Philosophische Tagesmails

Neubeginns XCVII

Tagesmail - Freitag, den 15. Dezember 2017

Hello, Freunde des Neubeginns XCVII,

„Müsst ihr immer so schlechte Stimmung machen mit diesen Menschenrechten?“

Zitat der gesamten neoliberalen Gegenaufklärungs-Epoche. Formuliert von einem flotten geschäftsführenden SPD-Außenminister, der den Gerechtigkeits-Wahlkampf seines Genossen Schulz nachträglich in Stücke schlägt. Nachträglich, um seinen Genossen, der übers Wasser gegangen war, eben dort zu versenken. Prophylaktisch, um sich seine Lieblingsposition zur Rechten der Mutter frühzeitig zu sichern. Wetten, es wird ihm gelingen?

Gabriel war gefragt worden, warum Deutschland keinen härteren Kurs mit Ländern fährt, in denen Menschenrechte verletzt werden? Das Zitat in voller Länge:

"«Weil wir nicht nur Werte, sondern auch Interessen haben», auch wirtschaftliche, blafft Gabriel in seltener Klarheit zurück – fügt aber hinzu, "andere Länder" würden hinter verschlossenen Türen bereits klagen: «Müsst ihr unbedingt immer so schlechte Stimmung machen mit diesen Menschenrechten?»" (SPIEGEL.de)

Die BILD-Version des Zitates:

Was mich total nervt an der deutschen Debatte, ist, dass wir immer mit dem hohen Ton der moralischen Werte kommen und verschweigen, dass wir Interessen haben. Und das Interesse lautet: Wir wollen zu manchen Ländern Wirtschaftsbeziehungen haben.Was sind wir für ein glückliches Land! Relativ geringe Arbeitslosigkeit, steigende Renten, steigende Löhne, Haushaltsüberschüsse, und unsere größte Sorge ist, ob die Kabarettisten genügend Stoff haben für das nächste Jahr.“ (BILD.de)

Deutschland, so Gabriel rückblickend, habe nicht über Gerechtigkeit nachgedacht, sondern über Stabilität. Demnach müsste Gerechtigkeit so viel wie ...

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Neubeginn XCVI

Tagesmail - Mittwoch, den 13. Dezember 2017

Hello, Freunde des Neubeginns XCVI,

es geht uns so unfasslich gut“ (Astrid Frohloff, ARD).

Und weil es uns so unfasslich gut geht, verglüht deutsche Politik im Wärmetod der Vollendung. Koko oder Kiki, monogam oder polyamor: der Liebesreigen der Parteien kennt nur noch ein Thema: Sex mit der Ex?

Eines Morgens erwachten die Feinde der Utopie und fanden sich mitten im Paradies. Politik? Überflüssig. Was genial ist, das ist deutsch und was deutsch ist, das ist vollendet. Allet juut in Berlin. Er liebt sie, er liebt sie nicht, sie liebt ihn, sie liebt ihn nicht … Kokett Nein sagen, tändelnd die kalte Schulter zeigen, die roten Linien dürfen nicht zu schnell ins Allerheiligste führen. Vorlust muss retardierend zelebriert werden. Die Freuden der Kohabitation kommen früh genug.

Im Überfluss droht Langeweile. Vorsicht, die Amerikaner in Abwärtsspirale könnten auf das deutsche Schlaraffenland (Land der schlafenden Affen) neidisch werden. Parbleu, sie sind es schon geworden. Der Präsident gibt der Kanzlerin der Bösen nicht einmal mehr die Hand. Oh weh, wer soll die Raketen abschießen, wenn der nordkoreanische Diktator sich Europa einverleiben will, um sein geliebtes schwyzerisches Eliten-Internat heimzuholen?

Endlich dürfen deutsche Politiker zeigen, was sie von ihrem Job halten. Sie fühlen sich überflüssig. Wesentliches gibt es nicht mehr zu tun. Nur noch klammheimlich die Diäten erhöhen, danach die Standardrituale.

Politik läuft auf Automatik. Silicon Valley schickt bereits seine Emissäre gen Neugermanien, um das Vollendete in Algorithmen zu fassen. Probleme gibt es nur im Ästhetischen: wie die Physiognomien der Protagonisten erfassen, damit ihre ...

