Philosophische Tagesmails

Umwälzung LI

Tagesmail - Montag, den 23. April 2018

Hello, Freunde der Umwälzung LI,

„kein Verständnis“: WELT-Chefredakteur Poschardt ließ bei Anne Will seinen BILD-Kollegen Reichelt nicht vermissen – der bei Plasberg die stolze deutsche Verstehenskultur seit Herder versenkt hatte. Niemand widersprach, die unfähige Moderatorin überhörte den Imperativ (was nach Philosophie riecht, wird im öffentlich-rechtlichen TV mit strenger Miene ausgesondert) und also ergab sich das Bild, dass eine Talk-Show zusammentrat, um über ein Thema zu sprechen, das sie nicht verstehen wollte.

Undeutsche Frage: kann man etwas debattieren, das man nicht verstanden hat? Man stelle sich eine Talkshow über Facebook vor mit Teilnehmern, die nicht mal ein Smartphone besitzen.

Sag mir, mit welchen Methoden du ein Thema malträtierst – und ich sage dir, wie lästig es für dich ist. Ach, es ging ja nur um Antisemitismus, ein Problem, das von deutschen Führungsklassen von aller Verstehenspflicht befreit und zum erkenntnislosen Ritual degradiert wurde. Je mehr die Gefahr des Antisemitismus um sich greift, je verständnisloser werden die Meinungsmatadore der Gesellschaft, die ihre Vergangenheit bearbeitet haben wollen – obgleich sie ihnen aus allen Poren dringt.

Wird ein auf den Nägeln brennendes Problem nicht adäquat durch Verstehen und Erklären gelöst, bleibt nur der exekutive Hammer. Kauder forderte umfassende Meldepflicht nach oben – und dann, Volker Kauder?

Seine Parteifreunde fordern Abschiebung der Übeltäter. Abschieben aller gläubigen Christen, in deren Neuem Testament Judenhass als Teil der Frohen Botschaft gepredigt wird? Dann wäre Deutschland christen- und nicht judenfrei. Eine erfrischende Perspektive. Wir hätten viele Arbeitsplätze und freie Wohnungen für Abermillionen Flüchtlinge.

Wird ein Problem nicht verstanden, bleiben nur Haudrauf-Maßnahmen. Warum wurde der gemobbte jüdische Schüler aus der Schule genommen – und nicht ...

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Umwälzung L

Tagesmail - Freitag, den 20. April 2018

Hello, Freunde der Umwälzung L,

„wenn du uns blöd kommst, kriegst du auf die Fresse.“

Der Trump-Express nimmt Fahrt auf. Nicht nur Null-Toleranz-Giuliani schließt sich Trumps rasend wechselndem, sich jeden Tag neu erfindenden, winning team an. Er soll bereits beliebter sein als sein Vorgänger, behauptet wenigstens ein Institut. Sollte er seinen geistesverwandten nordkoreanischen Coworker demnächst bezähmen, wird er Mühe haben, den Friedensnobelpreis abzulehnen – mit der Begründung, externe Moralbelobigungen seien unter seiner Würde. Was Bob Dylan kann, könne er schon lange. Ohnehin lasse er sich nur von Amerikanern huldigen. Auch was Ehrungen betrifft, halte er es mit seinem Motto: Amerika zuerst – dann lang lang nichts.

Auch die Deutschen werden allmählich ihrer gottesfürchtigen Gouvernante – die ihren Dreck-am-Stecken durch Nullsprache und Demuts-Gesicht zu verbergen weiß – überdrüssig und schauen sich bereits um nach beleidigungsfähigen, rauflustigen He-Männern wie Jens Spahn. Nein, der kinderlieder-singenden Ex-Ministrantin Andrea Nahles trauen sie die Umsetzung ihrer Gossensprüche („ab morgen gibt’s in die Fresse“) nicht zu. Sie schwitzt zu sehr beim Randalieren.

Die beginnende Epoche der Weltgeschichte wird nicht nach Google und Facebook benannt, sondern nach – Donald Trump mit den wehenden Goldhaaren. Dann wird wahr, was der junge Donald schon immer erträumte:

„Der Junge stand auf einmal da in aller Herrlichkeit, und die Goldflocken fielen ihm um das Haupt, und er glänzte wie die Sonne. Da erkannte der König gleich seinen Retter, fiel vor ihm nieder und sprach: »Verzeihung!« Der Junge hob ihn auf, und nun ...

