Philosophische Tagesmails

Von vorne XC

Tagesmail - Mittwoch, den 20. November 2019

Von vorne XC,

Faschismus, Totalitarismus: Begriffe, die heute nichts mehr sagen – obgleich wir auf faschistische und totalitäre Zustände in verschärftem Tempo zusteuern.

Alles, was nicht demokratisch ist, ist totalitär oder faschistisch. Das Nichtdemokratische ist das Gemeinsame der beiden Begriffe. Was sie unterscheidet, ist die Intensität, das Ausmaß ihrer Demokratieverachtung. Totalitarismus ist die bislang gefährlichste und erbarmungsloseste Form der Feindschaft gegen den selbstbestimmten Menschen.

Diktatoren und Despoten unterscheiden sich von Faschisten und Totalitären dadurch, dass sie über keine staatliche Botschaft verfügen, mit denen sie ihre unterdrückten Völker beglücken wollen. Sie wüten, schikanieren und peinigen ihre Untertanen aus keinem andern Grund als: weil sie es können. Weil sie die Macht dazu haben. Weil es ihren deformierten Seelen Spaß macht, Unschuldige und Schwache zappeln und leiden zu sehen.

Sie sind vernarrt in ihre unvergleichliche Großartigkeit, mit der sie sich vom Rest der Menschheit unterscheiden.

Faschisten – um uns zumeist auf diesen Begriff zu beschränken – fühlen sich noch grandioser. Sie fühlen sich gottähnlich. Ihre Gewaltmaßnahmen erfanden sie nicht um der Gewalt willen, sondern um ihr Volk zum moralischsten und glücklichsten der Welt zu machen.

Faschismus ist Beglückungszwang mit totalen Mitteln, weshalb man ihn auch totalitär nennen kann.

Platon war nicht der erste, der ein totalitäres System erfand. Er war aber der erste auf europäischem Boden, der mit ausgefeilten Begründungen einen philosophischen Urfaschismus entwarf.

Trotz großer Bemühungen bei Dionysius I., einem Tyrannen im süditalienischen Syrakus, hatte er keinerlei Erfolge als politischer Praktiker. Die „Politeia“, sein idealer Staat, blieb Theorie. Ebenso seine „Gesetze“, der „zweitbeste Staat“, den er als ...

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Von vorne LXXXIX

Tagesmail - Montag, den 18. November 2019

Von vorne LXXXIX,

in Deutschland gibt es keine sinnvollen Debatten. Schon gar nicht über Antisemitismus. Debatten, die lange genug andauern und so intensiv geführt werden, bis die wichtigsten Aspekte des Problems auf dem Tisch liegen. Ideal wäre, wenn die streitenden Parteien bekennen würden, die Andersdenkenden verstanden, ja, sich einander angenähert zu haben.

Verstehen ist nicht billigen, aber die Voraussetzung, den anderen nicht zu hassen, sondern zu begreifen, warum er ist, wie er ist. Ohne Begreifen keine Annäherung der Standpunkte, ohne Verständigung keine lebenswerte Polis.

Ein demokratischer Dialog ist kein Streit um des Streites willen, sondern ein Hilfsmittel des Tieres, das sprechen kann, um Differenzen in der Gemeinschaft zu klären, Spaltungen zu verhindern und das Gefühl der Zusammengehörigkeit zu verstärken.

Erste Gemeinschaft aller Geborenen ist die Kleinfamilie, die sich zur Großfamilie oder Sippe ausweitet, allmählich in eine Polis mündet – die sich zur Kosmo-Polis ausdehnen kann, wenn die Menschheit nicht feindlich, sondern als globale Sippe empfunden werden kann.

Ob die Ethik der Sippe (jeder ist für jeden da) zur Ethik der Polis werden kann, ist das Problem der Demokratie, die nur zustande kommt, wenn sich keine Oberschichten oder Despoten anmaßen, das Kümmern auf gleicher Augenhöhe durch einseitige Herrschaft zu ersetzen.

Als vor Jahrzehnten das Gefühl der Völker aufkam, zu einem Weltdorf zusammenzuwachsen, schien zum ersten Mal in der Geschichte die Verwirklichung einer Kosmopolis möglich. Kaum aber sah man die Umrisse dieser bislang für ...

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Von vorne LXXXVIII

Tagesmail - Freitag, den 15. November 2019

Von vorne LXXXVIII,

Eine menschenfreundliche Utopie ist die erste Überlebenspflicht.  

