Philosophische Tagesmails

Europäische Idee C

Tagesmail - Montag, den 29. August 2016

Hello, Freunde der europäischen Idee C,

obszön ist nicht das Zeigen entblößter Geschlechtsteile, sondern die Präsentation unverhüllter Macht und schamlosen Reichtums. In Hamburg zeigen die Reichen, dass sie sich nicht nur die Politik, sondern auch die Kultur einverleibt haben und mit Füßen treten. Reichtum und Macht haben sich den Geist, die letzte Bastion der Freiheit, untertan gemacht.

Freiheit und Gleichwertigkeit aller Menschen begründeten in Griechenland die Demokratie. Listige Feinde der Polis haben es inzwischen geschafft, unter dem Vorzeichen der Demokratie die Gleichwertigkeit aller Menschen in eine Gelddespotie der Ungleichen und die Freiheit der Selbstbestimmten in einen Freiluftkäfig der Bedeutungslosen und Überflüssigen zu deformieren.

„Anfang 2017 wird die schlagzeilenträchtige Elbphilharmonie in Hamburg eröffnet. Was mancher nicht weiß: In dem Gebäude gibt es bald auch die 44 teuersten Wohnungen der Stadt. Der Verkauf läuft seit Monaten, der Erstbezug ist für die zweite Hälfte 2017 geplant. Bei Luxuswohnungen dieses Stils ist Diskretion selbstredend Ehrensache.“ (FAZ.NET)

Diskretion, das Verhüllen obszöner Verhältnisse – eine coincidentia oppositorum oder erschlichene Synthese des Unverträglichen – ist die Leistung unendlich vieler intellektueller Mietlinge über mehrere Epochen hinweg. Diskretion obszöner Macht kennzeichnet die Politik westlicher Demokratien. Jeder weiß alles – und tut nichts, um das Verhängnis aufzuhalten. Wird Wissen nicht zum Handeln, ist es auch kein Wissen. Wir leben im bestinformierten Zeitalter der Geschichte? Wer nichts wissen soll, wird mit unendlichen Informationen zugeschüttet. Dann glaubt er zu wissen  und landet im Glauben. Wissen wird nicht zum Erkennen, Erkennen nicht zum Handeln, ergo wird Wissen zur Verblendung – um den Begriff Dummheit nicht zu inflationieren.

Mitten in der größten Freiheit der Geschichte werden wir geführt, wohin wir nicht wollen. Unter dem harmlosen Wörtchen „unvermeidbar“ werden wir ehernen Gesetzen eines diktatorischen Fortschritts und einer unaufhaltsamen Heilsgeschichte unterworfen. Keine Troika aus Hitler, Stalin und Mao hätte mehr Macht ...

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Europäische Idee IC

Tagesmail - Freitag, den 26. August 2016

Hello, Freunde der europäischen Idee IC,

Sokrates, Buddha, Diogenes, Konfuzius, Aristoteles könnten keine Deutschen sein. Wegen Weisheit würde man sie des Landes verweisen, wegen Parasitentum und mangelnder Loyalität zum Deutschtum in ihre Herkunftsländer zurückjagen. Das Land der Dichter war nie ein poetisches, das Land der Denker nie ein weises Land.

Dichten benutzten sie, um ihr zurückgebliebenes Land in ein Paradieserwartungsland zu romantisieren. Denken nutzten sie, um ihre Jenseitsreligion mit philosophischen Anleihen der Griechen weltförmig zu gestalten.

Die Flitterwochen mit den Hellenen währten nur einen Augenblick. Faust war kein Grieche, sondern ein von Furien gehetzter, neoliberalier Aufsteiger und machtsüchtiger Karrierist, der mit göttlich-teuflischem Beistand die Welt eroberte, um am Ende vor der Liebe von Oben auf die Knie zu gehen.

Das Ergebnis deutschen Dichtens und Denkens war ein Land, das sich als Urvolk anmaßte, alle Völker der Erde zu erlösen und der Welt den göttlichen Gang der Geschichte zu demonstrieren. Zuerst in Gedanken, dann in der Tat. Die Tatenarmen und Gedankenvollen wurden arm an Gedanken und reich an fürchterlichen Taten.

„Aber kommt, wie der Strahl aus dem Gewölke kommt,
 Aus Gedanken vielleicht, geistig und reif die Tat?“

Geistig reife Taten entspringen nur geistig reifen Gedanken. Deutsche Weisheit aber blieb Furcht vor dem Herrn und entwickelte sich nie zur politischen Fähigkeit, irdischen Menschen in realer Zeit eine humane Heimstatt zu bereiten und die klerikale Epoche des Sühne-Lazaretts für immer zu beenden.

