Philosophische Tagesmails

Neubeginn LXXXVIII

Tagesmail - Freitag, den 24. November 2017

Hello, Freunde des Neubeginns LXXXVIII,

alle Wege führen nach Rom. Sie wollen Einheit. Die offene Gesellschaft will eine geschlossene sein. Vorweihnachtszeit. Die heilige Familie darf nicht zerrissen werden. Keine Experimente, las man in SPIEGEL und BILD. Alle Alternativen heißen Angela.

„Wo sollen wir hin gehen vor deinem Geist, und wo sollen wir hin fliehen vor deinem Angesicht? Führen wir gen Himmel, so bist du da. Betteten wir uns in die Hölle, siehe, so bist du auch da. Nähmen wir Flügel der Morgenröte und blieben am äußersten Meer, so würde deine Hand uns daselbst führen und deine Rechte uns halten.“

Wirtschaftsbosse sind entsetzt über schwankende Mehrheiten. Lobbyisten benötigen vertraute Gesichter, verlässliche Verhältnisse. Medien, Juroren der circenses, atmen auf. Ihr Circus Maximus muss überschaubar bleiben: die Matadore sollen tun, als ob sie kämpften, am Stammtisch und bei Illner aber muss wieder gefrotzelt werden. Pack schlägt sich und verträgt sich. Wer es ernst meint, ist ein Spielverderber.

Die Lutherfestspiele sind vorbei. Dort standen sie – gestern. Heute – können sie wieder ganz anders. Deutsch sein, heißt eine Sache um ihrer selbst willen tun. Charakter haben und deutsch sein, ist gleichbedeutend. Wie verträglich sind Demokratie und Deutschsein? Solange sie echte Deutsche sind, können sie keine kompromisslerischen Demokraten, solange sie kompromisslerische Demokraten sind, können sie keine Deutschen sein.

Doch halt, das war old school. Der Deutsche an sich ist Vergangenheit. Er ist an und für sich geworden. An sich war Luther: Nehmen sie Leib, Gut, Ehr, Kind und Weib: lass fahren dahin, sie haben’s kein’ Gewinn. An und für sich: das ist Merkel-Schulz-Schäuble-Steinmeier. Was schert sie Ehr, was schert sie Charakter: sie ...

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Neubeginn LXXXVII

Tagesmail - Mittwoch, den 22. November 2017

Hello, Freunde des Neubeginns LXXXVII,

das Volk in Not. Gestern noch „ennui der Mitte“ (Poschardt) – über Nacht brennt‘s an allen Ecken und Enden. Eben noch schwamm das Volk – pardon, seine Geschäftsführer – im Glück. Plötzlich werden Gnade und Wut beschworen, Reisläufer des Unheils, Vorboten des heiligen Zorns.

Macht Regieren, Lieblingsbeschäftigung bewährter Obrigkeitsanbeter, den Untertanen keinen Spaß mehr? Zeit für Einweisung in eine Reha-Klinik zur Bekämpfung national-psychischer Kippbewegungen, unter der Leitung zweier erwiesener Seelen-Experten. Des Bundespräsidenten und des Bundestagspräsidenten.

„Kann dieses deutsche Volk, das in der Not so bewundernswerte Tugenden entfaltet, Stunden des Glücks wirklich nicht ertragen? – Muß es deutsche geschichtliche Tragik bleiben, daß unsere Maßlosigkeit die Früchte ehrlicher Arbeit nicht heranreifen läßt, daß wir immer schon heute gewaltsam besitzen wollen, was uns die Gunst erst morgen? darbietet?“

Hatte Ludwig Erhard sein Volk am 23. August 1956 in sorgenvollem Ton befragt. Da waren die Deutschen erst seit zwei Jahren Fußballweltmeister und hatten die Alpen zum ersten Mal mit einem Volks-Wagen bezwungen.

In der Not erst zeigt sich der Mann. In der Not erst entfalten die Deutschen ihre bewundernswerten Tugenden. Und ohne Not? Zeigen sie nichts – außer gewaltsamer Maßlosigkeit. Ach, heilsame Not, komm über uns, auf dass wir wieder recht tugendhaft werden. Denn uns droht das Interregnum, eine grauenhaft-regierungslose Zeit. Wann wird es auf den politischen Marktplätzen landauf und ...