Pflicht ist nicht das Gegenteil von Recht, sondern die Aufforderung, das Rechte in freier Selbstbestimmung zu vollbringen.

Nur eine geläuterte Menschheit kann die Probleme ihres Überlebens lösen.

Läuterung ist die Bearbeitung und Korrektur aller menschenfeindlichen Bestandteile der Gattungsgeschichte.

Es muss ausgeschlossen werden, dass nur Wenige die Klimakatastrophe per Macht, List oder Zufall an jenen Orten überleben, an denen der Mensch zukünftig noch leben kann.

Die Realisierung der Utopie kann keine gewalttätige Revolution sein, die unzähligen Menschen das Leben kosten könnte.

Sie muss eine Revolution des Herzens und der Vernunft sein, die den Eindruck widerlegt, der Mensch sei eine Missgeburt der Evolution.

Ein gelungenes Leben ist ein Leben, an dessen Ende der Mensch befriedet und ohne Angst vor dem Tode Abschied nehmen kann.

Gewaltfreie Revolution muss ein Abschied sein von jeder Feindschaft gegen Natur, eine Hinwendung zur Übereinstimmung mit Mensch und Kosmos.

Da sich die Gefahren drängen, muss auch der Wandel der Menschheit in wohlüberlegter Beschleunigung stattfinden.

Nicht in gehetzter Beschleunigung eines uferlosen technischen Fortschritts, sondern in erdumspannender Kooperation im Dienste eines humanen Fortschritts.

Die Politik der Gegenwart ist ein desaströses Rennen auf dem Kurs in ein unendliches Nichts.

Die Welt ist begrenzt. Eine Welt jenseits der Welt muss als Illusion betrachtet werden. Technischer Fortschritt ist der Versuch des Menschen, eine illusorische ...

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Von vorne LXXXVII

Tagesmail - Mittwoch, den 13. November 2019

Von vorne LXXXVII,

„"Ich bin 22 Jahre alt und das ist mein Abschiedsbrief", sind die ersten Worte des jungen Mannes. Der Großteil seines Gesichts ist mit einem schwarzen Tuch verhüllt; nur die Augen sind zu sehen mit ihrem müden und harten Blick unter dem ungeordneten Pony. "Ich habe Angst, dass ich sterben und euch nie wiedersehen werde", fährt er mit zitternden Händen fort. "Aber ich habe keine Wahl, als auf die Straße zu gehen." Der namenlose Demonstrant, einer von vielen in Hongkong, die ihren Familien und Freunden schreiben, bevor sie sich wachsender Polizeigewalt in der Stadt entgegenstellen.“ (Freitag.de)

Das ist die Grundstimmung der Jugend, die wie Buschfeuer den Planeten in Brand setzt.

Wütende Verzweiflung ist die eine Seite der Welt. Die andere ist ihr genaues Gegenteil:

„Herr Pinker, Sie haben eine wunderbare Botschaft für alle, die Ihnen zuhören wollen: Die Welt ist ein viel besserer Ort, als wir für gewöhnlich denken. Sie unterlegen das mit reichlich Zahlenmaterial: Wir werden immer älter, wir leben gesünder, wir arbeiten weniger, wir sind wohlhabender, die Welt wird demokratischer und friedlicher.“ (NZZ.ch)

Zwischen den Unvereinbarkeiten der Generationen wüten die Empörungswellen jener Völker, die ihre eigene Wut mit dem Zorn ihrer Kinder zur beginnenden Weltrevolution vereinen. Die beste aller Welten könnte das Ende der Menschheit bedeuten.

Wie reagieren die Klügsten der Deutschen, ihre Philosophen, auf die Demonstrationen der rebellierenden Jugend?

„Der Auftritt Greta Thunbergs selbst war aggressiv und hatte etwas Fanatisches. Das war abstoßend und plump. Das Ergebnis ist politischer Kitsch: einfache ...

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Von vorne LXXXVI

Tagesmail - Montag, den 11. November 2019

Von vorne LXXXVI,

„Doppelverbeitragung“ ist ???

die ultimative Selbstverauslöschung der Deutschen, ein Spitzenprodukt der Verframing-nudgisierung des deutschen Exzellenzwordings. Lasst alle Hoffnung fahren, die ihr ins Reich des bildungsgutlichen Seins eintretet, das kurz davor steht, seinen Geist aufzugeben, den es prophylaktisch, in Form von CO2, in die röchelnde Natur emittiert hat.  