Für einen kurzen Augenblick entflohen sie dem Regiment ihrer Gottesmänner in die unerhörte Freiheit der Urhellenen. Doch ihre Leidenschaft für die Griechen erfasste ...

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Europäische Idee XCVIII

Tagesmail - Mittwoch, den 24. August 2016

Hello, Freunde der europäischen Idee XCVIII,

Caritokratie? Klingt auch nicht schräger als Nudging.

Wer sein internationales Image, pardon, seinen Weltruf, mit Caritas, pardon, mit Nächstenliebe, positiv konditioniert, pardon, nach oben stupst, dessen Caritokratie, pardon, Liebesdespotie wächst ins Futurisch-Unlimitierte, pardon, ins Himmlische.

Wir reden von Bill Gates und seiner Schwester im Herrn, Angela Merkel.

Bill Gates‘ Vermögen wuchs auf 90 Milliarden Dollar. Gates‘ Vermögen entspricht rund 0,5 % des BIPs der USA. „Zusammen besitzen die Schwerreichen demnach 7,7 Billionen US-Dollar (rund 6,9 Billionen Euro). Das entspricht gut dem doppelten Bruttoinlandsprodukt Deutschlands und mehr als drei Prozent des weltweiten Gesamtvermögens (etwa 250 Billionen Dollar in 2015).“ (BILD.de)

Kopfrechner vortreten! Wie lange dauert es noch – wenn die bisherige Reichtumssteigerungsquote weiterhin verlässlich ansteigt –, bis der Samaritaner der Welt den Reichtum seines Landes so aufgesaugt hat, dass seinen Landsleuten zusammen nur noch 0,5 % des BIPs übrig bleibt und sie in endlosen Favela-Wüsten rund um die ummauerten Villenparadiese der Tycoons hausen und vor sich hinvegetieren müssen?

Gibt es einen einzigen Politiker in der westlichen Hemisphäre, der diesen perversen, irrsinnigen, menschheitszerstörenden Amoklauf der Plutokratie bremsen will?

Gates & Kumpane können sich auf John Locke, den wichtigsten Demokratietheoretiker der Neuzeit berufen. Jedes Eigentum ist gerechtfertigt, das man sich selbst verdient und aneignet. Sei es durch Arbeit, sei es durch Horten unverderblicher Reichtümer. Verboten ist nur das Sammeln von Naturdingen, die beim Horten verderben könnten.

Geld stinkt und verdirbt nicht: also ran an die ewig gültigen Schätze der ...

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Europäische Idee XCVII

Tagesmail - Montag, den 22. August 2016

Hello, Freunde der europäischen Idee XCVII,

die olympischen Spiele sind vorbei? Es hat sie nie gegeben. Es waren nationale Prestigekämpfe, aber keine Spiele.

Im Spiel entflieht der Erwachsene seiner Welt kämpferischen Verlierens und Gewinnens. Er will sich häuten und erneuern durch Rückkehr in die Welt des Kindes, wo unreglemtierte Lust an der Tätigkeit alles, Besiegen und Beschämen nichts waren. Kinder wollen stolz sein auf ihre Fähigkeiten, aber niemanden traurig machen oder in den Schatten stellen. Kinder sind nur egoistisch, wenn sie von egoistischen Erwachsenen umgeben sind.

In konkurrenzfreien Schulen wären die besseren Schüler die eifrigsten Pädagogen ihrer schwächeren Klassenmitglieder, die sie nicht verlieren wollen. Ohnehin gäbe es keinen Klassenzwang in freien Schulen. Klassenzwang und Frontalunterricht sind Äquivalente des Stechschritts militärischer Kolonnen, Zensuren die Äquivalente militärischer Dienstgrade.

Des König Fritzens erste Pädagogen waren dienstuntaugliche Haudegen, die ihre militärische Hierarchie in die neuen Pflichtschulen des Staates übertrugen. Früh sollten sich Pöbelkinder an die gottgewollte Rangfolge menschlicher Wertigkeit gewöhnen. Die Kinder des Adels hatten Privatlehrer, die ihnen Herrschen und Befehlen in elitärer Konkurrenzfreiheit vermittelten. Bildung, heute die Methode des Aufstiegs, war schon immer das Gegenteil – und wird es immer bleiben, solange Bildung identisch ist mit Lernen von Herrschaftswissen.