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Neubeginn LXXXVI

Tagesmail - Montag, den 20. November 2017

Hello, Freunde des Neubeginns LXXXVI,

fast sogar ein historischer Tag. Es ist ein Tag mindestens des tiefen Nachdenkens.“

Fast, mindestens, ein Stück weit, ein bisschen.

Mindestens ein tiefes Nachdenken? Und höchstens – ein abgrundtiefes Nachdenken? Wird bei Kanzlers nur an fasthistorischen Tagen tief nachgedacht? Wird überhaupt nachgedacht – oder werden Geschäfte routinemäßig abgewickelt?

Ohnehin ist sie nur noch ein Stück weit im Amt. Streng genommen ist sie jetzt, was sie im Grunde schon immer war: geschäftsführende Bundeskanzlerin. Geschäftsführer führen nicht das Geschäft, sondern werden vom Geschäft geführt. Auch der Führer war nur Geschäftsführer der Vorsehung. In Deutschland haben Geschäftsführer des Weltgeistes mindestens eine tiefe Tradition:

„Große Menschen haben gewollt, um sich, nicht um andere zu befriedigen. Was sie von anderen erfahren hätten an wohlgemeinten Absichten und Ratschlägen, das wäre vielmehr das Borniertere und Schiefere gewesen, denn sie sind die, die es am besten verstanden haben und von denen es dann vielmehr alle gelernt und gut gefunden oder sich wenigstens darein gefügt haben. Denn der weitergeschrittene Geist ist die innerliche Seele aller Individuen, aber die bewußtlose Innerlichkeit, welche ihnen die großen Männer zum Bewußtsein bringen. Deshalb folgen die anderen diesen Seelenführern, denn sie fühlen die unwiderstehliche Gewalt ihres eigenen inneren Geistes, der ihnen entgegentritt. Werfen wir weiter einen Blick auf das Schicksal dieser welthistorischen Individuen, welche den Beruf hatten, die Geschäftsführer des Weltgeistes zu sein, so ist es kein glückliches gewesen. Zum ruhigen Genusse kamen sie nicht, ihr ganzes Leben war Arbeit und Mühe, ihre ganze Natur war nur ihre Leidenschaft. Ist der Zweck erreicht, so fallen sie, die leeren Hülsen des Kernes, ab.“ (Hegel, Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie)

Bei Hegel gab es Geschäftsführer des Weltgeistes, bei seinem Schüler Marx ...

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Neubeginn LXXXV

Tagesmail - Freitag, den 17. November 2017

Hello, Freunde des Neubeginns LXXXV,

„Seid Ihr bereit für ein Leben ohne die Erde?", fragt der 12-jährige Timoci Naulusala von den Fidschi-Inseln, der durch Wirbelstürme sein Heimatdorf verloren hat. „Mein einst wunderschönes Dorf ist jetzt ein unfruchtbares und leeres Ödland. Der Klimawandel ist da und bleibt, wenn Ihr nicht etwas dagegen tut.“

„Wir bemühen uns – so weiter zu machen wie bisher. Zuerst müssen Arbeitsplätze gesichert werden, damit wir sie der digitalen Zukunft opfern können“, antwortete die deutsche Kanzlerin. Wäre Timoci der 12-jährige Jesus im Tempel gewesen: sie hätte vor ihm auf den Knien gelegen. So aber ließ sie ihn mit pastoralem Eiapopeia im Regen stehen. Sollte ein Pubertierender der mächtigsten Frau der Welt die Leviten lesen dürfen?

In wenigen Jahren wird die Trösterin der Deutschen vor der Völkergemeinschaft stehen und mit erloschener Stimme sagen:

„Mein einst wunderschönes Deutschland ist jetzt ein unfruchtbares und leeres Ödland. Unsere Generation hat versagt. Reichtum war uns wichtiger als Überleben, Größenwahn wichtiger als Leben. Unverzeihlich, was wir der Welt antaten. Unsere Reue – zu spät. Unser Scheitern können wir nicht mehr gutmachen. Die, die nach uns kommen, haben keine Zukunft mehr. Die Erde wird, wie sie am Anfang war: wüst und leer.