Auf Deutsch: erneut hat die Rentendebatte den unerschöpflichen Sadismus tonangebender Eliten bewiesen, ihren Abhängigen derart die Luft zu drosseln, dass sie den Ruhestand ihres hart erarbeiteten Arbeitslebens nur unter Japsen und Zittern zu Ende bringen können. Bis die Klimakatastrophe sich ihrer erbarmen und in gnadenreichen Hitzewellen – aufwärts froh den Blick gewandt – ins himmlische Jerusalem transportieren wird.

Warum müssen die Kleinen und Schwachen in einem kapitalistischen Großraumkäfig, der Vollzugsinstanz eines alle Moral verspottenden Fortschritts, ihren wohlverdienten Lebensabend an die Wand fahren lassen?

Bedürftigkeits- oder Bedarfsprüfung am Ende eines arbeitsamen Lebens: das ist das Bundesverdienstkreuz der Regierung an seinen Pöbel, den man nur mit Fesseln der Knappheit zum Gehorsam zwingen kann, der freiwillig tut, was er tun soll. Er will, was er muss. Freie Zustimmung zu dem, das ohnehin kommen wird: das ist deutsche Freiheit.

Was kommt auf Merkels Untertanen zu? Digitalisierung, Roboterisierung, Verlust der gewohnten Arbeitsplätze, hektische Suche nach neuen, Mobilisierung und Beschleunigung, Gefährdung und Atomisierung persönlicher Beziehungen. Vom Klima haben wir noch gar nicht gesprochen.

Die Kluft besteht nicht nur aus Reichen und Armen, sondern aus vertrauenswürdigen Oberklassen und Unterklassen, denen man nicht genug misstrauen ...

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Von vorne LXXXV

Tagesmail - Freitag, den 08. November 2019

Von vorne LXXXV,

„Europa müsse seine militärische Souveränität wiedererlangen, forderte Macron. Die internationale Sicherheitslage und die aufstrebende Macht China hätten zu einer "außergewöhnlichen Schwäche Europas" geführt. "Wenn Europa sich nicht als Weltmacht sehen kann, wird es verschwinden", warnte Macron.“ (Berliner-Zeitung.de)

Während der Krieg gegen die Natur beendet werden müsste, eskaliert die nationale Kriegsbereitschaft in der Welt von Woche zu Woche. Schon steht die CDU-Vorsitzende Gewehr bei Fuß, um sich mit bellizistischer Entschlossenheit als Kanzlerkandidatin zu profilieren. Da darf die neue deutsche EU-Präsidentin nicht zurückstehen. Sie fordert: "Europa muss die Sprache der Macht lernen." (SPIEGEL.de)

Weltmacht oder Nichts: sind das die einzigen Alternativen, vor denen Europa steht? Ist Geschichte nur ein Faustkampf der Großen? Die Kleinen haben sich zu ducken, wenn die Wagenkolonnen der Starken vorbeipreschen?

Zuerst unterschlägt der deutsche Außenminister die amerikanischen Verdienste um die deutsche Einheit, dann feiert er mit seinem Kollegen aus Washington die gemeinsamen deutsch-amerikanischen Werte. Zuverlässig verliert er sich neu, um sich täglich neu zu er-finden. Aber nein, er ist kein Chamäleon.

„Der Farbwechsel dient bei Chamäleons nicht in erster Linie der Tarnung, sondern der Bereitschaft zur Balz.“

Maas balzt nicht, weder mit Lawrow, noch mit Pompeo, noch mit AKK. Er warnt. Unentwegt warnt er vor den Gefahren des irdischen Seins, die er aus der Flughöhe seiner Weltumrundungen gerade noch verschwommen wahrnehmen kann.

Nun also Frankreich und Deutschland, die sich bislang als herzinniges Machtduo in der Mitte Europas darstellten: plötzlich knirscht es hörbar in den Fugen. Zum ersten Mal widerspricht Merkel ihrem französischen Kollegen auf offener ...

