Philosophische Tagesmails

Umwälzung LXV

Tagesmail - Freitag, den 25. Mai 2018

Hello, Freunde der Umwälzung LXV,

die Rettung der Welt verzögert sich. Niemand sei erstaunt. Ist Verzögerung nicht der Grundzug der abendländischen Welt, die seit 2000 Jahren die Rettung der Welt durch Kommen ihres Erlösers erwartet? Der will und will partout nicht kommen.

Verzug der Parusie ist Verzug der Welterlöser Trump & Kim. Die Rettung der Welt muss spannend bleiben. Kommt sie, kommt sie nicht? Wann kommt sie? Wer wird es sein, der da kommen soll, um dem Treiben ein Ende zu bereiten?

Sollten sie eines fernen Tages zusammenkommen und den Weltfrieden retten (für wie lange?) – werden die Weltbeobachter dann nicht mit Entzücken kommentieren: wussten wir es nicht, dass es die Weltteufelchen sind, die uns den Frieden bringen – und nicht diese vermaledeiten Idealisten und Moralisten, die nicht ihre eigenen Interessen buchstabieren können? Das Böse ist ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft?

Sollten sie aber nicht zusammenkommen und mit höllischen Raketen Unheil über die Welt bringen – werden die Überlebenden dann nicht beschämt in sich hinein flüstern: haben wir‘s nicht schon immer gewusst? Das ist der Fluch der bösen Tat, dass sie fortzeugend immer Böses muss gebären?

Goethe gegen Schiller. Wer steht für deutsche, wer für kosmopolitische Identität?

Verzug der Parusie, Verzug des Weltfriedens ist Prokrastination, die Krankheit der Moderne, die bei Seelendoktoren immer nur eine individuelle sein darf. Psychische Krankheitserfinder schauen nicht in die Geschichte, die aus dem Meer ihrer Irrungen und Wirrungen Schauerliches in die Lüfte schleudert. Kausale Zusammenhänge zwischen heute und gestern sind ihnen unbekannt. Jeder Tag gebiert sich ...

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Umwälzung LXIV

Tagesmail - Mittwoch, den 23. Mai 2018

Hello, Freunde der Umwälzung LXIV,

zur deutschen Identität gehört keine Frau – sondern viele Frauen. Ihre Mütter sind für sie die Größten, sagen die Deutschen. Danach erst die Väter. Das klingt erstaunlich, doch wen soll man schon nennen, wenn große Deutsche einem partout nicht einfallen? Laut Umfrage des objektiven ZDF waren Adenauer, Luther und Marx die größten Deutschen. In dieser Liste hatten Frauen nichts zu suchen.

Zu den größten Vorbildern der Welt gehören Nelson Mandela, Michail Gorbatschow und Mahatma Gandhi: kein einziger Westler, kein einziger konfessioneller Christ, kein Angehöriger neoliberaler Welteliten, kein technischer Fortschrittler.

Inzwischen sind die Namen der drei in Deutschland verschollen. Nimmt man noch Martin Luther King, hätten wir einen weiteren Führer der Unterdrückten auf der Liste der Berühmten.

Laut Umfragen deutscher Medien gehört Günther Jauch regelmäßig zu den Größten der Einheimischen. Er bemüht sich redlich, das Bildungsniveau der Deutschen zu heben, damit das Land der Dichter und Denker wieder sichtbar werde. Würde Steinmeier – was Gott verhüten mag – ausfallen, wäre Jauch apolitisch genug, um dessen pastorales Amt ohne Qualitätsverlust zu übernehmen. Den Segen der Deutschen hätte er.

Gibt es eine deutsche Identität? Früher liebten sie das Wort Einfalt: eine Falte in der Seele. Das Urbuch der Deutschen heißt Simplicius Simplicissimus. Am Anfang war der zurückgebliebene einfältige Trottel, der nach Frankreich musste, um die große Welt kennenzulernen. Heute überfluten die Vielfältigen die Welt – um noch ...