So scheint es. So sehen es die Blinden und Tauben. Doch wir wissen: der Herr lässt seiner nicht spotten. Was er verhieß, das tut er, was er prophezeite, das führt er aus: die Menschen, dieses halsstarrige Geschlecht, haben meine ...

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Neubeginn LXXXIV

Tagesmail - Mittwoch, den 15. November 2017

Hello, Freunde des Neubeginns LXXXIV,

wie alt ist die Menschheit, wie lange existiert die Armut? Wie lange benötigt die Menschheit, um die Ursachen der Armut festzustellen – und abzuschaffen? Oder gehört sie zum unausrottbaren Erbe des sündigen, des bösen, des erbärmlichen, des herrsch- und eigensüchtigen, des lernunfähigen Menschen?

Lernen? Das Wort existiert heute nur noch in der Formel des lebenslangen Lernens, die das ursprüngliche Lernen ins Gegenteil verkehrt und Unterwerfung unter Mächte bedeutet, die durch Versuch und Irrtum nicht angezweifelt werden dürfen. Aus Versuch und Irrtum seine Schlussfolgerungen ziehen: das war einst Lernen.

Heute gibt es moderne Götter, die durch keinen Versuch und Irrtum in Zweifel gezogen werden dürfen. Als da sind: grenzenlose Unterwerfung der Natur, unbegrenzter Fortschritt, unermesslicher Reichtum und unendliche Macht auf Erden. Das Gemeinsame dieser Formeln ist die Entgrenzung des begrenzten Menschen in ein gottähnliches Wesen mit den Zielen: unsterblich zu werden und das endlose Universum zu erobern. Von Sternensehnsucht sprach Jesco von Puttkamer, Raketenexperte von Cape Canaveral.

In Wahrheit ist Lernen kein Sammeln von Informationen, kein Einüben von Fertigkeiten, um in wechselnden Berufen zu bestehen, kein Anhäufen von Wissen, um in endlosen Quizshows Konkurrenten zu besiegen.

Lernen ist Denken, Erkennen, Kritik üben, sich auf sich selbst besinnen, um ...

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Neubeginn LXXXIII

Tagesmail - Montag, den 13. November 2017

Hello, Freunde des Neubeginns LXXXIII,

a) das Verhältniswahlrecht scheint gerechter, denn es bildet die Positionen der Bevölkerung mit mehreren Parteien proportional besser ab als das –

b) Mehrheitswahlrecht, das nur einen Pro- und Kontra-Dualismus mit zwei Parteien zulässt, zwar effektiver aussieht, aber viele Meinungs- und Willensbildungen des Volkes unter den Tisch fallen lässt.

Beide Wahlrechtssysteme, das erstere in Europa, das zweite in Amerika-England, sind dabei, ihren Geist aufzugeben. Was besagt das über die Stabilität der gegenwärtigen Demokratien?

In Amerika wird alles dem Machtfaktor untergeordnet. Welche Meinung keine Mehrheiten bringt, wird aussortiert. Unter Trump etwa das Ökologieproblem. Da aber der Gedanke des Klimaschutzes schon weit verbreitet ist, fühlen sich viele Amerikaner von Trumps Öko-Blockade nicht repräsentiert.

Es beweist den noch immer virulenten demokratischen Geist der Amerikaner, dass auf der Bonner Klimakonferenz zwei amerikanische Delegationen auftreten, die sich nichts zu sagen haben. Trumps Marionetten: meinungs- und profillos. Die Klimaaktivisten mit Al Gore und Bloomberg mit dem resoluten Willen, nicht die einzige Nation der Welt zu bleiben, die die Öko-Reformen aller Völker torpediert.

Vergessen wir nicht die Kleinigkeit, dass es einen Triumph der Menschheit bedeutet, ihr Schicksal einer einstimmigen globalen Vernunft anzuvertrauen. Dennoch bleibt es ein riesiger Weg, die papierne Übereinstimmung in konkrete Realität zu ...