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Umwälzung XLIX

Tagesmail - Mittwoch, den 18. April 2018

Hello, Freunde der Umwälzung XLIX,

„Wir sollten nicht in Staaten und Bevölkerungen getrennt leben, die je ihr besonderes Recht haben, sondern glauben, dass alle Menschen unsere Volksgenossen und Mitbürger seien; es sollte nur eine Lebensform und eine Staatsordnung geben, gleichwie eine zusammenweidende Herde nach gemeinsamem Gesetz aufgezogen wird.“ (Stoiker Zenon)

Der Gott, der diesen Staat zusammenhält, in dem man vergeblich nach Tempel und Götteraltären sucht, ist die Liebe (Eros). Liebe erzieht die Menschen zur Rechtschaffenheit. Geld und Gerichtshöfe werden überflüssig. Der Krieg ist überwunden, die Epoche des ewigen Friedens bricht an. Wie Kyniker Diogenes – der in der Tonne – war auch Zenon von der Nutzlosigkeit der Waffen überzeugt.

Zenons Schüler Chrysipp fordert mit großer Schärfe den EINEN natürlichen Menschheitsstaat, den er den vielen voneinander getrennten und einander bekriegenden Einzelstaaten entgegensetzt. Sie verdanken ihr Entstehen der Unverträglichkeit und dem gegenseitigen Misstrauen der Menschen, der Hab- und Machtgier, die sich den Gesetzen der Natur widersetzt. Der Zersplitterung der Menschheit in Einzelstaaten mit unterschiedlichen Verfassungen und Sitten steht das eine allumfassende Naturgesetz gegenüber, das selbst in der Tierwelt als Liebe zum Nachwuchs in Erscheinung tritt. Die Menschen fordert es zur Liebe zur Menschheit auf – über alle Schranken und Rassen hinweg, „sodass der Mensch dem Menschen, allein, dadurch, dass er Mensch ist, nicht fremd erscheint.“ So führt die Natur die Menschheit zu einer einheitlichen Gemeinschaft, in der gegenseitige Liebe herrscht. Hier gibt es keinen Raum für Sklaverei und Krieg.

Die Liebe der Griechen zum Frieden beginnt nicht erst nach dem Ende der Polis im hellenistischen Weltreich Alexanders des Großen. Schon in den „mythischen“ Anfängen setzt der Bauerndichter Hesiod dem adligen Kriegsethos Homers die ...

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Umwälzung XLVIII

Tagesmail - Montag, den 16. April 2018

Hello, Freunde der Umwälzung XLVIII,

willst du Frieden, dann bereite dich vor auf den Frieden.

Wenn du Frieden willst, warum erträgst du ihn nicht?

Wenn du Frieden willst, frag dich, warum er in Gefahr ist.

Willst du Frieden, überleg dir, warum du ihn gefährdet hast.

Wenn du Frieden willst, warum denkst du unfriedlich?

Wenn du glaubst, deine Feinde zu lieben: warum hast du dir Feinde geschaffen? Brauchst du Feinde, um sie als böse Menschen zu diffamieren und dich als Inbegriff des Guten anzubeten?

Willst du Frieden, dann wolle nicht nur. Sondern tue.

Willst du Frieden, dann sag es allen, die es hören oder nicht hören wollen.

Du schämst dich, das Wort Frieden in die Welt zu schreien? Schäm dich, dass du dich schämst.

Frieden? Wie peinlich. Moral? Wie weibisch, wie rückwärtsgewandt. Da ist kein Pep, kein Vorwärtskommen, keine Zukunft. Wer Risiko will, muss das Äußerste wagen.

Krieg ist Genie, brillantes Risiko. Fortschritt ist Vernichten des Alten. Das Neue ist fruchtbare Zerstörung, Kampf um Sein oder Nichtsein. Frieden ist das Unbewegliche und Unkreative, das Verrottete und Hinfällige: das Alte, das auf den Schrotthaufen der Geschichte gehört.

Wer Frieden will, muss reden, streiten, sich auseinandersetzen. Wer streiten will, muss den anderen verstehen. Wer den anderen verstehen will, muss sich ...

