Philosophische Tagesmails

Sofort, Hier und Jetzt XXVIII

Tagesmail - Freitag, den 19. Oktober 2018

Sofort, Hier und Jetzt XXVIII,

Sprache ist das Gedächtnis der Erfahrung. Regelmäßig stürzt die gottgewordene Moderne den babylonischen Turm, das Archiv ihrer Erfahrung, um ihre Sprache zu löschen und eine neue zu erfinden. Sie will tabula rasa herstellen, um von ihrer Biografie nicht befleckt zu werden.

Die von allen Erfahrungen gereinigte Tafel entspricht dem Orwell‘schen Wahrheitsministerium, das den Menschen von den Sünden der Vergangenheit befreit und in den Zustand der Unschuld zurückversetzt, um mit totalitären Wahrheiten neu beschriftet zu werden.

Wer die Macht besitzt, die Urschrift der Erfahrung mit neuer Schrift zu überdecken, muss nicht mehr zur ordinären Lüge greifen, um Unwahrheiten in die Welt zu setzen.

Das Ministerium der Wahrheit entspricht dem zürnenden Gott, der den babylonischen Turm zerstörte, indem er die Sprache der Menschen verwirrte.

„Dieses Ministerium befasst sich mit der Vergangenheit beziehungsweise mit deren ständiger Manipulation. Sämtliche Bücher, Filme, Schriften, Zeitungen, Tonaufnahmen etc. aus vergangener Zeit werden hier ständig revidiert und an die aktuelle Linie der Partei angepasst, sodass laut allen Aufzeichnungen, die existieren, die Partei immer recht hat und immer recht gehabt hat. „Und wenn alle anderen die von der Partei verbreitete Lüge glaubten – wenn alle Aufzeichnungen gleich lauteten – dann ging die Lüge in die Geschichte ein und wurde Wahrheit. Wer die Macht über die Geschichte hat, hat auch Macht über Gegenwart und Zukunft.“

Trump versucht es noch auf die altmodische Art: er lügt, dass jeder es merken kann, der es merken will. Die modernen Beherrscher der Sprache und des Fortschritts machen es geschickter. Unauffällig verändern sie die Sprache, ersetzen klare ...

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Sofort, Hier und Jetzt XXVII

Tagesmail - Mittwoch, den 17. Oktober 2018

Sofort, Hier und Jetzt XXVII,

„Wenn die liberalen Demokratien es nicht schaffen, die Menschenwürde wieder umfassend zu begreifen, verdammen sie sich selbst – und die Welt – zu einem ständigen Konflikt.“

Ein gewaltiger Satz Fukuyamas, der die Würde jedes Menschen einfordert, um den Zerfall der Demokratien zu stoppen. Das Leben der Gattung in Würde: das wäre eine Utopie. Warum sagt niemand, dass Fukuyama ein utopistischer Denker ist?

Wer utopistische Forderungen stellt, ist zugleich ein Moralist. Wer die Würde des Menschen antastet, kann weder demokratisch noch moralisch sein. Moral ist die Verteidigung der Unantastbarkeit der Menschenwürde. (SPIEGEL.de)

In fast allen Ländern dieser Erde beginnt die Menschenwürde zu zerfallen. Vor allem in den einstigen Hochburgen der Demokratie im Westen. Wenn schon der Westen seine Werte im Stich lässt, verrät er, dass er sie für wertlos hält – denken jene nichtwestlichen Länder, die jahrhundertelang vom Westen zur Übernahme dieser Werte genötigt, gezwungen und erpresst worden sind: Dann können auch wir sie endgültig ad acta legen.

„Wer vor der Erosion der liberalen Demokratie warnen will, kann nicht nach dem Motto handeln: "Solange ein neues Auschwitz nicht in Sicht ist, haben wir den Prozess schon unter Kontrolle." Vielmehr muss man den Blick auf die Kumulation all dessen lenken, was Besorgnis erregt, auf Tabubrüche etwa oder die Deutungshoheit von Radikalen bei gesellschaftlichen Debatten. Die Beschäftigung mit der Frage, ob Juden einem neuen Antisemitismus ausgesetzt sind, reicht nicht aus. Denn die Erosion der Verbindlichkeit der Menschenrechte zeigt sich auch gegenüber anderen Minderheiten. Die Umfrageergebnisse beweisen, dass in der "Mitte der Gesellschaft" etwas zu rutschen begonnen hat. Als Israelis konnten wir über die Jahre eine ähnliche Dynamik beobachten. Die Ideologie der radikalen Siedler hat sich langsam, aber sicher in den hegemonialen Mainstream verwandelt. Derzeit droht die relevante Gefahr von rechts – egal ob in Polen, Frankreich, den USA, Israel oder Deutschland.“

Die Warnung vor der „rutschenden Mitte der Gesellschaft“ kommt aus ...

