Philosophische Tagesmails

Neubeginn XLVI

Tagesmail - Freitag, den 18. August 2017

Hello, Freunde des Neubeginns XLVI,

als die Nachkriegsdeutschen ihr Glück bemerkten, war es bereits vorbei. Die Weltgeschichte ist nicht der Boden des Glücks, hatte ein schwäbischer Denker ihnen ins Stammbuch geschrieben. Daran hatten sie sich viele Jahrzehnte gehalten und die Welt ins Unglück gestürzt, um ihr Glücksverbot als nationale Erfüllung zu erleben. Wenn andere unglücklich sind, fällt es nicht auf, dass auch wir es sind.

Andere Völker, die ihr Glück suchten, wurden von deutschen Tiefendenkern verachtet. Da waren diese englischen Krämer, die mit Reichtum und Macht glücklich werden wollten. Obgleich der Urtheoretiker des Kapitalismus – als er noch jung war und philosophisch dachte – die Menschen vor der Illusion gewarnt hatte, durch Reichtum glücklich werden zu wollen:

„Als die Vorsehung die Erde unter eine geringe Zahl von Herren und Besitzern verteilte, da hat sie diejenigen, die sie scheinbar bei ihrer Teilung übergangen hat, doch nicht vergessen und nicht ganz verlassen. Auch diese letzteren genießen ihren Teil von allem, was die Erde hervorbringt. In all dem, was das wirkliche Glück des menschlichen Lebens ausmacht, bleiben sie in keiner Beziehung hinter jenen zurück, die scheinbar so weit über ihnen stehen. In dem Wohlbefinden des Körpers und in dem Frieden der Seele stehen alle Lebensstände einander nahezu gleich und der Bettler, der sich neben der Landstraße sonnt, besitzt jene Sicherheit und Sorglosigkeit, für welche Könige kämpfen.“ (Adam Smith, Theorie der ethischen Gefühle)

Die Vorsehung hat die Erde ungerecht unter den Menschen verteilt. Näher besehen aber sind alle Menschen nahezu mit dem gleichen Glück ausgestattet worden. Der ...

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Neubeginn XLV

Tagesmail - Mittwoch, den 16. August 2017

Hello, Freunde des Neubeginns XLV,

Na Welt, wie geht’s denn so?

Welt (erstaunt): das willst du gar nicht wissen. Seit wann interessieren sich Menschen für meine Befindlichkeit?

Freudig klingt das nicht. Du wirst dich doch nicht vernachlässigt fühlen?

Na ja, die zunehmenden Hitzewallungen. Menopause – fürchte ich.

Du klingst ja wie ein Weib. Und ich dachte, du wärst nicht unterzukriegen. Schluss mit dem sinnlosen Gebären? Du wirst dich doch nicht übernommen haben?

Bürschlein! Gehörst du nicht zu denen, die mir die letzten Haare vom Kopf fressen?

Hoppala, wir werden dich doch nicht überschätzt haben? Ein bisschen Tumult im Kinderzimmer – und schon machst du schlapp?

Wenn euch Naseweisen sonst nichts einfällt, macht ihr auf Spott. Du scheinst ein bisschen vergessen zu haben, wer von wem abhängig ist.

Das wird doch keine Drohung sein? Hast du noch immer nicht kapiert, dass wir schon auf dem Absprung sind? Es gibt noch mehr Mütter im Universum, die schöne Töchter haben.

Muss ich jetzt eifersüchtig werden, ihr Himmelsstürmer?

Ich fürchte, du bleibst ewig eine Helikoptermutter. Du kannst nicht loslassen.

Wie kann man‘s am besten im Weltall getroffen haben wie ihr – und dennoch so unzufrieden sein? Da muss ich was falsch gemacht haben mit ...