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Umwälzung LXIII

Tagesmail - Montag, den 21. Mai 2018

Hello, Freunde der Umwälzung LXIII,

nicht mehr lange, und die Trump‘sche Haarpracht wird sich bei deutschen Aufsteigern als ästhetische Siegestrophäe durchsetzen. „Bei vielen primitiven Völkern erfüllten gigantische Haaraufbauten die Aufgabe, die Feinde in Furcht und Schrecken zu versetzen.“

Anderthalb Jahre ist der amerikanische Samson im Amt – und schon liegen ihm die deutschen Ehrgeizlinge zu Füßen. Da sprechen kluge Historiker von Antiamerikanismus. Da es keine deutsche Identität mit erkennbarem Inhalt gibt – außer der Pose: wir sind, direkt hinter unseren Befreiern, die Größten –, bleibt gar nichts anderes übrig, als sich den Größten zu unterwerfen, pardon, sich mit ihnen zu identifizieren.

Zuerst die obligate Schelte am rauhbauzigen Milliardär, um mit der moralischen Überlegenheit abendländischer Werte zu brillieren. Danach rapider Abbau der Moral und Übergang zum finalen Kriterium des Erfolgs.

Die griechische Ethik war wahrheitsorientiert, die christliche erfolgsorientiert: Gut und Böse sind gleichberechtigte Mittel, um die eigene Seligkeit zu erlangen. Christen haben die Erlaubnis zum Sündigen, denn Sünden werden ihnen vergeben – wenn sie niederknien und den Erlöser anbeten.

Der Machiavellismus, offiziell ein Ableger des Naturrechts der Starken, war vollständig kompatibel mit der christlichen Morallehre. Sündiget tapfer, wenn ihr nur glaubt. Die Rechtfertigung des Menschen ist nicht das Resultat seiner Taten (Werke), sondern seiner frommen Gesinnung oder der göttlichen Lizenz, seine Schweinereien nach Belieben als Sünden zu definieren, die vom Himmel vergeben werden.

Ab Machiavelli gelten im Abendland die Grundsätze eines absolut ...

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Umwälzung LXII

Tagesmail - Freitag, den 18. Mai 2018

Hello, Freunde der Umwälzung LXII,

okay, schaffen wir die Moral ab.

Heldenhaft kämpfen die Deutschen – nicht gegen Vernichtung der Natur, gegen die Verwüstung menschlicher Beziehungen, gegen den drohenden Untergang des homo sapiens. Sie kämpfen gegen das einzige Mittel, mit dem man all jene Gefahren bannen könnte. Sie wüten und toben gegen die Moral.

Die deutsche Ideologie lautet: Nicht Gutes bewirkt Gutes, nur Böses kann uns von allen Übeln befreien. Dabei geht es nicht um Fragen: Was ist das Gute? Welche der vielen Moralen ist fähig, uns aus dem Schlamassel zu ziehen? Es geht um generelle Abschaffung der Moral.

Kinder werden geboren und mit Moral erzogen. Werden sie erwachsen, wird ihnen Moral aus dem Leibe geprügelt. Nicht mehr mit dem ehrlichen Prügel, sondern mit erfundenen Natur- und Geschichtsgesetzen, die keine Menschengesetze sein dürfen: mit Ausschluss, Deklassierung, Verelendung und Verderben. Die Moral der Kindheit muss von der Amoral der Erwachsenen lebenslang unterdrückt und mundtot gemacht werden. Amoral wurde für unpolitische Deutsche zum Elixier der Machtpolitik, mit der sie endlich Anschluss fanden an ihre mächtigen Nachbarstaaten.

Moral wurde zum Bezähmungsmittel der Kleinen, der Untertanen, des Pöbels und der Massen. Für Führungsklassen und politisch Denkende verschmolz Amoral mit der Moral der Machtinteressen – die mit dem Namen Machiavelli verbunden wurden. Machiavellismus der Herrschenden wurde schließlich zur Moral der Untertanen, um ihnen das erhebende Gefühl zu geben, zu den Herrschenden zu gehören. Amoralische Interessen wurden Opium fürs Volk, um den Unfreien Illusionen von Freiheit und Macht zu verschaffen. Woran erkennt man den gefügigen Untertanen? Dass er ...

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Umwälzung LXI

Tagesmail - Mittwoch, den 16. Mai 2018

Hello, Freunde der Umwälzung LXI,

die Hölle, an die man glaubt, muss verschwiegen werden, damit man sie herstellen kann.