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Neubeginn XCV

Tagesmail - Montag, den 11. Dezember 2017

Hello, Freunde des Neubeginns XCV,

Religion von West bis Ost. Amerika, Russland, die islamischen Staaten, Israel, osteuropäische Länder, Deutschland stets auf leisen Sohlen hinterher: wir erleben die Wiederkehr der in Macht und Herrlichkeit auferstandenen Männerreligion.

Das halbe Jahrhundert der Nachkriegszeit war eine Epoche der Neu-Aufklärung, ein Lernen aus ungeheuren Fehlern messianischer Endzeitorgien, eine Zusammenarbeit der Völker im Namen der UN-Menschenrechte.

Wie der Aufklärung die vernunftfeindliche Epoche der Romantik folgte, so folgt der Neu-Aufklärung, die an die völkerverbindende Macht der Vernunft glaubte, die jetzige Abkehr von aller menschenfreundlichen Politik. Grenzen werden hochgezogen, Mauern spalten die Kontinente, schreckliche Kriege werden angedroht, Hunger und Elend vernichten unzählige Menschen, die Kluft zwischen Profiteuren und Verlierern wächst ins Unbegrenzte.

Der Planet militarisiert sich, die Nationen starren vor Waffen, mit denen sie die Erde zerstören können, die sündige Natur wird zerstückelt, die Welt in Gute und Böse, Starke und Schwache, Gläubige und Heiden gespalten.

Die Geschichte befindet sich in Händen eines Gottes, dessen Ziele durch auserwählte Nationen mit Macht und Wirtschaft, Feuer und Schwert realisiert werden müssen. Der Endsieg der Geschichte gehört den Lieblingen eines Gottes, der seine  leider nicht sehr gute  Schöpfung vernichten und mit den Seinen in ewiger Seligkeit leben will.

Deutschland war die führende Macht der Gegenaufklärung. Nicht Kant war Fortsetzer Luthers, sondern der protestantische Theologe Johann Georg Hamann. Hamann war ein Gegner allen rationalen Denkens und ein Gegner der ...

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Neubeginn XCIV

Tagesmail - Freitag, den 26. April 2013

Hello, Freunde des Neubeginns XCIV,

Wir müssen raus ins Leben; da, wo es laut ist; da, wo es brodelt; da wo es manchmal riecht, gelegentlich auch stinkt. Wir müssen dahin, wo es anstrengend ist. Weil nur da, wo es anstrengend ist, da ist das Leben.“

Draußen ist das Leben, drinnen der Tod. Draußen stinkts und krachts. Drinnen – im Totenreich – wehen elysische Düfte. Die Lebenden müssen sich anstrengen, die Toten liegen faul in ihren Eichensärgen. Gelegentlich müssen die Toten ins Reich des Lebens, um für Ordnung unter den Horden zu sorgen.

Von wem ist das Manifest der Toten? Auch Christen und Edelschreiber befinden sich außerhalb des Lebens und müssen sich e-i-n-m-i-s-c-h-e-n – oder auch nicht. Es war ein Edelgenosse mit einem Engelsnamen, prädestiniert für eine angelologische Kanzlerin.

Parteien sind wie klerikale und mediale Raumschiffe. Ab und an müssen sie sich daran erinnern, dass sie bereits tot sind und hinaus ins Leben müssen, um sich einzubilden, ihr Totenreich sei das wahre Leben. Doch hat sie jemand eingeladen? Stoff für große Opern. Don Giovanni, das blanke Leben, hat die tote Statue, Symbolfigur der Politik, zum Essen eingeladen. Das wird dem Leichtsinnigen das Leben kosten. Leichenhafte Machtträger lassen nicht mit sich spaßen:

„Die Kälte der Hand, die ihm der Komtur reicht, lässt Giovanni aufschreien, und er wird aufgefordert, zu bereuen und sein Leben zu ändern. Don Giovanni lehnt dies ab, die Statue meint nun, seine Zeit sei abgelaufen und geht ab. Flammen umschließen Don Giovanni, der meint, seine Seele zerreiße; unterirdische Chöre rufen, angesichts seiner Sünden sei dies wenig, und Leporello zeigt sich äußerst ...