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Neubeginn XLIV

Tagesmail - Montag, den 14. August 2017

Hello, Freunde des Neubeginns XLIV,

der Wahlkampf beginnt. „Es fliegen die Fetzen“. Jeder „ledert und ätzt“ gegen jeden – für BILD, die den populistischen Anspruch erhebt, für das Volk zu sprechen, indem sie dem Volk Demokratie als Zerrbild präsentiert. (BILD.de)

Wer nicht für das Volk spricht, sollte schweigen. Denn Volk ist jeder. Wer für das Volk spricht, spricht auch für sich selbst. Volk ist nicht Gesamtmenge der Nation minus Eliten. Auch Führungsklassen sind Volk, obgleich sie den Eindruck erwecken, als seien sie unmittelbare Mundstücke geschichtlicher Gewalten.

BILD spricht für sich, als spräche sie fürs Volk. Das ist arglistiger Populismus. Für das Volk zu sprechen, ist ein Anspruch, der in eigenem Namen erhoben, aber auch von anderen beurteilt werden muss. Das bedeutet Streit auf dem Marktplatz. Streit um die Meinung aller ist Streit um die Wahrheit.

Nicht Wettbewerb um Geld und Macht ist Urelement der Demokratie, sondern Wettbewerb um die Wahrheit, die das Zusammenleben erträglich, freudig und hochgemut stimmt. Sinn des Lebens ist weder lebloses Dahindämmern im Dienst eines zukünftigen Lebens, noch Übertrumpfen seiner Mitmenschen, um sie auszuschließen und zu verachten. Wer sich nicht um Erkenntnis solidarischer Elemente bemüht, wer sich nur seinem privaten Aufstieg widmet, bleibt ein Idiot.

Niemand ist oben. In vitalen Demokratien gibt es weder Oben noch Unten. Jeder Aufstieg nach oben ist Aufstieg ins Nichts, das Alles sein will. Wer aufsteigen will, hat nur eine Chance: aus der Tiefebene asozialer Monaden in die Hochebene des ...

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Neubeginn XLIII

Tagesmail - Freitag, den 11. August 2017

Hello, Freunde des Neubeginns XLIII,

„Wenn Trump gewinnt und er die Atomcodes in die Hände bekommt, ist es sehr wahrscheinlich, dass dies das Ende der Zivilisation bedeutet."

Schreibt Tony Schwartz, Ghostwriter Trumps. (SPIEGEL.de)

Für BILD hingegen kann kein gläubiger Amerikaner und gewählter Demokrat Urheber des Bösen und Vernichter der Zivilisation sein. Trump ist einer von uns. Seine Unberechenbarkeit kann nur ein wohlkalkuliertes Verwirrspiel sein. Wer bleibt als geheimnisloser Böser? Ein gottloser Sozialist und Diktator aus Nordkorea:

„Wer sich im Konflikt auf Trump einschießt und Kim verschont, verwechselt Ursache undd Wirkung. Atomwaffen wüsste ich lieber in den Händen des US-Präsidenten als in der Hand eines Schlächters, der seine eigenen Familienmitglieder töten lässt. Ist Kim irre? 100 Prozent! Ist es Trump? Vorsicht, vielleicht will er nur nicht berechenbar sein. US-Präsident Nixon erfand im Vietnamkrieg die „Mad-Man-Theory“ (Theorie vom Verrückten) als Mittel der Außenpolitik. Er ließ seine Berater streuen, wie unkontrollierbar er sei, wenn er nachts wütend mit den Atom-Codes hantiert. Reine Show zur Abschreckung! (BILD.de)

BILD-Seele F. J. Wagner hat Angst vor dem schrecklichen Clown. Nein, nicht vor Trump:

Sie Gewaltherrscher über Nordkorea haben ein Clownsgesicht. Wenn ich als Kind mit meinen Eltern im Zirkus war, habe ich immer geweint, wenn die Clowns Späße machten. Sie waren mir unheimlich. Sie sind der Clown mit dem weiß gepuderten Gesicht und den rot verschmierten Lippen.“ (BILD.de)

BILD verteidigt Trump, wie es Netanjahu verteidigt: Israel, die einzige Demokratie im Nahen Osten, kann nicht schuldig sein, weil sie nicht schuldig sein darf. Gegen Völkerrechtsverbrechen ist eine perfekte Demokratie immun. Auf Putins ...

