Philosophische Tagesmails

Umwälzung LXXXVII

Tagesmail - Montag, den 16. Juli 2018

Hello, Freunde der Umwälzung LXXXVII,

Europa ist Amerikas Feind geworden – sagt der mächtigste Amerikaner. Die Sonne brachte es an den Tag – und ein Moneymaker aus New York, der den Kern der modernen Gesellschaft offenlegte: Demokratie ist Geldmachen und Machtanhäufen im Kampf des Individuums gegen alle Individuen, der einzelnen Nation gegen alle Nationen.

Im Kampf gibt es wechselnde Verbündete, aber keine Freunde. Der westliche Block war ein Kampfbündnis gleicher Interessen gegen östliche Feinde, keine Gemeinschaft universeller Menschenrechte.

Aus östlichen Feinden wurden potentielle Geschäftspartner, aus westlichen Freunden Trittbrettfahrer, die die Freundschaft hinterlistig zum eigenen Vorteil ausnutzten. Wer solche europäischen Freunde hat wie Trump, braucht keine Feinde mehr. Da ist es vorteilhafter, mit ehemaligen Feinden zu kungeln, als sich von sogenannten Freunden über den Tisch ziehen zu lassen.

Wer seinen Vorteil sucht, sucht ihn besser in der ganzen Welt als immer nur in denselben abgegrasten Heuchelbezirken. Freundschaftsbekundungen sind hinderlich im Ausnutzen individueller Vorteile. Trau, schau wem, muss die Devise eines globalisierten Interessenegoismus sein. Alle gegen alle, jeder gegen jeden: das ist die Fanfare der beginnenden Trump-Epoche.

Die Nachkriegszeit begann mit phänomenalen Versprechungen, um die ...

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Umwälzung LXXXVI

Tagesmail - Freitag, den 13. Juli 2018

Hello, Freunde der Umwälzung LXXXVI,

die Epoche des Guten ist vorbei. Nichts Schlimmeres als das Gute: so tönt es im weiten Rund der Gutenhasser. Moral, der Glaube an das Gute, bringe uns ins Grab.

Müssten Gutenhasser aber nicht noch besser sein als die Guten, wenn sie deren Tun für ungut hielten? Wäre Böses das Gegenteil des Guten, müssten die Bösen die wahren Guten oder die Allerbesten sein. Im Namen des Besten hassen sie das Gute, das für sie das wahre oder entlarvte Böse wäre.

Wenn das bisherige Gute in den Verdacht kommt, das Gegenteil seiner selbst zu sein, wenn das bisherige Böse das bisherige Gute vom Thron stößt: wie nennen wir diesen Vorgang? Einen Epochenwandel.

Eine traditionelle Epoche geht zu Ende, eine neue beginnt. Alles muss auf den Tisch, alles muss neu verhandelt werden. Das kann gefährlich werden, denn bisherige Gemeinsamkeiten der Völker gehen verloren, es kündigen sich neue an, die aber die alten noch nicht ersetzen können.

Zwischen dem Alten, das verloren geht – und dem Neuen, das unsicher und noch nicht vorhanden ist, liegt das Nichts. Nichts heißt Nihil. Den Vorgang der Dekadenz ohne Wiederaufstieg in neue Verbindlichkeiten nannte das 19. Jahrhundert Nihilismus. Wenn die Epoche des traditionellen Guten sich verabschiedet und die gemeinsamen Werte schwinden, steht der Nihilismus vor der Tür.

„Was ist Nihilismus? Dass die obersten Werte sich entwerten. Es fehlt das Ziel, es fehlt die Antwort auf das «Warum».“ „Dass es keine Wahrheit giebt; dass es keine ...

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Umwälzung LXXXV

Tagesmail - Mittwoch, den 11. Juli 2018

Hello, Freunde der Umwälzung LXXXV,

„Die Weltgeschichte geht von Osten nach Westen, denn Europa ist schlechthin das Ende der Weltgeschichte, Amerika der Anfang. Dort ersteigt die innere Sonne des Selbstbewusstseins, die einen höheren Glanz verbreitet, nämlich den Glanz des absolut freien und darum auch kritischen Geistes.“

Hegels Satz ist überwältigend – aber gefälscht. Nicht Amerika ersteigt die innere Sonne des Selbstbewusstseins, sondern Asien. Zeitgenossen, die die Nase in den Wind halten, wenden sich ab von Europa und Amerika. Sie wenden sich ab vom Okzident und halten Ausschau nach dem Orient.

