiatischen Sozialismus persönlich in die Flucht schlug.

Zwei Ossis aus protestantischen Pfarrhäusern stehen nun an der Spitze des Staates. Beruhigend zu wissen, dass in einem säkular-zweckrationalen Land der Bezug nach oben unbeschädigt bleibt. Für den Fall aller Fälle. Wie pflegt man in ...

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Sonntag, 19. Februar 2012 - Philosophie und Religion

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde Frankreichs,

die deutsch-französische Verständigung stehe auf wackliger Grundlage, sagt der französische Historiker Pierre Nora in der FAZ. Es gebe keinerlei Annäherungen zwischen den kulturellen Eliten.

Die Franzosen lernten immer weniger deutsch, die Deutschen weniger französisch. Die Nachkriegszeit mit viel gutem Willen sei vorbei, die Bildungssysteme drifteten auseinander, in Frankreich kenne man keine deutschen Intellektuellen, in Deutschland keine französischen.

Es habe in ganz Europa eine Renationalisierung stattgefunden, eine gesamteuropäische Öffentlichkeit existiere nicht. Die gemeinsame Zivilisation befinde sich in einer Krise. Die hochgradigen Spezialisten seien immer weniger in der Lage, ihre Erkenntnisse (welche Erkenntnisse?) dem Volk zu vermitteln. (Wenn man etwas verstanden hat, kann man es auch vermitteln.)

Es fehle eine „echte, von der Mehrheit der Europäer geteilte Wertegemeinschaft“. Die humanistische Kultur – Latein, Griechisch, Geschichte, Philosophie, Sprachen – sei am Ende.

Klingt pessimistisch. Doch Humanismus ist eine Haltung, kein Bildungsgehabe. Bei dieser Definition wären die Griechen humanismus-frei gewesen. Sie kannten keine Sprachen, es gab keine ...

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Samstag, 18. Februar 2012 - Verantwortungsethik

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde Syriens,

will der Westen gar nicht das Ende des Assad-Regimes? Weil dann ein territorialer Machtfaktor in sich zusammenfiele, der bislang für ein Gleichgewicht des Schreckens im fragilen Nahostbereich sorgte?

Will Israel lieber das vertraute Despotenszenario, als eine unberechenbare, in viele Gruppen zerfallende Volksherrschaft?

Die syrische Opposition will keine militärische Unterstützung von außen, aber eine stärkere moralische Unterstützung ihres verzweifelten Kampfes. Assads Schergen haben die Stadt Homs total eingeschnürt, Wasser und Strom abgestellt, die Telefone gekappt. Der Westen hätte längst den Internationalen Gerichtshof in Den Haag einschalten können, sagt der syrische Journalist Ali al-Atassi in einem TAZ-Interview. Es gebe keine internationale Hilfe, kein Rotes Kreuz, keinen Roten Halbmond, kein Verbandszeug, nichts.

Der Song Contest in Baku, Aserbeidschan, ist ein Unternehmen auf der Schneide des Schwerts. Durch Einbeziehen der Diktatur in die westliche Einflusssphäre kann man sich den Transport freiheitlicher Ideen und Lebensgefühle erhoffen, also Wandel durch emotionale Annäherung. Man könnte das ganze Unternehmen aber auch ...

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Freitag, 17. Februar 2012 - Vagina-Monologe

Tagesmail - Montag, den 24. Oktober 2011

Hello, Freunde der Immunität,

dem Orban-Regime könnte es bald an den Kragen gehen. EU-Parlamentarier erwägen, Ungarn die Stimmrechte in den EU-Gremien zu entziehen, sollte Orban seine umstrittenen Gesetzesvorhaben, etwa zur Einschränkung der Pressefreiheit, nicht zurücknehmen.

Das Amt sei verschmutzt, schreibt Brigitte Fehrle über die Ermittlung des Staatsanwalts wegen Anfangverdachts gegen unsere Nummer Eins. Niemand habe versucht, uns von diesem Bundespräsidenten zu erlösen. „Die Folgen dieser Verschmutzung von Hirn und Herz werden wir alle noch lang spüren“.

Liebe Brigitte: auf dem Teppich bleiben. Wenn Ämter verschmutzt werden könnten, wären sie schon längst unbrauchbar. Dann könnten wir, dann müssten wir sie schon lange weggeworfen haben und von vorne, von einem jungfräulichen Punkte Null an, neu beginnen. Mit einer weißen, garantiert porentief gereinigten Leinwand.

Das ist der uralte platonisch-christliche Traum von Diktatoren, Faschisten und Er-Lösern. Nicht aber von selbstbewussten Problemlösern. Von einem Hallodri-Demokraten müssen wir nicht erlöst werden. Es genügt, ihn ...

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