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Neubeginn XLII

Tagesmail - Mittwoch, den 09. August 2017

Hello, Freunde des Neubeginns XLII,

„Wie herrlich leuchtet
Mir die Natur!
Wie glänzt die Sonne!
Wie lacht die Flur!“

Goethes „Mayfest“ soll das Naturschöne besingen, heutige Zeitgenossen würden es als Kitsch bezeichnen. Nicht nur das Schöne, auch das Hässliche muss sterben.

Ist die moderne Welt schön? Die vom Erstickungstod bedrohte Natur, die unendlichen Megapole, die gesichtslosen Betonwüsten, die hässlichen Industrieanlagen, der zerstörte Urwald, der Vernichtungskampf gegen Tiere, die Vergiftungen der Atmosphäre, die immerwährende Lichtpest, die plastikverstopften Meere, die endlos strahlenden Atomrückstände, die naturbefreiten Innenstädte, die atemberaubenden Hochhäuser, die den Einzelnen zu Nichts machen, die ruhelosen Bewegungen autistischer Massen, die nichts unterlassen, um sich zu verabschieden und als Maschinen neu geboren zu werden, der Lärm und der Gestank, die unfreie Arbeit, die Religion des Gefährlichen, die Tyrannei des Grenzenlosen, die fiebrige Erregung nach Auslöschung der Gattung?

In Zukunft soll alles besser und schöner werden oder: früher war alles besser und schöner?

Gibt es Maßstäbe, mit denen wir die Gegenwart messen können? Wir sollen sie gar nicht messen. Gegenwart ist nur eine lästige Notwendigkeit zum Zweck der Vergangenheitsvernichtung und Zukunftsgewinnung. Wie auch immer sie sein mag, Gegenwart ist ein bloßes Instrument, eine schnell zu überwindende Verlegenheitszeit, um zu verdrängen, was dahinten ist und zu erhoffen, was da vorne sein wird. Vielleicht sein wird.

Was geschehen ist, wissen wir – könnten wir wissen, wenn wir es wissen wollten. Was da vorne ist, müssen wir glauben. Der Vorrang der Zukunft ist der Vorrang ...

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Neubeginn XLI

Tagesmail - Montag, den 07. August 2017

Hello, Freunde des Neubeginns XLI,

„Im Deutschlandfunk sagte er, es sei "erbärmlich", was die Kunst- und Kulturwelt gegen politische und gesellschaftliche Bedrohungen unternehme. Man schaue nur zu und befasse sich mit sich selber. Das Europa, an das er glaube, existiere möglicherweise schon längst nicht mehr.“ (SPIEGEL.de)

Hörte man je von einem Insider ein derart vernichtendes Urteil über die Kunst- und Kulturwelt? Martin Roth, ein Ungewöhnlicher, weilt nicht mehr unter den Lebenden. Er soll an Krebs gestorben sein. Sein Krebs muss Verzweiflung gewesen sein. In einem Interview hatte er erklärt:

Demokratie heißt, dass es moralische und ethische Standards gibt, die für alle verbindlich sind.“

In Nachrufen werden seine Präsentationsfähigkeiten der Kunst gerühmt. Seine epochale Kritik an Kunst und Kultur war keine Zeile wert. Im Gegenteil: zur gleichen Zeit wütete das vereinigte Feuilletonisten-Corps gegen eine Documenta, die es gewagt hatte, die an amoralischer Ästhetik Berauschten an die Realität zu erinnern.

Die Tempel der Kunst sind zu Kathedralen der Erbauung durch das Ungute, Verwerfliche und Zerstörende geworden. Kunst muss alles zeigen – doch zu welchem Zweck? Zum Zweck des Zwecklosen, des Offenlassens für das Beliebige, für das Tändeln mit der eigenen genialischen Unentschiedenheit, ob Ästheten auf der Seite des langweiligen Lebens oder des aufregenden Todes stehen müssen?

Kunst ist von derselben Krankheit ergriffen wie die Zunft der Edelschreiber, die sich als beobachtende Künstler der Menschheitszerstörung betrachten und davon träumen, die Katastrophe der Katastrophen aus der Perspektive der ...