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Neubeginn XCIII

Tagesmail - Mittwoch, den 06. Dezember 2017

Hello, Freunde des Neubeginns XCIII,

"Die Welt", schreibt SPIEGEL-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer, "ist nicht mehr die, die wir kannten."

Das ist der endgültige Abgesang auf den Versuch, standhaft für Demokratie einzutreten. Aust, Broder, Brinkbäumer: die Medienmatadore der Nation verstehen die Welt nicht mehr. Sie kapitulieren vor der Gegenwart, flüchten in Verklärung der Vergangenheit und fühlen sich als Erwählte der deutschen Geschichte, die die kommenden Generationen nur bemitleiden können. Viel Empathie im Grabenkampf der Generationen.

Aust: Wir sind, das kann man vielleicht in diesem fortgeschrittenen Alter schon sagen, wahrscheinlich die glücklichste Generation, die es in Deutschland jemals gegeben hat. Im Frieden gezeugt, im Frieden geboren. Dann haben wir den wirtschaftlichen und politischen Aufstieg dieses Landes miterlebt, das ist schon ein ziemliches Privileg.“ (WELT.de)

Was jetzt geschieht, ist nichts Überraschendes, sondern das Erbe einer Vergangenheit, die den „Firnis der Zivilisation“ demontiert und der Gegenwart vor die Füße erbricht. Der Firnis war die Über-Ich-Kontrolle dessen, was nicht vereinbar schien mit dem weltweiten moralischen Aufbruch der Nachkriegszeit.

Das Ich kann nur mündig werden, wenn es kein Über-Ich mehr benötigt, um die „Dämonen des Unbewussten“ an die Kette zu legen. Es ist ein epochaler Fortschritt, wenn Menschen ihre autoritär-verinnerlichte Selbstkontrolle abwerfen und sich geben, wie sie sind. Gleichwohl kann es hoch gefährlich werden, wenn der innere Kerker seine bisherigen Gefangenen entlässt, welche Freiheit mit gesetzloser Anarchie verwechseln.

Doch da müssen wir durch. Es ist die Begegnung mit uns selbst. Mit uns, die wir nur sehen wollten, wie wir sein sollten, aber nicht, wie wir wirklich sind. Der Weg ins ...

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Neubeginn XCII

Tagesmail - Montag, den 04. Dezember 2017

Hello, Freunde des Neubeginns XCII,

stellt euch nicht so an, ihr Deutschen. Europa braucht eine starke Führungsmacht – und keine Demokratie, die zur Regierungsbildung unfähig ist;

stellt euch nicht so an, ihr Deutschen, andere Länder haben auch schon Minderheitenregierungen gehabt und Zeit benötigt, um sich zusammenzuraufen. Dennoch haben sie ihre Hausaufgaben erledigt

sprach Viviane Reding aus Luxemburg, ehemalige Vizepräsidentin der EU-Kommission, bei Anne Will. Es war nur ein absoluter Widerspruch. Nichts Relevantes für ein öffentlich-rechtliches TV-Palaver.

Europäische Machteliten sind nur am reibungslosen Erhalt ihrer Politik interessiert, die von der deutschen Kanzlerin exemplarisch repräsentiert wird. Würde Merkel auf nationaler Ebene schwächeln, wäre dies zugleich eine Misstrauenserklärung an die gesamte europäische Politik.

Warum Merkel innenpolitisch abschirrt, das wollte ihre Gesinnungsgenossin Reding partout nicht wissen. Im ewigen Kampf der Nationen und Kontinente muss Europa wettbewerbsfähig bleiben. Sonst wird es abgehängt. Die Vormacht Amerikas ist bereits dahin und seine europäischen Musterschüler, eben noch Vorbilder an übernationaler Zusammenarbeit, folgen flugs der Selbstdestruktion ihres bisherigen Rudelführers.

Erneut wurde bei Anne Will nur über Merkel schwadroniert. Nicht über die Nation, die Merkel zu ihrem politischen Symbol erwählt hat. Als ob ein Mensch den Charakter eines ganzen Volkes prägen könnte, nicht das Volk seine Symbolfiguren aus dem Inneren seiner Befindlichkeit gebären würde.

Wer macht Geschichte? Große Männer – oder Frauen, die große Männer imitieren. Über Ursachen der vermeintlichen Krise der Herzenskönigin sprach fast ...