(Wenn der Amerikaner Fukuyama vom Ende der Geschichte schreibt, werden deutsche Augenblicksbeobachter zornig. Wenn der deutsche Hegel vom Ende der Weltgeschichte schreibt, nehmen sie es nicht zur Kenntnis – oder sie preisen es als tiefsinnige Erkenntnis. Tiefsinnige Erkenntnisse werden hierzulande im Museum eingesperrt.)

Die deutsche Sehnsucht nach Hellas währte nicht mal eine Epoche lang. Es war keine Sehnsucht nach einem selbstbewussten Volk, das frei über sich bestimmt. Es war Sehnsucht nach adligen homerischen Helden, denen das tumbe Volk zu gehorchen hat. Die schönen Helden verwandelten sich später in platonische Weise, die dem Volk in der Höhle den Dienst taten, es in Ketten zu halten. Sie taten es ungern, aber sie mussten. Ihre Weisheit verpflichtete sie, einen gerechten Staat zu errichten und das Volk zu seinem Glück zu zwingen.

Das Christentum machte aus Weisheit Erleuchtung, aus Zwangsbeglückung Erlösungszwang, aus staatlicher Gerechtigkeit zufällige Nächstenliebe, die an ...

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Umwälzung LXXXIV

Tagesmail - Montag, den 09. Juli 2018

Hello, Freunde der Umwälzung LXXXIV,

Szene 1: Hallo, Grenze!

Wer da? Wohin des Wegs?

Lass mich passieren. Ich muss hinüber.

Ausweis! Biometrische Gesichtskontrolle! Fingerabdrücke!

Ich bin ein Geldschein und für den Freihandel unterwegs. Wer Wohlstand will, muss mich ziehen lassen, wohin ich will.

Pardon, Sir! Betrachten Sie uns als nicht vorhanden. Wir wünschen gute Geschäfte. Kehren Sie mit Zins und Zinseszins zurück. Von Ihrem Erfolg hängt auch unser Gehalt ab.

Szene 2: Hallo Grenze!

Wer da? Wohin des Wegs?

Ich bin ein Mensch und komme aus einem fernen Land, in dem niemand mehr leben kann.

Ausweis! Biometrische Gesichtskontrolle! Fingerabdrücke!

Sei menschlich. Ich fliehe vor Unterdrückung, Not und Tod. Öffne deine Schranken.

Ach so: Asyltouristen, Wohlstandsflüchtlinge! Zurück nach Österreich. Oder ihr kommt in unsere residenzpflichtigen Zentren.

Es gibt Asyltouristen. Es sind jene Millionenheere deutscher Touristen, die die Welt überfluten, mit Flugzeug- und Autoabgasen die Luft verpesten, dass das Klima der ...

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Umwälzung LXXXIII

Tagesmail - Freitag, den 06. Juli 2018

Hello, Freunde der Umwälzung LXXXIII,

Die Wissenschaft hat festgestellt,
Daß Marmelade Fett enthält.
Drum essen wir auf jeder Reise,
Marmelade eimerweise.

Die deutsche Bundeskanzlerin wird an der Macht bleiben, solange es ihr gefällt. Propheten im Dienste des Staates – oder die Vierte Gewalt – haben in die Zukunft geschaut und den Deutschen eine ewige Kanzlerin prophezeit. In jeder Krise erleben die Deutschen, dass Angela unersetzbar ist. Die Wissenschaft hat diesen Eindruck untermauert und festgestellt, dass Merkels Durchwursteln ein unübertrefflicher Führungsstil ist:

Frey: Der Wirtschaftsnobelpreisträger Herbert Simon hat gezeigt: Das muddling through, also das Durchwurschteln, ist oftmals die einzige Lösung. In Organisationen geht es häufig nicht darum, das Resultat zu maximieren oder zu optimieren, sondern darum, Entscheidungen zu treffen, die alle einigermaßen zufrieden machen. Es geht darum, eine Hürde zu überspringen, ohne zu wissen, wie man die nächste schaffen soll. Merkel versucht beharrlich, Konflikte zu minimieren. Dabei ist ihr Stil stets an Werten orientiert – sowohl Sicherheit als auch Humanität spielen in ihrer Politik eine große Rolle. Und sie sucht nach ganzheitlichen Lösungen, in der sie die verschiedenen europäischen und nationalen Interessen möglichst unter einen Hut bringen will. Für derartig komplexe Probleme gibt es keine einfachen Lösungen, auch wenn Horst Seehofer sich das wünscht. Es kann in einer solchen Situation nicht um ein Entweder-oder gehen, wir brauchen ein Sowohl-als-auch. Und das sieht Merkel sehr klar. Überspitzt gesagt: Sie steht über den Dingen, weil sie die Komplexität kennt. Von außen scheint das manchmal so, als treffe sie keine klaren Entscheidungen.“ (ZEIT.de)

Es scheint nur so, als treffe Merkel keine klaren Entscheidungen. In Wirklichkeit steht sie über den Dingen. Wir unterstellen, dass der EXPERTE kein verdeckter ...

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Umwälzung LXXXII

Tagesmail - Mittwoch, den 04. Juli 2018

Hello, Freunde der Umwälzung LXXXII,

„Wie lange hält der Burgfrieden“?

In ungebrochener Schlüssellochgucker-Tradition stellt Sandra Maischberger ihre Gossip-Show (Gossip = „Geschwätz, Klatsch, Plauderei“) heute Abend unter ein prophetisches Thema. Was wird aus…? Wie lange hält…? Hat … eine Zukunft?

Medien wollen in die Zukunft schauen. Nein, sie wollen als erste in die Zukunft schauen, als erste wissen, was auf die Menschheit zukommt. Wer zuerst weiß, was die Zukunft bringt, wird als erster die Zukunft dominieren, nein, schon die Gegenwart beherrschen.

Ist das kein Widerspruch zur Geschichtsuntertänigkeit der Gegenwart? Nein. Wer zuerst weiß, was auf „uns zukommt“, kann als erster den richtigen Bückling machen. Es ist kein Wettlauf in Selbstgestaltung des Schicksals, sondern um die listigste Übung in Devotheit, die effizienteste Art einer prophylaktischen Rückgratverkrümmung.

Wer zuerst die Befehle und Gesetze der Zukunft kennt, kann schon jetzt die richtigen Weichen stellen, um seine auf Folgsamkeit gedrillten Gefühle – nein, Gefühle sind abgeschafft, sondern sein limbisches System – auf Vordermann zu bringen. Es geht um die wichtigste Tugend der Gegenwart, die in der Öffentlichkeit so gut wie nie angesprochen wird. Es geht um: präemptive Anpassungsgeschmeidigkeit.

Wer kann sich frühzeitig auf die Erfordernisse des unvermeidlich auf uns Zukommenden einstellen? Nicht, um der Geschichte zu widerstehen, sondern um Sieger zu werden in Geschichts-Observanz.

Den Begriff Anpassung finden wir in Wiki, er gehört zu den Zentralbegriffen der ...

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Umwälzung LXXXI

Tagesmail - Montag, den 02. Juli 2018

Hello, Freunde der Umwälzung LXXXI,

was muss in Berlin geschehen sein, dass Anne Will ihren kostbaren Urlaub unterbrechen musste?! Nein, nicht um eines Gesprächs, sondern um des Wartens willen. Das sogenannte Gespräch sollte nur die Wartenzeit abkürzen: das Erwarten des Außerordentlichen. Was war das nochmal?

Wenn binnenländische Politik dramatisch wird, kommt sie ins Warten. Deutsche Sprache ist hinterlistig. Beim Warten wird nichts gewartet, sondern bloß – gewartet. Beim Warten muss man mit Absicht passiv werden, um die Aktivitäten des Extraordinären zu erwarten. Manche sprechen vom Ereignis der Geschichte.