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Neubeginn XL

Tagesmail - Freitag, den 04. August 2017

Hello, Freunde des Neubeginns XL,

„doch, du hast gelacht“. Sara ist nicht die erste, die an allem schuld ist, weil sie die Potenz des mächtigsten Mannes – dessen Omnipotenz – bezweifelte. Eva war es. Sie war die Mutter allen Elends, die sich mit Zweifeln nicht begnügte, sondern sich dem Befehl des Übermannes frech widersetzte, wofür sie mit Gebären schreiender, erbsündiger Bälger gestäupt wurde.

Noch heute wird sie dafür bestraft, dass sie sich erkühnt, hoffnungslose Sündenkrüppel zu Menschen zu erziehen, als sei das eine ernst zu nehmende Arbeit, vergleichbar ehrbarer Arbeit der Männer, die im Schweiß ihres genialen Gehirns die Natur häuten, um eine neue zu schaffen. Vernunft ist in der Ökonomie des Heils nicht vorgesehen.

„Ich bin nicht gekommen mit vernünftigen Weisheitsreden.“ „Lasset euch nicht durch Vernunft bezirzen und gefangen nehmen.“

Jeder Erziehungsversuch der Mütter, ihren Nachwuchs zu vernünftigen Zeitgenossen zu erziehen, ist eine Missachtung der göttlichen Verurteilung seiner Geschöpfe zu erlösungsbedürftigen Missgeburten, die ohne Unterstützung des Himmels im Abgrund landen müssen.

Einen Gott verlachen, kann gefährlich werden. Also lacht Sara nur verstohlen:

„Darum lachte Sara bei sich selbst und dachte: nun ich welk bin, soll mich noch Fleischeslust ankommen?“

Für Übermänner ist es eine Zumutung, sich mit inferioren Weibern diskursmäßig einzulassen:

„Da sprach der HERR zu Abraham: Warum lacht Sara und spricht: Meinst du, dass es wahr sei, daß ich noch gebären werde, so ich doch alt bin? Sollte dem HERRN etwas unmöglich sein? Um diese Zeit will ich wieder zu dir kommen über ein Jahr, so soll Sara einen Sohn haben. Da leugnete Sara und sprach: Ich habe nicht ...

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Neubeginn XXXIX

Tagesmail - Mittwoch, den 02. August 2017

Hello, Freunde des Neubeginns XXXIX,

Problemlösung durch Problemverdrängung – das ist neudeutsche Gemütlichkeit, die sich alles unter den Nagel reißt, was nicht niet- und nagelfest ist.

„Probier's mal mit Gemütlichkeit, mit Ruhe und Gemütlichkeit
jagst du den Alltag und die Sorgen weg.
Und wenn du stets gemütlich bist und etwas appetitlich ist,

dann nimm es dir egal von welchem Fleck.“

Ulf Poschardt, dem leitenden Psychotrainer des Springer-Verlags, ist ein Stein vom Herzen gefallen. Seine Lektionen, sein Vorbild, seine Ermunterungen, sind WELT-weit angekommen. Die Deutschen hatten ein Einsehen, nahmen Abschied von ihrer geliebten Angst und folgen Poschardts Kurs der Problembewältigung durch „Lässigkeit, Humor und Stil.“

„Die neue Pew-Studie bestätigt: Weder Zuwanderung noch Arbeitslosigkeit treiben Deutschlands Bürger um. Die neue Nüchternheit zentriert das einst politisch extreme und unruhige Land in der Mitte. Die neue Angstnüchternheit der Deutschen zentriert das einst politisch extreme und unruhige Land in der Mitte. Das wiederum verdeutlicht, wie sehr eine erfolgreiche Wirtschaftspolitik der Garant für soziale und politische Stabilität sein kann. Evolutionsbiologen warnen, dass sowohl zu viel wie zu wenig Angst gefährlich sein kann. Die Deutschen sind auf dem Weg zu einer funktionalen Balance ihrer Angstverwaltung.“ (WELT.de)

Jetzt aber nicht ins Gegenteil verfallen und angstfrei in die Zukunft vagabundieren! Angst muss funktional verwaltet werden, dann werden wir auch die Autokrise mit Bravour überwinden. Erfolgreiche Wirtschaft löst alle Probleme, und die ...

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