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Sofort, Hier und Jetzt XXVI

Tagesmail - Montag, den 15. Oktober 2018

Sofort, Hier und Jetzt XXVI,

die Menschheit wächst zusammen – in steigender Empörung. Weltweit kocht es. Empörung weiß, dass es so nicht weitergehen kann, nicht weitergehen darf. Noch weiß sie nicht, wie es weiter gehen soll.

Die Diskrepanz zwischen dürfen und sollen ist gefährlich, sie kann in einer allgemeinen Tragödie enden.

Dennoch ist die schmerzlich gefühlte Kluft zwischen Sein und Sollen unerlässlich und überlebensnotwendig: nur wer weiß, dass es so nicht weiter gehen kann, ist fähig, Auswege aus der Gefahr zu suchen.

Wo Gefahr ist, ist das Rettende noch nicht. Von selbst wird es sich nicht einstellen. Doch der Leidensdruck der Kreatur drängt zur Einsicht. Mitteninne zwischen universellem Gefühl des Scheiternkönnens und universeller Erkenntnis des Rettenden: da stehen wir, diese Kluft müssen wir überbrücken.

Kosmopolitische Ethik war nicht erfolglos. Sie hat es zum weltweiten Gefühl des Ungenügens gebracht, zur Empfindung des Mangels, der unausbleiblichen Kehrseite des Fortschritts. Dem Leiden ist unbekannt, wie es überwunden werden kann – und will dennoch überwunden werden. Das Gefühl des Leidens ist dabei, die Menschheit miteinander zu verbinden.

Die Mächtigen haben sich zur Internationalen des Erfolgs zusammengeschlossen und tun, als konkurrierten sie miteinander.

Die Abgehängten haben es zur internationalen Solidarität noch nicht geschafft. Erfolg verbindet, Misserfolg trennt – bis jetzt.

Doch allmählich beginnt das Gesetz, sich zu verändern. Wenn jeder Mensch weiß, ...

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Sofort, Hier und Jetzt XXV

Tagesmail - Freitag, den 12. Oktober 2018

Sofort, Hier und Jetzt XXV,

"Nur unter Bauern bin ich völlig natürlich, das heißt, wirklich Mensch. Die Stärke liegt im arbeitenden Volk. Wenn es sein Joch trägt, dann nur, weil es hypnotisiert ist. Und nur darauf kommt es eben an – diese Hypnose zu zerstören. Man behauptet, daß es schwer und sogar unmöglich sei, ohne Regierung zu leben; aber ihr, russische Arbeiter, besonders ihr Bauern, wißt, daß wenn ihr ein friedliches, arbeitsvolles Landleben in eueren Dörfern führt, in brüderlicher Arbeit den Boden bebauend und euere gemeinsamen Angelegenheiten in der Dorfgemeinschaft [1] entscheidend, ihr gar keine Regierung braucht. Die Regierung braucht euch, aber ihr, russische Bauern, braucht die Regierung nicht. Und darum, in diesen schweren Zeiten, wo es gleicherweise schlecht ist, sich dieser oder jener Regierung anzuschließen, ist für euch das einzig vernünftige und nützliche: keiner Regierung zu gehorchen.“

Tolstoi war Narodnik – Populist. Das Volk wurde von ihm heilig erklärt, die führenden Klassen für ehr- und sittenlos. Heute würde man ihn als Populisten ächten.

„Populisten sind schwer zu besiegen“, beginnt die Justizministerin, „weil sie die Basic Instincts ansprechen: Wut, Angst, Hass.“   (Justizministerin Barley)

Populismus: „eine von Opportunismus geprägte, volksnahe, oft demagogische Politik , die das Ziel hat, durch Dramatisierung der politischen Lage die Gunst der Massen (...) zu gewinnen“. Das Erfolgsrezept von Populisten scheint auf einer kurzen Formel zu basieren: Einfache Antworten auf schwierige Fragen geben.“ (Duden)

Bei Perikles war Demagoge – oder Volksführer – noch ein Ehrentitel. Je mehr es mit der Demokratie abwärts ging, je mehr wurden aus Volksführern Volksverführer.