Wenn der Weltgeist durch Berlin schreitet, Limousinen vor dem Kanzleramt vorfahren, gewichtige Gestalten aussteigen, um an wartenden Beobachtern vorbeizudefilieren – richten sie ein bedeutend Wörtchen an die Herumlungernden? eilen sie grußlos an ihnen vorüber? –, sich in den Tiefen des Kanzleramts zu verlieren, um ihren heiligen Wartemodus durch Gespräche zu garnieren, aber keinesfalls zu beenden, wenn, wie gesagt, die Ereignisse sich türmen, als ob gewaltige Stürme riesige Eismassen zu babylonischen Türmen stapeln würden: was wäre dann? Dann hätte der Stillstand der Politik sich in rasendem Warten offenbart.

Politik, die nichts mehr entscheidet, aber den gegenteiligen Eindruck erwecken muss, ist angewiesen auf den gewohnten Fluss der Dinge, gesteuert von mächtigen Hintergrundmännern, die es für eine Beleidigung hielten, als Politiker angesprochen zu werden. (Jogi Löw, begnadeter Fußballtrainer der Deutschen wusste es: er war zuständig für den flow der Dinge, der es diesmal vorzog, andere Nationen zu beflügeln.)

Geschichte wird von gigantischen Elementen bestimmt, die den Status des Automatischen errungen haben – und Männern, die sich für mächtig genug halten, um diese Urelemente der Geschichte zu steuern, obgleich sie die Automatismen ...

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Umwälzung LXXX

Tagesmail - Freitag, den 29. Juni 2018

Hello, Freunde der Umwälzung LXXX,

„Der Deutsche, je knechtischer auf der einen Seite, desto zügelloser ist auf der anderen;   Beschränktheit und Maßlosigkeit, Originalität, ist der Satansengel, der uns mit Fäusten schlägt. Wir Deutschen sind passiv gegen das Bestehende, haben es ertragen. Ist es umgeworfen worden, so sind wir ebenso passiv. Durch andere ist es umgeworfen worden, wir haben es uns nehmen lassen, haben es geschehen lassen.“ (Hegel)

Wer heute kein Originalgenie ist, der ist nichts. Alles muss unbefleckt einer tabula rasa entsprungen sein, sonst ist es Müll der Vergangenheit. Früher empfanden sie: früher war alles besser. Heute denken sie: in Zukunft wird alles besser sein. Wer ein genialer Denker sein will, muss ein jungfräuliches System aus dem Boden stampfen. Wer den Fehler begeht, von anderen gelernt zu haben, ist ein Tropf. Lieber bleiben sie doof, als von andern zu lernen. Im Bereich der Technik spiegelverkehrt: wer hier nicht jeden Fortschrittsschrott der anderen blind übernimmt, wird untergepflügt.

„Ihr deutschen Jakobiner; die deutsche Revolution wird darum nicht milder und sanfter ausfallen, weil die Kantesche Kritik, der Fichtesche Transzendentalidealismus und gar die Naturphilosophie derselben vorausging. Durch diese Doktrinen haben sich revolutionäre Kräfte entwickelt, die nur des Tages harren, wo sie hervorbrechen und die Welt mit Entsetzen und Bewunderung erfüllen können. Lächelt nicht über den Phantasten, der im Reiche der Erscheinungen dieselbe Revolution erwartet, die im Gebiete des Geistes stattgefunden. Der Gedanke geht der Tat voraus, wie der Blitz dem Donner. Der deutsche Donner ist freilich auch ein Deutscher und ist nicht sehr gelenkig und kommt etwas langsam herangerollt; aber kommen wird er, und wenn Ihr es einst krachen hört, wie es noch niemals in der Weltgeschichte gekracht hat, so wißt, der deutsche Donner hat endlich sein Ziel erreicht. Bei diesem Geräusche werden die Adler aus der Luft tot niederfallen, und die Löwen in der fernsten Wüste Afrikas werden die Schwänze einkneifen und sich in ihren königlichen Höhlen verkriechen. Es wird ein Stück aufgeführt werden in Deutschland, wogegen die ...

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