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Umwälzung XLVII

Tagesmail - Freitag, den 13. April 2018

Hello, Freunde der Umwälzung XLVII,

gelegentlich und unvorhersehbar ereignet sich Wunderbares in Berlin: Merkel greift ein. In die Politik. Unglaublich.

Aber das wäre doch nicht nötig gewesen, Frau Bundeskanzlerin.

Es geht doch nur um Krieg und Frieden in der Welt. Nichts von Belang für Ihre momentane Agenda. Keine Digitalisierung, keine Bruttoinlandswirtschaftsexportsiegesmeldungen. Ohnehin hat Ihre Lieblingsgazette Entspannung signalisiert. Es war die ZDF-Moderatorin, die kriegstreibende Spannung für ihre Quote benötigte:

„Das große Bangemachen nach Trumps Raketen-Rhetorik gilt inzwischen nicht mehr, aber die Talkmasterin will die Spannung trotzdem hochhalten: „Könnte eine direkte Konfrontation zwischen Russland und den USA außer Kontrolle geraten?“ (BILD.de)

Wir sind abgehärtete Abendlandsuntergangsvoyeure geworden. Katastrophen? Her damit. Apokalypsen? Immerzu. Ein psychologischer Thanatos-Experte:

„Untersuchungen haben ergeben, dass der Mensch den Kick sucht. Je öder der Frieden, je risikoreicher und gefährlicher das Wagnis, das Abenteuer, das Vabanquespiel, das der verantwortungsbewusste Mann suchen muss. Frauen sind für solche Herausforderungen weniger geeignet.“

Der Friede Gottes, welcher höher ist denn alle Vernunft – ist weder Friede, noch Vernunft:

„Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Denn ich bin gekommen, den Menschen zu entzweien mit seinem Vater und die Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter. Und des ...

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Umwälzung XLVI

Tagesmail - Mittwoch, den 11. April 2018

Hello, Freunde der Umwälzung XLVI,

„Adel ist auch in der sittlichen Welt. Gemeine Naturen
Zahlen mit Dem, was sie thun, edle mit Dem, was sie sind.“ (Schiller)

Schiller wäre stolz auf seine adligen Deutschen, wenn er heute auferstehen würde. Die Edlen verachten die Gemeinen, die es nötig haben, ihren zweifelhaften Charakter mit guten Taten aufzupäppeln. Sie sind, was sie sind, das muss genügen. Sich beweisen durch moralisches Handeln: welch ein völkischer Verfall. Wem abendländisches Erbe und Brillanz der Herkunft fehlen, bei dem ist Hopfen und Malz verloren. Mangelhaftes Sein kann durch allerbestes Sollen nicht ausgeglichen werden. Moral ist für diejenigen, die es nötig haben. Freiheit von Moral kennzeichnet den freien tüchtigen Mann. Wer wird sich denn unterjochen lassen von Imperativen der Vernunft?

Glauben ist religiöser Adel. Wer den rechten Glauben hat, benötigt keine Werke mehr. Deutschland besitzt den rechten Glauben, auf Tugenden kann es verzichten. Für die Erwählten sind Tugenden goldene Laster. Luther hat seine Deutschen wahrhaft infiltriert. Sie sind geprägt durch Rechtfertigung sola fide, solo verbo, sola scriptura: allein durch illusionäres Fürwahrhalten, durch hohle Phrasen, durch beliebig verfälschbare Buchstaben.

„Wenn du nun aus lauter guten Werken beständest bis auf die Fersen, so wärst du trotzdem nicht rechtschaffen“. (Doktor Martin Luther, der ursprünglich Martinus Luder hieß.)

Der Katholizismus benutzte Moral als Währung, um sich im Himmel einzukaufen; das Luthertum verfemte Moral als heidnisches Laster. 500 Jahre Lutherei hat das Land der Mitte bis ins Mark infiltriert: noch die Nachkriegs-Republik, die die Antwort der Deutschen auf ihr VERBRECHEN sein sollte, ist moralisch verludert. Sie ...