Im Zeitalter des Absolutismus wurde Demagogie zur Feindin der von Gott eingesetzten Obrigkeit, der man blind zu gehorchen hatte. „Demagogia laufe auf ...

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Sofort, Hier und Jetzt XXIV

Tagesmail - Mittwoch, den 10. Oktober 2018

Sofort, Hier und Jetzt XXIV,

„Der Weltklimarat fordert ein beispielloses Handeln, um die Klimaziele noch zu erreichen. Was droht im Fall eines Misserfolgs? Die Selbstverpflichtungen, die sich die Staaten auferlegt haben, würden bis 2100 wohl zu einer Erwärmung um drei Grad führen. Bei zwei Grad Erwärmung müssten der Nahe Osten und Nordafrika mit bis zu 46 Grad Celsius an den heißesten Tagen rechnen. Auch in Europa läge die Zahl der Hitzetoten jährlich wohl um etwa 20 Prozent höher. Zudem sind viele Tier- und Pflanzenarten durch den Klimawandel bedroht.“ (Sueddeutsche.de)

„Wir haben einfach die falschen Angestellten: Einen Wirtschaftsminister, der nicht mal mitten im Aufschwung die Industrie auf einen nachhaltigen Kurs einschwört; eine Landwirtschaftsministerin, die nicht grundsätzlich in Brüssel an den Agrarsubventionen rütteln will; einen Verkehrsminister, dem das überholte Geschäftsmodell der Autokonzerne wichtiger ist als die Atemluft der Bürger. Wir beschäftigen einen Heimatminister, den Agrarwüsten und Gewerbegebiete nicht stören, die die Heimat verschandeln; Einen Finanzminister, der nicht damit rechnet, dass verpasster Klimaschutz sehr teuer wird. Wir haben eine Umweltministerin, die zu schwach ist, um sich gegen diese geballte Ignoranz zu wehren. Und wir haben eine Kanzlerin, die mit anderem beschäftigt ist als mit der Zukunft des Landes – fasst Bernhard Pötter in der TAZ zusammen. (TAZ.de)

Wenn es um Sein oder Nichtsein geht – erlaubt Deutschland seiner mächtigsten Frau, sang- und klanglos unterzutauchen, sich unsichtbar zu machen, vor der Nation und Europa keine Stellung zu beziehen.

„Ich schwöre, dass ich meine Kraft dem Wohle des deutschen Volkes widmen, seinen Nutzen mehren, Schaden von ihm wenden, das Grundgesetz und die Gesetze des Bundes wahren und verteidigen, meine Pflichten gewissenhaft erfüllen und ...

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Sofort, Hier und Jetzt XXIII

Tagesmail - Montag, den 08. Oktober 2018

Sofort, Hier und Jetzt XXIII,

was ist ein Kompromiss aus Leben und Tod? Wachkoma? Nahtoderfahrung? Agonie? Selbstmörderischer Fortschritt?

Der Kompromiss aus Leben und Tod ist die Gegenwart, die Klimax des Fortschritts, der prämortale Neoliberalismus, die suizidale Naturzerstörung, der selbstzerstörende Kern der Moderne.

Media vita            Mitten im Leben
In morte sumus.   Sind wir vom Tod umfangen.

Eine Religion, die in Leiden und Tod die Voraussetzungen zum wahren Leben sieht, hat die Weltpolitik überwältigt. Nie gab es Erfolgreicheres im Leben der Gattung als eine Religion, die das Leben der Menschheit auf Erden verwirft, um es mit einem illusorischen Leben im Jenseits zu beruhigen, zu vertrösten oder – zu betrügen.

Halleluja, entzündet Freudenfeuer, stimmt Jubelchoräle an: Gott hat den Menschen, ein Jenseits das Diesseits, Glauben und Hoffen die sinnliche Erfahrung, Übernatur die menschenfreundliche Natur, Zukunft die pralle Gegenwart ausgelöscht und zunichte gemacht.

Pragmatisten und Realisten, nüchterne Tatsachenmenschen, Anbeter von Fakten, Erfinder von Macht und Herrlichkeit, Produzenten einer neuen Natur entlarven sich als Genies der Selbstverblendung, als Giganten der Selbstüberschätzung, als einfallsreiche Exekuteure der Selbstauslöschung.