Die Weltsituation vergleicht Umweltforscher Schellnhuber mit einem kollektiven Suizid. (Sueddeutsche.de)

Die Welt muss in einem Maß untergangssüchtig sein, dass sie auf Warnrufe nur noch mit Hohngelächter reagieren kann: Alarmismus, Apokalypse, Endzeit-Getöse, aber ja doch – kann‘s nicht ne Nummer kleiner sein? Je rasender der Verfall, je mehr Grandiosität, grenzenlose Macht, Gewalt über Natur, Verlassen der Erde und Vordringen in den Weltraum werden als Träume der Menschen beschworen.

Es gibt einen untrüglichen Index des Fortschritts: auf der einen Seite die riesenhafte Aufblähung des Menschen zum homo deus, auf der anderen seine Schrumpfung zum Nichts. Je ungleicher die Menschen werden, je gewaltiger ist der Fortschritt. Kampf ist ihre Entwicklungsenergie.

Homo deus und homo diabolus sind eine Person. Gott ohne Widersacher ist bewegungslos. Ohne diabolisches Ebenbild keine Heilsgeschichte, keine Spaltung der Menschheit in göttergleiche Herrscher und Wurmfortsätze, die man zertreten kann. Abenteuerliches Risiko ist Erwartung des kommenden Herrn, dem man auf Gedeih und Verderb entgegen gehen muss. Advenire, Advent: Abenteuer ist der das eigene Leben aufs Spiel setzende Versuch, den zögerlichen Herrn der Geschichte zur Wiederkunft zu zwingen. Kommst du nicht zu uns, kommen wir zu dir: wir lassen dich nicht, du segnest uns denn.

Merkel und Messner sind sympathetische Weltabenteurer. Messner erklärt, was Merkel nie aussprechen dürfte:

„Am Achttausender steige ich gegen meinen Selbsterhaltungstrieb – das ist unser stärkster Trieb, er verhindert, dass wir eine bestimmte Höhe, eine Grenze ...

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Umwälzung LX

Tagesmail - Montag, den 14. Mai 2018

Hello, Freunde der Umwälzung LX,

„UND DIE israelische Öffentlichkeit? Man mag sich fragen: Gibt es die überhaupt? Einige lokale Kommentatoren fragen schon: Haben sich die israelischen Bürger in bloße Untertanen verwandelt? Offensichtlich befindet sich Israel auf dem Kriegspfad. DIE MEISTEN Leute in Israel glauben jetzt, dass Bibi der Große, Benjamin Netanjahu, tatsächlich Trump an der Leine hätte. Bibi hätte einen so magischen Griff auf Trump, dass der amerikanische Präsident Israels Führung folgen müsse.“ (Uri Avnery)

Über Nacht zerfällt die freie Welt in Philosemiten und Antisemiten – wenn man die bislang geltenden Definitionen zugrunde legt. Antisemitismus wäre demnach

a) die Überzeugung, Juden wären die Herren der Welt: „Netanjahu hat Trump an der Leine“.

b) die Überzeugung, Juden würden vor keiner Gewalt zurückschrecken, die Herrschaft der Welt zu erringen. „Offensichtlich befindet sich Israel auf dem Kriegspfad.“ Da der „Schwanz mit dem Hund wedele“, Netanjahu also Trump nach Belieben hinter sich herzöge, müsste Amerika den möglichen Krieg Israels gegen den Iran unterstützen. Mit unabsehbaren Folgen.

Uri Avnery scheint mit dem Feuer zu spielen. Will er seine LeserInnen zum Glauben verführen, die dubiosen „Protokolle der Weisen von Zion“ seien mittlerweile politische Wahrheit geworden? In dem vermutlich russischen Schriftstück werden, laut Wiki, drei Kennzeichen des jüdischen Willens zur Weltherrschaft beschrieben:

„… eine Kritik am Liberalismus, die angeblichen Pläne des „Weltjudentums“, die Weltherrschaft zu übernehmen, und das künftige jüdische Weltreich. Der Sprecher bekennt sich zu einem kruden Machiavellismus und zur Parole „Der Zweck heiligt die Mittel“, die bislang vor allem den Jesuiten unterstellt wurde. Die Demokratie sei eine schädliche Regierungsform, da Freiheit und Gleichheit mit der ...