Dass die unteren Klassen nicht nur mit Armut, sondern auch mit mangelnden Bildungsvoraussetzungen bestraft sind, ist für BILD-Blome willkommene Gelegenheit, die Minderwertigen mit vollendetem Zynismus zu versenken. Kommt die Welt ins Wanken, verlieren Eliteklassen ihre künstliche Bonhomie, mit der sie ...

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europäischen Idee XCVI

Tagesmail - Freitag, den 19. August 2016

Hello, Freunde der europäischen Idee XCVI,

das beste Volk ist das Unten versingelte und Oben vernetzte Volk. Die staatlich erzwungene Konkurrenz findet nur Unten statt, wo jeder Mensch dem Menschen ein einzelner Schlingel, pardon, ein Singel sein muss. Oben halten die Vernetzten zusammen wie Pech und Schwefel. Den Krieg gegen die Unteren haben sie längst gewonnen, sagte jüngst einer ihrer bedeutendsten US-Wölfe in souveräner Geste eines Patrons.

In den Schluchten megapolitischer Ballungszentren haben Ethnologen eine neue Gattung des homo darwiniensis ausfindig gemacht, die seit vielen Jahrhunderten „angedacht“ und ausgebrütet, aber erst heute zum Ereignis wurde: den Singel, moderne Übersetzung von Lupus, dem Wolf. Es muss mehr als ein evolutionärer Zufall sein, dass die Rückkehr der sibirischen Wölfe in brandenburgische Steppengebiete zeitlich zusammenfällt mit der Entdeckung des einsamen, aber in protestantischem Arbeitsethos gezähmten Wolfes – in geklonten, beliebig reproduzier- und manipulierbaren Massen.

Damit die Wölfe nicht übereinander herfallen und sich gegenseitig auffressen, hat die Vorsehung allmächtige Eliteklassen eingesetzt, die dafür sorgen, dass die Wölfe durch genau kalkuliertes, aggressives Konkurrenzverhalten Reichtum schaffen – den sie unmittelbar an die oberen Etagen weiter geben – und doch weit davon entfernt sind, ihre Aggressionen zu einer gemeinsamen Front zu verbünden, um mit geballter Wolfsmacht die Führungsklassen nach Sibirien zu jagen.

Einst in stolzen und wehrhaften Sippen auftretend, gegen die auch mächtige Obrigkeiten nicht einfach ankamen, hausen sie heute zunehmend in vereinsamten Rückzugshöhlen, ausgestattet mit beißfesten Gummiwänden und aggressions-sublimierenden Netzmaschinen, um ihre Beschädigungsreflexe einerseits zu kanalisieren und andererseits das öffentliche Regiment der – ihnen in allen Dingen überlegenen – Führungsklassen nicht allzu sehr in ...

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Europäische Idee XCV

Tagesmail - Mittwoch, den 17. August 2016

Hello, Freunde der europäischen Idee XCV,

Erguss ist kein Orgasmus, Koitus ist Urtausch, Tausch kommt von Täuschung – der Geschlechterkampf beginnt im Bett und endet nicht mit der Vermännlichung der Frau im orgasmusfreien Kapitalismus.

„Adam stößt wild drauflos und ruft: “Magst Du das? Was magst Du?” “Ich mag alles, ich mag, was Du machst”, antwortet Hannah. Plötzlich zieht Adam heraus, das Kondom runter und kommt auf ihrem Arm. “Das war so gut”, sagt Hannah, “ich bin fast gekommen.” Wer bei dieser Szene lachen muss, weiß, worum es geht.“ (ze.tt)

Warum stagniert die Emanzipation der Frauen? Weil sie befürchten, die unvermeidliche Offenbarung der männlichen Unterlegenheit zu provozieren. Als Erzieherinnen, so ihre Angst, hätten sie versagt, weil ihre Söhne Kraftmeier spielen müssen, um ihre Unterlegenheit mit technischen Muckis und gewalttätigem Prahlen und Protzen zu kaschieren.

Die Frauen scheuen vor der Erkenntnis, sie könnten ihre Kinder falsch erzogen haben. Ihre Söhne erzogen sie zu He-Männern, die an den Vätern die Unterdrückung der Mütter rächen sollten. Vatermord der vereinigten Brüderhorde ist der Alptraum der Männer, die sich in ihren industriellen Kasernen verschanzen, um den heranwachsenden Feinden im Kinderzimmer nach Möglichkeit aus dem Weg zu gehen.