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Neubeginn XCI

Tagesmail - Freitag, den 01. Dezember 2017

Hello, Freunde des Neubeginns XCI,

Gespräche in Bellevue? Es gibt keine Gespräche in Bellevue. Demokratische Gespräche sind öffentlich. Sind sie es nicht, handelt es sich um geheime Vorgänge – mit öffentlichem Blendwerk. Ungeprüft übernimmt die Presse die Nomenklatur derer, die sie kritisch zu kommentieren hätte.

Geheime Vorgänge, zum Ritual geworden, gehören zur Disziplin des Heiligen. Das Heilige, das Allerheiligste, sind Zentren einer Religion, die die Welt in zwei Teile spalten: in das Weltliche oder Profane, dem täglichen Revier der Massen – und dem abgeriegelten Ort, wo Gott wohnt, zugänglich nur für wenige männliche Stellvertreter.

Hinter ausgezehrten demokratischen Fassaden hat sich die BRD zur Hierokratie entwickelt, in der Politiker und Priester, ordinäre Welt und heilige Überwelt zur Einheit verschmolzen.

Das hat sich schon lange abgezeichnet. Ihre politischen Feste feiern sie wie Gottesdienste, sie schreiten wie Priester, ihre getragenen Ansprachen gleichen Kanzelreden, Beginn und Ende ihrer Amtsperioden werden von ökumenischen Gottesdiensten umrahmt. Ohne klerikale Magie können herausragende Ereignisse nicht zelebriert werden. Die profane Welt ist fest im Griff des Heiligen.

Politische Feste auf Marktplätzen, voller Lebensfreude und Stolz auf das gemeinsam erkämpfte Demokratische und Humane, sucht man vergebens. Mündigkeit, Würde, Autonomie des Menschen: nichts davon darf der demokratische Mensch ausgelassen feiern. Wenn ihm Gutes widerfährt, hat er sich bei höheren Mächten zu bedanken, wenn Schlechtes, muss er seine Sünden vor Altären bereuen und sich ...

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Neubeginn XC

Tagesmail - Mittwoch, den 29. November 2017

Hello, Freunde des Neubeginns XC,

„zuhause brennt die Hütte“ (BILD) – und die geschäftsführende Mutter der Nation treibt sich in der Welt herum, tut, als wolle sie Probleme lösen, die – nach eigener Rede – gar nicht lösbar sind.

Der Mensch an sich ist schlecht, der weiße Mensch aber tüchtig, um den Folgen der Schlechtigkeit gewitzt zu entgehen und in Saus und Braus zu leben, während andere minderglückliche Völker – leider, leider – das Schlamassel des homo sapiens ausbaden müssen.

Glück, ihr Völker, ist mit den Tüchtigen, besagt ein deutsches Sprichwort. Und deutsche Sprichwörter irren selten. Doch Johannes Baptist (der Getaufte) Kerner lässt Muttern nicht im Regen stehen, schaut dem Elend unverwandt ins Auge und bewirkt Wunder vor Ort: für einen Almosen pro Tag. (BILD)

„Diese Armut hier ist nur schwer vorstellbar“, sagt Johannes B. Kerner (51), Moderator der großen TV-Gala „Ein Herz für Kinder“. Er kann kaum glauben, was er sieht – zum Beispiel in Gamkalle, einem Elendsviertel von Niamey, wo sich 150 Familien Hütten gebaut haben – aus Plastikplanen von der nahen Müllkippe, zerlöcherten Bambusmatten oder einfach ein paar verdorrten Zweigen. Sie schützen weder vor der mörderischen Hitze (45 Grad im Schatten), noch vor dem Regen, der – wenn er denn kommt – sintflutartig ist.“ Kerner ist „sichtlich geschockt. Es ist ein Teufelskreis.“

BILD fasst zusammen: „So ist das in Niger. Du lebst in der Hölle und dann gerätst du auch noch an den Teufel.“ (BILD.de)

So ist das in der Welt. Generell lebst du in der Hölle, triffst den Gottseibeiuns und seine Teufelskreise, doch wenn du Glück hast und Deutscher bist, lebst du im Garten Eden. Jammere also nicht rum, wenn du siehst, dass es anderen weitaus schlechter geht. Greife zum Scherflein – und rette die Welt, denn die Politik, die sündige und ...

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