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Umwälzung XLV

Tagesmail - Montag, den 09. April 2018

Hello, Freunde der Umwälzung XLV,

ereignet sich ein spektakuläres Verbrechen in der BRD, haben Medien Hochkonjunktur: TV-Berichte triefen von „Unfassbarkeit“, „Brennpunkte“ wiederholen das Berichtete in unterdrücktem Behagen, den Todes- und Tötungstrieb en Detail zu beschreiben, Putin und Trump kondolieren, Gottesdienste werden zum staatlichen Ereignis und Politiker formulieren Sätze, die das Triviale zur Offenbarung machen: absolute Sicherheit gebe es nicht.

Unendliche Verbrechen geschehen täglich auf Erden – aber im behüteten idyllischen Deutschland bleiben sie unfassbar. Ein wahrhaft sittliches Volk kann mit Schlechtem und Bösen nicht vertraut sein. Sein Urvertrauen in die Welt bricht zusammen, wenn wieder einmal das Unfassbare geschieht.

Dabei rühmen sich die Eliten des Volkes, den Kitzel der Unmoral als ästhetisches Vergnügen zu degoutieren. Wäre der Täter von Münster ein Künstler gewesen, der sein mörderisches Delikt als Performance im Modus realer Fiktion angekündigt hätte: wie sehr hätten sie sich das Geseire vom „Bösen, das uns nicht besiegen darf“ verbeten. Das Böse, dieser Satz steht für sie fest, ist stets das Langweilige und Alltägliche, das man lässt. Wie ernst muss man ein solches Volk nehmen, das selbst einmal zuständig war für das Allerböseste der Welt, wenn es das Böse als unfassbar von sich weg weist?

Geschieht das Schreckliche bei anderen, die sie als Feinde auserkoren haben, wissen sie genau, dass es das Infame sein muss.

A: Hör mal, mein Freund, du bist doch für Ökologie?

B: Was für eine Frage!

A: Warum fliegst du dann ständig in der Weltgeschichte herum und verstößt ...

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Umwälzung XLIV

Tagesmail - Freitag, den 06. April 2018

Hello, Freunde der Umwälzung XLIV,

fast alle TV-Berichte über die Friedensmärsche an Ostern glichen Nachrufen am offenen Grab: vor 60 Jahren, da begann dieses merkwürdige Phänomen, seitdem schmolz die Zahl der TeilnehmerInnen von Jahr zu Jahr. Dann einige Nahaufnahmen wackerer Altrecken mit immer den gleichen Träumer-Plattitüden – das war‘s. Die subkutane Botschaft an das Publikum: Kann man vergessen.

The american dream hingegen galt bis kurz vor Trump noch als Inbegriff einer neuen Welt. Martin Luther Kings Donnerrede: Ich habe einen Traum, galt als Vision einer besseren Menschheit. Merke: Träumen dürfen nur andere. Zu Hause wird geschafft.

An den Pranger stellen bedeutete ursprünglich: jemanden öffentlich vorführen. Bei Plasberg wurde vor kurzem ein Mensch an den Pranger gestellt, entblößt und inquisitiert (inquisitio = Untersuchung). Nicht irgendein Mensch, sondern ein anonymes, in der Öffentlichkeit unsichtbares Wesen, von dem man rätseln konnte: gibt es das überhaupt – oder ist es ein Phantom, die Erfindung linker Revoluzzer? Es war nicht irgendein armes Wesen: es war – eine Hartz4-Existenz.

„Außer Ihnen“, erklärte der Moderator, „sitzt hier niemand, der mit dem Groschen rechnen muss. Können Sie beweisen, dass Sie mit der staatlich gewährten STÜTZE (obligates Ekelwort, um weitere STÜTZEN-Parasiten abzuschrecken) tatsächlich nicht über die Runden kommen? Ach, es geht nur um besondere Ausgaben? Seit wann ist STÜTZE für besondere Ausgaben zuständig?“

Zugleich wurde eine komplementäre Ausgabe dieser merkwürdigen Hartz4-Spezies in den Medien herumgereicht: Eine Mutter mit Kindern, die – unglaublich, aber wahr – pro Monat einiges zurücklegen konnte, um sich den unfasslichen Luxus eines Urlaubs zu leisten.

Subkutane Botschaft: Minister Spahn, der neue Ritter ohne Furcht und Tadel, hatte Recht. Die Armen im Lande sind mehr als gut bedient. Ja, sie werden „von unseren schwer erwirtschafteten Steuergeldern“ geradezu verwöhnt. Wer ...

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