Ihre Töchter erzogen sie im Gestus der Maria & Martha. Maria lauschte stumm zu Füßen des an Sprüchen nicht verlegenen Mannes, der sich als populistischer Heilsbringer präsentierte. Martha „hingegen machte sich viel zu schaffen mit der Bedienung“ des großen Herrn. Lauschen und Bedienen – das sind noch immer die Hauptkategorien der weiblichen Unterwerfung.

Die Frau glaubt, den Männern ebenbürtig zu werden, wenn sie sich in ...

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Europäische Idee XCIV

Tagesmail - Montag, den 15. August 2016

Hello, Freunde der europäischen Idee XCIV,

Es fährt ein Zug nach Nirgendwo,
Und niemand stellt von grün auf rot das Licht.
Macht es Euch wirklich gar nichts aus,
Dass unser Erdenleben allmählich zerbricht?

Nicht mal die Grünen stellen von grün auf rot das Licht. Kennt jemand den Namen unserer Umweltministerin? Sie ist die beste Freundin der PS-starken CO2-Industrie.

„Beim Verkehrswegeplan setzte Hendricks keine umweltpolitischen Korrekturen durch, nun gibt sie auch bei der Verschärfung der Umweltzonen auf.“ (ZEIT.de)

Wirtschaftsjournalisten, die verbohrtesten aus der Sekte der Wachstumsfanatiker und Industriefreunderl, haben von Ökologie noch nie ein Wörtchen gehört. Sie wollen wachsen, gedeihen und zunehmen – und wenn die ganze Welt unterginge. Gerechtigkeitsfragen sind für sie „vordergründige Verteilungsfragen“.

„Aber ein paar Steuererhöhungen hier, ein paar Transferzahlungen dort werden das Grundproblem nicht lösen: den Wachstumsstillstand der Produktionsmöglichkeiten, bei gleichzeitiger monetärer Überdüngung.“ (SPIEGEL.de)

„Überdüngung“ ist Wachstum der Gülle ins Selbstschädigende. Wenn wahlloses Wachsen der Geldgülle schädlich ist, warum sollte Wachsen ins Grenzenlose sinnreich sein? Wir brauchen eine bornierte Wirtschaft. Die Erde ist pekuniär überdüngt. Es stinkt nach Geld im Universum, beklagen sich unsre nächsten Alien-Nachbarn.

„Das Wort stammt aus dem Französischen. Der Ursprung liegt im Verb borner, was so viel bedeutet wie „mit einem Grenzstein versehen“. Das Partizip borné ...

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Europäische Idee XCIII

Tagesmail - Freitag, den 12. August 2016

Hello, Freunde der europäischen Idee XCIII,

Demokratie!!!

Was Demokratie? Was brüllst du so herum und machst die Pferde scheu?

Demokratie ist in Gefahr!

Ah, ein Apokalyptiker. Sonst noch was?

Es ist fünf vor zwölf!

Mann, lass dir mal was Neues einfallen. Wie oft war es schon fünf vor zwölf?! Soll das originell sein?

Originell oder nicht. Die Freiheit ist in Gefahr!

Wie wär‘s mit Zeitung lesen? Solange kluge Zeitgenossen abwiegeln, kannst du ruhig schlafen. Jens Jessen in der ZEIT zum Beispiel: „Demokratie und Freiheit gehören nicht mehr zwingend zusammen.“

Demokratie und Freiheit sind siamesische Zwillinge. Die kann man nicht auseinanderreißen.

Willst du behaupten, Freiheit habe es ohne Demokratie nie gegeben? Das ist europäische Überheblichkeit. Lies Patrick Bahners in der FAZ: „Wie bitte? Freiheit kennen wir nur in Gestalt der Demokratie? Dann dürfte es über die allerlängste Zeit der Weltgeschichte keine Freiheit gegeben haben.“

Du quasselst nur – während die Demokratie verschütt geht.

Gemach, unser Verfassungspatriotismus und die Würde des Menschen haben Ewigkeitsgarantie.

Nichts ist ewig. Wir müssen was tun.

Wir sind neutrale Beobachter der Zeit und keine parteiischen Aktivisten.

Dein verdammtes Beobachten wird untergehen, wenn die Demokratie zum Teufel geht.

Der Teufel hat uns gerade noch gefehlt. Schau dir die Türkei an, dort wird die Demokratie zerlegt – und doch braucht Erdogan Leute, die ...

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