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Neubeginn LXXXII

Tagesmail - Freitag, den 10. November 2017

Hello, Freunde des Neubeginns LXXXII,

„Es war ein Donnerstag. Kühl, es regnete. Menschen machten Geschichte. Zum ersten Mal machten Menschen wirklich Geschichte. Sie sagten, sie sind das Volk.“ (BILD.de)

Es sollte ein Lob für die Ostdeutschen sein, die sich aus den Fesseln des Sozialismus befreiten: es wurde zu einem Generalverriss des ganzen Menschengeschlechts. Sollte die Menschheit untergehen, werden barmherzige Aliens, die zufällig des Weges kommen, ihr ein riesiges Mausoleum auf den höchsten Berggipfeln des Planeten errichten:

„Dem unbekannten Geschlecht, das in Millionen Jahren seiner Existenz ein einziges Mal Geschichte machte. Wir bedauern den Fehlgriff der Evolution.“

Eine Gattung, die an die Geschichte glaubte, machte ein einziges Mal Geschichte. Ansonsten wurden ihre Geschicke von der Geschichte gemacht.

Ein Geschlecht, das stolz auf seinen Geist, seine Sonderrolle in der Natur, seine Kultur und Politik war – muss ein Sklavengeschlecht gewesen sein. Untertan einer Geschichte, deren Herrschaft es nur ein einziges Mal durchbrechen konnte. Wem gelang das grandiose Heldenstück? Nur Deutschen, die alles Freiheitliche und Selbstbestimmte von anderen Nationen übernehmen mussten? Für die das Wort Geschichte zu einem Gott wurde, der mit Heils- und Unheilsgeschichte das ganze Menschengeschlecht seinem Willen unterwarf?

Die Französische Revolution, die amerikanische Unabhängigkeitsbewegung, die griechische Erfindung der Demokratie, die südamerikanischen Freiheitsbewegungen, der Kampf Afrikas gegen seine weißen Kolonisatoren, die unendlich vielen Unabhängigkeitsbestrebungen aller Völker – alles keine autonomen Taten der ...

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Neubeginn LXXXI

Tagesmail - Mittwoch, den 08. November 2017

Hello, Freunde des Neubeginns LXXXI,

ein Neubeginn wäre eine neue Achsenzeit. In den Epochen rund um 600 vdZ, von Jaspers Achsenzeit genannt, ging eine gewaltige Bewegung durch die Völker. Von China über Indien, Vorderasien bis nach Griechenland meldeten sich Philosophen und Propheten zu Wort, die ihre Zeitgenossen zu Umkehr und Neuanfang beschworen. Was war geschehen?

Ihre Probleme waren den Menschen über den Kopf gewachsen. Auf gewohnten Pfaden weiterzumachen, schien ihnen unmöglich. Das Traditionelle und Gewohnte kam in Verruf. Das Neue wurde zum Gegenteil des Alten. Zeitlose Zeit wurde zur Geschichte, die eine Zukunft oder ein Ende hatte. Wer war schuld, von wem war Hilfe zu erwarten? Vom Menschen, der sich seiner Kräfte besann – oder von übermächtigen Göttern, denen der Mensch sich zu unterwerfen hatte?

Die Antworten, die sich damals durchsetzen konnten, wurden zu Grundlagen der heutigen Welt. Wenn die moderne Welt sich konfrontiert fühlt mit unlösbar scheinenden Problemen, erlebt sie aufs Neue die Schwierigkeiten der Achsenzeit. Sie muss eine zweite Achsenzeit ins Leben rufen, die die offenen und versteckten Konflikte der ersten aufspürt und auf neuer Basis zu lösen versucht.

Auf neuer Basis heißt nicht: in Erwartung eines übermenschlichen oder noch nie dagewesenen Neuen. Sondern eines Neuen, das wir mit vereinten Kräften zu erdenken, zu erinnern und zu erarbeiten haben.

Die Frage muss gestellt werden: hat die Menschheit die vielfältigen Schätze ihrer Weisheit zur Lösung ihrer Probleme bereits ausgeschöpft oder sie achtlos der Vergessenheit überlassen?

Antwort: letzteres. Um nach vorne zu kommen, müssen wir ...

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