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Von vorne LXXXIV

Tagesmail - Mittwoch, den 06. November 2019

Von vorne LXXXIV,

„zeitgleich warnen mehr als 11.000 Wissenschaftler, darunter rund 900 aus Deutschland, in einer gemeinsamen Erklärung vor einem weltweiten "Klima-Notstand". Wenn sich das menschliche Verhalten beim Treibhausgasausstoß und anderen den Klimawandel begünstigenden Faktoren nicht grundlegend und anhaltend verändere, sei "unsägliches menschliches Leid" nicht mehr zu verhindern, heißt es. "Wissenschaftler haben eine moralische Pflicht, die Menschheit vor jeglicher katastrophaler Bedrohung zu warnen", sagte Co-Autor Thomas Newsome von der University of Sydney.“ (SPIEGEL.de)

Trumps endgültiger Rückzug aus dem Pariser Klimaabkommen wird von seinen biblischen Anhängern bejubelt: die Apokalypse, sie zeigt sich, sie steht schon vor der Tür. Herr komm, ach komme bald!

Seine biblischen Kohorten stehen umso getreuer zu ihm, je mehr die gottlose Welt ihn attackiert:

„Wer Nein zu Trump sagt, sagt Nein zu Gott.“ (WELT.de)

Wer das menschenfreundliche Klima zerstört, zerstört das Überleben der Menschheit und muss als Menschheitsverbrecher vor ein globales Tribunal.

Die westlichen Verbündeten Amerikas müssen sich von der Trump-Regierung lossagen, ihn vor aller Welt des Menschheitsverbrechens anklagen und ihn in Den Haag vor den Internationalen Gerichtshof stellen. Wer auch immer dort verurteilt wurde: im Vergleich mit Trump, dem Zerstörer der menschlichen Lebensgrundlagen, ist er ein Nichts. Es geht um Sein oder Nichtsein.

Das unsägliche menschliche Leid wartet nicht, an vielen Stellen des Globus hat es sein schreckliches Werk längst begonnen.

Aus Berlin kein Mucks. Eine Politik zur Ächtung des Präsidenten, zur Verhinderung des Undenkbaren, ist nicht erkennbar. Berlin ist tot. Das Land lässt sich von einem Mausoleum regieren.  

Begriffe sind verbraucht, Sprache ist tot, die Kunst des klaren Denkens ...

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Von vorne LXXXIII

Tagesmail - Montag, den 04. November 2019

Von vorne LXXXIII,

„Schon vorher, am Vorabend dieser Ereignisse, hatte ich die sowjetischen Truppen vor einem Eingreifen gewarnt: „Keinen Schritt. Sie bleiben, wo Sie sind.“ Das sollten die Deutschen selbst entscheiden. Und sie haben es getan. Auf dem Weg zu tief greifenden Reformen innerhalb des Landes haben wir unser Bestes getan, um unseren Planeten von der Bedrohung durch einen nuklearen Massenmord zu befreien. Unsere wirklichen Schritte in Richtung Abrüstung, eine offene Veränderung von tiefer Feindschaft zu guter Nachbarschaft erregten zuerst Überraschung, brachten dann die gegenseitigen Schritte unserer Partner im internationalen Bereich. Allmählich setzte sich zum ersten Mal seit vielen Jahren Vertrauen in den zwischenstaatlichen Beziehungen durch. Es bestand die Hoffnung, dass die Menschen ohne Krieg in gegenseitigem Respekt zusammenleben könnten.“ (WELT.de)

Die Stimme Gorbis kommt wie aus einer versunkenen Welt. Welcher amtierende Staatschef der Gegenwart könnte solche überwältigenden Worte finden?

„Eine offene Veränderung von tiefer Feindschaft zu guter Nachbarschaft erregten zuerst Überraschung, brachten dann die gegenseitigen Schritte unserer Partner im internationalen Bereich. Allmählich setzte sich zum ersten Mal seit vielen Jahren Vertrauen in den zwischenstaatlichen Beziehungen durch.“

Diese Sätze müssen in Stein gehauen, die unverrückbaren Leitplanken einer globalen Friedenspolitik sein, der Voraussetzung jeder ökologischen Eintracht mit der Natur. Welcher lebende Machthaber könnte solche Worte aussprechen, ohne ins Stammeln und Zittern zu geraten?

Gemessen an diesen kategorischen Friedensmaßnahmen müssen alle gegenwärtigen Staatenlenker erbleichen. Auch die deutsche Kanzlerin, die dem Frieden folgt, wenn er angesagt ist und ihn durch Stummheit und Lauheit verrät, wenn er verfemt wird. Nie wäre sie – die bei jenseitigen Glaubensbekenntnissen keine Probleme hat –, in der Lage, sich zu einem solch vitalen irdischen Credo zu bekennen. Sie bleibt die ...

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