„Der Weltklimarat IPCC hat ein entschlossenes Handeln angemahnt, um die Erderwärmung noch auf 1,5 Grad zu begrenzen. Notwendig seien "schnelle, weitreichende und beispiellose Änderungen in allen gesellschaftlichen Bereichen", heißt es in einem Sonderbericht des IPCC, der im südkoreanischen Incheon veröffentlicht wurde. Sollte dieses 1,5-Grad-Ziel verfehlt werden, drohen den ...

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Sofort, Hier und Jetzt XXII

Tagesmail - Freitag, den 05. Oktober 2018

Sofort, Hier und Jetzt XXII,

„Der Mittelpunkt einer solchen Volksreligion ist ihm die Liebe. Denn wenn Volkreligion die gutartigen Neigungen des Menschen, sein moralisches Gefühl als überall und allgemein wirksame sittliche Kraft ins Spiel bringen muss, so haben diese ihren Mittelpunkt in der Liebe.“ (Dilthey über den jungen Hegel)

„Man glaubt etwas sehr Großes zu sagen – heißt es bei Hegel – wenn man sagt: Der Mensch ist von Natur gut; aber man vergisst, dass man etwas weit Größeres sagt mit den Worten: Der Mensch ist von Natur böse. Die Kommunisten predigen überhaupt keine Moral. ... Sie stellen nicht die moralische Forderung an die Menschen: Liebet Euch untereinander.“ (Marx)

„Bei Hegel ist das Böse die Form, worin die Triebkraft der geschichtlichen Entwicklung sich darstellt.“ (Engels)

Nicht nur bei Hegel, auch bei seinen revolutionären Schülern, ja in der gesamten Moderne gilt: das Böse ist die Energie des Guten.

Gott braucht den Widersacher, um seine abgefallene Schöpfung zurückzuerobern; Faust den Mephisto, um Zwangsbeglücker der Menschheit zu werden.

Der junge Hegel plädierte für Liebe, der alte für das Böse. Jungen Deutschen wird Liebe gepredigt, wer als Erwachsener für das Gute eintritt, ist ein Tor.

Junge Menschen kennen Moral, aber keinen Fortschritt. Den Herren der Gegenwart und Zukunft ist Moral Stillstand. Sie wollen Reichtum, Macht und Erfolg.

Stille, einst Sammlung des Menschen in sich, ist zur Totenstille geworden.

In der Natur suchen sie Stille, doch Stille in der Natur ist für sie wie der Tod. In ...

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Sofort, Hier und Jetzt XXI

Tagesmail - Mittwoch, den 03. Oktober 2018

Sofort, Hier und Jetzt XXI,

Barbara Schöneberger und Günter Jauch sind Deutschlands größte lebende Vorbilder. Jauch, weil er als Quizmaster „unsere Allgemeinbildung“ fördert. Seinetwegen wurde Deutschland zur gebildetsten Nation der Welt.

Schöneberger ist Merkel als „blondes Gift“. „Traut sich fast alles. Auf Instagram, Fachportal für Selbstinszenierung, zeigt sie sich ungeschminkt.“ (BILD.de)

Sie hat keine Mission. Sie will nicht die Welt verbessern mit ihrer Kunst, sie will den nächsten Job gut erledigen. Sie sieht sich als Dienstleisterin.“ Günter Jauch porträtiert seine Kollegin: "Es gibt Menschen, die total in sich ruhen. Franz Beckenbauer war früher so. Dem war auf sympathische Weise immer alles egal. So ist sie auch." (SPIEGEL)

Ihr Lebensmotto: „Probleme erledigen sich von selbst. Warte drei Tage – und sie sind verschwunden.“

Barbara ist Angela in sexy. Auch Angela inszeniert sich, aber es muss ungeschminkt aussehen. Auch sie traut sich alles zu – als Dienstleisterin. Die Welt will sie nicht verbessern, sie hat keine Mission. Treten Probleme auf, wartet sie, bis sie sich von selbst lösen. Erst wenn nicht, erscheint sie auf der Bühne, gemäß dem – empört klingenden – Satz eines ARD-Moderators: selbst Kanzlerin Merkel muss sich jetzt um das Dieselproblem kümmern. Auch sie ruht in sich, weshalb ihr alles egal ist. Alles egal sein, nennt sie Gottvertrauen.

Eine perfekte Welt erkennt man daran, dass, nach sechs Tagen Maloche, der Schöpfer in sich ruht. Immer, wenn Merkel persönlich in die wirren Verhältnisse der ...

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