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Umwälzung LIX

Tagesmail - Freitag, den 11. Mai 2018

Hello, Freunde der Umwälzung LIX,

Sie lobwürgte ihren Freund, bis er röchelte. Der Herr der Welt liebkoste und säuberte ihn manuell – und ließ ihn politisch abblitzen. Die Königin von Europa – die Ex-Königin – liebkoste ihn bloß verbal – und ließ ihn am ausgestreckten Arm verhungern:

„Du bist 1977 geboren", sagt sie in Richtung Macron, "als der Kalte Krieg vorbei war, warst du zwölf, 13 Jahre alt." Und weiter: "Deine Begeisterung reißt andere mit", sagt sie, "du sprühst vor Ideen." (SPIEGEL.de)

„… reißt andere mit,“ du französischer Esprit-Sprüher. Mich nicht! Ich merke wohl, wie du mich mit deinem Zauber ständig um den Finger wickeln willst. Ohne mich, mein Wertester:

„Angehörigen anderer Völker, insbesondere den Deutschen, ist der esprit gaulois naturgemäß verschlossen.“

Tja, ab und zu in Wiki gucken, du Zuckerstückchen, dann hättest du deine gallische Charme-Nummer erst gar nicht ausprobiert. Merke: eine Uckermärkerin ist gegen faulen gallischen Zauber immun.

Als Trump das französische Wunderkind von Schuppen befreite, war das noch harmlos, verglichen mit der Entzauberung durch eine protestantische Pastorentochter, der die Gnadengabe gegeben ist, die Geister zu unterscheiden.

„Ihr Lieben, glaubet nicht einem jeglichen Geist, sondern prüfet die Geister, ob sie von Gott sind; denn es sind viel falsche Propheten ausgegangen in die Welt.“

„Im Lobe ist mehr Zudringlichkeit als im Tadel“. „So lange man dich lobt, glaube nur immer, dass du noch nicht auf eigner Bahn, sondern auf der eines anderen bist.“ „Hier ist Einer, dem du anmerkst, dass er dich loben will: du beisst die Lippen zusammen, das Herz wird geschnürt: ach, dass der Kelch vorüberginge! Aber er ...

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Umwälzung LVIII

Tagesmail - Mittwoch, den 09. Mai 2018

Hello, Freunde der Umwälzung LVIII,

wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich noch heute nach Berlin fahren, um Merkel ausfindig zu machen. Seit Wochen ist sie verschwunden und niemand bemerkt es. Die Kanzlerin, wo ist die Kanzlerin, die die Republik regiert, wie man ein Uhrwerk regiert – wo ist sie nur geblieben?

Die Republik funktioniert wie ein vollprogrammiertes Vehikel. Am Anfang werden Knöpfe gedrückt, den Rest erledigt die intelligente Maschine wie von selbst.

Wir haben Nachholbedarf in künstlicher Intelligenz, hatte sie noch tonlos gemurmelt, als man sie zum letzten Mal sah. Danach verschwand sie. Doch mittlerweilen muss es ihr gelungen sein, den Nachholbedarf aufzuholen und ihre Untertanen endgültig dem Algorithmus zu unterwerfen.

Doch was, wenn Störungen auftreten? Wenn vor Kraft strotzende Männer den Frieden gefährden und die Welt mit Auslöschen bedrohen? Wenn die Maschine heiß läuft und zu explodieren droht?

In solchen Fällen tritt das Gesetz des Okkasionalismus ein:

„Bei Gelegenheit“ (franz. occasion) des seelischen Vorganges trete das entsprechende leibliche Geschehen auf und umgekehrt bei leiblichen Vorgängen das seelische. Damit dies in der mechanischen Metapher gewährleistet sei, bedurfte es des Einschreitens Gottes (concursus dei). Dieses notwendige Einschreiten Gottes aus Verlegenheit der Uhrenkonstrukteure bzw. der Autoren des Gleichnisses benennt man auch nach der Bezeichnung aus der antiken Tragödie deus ex machina.“ (Wiki)

Die Welt brennt – und wir erwarten sehnlichst den Konkurs Gottes. Angela, dea ex machina: bist du Konkursverwalterin Deines Gottes? – oder unsere Kanzlerin, die den Schwur ablegte:

„Ich schwöre, dass ich meine Kraft dem Wohle des deutschen Volkes widmen, seinen Nutzen mehren, Schaden von ihm wenden, das Grundgesetz und die ...

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